Klassenhabitus oder: Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!

Nur mal kurz zwischendurch. Florian Kessler auf Zeit online: „Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch? Weil die Absolventen der Schreibschulen von Leipzig und Hildesheim alle aus demselben saturierten Milieu kommen.“

Was für Journalisten gilt, gilt natürlich auch für Schriftsteller. Eribon (jaja, ich werde noch mehr über ihn schreiben, eine wahre Fundgrube) nennt das „Klassenhabitus“, den man nicht so einfach ablegen kann, weil dieser Habitus aus einer Vielzahl von kulturellen Techniken besteht, die man in seinem eigenen sozialen Milieu gelernt hat.

(sociology)The lifestyle, values, dispositions and expectations of particular social groups that are acquired through the activities and experiences of everyday life.

Eribon wird hierzulande aber schnell zu den Akten gelegt werden, weil marxistische Begriffe wie „Klasse“ und die Konsequenzen daraus durch die freiwillige ideologische Selbstkontrolle nicht erlaubt sind. (Eribon ist kein „Marxist“).

Beissreflexe der Kleingeister

Bundesrichter Thomas Fischer schreibt über Hatespeech, kleine Geister und die Schuster- & Leistentheorie, die „umschreibt den unbedingten Willen, die berechtigte Scham über die eigene Beschränktheit mit dem unberechtigten Stolz auf den eigenen Kleingeist aufzuwiegen. Die Schuster aller Zeitalter haben sich, wie wir wissen, zu unserm Glück an diese Theorie noch nie gehalten. Wenn schon nicht der Journalismus frei ist, sprach Cicero, berüchtigter Lateinlehrer und Chefredakteur, dann doch wenigstens der Schuster: Er baut Siebenmeilenstiefel und fliegende Pantoffel, wo der Journalist gebückt einherschleicht.“

Ich frage mich, wie es in den Gehirnen der Leute aussieht, die Fischer nicht lustig finden? Ich darf die Kolumne jedenfalls nicht mehr beim Abendessen lesen, weil ich beinahe den Grünkohl-Eintopf über das Tablet gespuckt hätte.

„Die selbsternannten bedeutenden Intellektuellen in Redaktionen, Parteien und Netzwerken bescheinigen sich gegenseitig so lange die überragende Bedeutung, bis die ganze große Veranstaltung nur noch aus Kaisern ohne Kleider besteht: Mit Attitüden, aber ohne Rückgrat; mit Frisuren, aber ohne Verstand;, mit Selbstberauschung, aber ohne einen Funken Mut. Mit lauter Worten, die die Fratzen der Wirklichkeit zum Horrorclown ihrer eigenen Präsentation machen.“

Hitler, Sex, CIA und Stasi

tenenbomDie Süddeutsche über Tuvia Tenenborn und dessen Buch „Allein unter Deutschen“: „Der New Yorker beschreibt Deutschland als einen düsteren Ort voller Nazis und Antisemiten. Nach dem Zerwürfnis mit Auftraggeber Rowohlt erscheint die Reportage im Herbst beim Verlagsrivalen. Ein einmaliger Vorgang.“

By the way, Süddeutsche: Für Antisemiten ist das Wort „Jude“ negativ besetzt. Deswegen sagen sie „jüdischer Mitbürger“ oder „jüdischer Theatermacher“. Tenenbom ist Jude und Theatermacher, was auch immer das heisst. Soweit alles klar? Puls und Atmung noch normal?

Ich habe mir die Originalausgabe gekauft: I Sleep in Hitler’s Room: An American Jew Visits Germany. Im Prolog heisst es:

In a few instances where this book had the word Jews in it, he demanded that it be changes to Israel. It’s not nice to show that there are Germans who hate Jews. but Isral is a different story; that’s political and the Isrealis, after all, are known to be bad people.

…this country that has not changed since Hitler’s days in power. (…) But Hitler, let us not forget, did not create the Holocaust, he simpley operated im a social environment that invited it. The people were ready. (…) The hate for the Jew then, and the hate of the Jew today, as described in this book, is the same exact hate.

Hat er doch Recht, oder?

Der Deutschlandfunk rezensierte das Buch abfällig: „Tuvia Tenenbom will die Deutschen nicht nur entlarven, sondern sich auch über sie lustig machen“.

Ja, damit kommen Deutsche nicht klar.

„…tendenziöse Gesprächsfetzen, Passagen voller Polemik und Beschimpfungen sowie auffallend viele Reizwörter wie Hitler, Sex, CIA und Stasi:“

Auch deswegen gekauft. SCNR

The Accountant

the accountant

Großen Kino. Empