Thalatta mit Lichtgeschwindigkeit

radweg

Bei meiner langen Radtour gestern haben ich mich ein paar Mal verfahren, weil ich nicht immer auf mein Handy glotzen wollte und mich eigentlich hier auskenne, nur eben nicht so gut südlich des hier schon erwähnten Haarstranges. Als Kind, als mein Opa mit mir Fahrradtouren machte, sind wir nie ins Ruhrtal geradelt, da wir es beide nicht wieder zurück den steilen Hang hinauf geschafft hätten. Die Gegend hier ist ideal für Fahrradtourismus, aber man braucht entweder ein leichtes Rennrad oder ein E-Bike, oder man ist trainiert wie ein Zehnkämpfer.

Ich startete im Bornekamptal und schlug mich hügelauf hügelab nach Altendorf durch (weniger als 300 Einwohner).

radweg

Zwischendurch gab es immer wieder Ausblicke, die die Seele baumeln lassen (eine total verunglückte Metapher). Ich mag diese klaren Farben und harten Linien.

ruhrtal

Ich wusste, dass da abwärts die Ruhr war, aber ich fand sie zuerst nicht. Nicht alle Straßen und Wege nach unten landen am Fluss, der der Region seinen Namen gab, sondern sie knicken oft völlig unmotiviert zur falschen Seite ab oder wollen den Wanderer Radler wieder hinaufschicken.

radweg

Ein exotischer Ort, den ich erst nach ein paar Anläufen fand: Der Bahnwald in Lappenhausen. Die ehemalige Burg dort stand da schon, als das Nibelungenlied gerade gedichtet wurde. Es wurde schlamm und schlammiger mitten im Gehölz, aber mein E-Bike wühlte sich durch.

ruhr

Dann endlich – Thalatta! Thalatta! Ich weiß nicht, welcher Dödel warum diesen Punkt „ManniPenny“ genannt hat und warum, aber es war auf jeden Fall ein Dödel.

wellenbad

Das so genannte „Wellenbad“ war auch ein Ausflugsziel meiner Kindheit, das aber nur per Auto erreichbar war. Heute ist die dortige Gaststätte Gutshof Wellenbad (seit 1860) durchkommerzialisiert – Zäune und noch mehr Zäune, man kommt gar nicht mehr an den Fluss. Und was mir die aus Schwerte mit der Lichtgeschwindigkeit sagen wollen, habe ich schlicht nicht begriffen. Da gehört die doch gar nicht hin.

ruhrtal kellerkopf

Ich hatte noch ein paar Striche auf dem Akku und radelte bis zum hier schon erwähnten Panoramablick am Keller Kopf. Das Foto ist vergrößert übrigens gefühlt einen Kilometer breit, aber ich weiß nicht, wie man Panoramen im WordPress so einbindet, dass man mausseitig schwenken kann.

emschertal

Bei Kaiserwetter sieht das Emschertal natürlich anders aus als bei Nieselregen. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich heruntergerissen habe, da ich den Akku zeitweilig ganz ausgeschaltet hatte, aber es werden wohl mehr als 30 gewesen sein. Da der Sattel nicht der meinige war, tat mir irgendwann der Allerwerteste ganz schön weh. Heute bewege ich mich kaum, morgen dafür um so mehr.

unna holzwickede hellweg

Geheimrezepte oder: Carpe Diem

massener heide

Gestern bin ich rund 50 Kilometer geebiket – nicht immer auf Asphalt – und fiel nach dem abendlichen Mahle (Foto unten) schlicht ins Bett, ohne – schändlich! – gebloggt zu haben. Lob und Preis dem Küchenchef meines Hotels, dem ich persönlich meine Komplimente wegen der Bratkartoffeln, die ich bisher zwei Mal genoss, mit jeweils unterschiedlichem Arrangement, überbrachte, hoffend, er werde mir sein Geheimrezept verraten, das es aber gar nicht gab. Vermutlich nur die Erfahrung, die man um so mehr zu schätzen weiß, als man mit fortgeschrittenem Alter merkt, wie wichtig sie sein kann – und wichtiger als bloßes Faktenwissen.

bahnhof unna

In diesem kleinstädtischen Ambiente kann man natürlich anthropologische Studien betreiben, die das Chillen an sich trefflich ergänzen. Das Andere beschreiben zu können, schärft den Blick für sich selbst – ein Geheimrezept des Reisens seit Alexander von Humboldt. Ein alleinstehender Mann im Restaurant ist hier nicht vorgesehen, nur zur Nahrungsaufnahme, weil Monteur oder sonstwie dienstlich unterwegs. Noch seltener alleinstehende Frauen. Man ist und isst immer in Gesellschaft. Vermutlich fände man bei Elias Canetti mehr dazu.

restaurant camillorestaurant camillo

Das kleinkarierte Männerhemd ist hier noch nicht ausgestorben. Ohnehin macht man sich nicht fein, wenn man ausgeht, sondern wechselt noch nicht mal die Funktionskleidung. Schaut man aber genauer hin, fallen die Kontoren der sozialen Grenzen durchaus auf: Alles muss „ordentlich“ sein, keine subkulturellen Accessoires, kein Aufdonnern à la reiche Russen, keine tyrannischen Kinder mit hijabistischen Eltern, keine muslimistischen Barttrachten. Aller sind hellhäutig, obwohl Quotenneger*Innen selbtredend toleriert würden. Die Hautfarbe spielt hier und jetzt keine Rolle, weil man sich Toleranz leisten kann. (Ich möchte aber nicht wissen, was die allein reisenden Herren anstellen würden, säße eine attraktive Afrodeutsche irgendwo solo herum. Der Firnis der Ziviliation ist – wie überall – sehr dünn.)

Man weiß, was man hat und wer man ist und ruht in sich. Der Pöbel, den es natürlich auch hier gibt, kann sich die Preise des Restaurants ohnehin nicht leisten. Der jugendliche Abschaum lungert am nächtlichen Bahnhof herum und lässt sich sogar durch Stimmen, die im Notaufnahme-Modus aus dem vierten Stock des Hotels – Ruhe anmahnend – erschallen, einschüchtern, was in Berlin undenkbar wäre.

altstadt unna

Ganz nebenbei: Nach der Revolution würde Don Alphonso im obigen Haus zwangseinquartiert, zusammen mit Anabel Schunke, und beide müssten eine Weile von dort aus zusammen bloggen, nur aus ethnologischem Interesse, was dabei herauskäme. Nach ein paar Monaten würden sie wieder entlassen und dürften publizistisch an der Konterrevolution basteln.

currywurst

Die Weltläufte verfolge ich am Rande. Gut, dass ich nichts mit dem Jugendamt Neukölln zu tun haben, oder, wenn doch, würde ich meinen Füller herauskramen und schönster Schreibschrift auf Pergament formulieren. Manchmal ergötze ich mich auch am kalten Medienkrieg und noch mehr an Vertretern der Journaille, die mit Schaum vor dem Mund reagieren, wenn man sich nur über die Heuchelei der Mainstrem-Medien bürgerlichen Presse lustig macht.

Siehe die taz, die Zensur natürlich nicht verwerflich findet: „War die Löschung der Kanäle deshalb falsch? Natürlich nicht.“ Der Autor ist auch noch Vorsitzender (m)einer Journalisten-Gewerkschaft. Man fremdschämt sich in Grund und Boden. Man kann von russischen Propaganda-Sendern halten, was man will, aber wer einmal den Wirtschaftsteil deutscher Medien studiert hat, weiß, was Kapitalismus-affine Propaganda ist.

Dann haben wir noch die schrecklichen alten „weißen“ Männer. „Was wir aktuell erleben, ist die Dehnung des Rassismusbegriffs ins Unendliche.Alles wird über die Rasse definiert: Religionen, Kulturen, sexuelle Vorlieben, Ernährungspräferenzen“, sagt Pascal Bruckner. Das müsste man von den Parteifunktionären der „Linken“ diskutieren lassen, aber die Linksidentitären hüllen sich dann auch noch in trotziges Schweigen, wenn sie schon auf dem Müllhaufen der Geschichte verrotten.

altstadt unna

A propos Kleinbürgertum: Hier ist es nett, aber wehe, wenn man sich das, was das Nette ausmacht, nicht mehr leisten kann – wenn man am Tropf staatlicher Unterstützung hängt oder mit einer Minimalrente auskommen muss. Ich weiß nicht, wie lange einen die gutsituierte ehemalige peer group mit dem Façon- oder wohlondulierten Haarschnitt dann noch mit durchziehen würde. Sogar die Currywurst würde dann unbezahlbar.

camillo-Pfanne

Lokale Viel- und Einfalt

katharinenkirche unna

Im Mai vor Corona hatte ich schon frohgemut verkündet, dass die Evangelische Stadtkirche (erbaut ab 1322) in Unna nicht eingestürzt war, obwohl das durchaus möglich gewesen wäre. Es kam aber mehr als eine Tonne (Gewicht!) vom Dach geflogen. Mittlerweile ist das Gerüst vom oberen Teil des Turms schon weg, auch die Fiale wurde ersetzt. Nur die Uhr geht und schlägt noch nicht. Frage an die hier mitlesenden Kupferstecher Dachdecker: Der Turm war früher grün und ist jetzt kackbraun. Ist das Kupfer, welchselbiges im Lauf der Zeit grün wird, oder ist die Farbe ein Tribut an den Zeitgeist?

senfladen unna

Meine erste Amtshandlung bei einem Kurzurlaub in meiner Heimat ist immer, wie schon erwähnt, ein Besuch des Senfladens und der Verzehr der ortsüblichen Wurstwaren. Die höheren Wesen beschenkten mich mit Kaiserwetter Sonne, was sich leider in den nächsten Tagen zum Schlechteren wenden soll. Das wird mich aber nicht abhalten, den vorgefassten Plan zu erfüllen.

katharinenkirche unnaaltstadt unnaextrablattaltstadt unna

Leider kann kann mich im oberen Foto nicht sehen, ich sitze beschirmt zu weit weg. Zu der oft gestellten Frage, ob eine Kleinstadt die Alternative zu Berlin-Neukölln sei: Das entscheidet man am besten so gegen 19.10 Uhr, vgl. Foto unten. Immerhin – der Vorsehung sei Dank – habe ich im Hotel schnelles Internet.

altstadt unna

Es könnte schlimmer kommen

neuköllnneukölln

Erster Tag meines Jahresurlaubs. Es schüttet wie aus Eimern. Neukölln ist très chic wie immer. Mein E-Bike hat einen Platten – ein neuer Schlauch muss erst bestellt werden. Vermutlich wird jetzt Söder Kanzler.

Herbstanfang

Richardplatz

Im Herbst bei kalten Wetter
fallen vom Baum die Blätter – Donnerwetter!
Im Frühjahr dann, sind sie wieder dran – sieh mal an.
(Heinz Erhardt)

Oh Charlotte!

Charlotte von Mahlsdorf, der bekannteste Ostberliner Iransvestit, spielte in »Coming Out« eine Bardame. Ich habe Charlotte Ende der neunziger Jahre in Schweden besucht, wohin sie geflohen war, weil ihr Mahlsdorf zu reaktionär wurde. Zumindest hat sie das damals allen erzählt. Sie saß mitten in der schwedischen Einöde in einem Riesenhaus in den endlosen Wäldern, verlassen von allen guten Geistern, sie trug eine Kittelschürze und hat mir aus ihrem Leben erzählt, das sie sich, wie ich wenig später herausfinden sollte, zu großen Teilen ausgedacht hatte. Eine Räuberpistole mit Schurken und Helden, Nazis und Neonazis. Sie hat ein Bundesverdienstkreuz für dieses ausgedachte Leben bekommen, weil niemand wagte, ihr zu widersprechen, einem Opfer von stalinistischem und rechtsradikalem, von deurschem Terror. Am Ende stellte sich heraus, dass sie, als Lothar Bergfelde, für die Stasi gearbeitet hatte.“ (Aus Alexander Osang: Fast hell)

Manchmal hat der Opferstatus Vorteile.

Guckst du!

burks

Meine Mutter (geb. 1925) und ich, vermutlich 1954, in Holzwickede

Verspieltes, pikantes, freundschaftliches und heilige Scheiße

Dune 2000: GruntMods Edition
Ihr seid schuld. Ich musste aber einen uralten Rechner nehmen. Das Gefühl war mir sofort wieder vertraut, obwohl ich das zuletzt irgendwann Ende der 90-er gespielt haben dürfte.


Dann haben wir die Hildmann-Chroniken, die angeblich „pikant“ sein sollen, weil der käufliche Damen, vielleicht sogar der strengen Sorte, in Anspruch genommen haben soll. Also nee – das will ich gar nicht wissen, und was unter der Oberfläche brodelt, ist höchstens schmierig und grenzt an Leichenfledderei. Übrigens, Tagesspiegel, es gibt keine veganen Köche, sondern nur vegane Nahrung. Just saying.

Dann haben wir noch in der Rubrik „heilige Scheiße“ einen exorzierenden katholischen Pfaffen (via Fefe), der nach Ansicht ihm vorgesetzter Pfaffen selbst exerziert werden soll, weil er sich verliebte – jetzt kommts: in „una escritora de novelas eróticas y satánicas“. Da bleibt mir der Mund offenstehen.

freundschaft
Fratzenbuch, was willst du mir damit sagen?

Panorama

panorama

Beginnen wir diesen vermutlich sonnigen Spätsommertag mit einem Bilderrätsel: Wo und wann habe ich das Foto gemacht und was zeigt es?

Ich helfe euch auch auf die Sprünge. Vietnam vertreibt die Roten Khmer aus Kambodscha. Ruhollah Chomeini kehrt in den Iran zurück. Saddam Hussein kommt an die Macht. Israel schließt Frieden mit Ägypten und zieht sich von der Sinai-Halbinsel zurück. Margaret Thatcher wird Premierminister in Großbritannien. Die sandinistische Revolution vertreibt den Diktator Nicaraguas. Sowjetische Truppen marschieren in Afghanistan ein. Kardinal Antonio Samorè verhindert im Auftrag des Papstes einen Krieg zwischen Chile und Argentinien. Die Volksrepublik China marschiert in Vietnam ein. Dänemark entlässt Grönland in die Selbsterwaltung. Großbitannien zieht aus Malta ab. Tansania gewinnt den Krieg gegen Uganda. Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat der CDU/CSU. Kiribati wird unabhängig. Die deutsche Großstadt Lahn wird aufgelöst. Die IRA ermordet Louis Mountbatten, den letzten Vizekönig Indiens. Iranische Studenten besetzen die Botschaft der USA in Teheran und nehmen Geiseln. In Mekka wird die Große Moschee von Bewaffneten besetzt. Die amerikanische Raumsonde Voyager 1 fliegt am Jupiter vorbei. Die deutschen Metallarbeiter streiken für die 35-Stunden-Woche. Der österreichische Bundespräsident eröffnet das Islamische Zentrum Wien mit der ersten Moschee in Österreich. Burkhard Schröder macht sein Staatsexamen für das höhere Lehramt.

Was für ein Jahr!

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

katze auf roller

Nein, das Tierchen durfte nicht mitfahren.

Humaniod*in

roboter

Tesla will einen humanoiden Roboter entwickeln, melden Heise, die Washington Post usw.. Da schreiben sich die Witze wie von selbst. Er (oder nicht viel besser: sie?) soll „wiederholende, langweilige und gefährliche Arbeiten ausführen können“.

Wer denkt da an Sex? Außerdem gibt es so etwas schon, in ganz groß oder ganz klein.

Ich hatte Tesla meine ganz persönlichen Wünsche mitgeteilt und habe prompt ein Foto bekommen – als Vorschau -, was für mich schon in Arbeit ist.

Fuß. Boden. Bretter.

fußbodenbretterfußbodenbretterfußbodenbretterfußbodenbretter

Frage an die hier mitlesenden Maler, Lackierer, Anstreicher, Künstler und die Schwarmintelligenz im Allgemeinen: Im Haus des Havelberger Freundes fand sich unter einer dicken Schicht Ochsenblut diese schöne Malerei auf den Fußbodendielen. Niemand weiß, was das ist. Ein hinzugezogener Experte meinte, es handele sich vermutlich um Anilinfarben. Die Dielen sind aus hochwertigem Holz, ohne Löcher und Risse; das Haus stammt aus der Gründerzeit.

Weiß jemand mehr?

Gesponsorte Heidelberen

heidelbeere

Das schockiert mich jetzt doch. Gestern schrieb ich hier etwas über Mirabellen, und heute blendet mir irgendein Algorithmus Werbung für Heidelbeeren auf mein unschuldiges Smartphone?! Welche künstliche Intelligenz Wer liest da mein Blog heimlich mit?

Männer, Mirabellen und ein Ypsilon

Havelberg
Blick auf Havelberg (wer hätte das gedacht!)

Drei alte Männer mit Kopfbedeckungen der saloppen Art wanderten herum und sahen dieses und jenes, und nicht zum ersten Mal. Wer aber nicht immer auf das Smartphone starrt wie die Nachgeborenen, erblickt nachhaltig Dinge, die der moderne Mensch oft achtlos am Wegesrand verrotten lässt.

Heinz und Helgemirabellen

In diesem Fall waren es Mirabellen, die ich zu meiner Schande spontan ohne Pflanzen- und Obst-App nicht hätte identifizieren können; unser Koch jedoch wies den Fahrer an, zu halten, zu entschleunigen und zu pausieren und sammelte auf.

Mirabellen sind mit 230 Milligramm pro hundert Gramm relativ reich an Kalium. Kalium ist wichtig für die Funktion von Herz und Nerven. Die Früchte enthalten außerdem die Mineralstoffe Magnesium und Phosphor sowie das Spurenelement Zink. Das in den Früchten enthaltene Vitamin C ist unter anderem am Aufbau des Bindegewebes beteiligt. Für ihren süßen Geschmack ist der in Mirabellen enthaltene Fruchtzucker verantwortlich.

Jetzt habe ich eine Idee. Aber wo kriege ich frische Mirabellen her?

HavelbergHavelberg Yachthafen
Havelberg Yachthafen (lange kein Wort mehr mit Y verwendet). Ich habe alle Fotos so gemacht, dass der grottenhässliche Drogeriemarkt, der die Stadt und jedwede Aussicht verschandelt und aller Augen beleidigt, nicht zu sehen ist.

Terminus vitae non amoris

jüdischer Friedhof havelberg

Finde den Fehler!

jüdischer Friedhof havelbergjüdischer Friedhof havelberg

Zugegeben, ich habe mich nur ca. 20 Minuten im Internet umgesehen, um im nachhinein mehr über den Jüdischen Friedhof in Havelberg Ortsteil Müggenbusch zu erfahren. Die Ausbeute war erbärmlich. Auf der Website der „Hansestadt Havelberg“ wirft die Suche gar nichts aus. Und andere Quellen schreiben mehr oder minder von Wikipedia ab. Interessant, dass früher wohl ein Davidstern auf der Hinweistafel war, jetzt sind dort drei Kreuze, was der Stadt peinlich sein sollte. Vielleicht möchten die Verantwortlichen auch gar nicht an den über Jahrhunderte grassierenden Antisemitismus in Havelberg erinnert werden.

Man findet auch nur sehr wenig über das Internierungslager Havelberg im 1. (!) Weltkrieg, an dessen jüdische Opfer der Gedenkstein erinnert.

Nachdem am 12. November 1914 das Kriegsgefangenenlager in ein Interniertenlager umgewandelt worden war, kamen internierte Zivilpersonen hierher: Männer im wehrpflichtigen Alter aus den Ländern der Kriegsgegner Deutschlands sowie aus deren Kolonien (Indien, Algerien, Marokko etc.). Mitunter waren ganze Familien, die zwischen die Fronten geraten waren, in Havelberg interniert.

Mir wurde die im Internet nicht vorhandenen Details von einem Freund, der von Kreuzberg nach Havelberg ausgewandert ist, mündlich erläutert. Wir waren ein handwerklich sehr begabter Künstler, ein gelernter Dachdecker (und passionierter Koch) und ich – daher bekam ich gratis noch einen Spontanvortag über das DDR-typische Material, was beim eisernen Tor und dem Davidsstern verwendet worden sei. Kritisch wurde auch angemerkt, dass die Flügel des Tors unprofessionell und schief angebracht wurden. Die Tafel am Eingang habe ich fotografiert, sie ist aber fast völlig unleserlich.

jüdischer Friedhof havelbergjüdischer Friedhof havelbergjüdischer Friedhof havelbergjüdischer Friedhof havelberg

Auf einem Grab (viertes Foto von unten) entdeckten wir ein stilisiertes Symbol der Freimaurer. Der Kupferstecher Louis Jacoby ist vermutlich der einzige Menschn der dort begraben wurde, über online etwas zu finden ist. „Der jüngste Grabstein des Friedhofs erinnert an William Jacoby, der 1943 im KZ Theresienstadt umkam.“ Leider weiß ich nicht, wie William mit Louis Jacoby verwandt war.

Es war auch nicht so einfach herauszufinden, was Terminus vitae non amoris. Ich kann das natürlich als alter Lateiner irgendwie übersetzen; den Satz findet man nicht selten auf Grabsteinen. (Ich denke bei „Terminus“ ohnehin zuerst an Pirx.) Aber in gutem Deutsch? „Das Leben endet (oder: ist endlich), aber nicht die Liebe“ wäre mein Vorschlag.

jüdischer Friedhof havelbergjüdischer Friedhof havelberg

Architekturdenkmal Ost

garagen ddr

Gesehen in Havelberg, Sachsen-Anhalt.

Glöwen. Punkt.

glöwen

Kann jemand erklären, warum die einen Punkt hinter den Ortsnamen gesetzt haben?

Havelberg, revisited

glöwen havelberg

Die gute Nachricht: Zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt gibt es keine Grenzkontrollen. Die Anreise nach Havelberg geschieht per Bahn von Berlin aus und dann per Bus; wir wurden aber abgeholt.

Das hier ist die Pampa-Ost-Nordwest: Auf der Insel mit der Altstadt wohnen nur noch 480 Leute und ein paar Tausend drumherum. Die Kleinbourgeoisie ist am Gesäß. Nur der Tourismus lohnt sich, aber dazu muss man auch die nötige Mentalität entwickeln, also Cafés nicht schon um 17.30 Uhr schließen, wenn Kaiserwetter ist.

glöwen havelberggalerie stadtinsel havelberg

Unter Männern, die sich seit den 80-er Jahren kennen, kann man stundenlang quatschen, im verwilderten naturbelassenen Garten, über alte und neue Zeiten. So geschah es. Das Haus ist mittlerweile schon wohnlicher. Es geht voran. Alles in Eigenregie, nur ab und zu muss ein professioneller Handwerker ran: ungarische Ofensetzer, afghanische Dachdecker und verrentete Ossis.

galerie stadtinsel havelberggalerie stadtinsel havelberggalerie stadtinsel havelberggalerie stadtinsel havelberggalerie stadtinsel havelberggalerie stadtinsel havelberg

Alles wird hier entschleunigt. Aber in der Altstadt düsen Rentnerehepaare mit und ohne E-Bikes umher, die sich, falls sie sich setzen, untereinander über den Hauskauf in Stuttgart unterhalten. Eine Attitude scheint durch, die mich, falls ich mit ihnen geredet hätte, als ich Kuchen aß, dazu veranlasst hätte, sie an einen bekannten und unterhaltsam schreibenden couponschneidenden Blogger weiterzureichen.

rathaus havelberg

Ab und zu rasen auch Gruppen von Motorradfahrern über das Kopfsteinpflaster, eine Klientel, die selten an Kunstgalerien, von denen es hier nur so wimmelt, anhält.

galerie stadtinsel havelberghavelberg

Der Holzbalken ist aus dem 17. Jahrhundert. Die Keller sind hier älter als die Häuser, die aus der Gründerzeit stammen. Daher findet man noch Holz, das vermutlich den 30-jährigen Krieg gesehen hat.

Für die „Linke“ fand ich einen Satz von Fontane über den „gemeinen Mann“ und dessen Sprache man sprechen müsse. Deal with it.

hafen havelbergselfie burks havelberg

Die Weltläufte, zwischen dem Tegeler Fließ versteckt

spandau südhafen
Südhafen Spandau

Sechseinhalb Stunden auf dem Wasser – so ungefähr lautete auch der Plan. Wie dem Publikum mittlerweile bekannt, muss ich triggerwarnen: Ich quetsche alles und jedes, was mir auf den Zehnägeln brennt in den Sinn kommt, zwischen die Fotos, von Trending Topics über Chiwetel Ejiofor, von der SPD bis zur Sechserbrücke, von nicht vorhandenen Nackedeis bis Kabul. Gendern fehlt heute ganz.

schleuse Spandau
Schleuse Spandau

Ich bekam auf dem Rückweg, um das Kaiila von hinten aufzuzäumen, eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich hatte die Bootsschleppe den hier schon erwähnten Trolley unter Ächzen und Stöhnen (mein Boot wiegt 33 Kilogramm plus zugeladetem Krempel) benutzt, als mich eine Stimme aus einem Mikrofon, welchselbiges dort auf einem Ständer angebracht ist, ansprach wie ein höheres Wesen aus einem Dornbusch: „Guten Tag, können Sie mich verstehen?“ Ich könnte und erwartete, ich werde aufgefordert, für meine atheistisches Gesinnung Buße zu tun und mindestens auf den Knien bis Canossa zu rutschen.

Es war aber nur der Schleusenwärter, der meinte beobachtet zu haben, dass ich mich sehr habe anstrengen müssen und mich darauf hinwies, Hilfe sei möglich, das gehöre zum Service des Hauses. Ich wies das entrüstet von mir, die körperliche Quälerei sein ein Feature meines Aufenthalts auf dem Wasser und mitnichten ein Bug, den es zu korrigieren sei nach dem tugendhaften Motto, jüngere Leute müssten aufstehen, wenn ein alter Mann in den Bus steige. Ich fühle mich plötzlich um Jahre gealtert. Das nächste Mal werde ich das Kanu auf meinen Schultern tragen ich mehr auf den aufrechten Gang achten beim Tauziehen des Bootes.

maienwerder
Maienwerder

In Nachhinein wollte ich auch wissen, wie weit es war – vermutlich doch mehr als zwanzig Kilometer hin und zurück. Die Durchschnittsgeschwindigkeit entspricht also der eines halben Fußgängers kommt jedenfalls hin.

tegeler see

Während der Hafen Tegel und der s124stkr-haqu schon von weitem zu sehen sind, widmen wir uns dem Hindukusch und den dort ansässigen Völkern. Die Lage dort ist unstrittig am Gesäß. Die US-Botschaft dort verschwand aus dem Cyberraum, aus Sicherheitsgründen oder weil es jetzt auch Cybertaliban gibt, die einen Job dort suchen könnten – bis zum 31. August. Vielleicht warten die Taliban auch bis zum 15. September, um die Hauptstadt zu besetzen. Auf jeden Fall kann ich mir abschminken, einmal in den Band-e-Amir-Seen zu paddeln. Beim Noshak machte meine Hüfte ohnehin nicht mehr mit. Außer die Chinesen besetzten Afghanistan, um Gwadar profitabler zu machen. Warten wir also auf Bilder von Helikoptern über der Great Massoud Road. Oder Erdogan lässt einmarschieren.

sechserbrücke
Sechserbrücke

Die Sechserbrücke und die duellierende Historie in der Nähe sind der Stammleserschaft schon bekannt.

brücke zur tegeler humboldtinsel
Unter der Brücke zur Humboldtinsel – nach der vollzogenen Erderwärmung und steigendem Wasserpegel würde ich nicht mehr durchpassen, außer man engagiert die Niederländer, die Tegel eindeichten.

Auf der Humboldtinsel, wo vor jedem Haus mindestens ein Boot schaukelt, wohnt bekanntlich das Proletariat, dem man verbieten will, in Zukunft Fleisch zu essen. Darauf ein donnerndes populistisches #RettetDieCurrywurst!

tegeler fließ
Am Tegeler Fließ

Leider kann man den Nordgraben des Tegeler Fließes nicht bepaddeln, weil im Hafen Wehre den Zugang versperren. Backstage aber sieht es aus wie in Tiefwerder, leider nur sehr kurz. Halten Enten eigentlich auch den geforderten Mindestabstand ein, ist das eine Parabel, von der Natur arrangiert, sind die Viecher so territorial, dass sie nicht kuscheln? Oder glucken nur Paare zusammen, durchmischt von Enten-Singles?

tegeler Fließ
Im Fließ

Das Fließ sieht bei Google Maps schiffbar paddelbar aus. In der Realität ist es aber an manchen Stellen zu dieser Zeit fast zugewachsen. Man bleibt beinahe stecken und ist permanent damit beschäftigt, die Paddel vom grünen Modder zu befreien.

sechserbrücke
Tegeler Hafenbrücke mit Blick auf den Tegeler See

Während wir in Seerosen und Algen herumstaken, ein kurzer Blick ins Feuilleton. Ich tat mir Vor ihren Augen an, da ich das argentinische Original auch gar nicht kannte. Ich stimme mit der Kritik überein. Seriöser und nicht schlechter Krimi, überzeugende Hauptdarsteller, aber ein diffuser Plot ohne Tiefgang, der zwischen verschiedenen Geschichten oszilliert und sich nicht entscheiden kann, was das alles soll. Man merkt, dass Hollywood eben keine politischen Filme machen kann.

tegeler see
Tegeler See

Mir gelang es, per Handy ein Panorama-Foto des Tegeler Sees zu machen, das man auf Fratzenbuch auch drehen kann. Hier geht das offenbar nicht, man muss bei hoher Auflösung traditionell hin- und herscrollen.

eiswerder
Entenhausen auf Valentinswerder

Ich fühlte mich auch noch nach mehr als fünf Stunden ziemlich fit und musste weder pausieren noch pinkeln. Entweder lag es an den ruhigen Wassern oder an meiner verbesserten Kondition.

entenhausen
Wie der Name schon sagt

Mir fiel übrigens noch einmal die dahinsiechende „Linke“ ein, auch, weil hiesigerseits oder auf sozialen Medien auf mich eingeprügelt wurde, ich würde auf die Linken einprügeln. Ja, weil mir die am nächsten stehen und weil ich die früher gewählt. Die rechtsversifften Parteien interessieren mich nicht. Sogar die SPD hat in Berlin eingesehen, dass man die Grünen nicht imitieren darf.

Also weg mit dem Gendersprechen dem Klima-Scheiß! Das kann eh keiner mehr hören. Lieber das K-Wort wieder hoffähig machen. Man muss es nur einmal aussprechen, um genug Radau in den Medien zu bewirken, dass alle über einen reden (die wirksame „Methode Trump“).

Tut die „Linke“ übrigens etwas für die Arbeiter der Rüstungsindustrie? Ich habe nie verstanden, warum Linke auf die merkwürdige Idee gekommen sind, man dürfe keine Waffen exportieren. Gäbe es dann weniger Krieg? Mitnichten – nur die blümchensexpraktizierenden Protestanten fühlten sich dann besser. Meine Idee: Rüstungsidee verstaatlichen vergesellschaften, Waffen nur noch an die Richtigen verkaufen oder an Israel. Damit kriegte man Stimmen, zumal die Linke ohnehin für Volksbewaffnung sein sollte, wie in der Schweiz. Die deutsche Familie R. bekäme natürlich keine (aber Martin Hikel meine Erststimme).

tiefwerder

Warum sollte man islamistische Straftäter nicht nach Afghanistan abschieben? Da sind sie doch unter Freunden und Gleichgesinnten?! Frage für einen Freund.

tiefwerder
Kleiner Jürgengraben, Tiefwerder

Auf meiner To-Do-Liste steht übrigens immer noch der Hauptgraben.

tiefwerder

Wokeness Buzzwords

wokeness

„… Wäre das Zimmer noch zu haben? Kurz mal was zu mir! Ich bin […] aus Halle und mach jetzt fürs nächste Jahr meine FSJ im politischen Bereich bei den Naturfreunden. Ich hab grad meine Abi gemacht und such auf jeden Fall erstmal n Zimmer für ein Jahr und ob ich dann in Berlin studiere schau ich mal. Generell bin ich in Halle auf so jeder linken Demo zu finden und bei den Naturfreunden werd ich auch ganz viel Planung übernehmen können. Ganz generell quatsche ich auch am allerliebsten über so politische und gesellschaftliche Themen. Ich kann ja mal so‘n bissl was dazu erzählen. Ich interessiere mich vor allem für den antikapitalistischen Kampf gegen unserer verkrustetes postdemokratisches System und freu mich immer auch an radikaleren Aktionen teilzunehmen. Das zweiten große Thema für mich is kritische Männlichkeit. Ganz oft hab ich in meiner früheren männlich geprägten Freundesgruppe immer mehr die Emotionen vermisst und eine offene und unbeschwerte Kommunikation zwischen den Menschen mit denen ich zusammen lebe ist mir sehr wichtig.
Vielleicht noch die wichtigsten Facts so zum Schluss. Ich bin ein queer und politisch ziemlich links radikal eingestellt. Ich lebe vegetarisch und würd jetzt gern zum veganen übergehen. Sonst fahr ich gern Fahrrad, singe so semiprofessionell und koch super gern.“

Ich kriege immer noch solche E-Mails, gesprenkelt mit linksidentitären woken Buzzwords. Es ist unfassbar. Es fehlen nur „ich bin weiß und cis und Gendersternchen (hatte ich auch schon).

Ich habe aber keine Ahnung, welche Sorte Spam das ist – welche Geschäftsidee? Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur irgendjemand derart verstrahlt sein könnte und so schreibt und das ernst meint – ich hatte außerdem definitiv eine Frau gesucht.

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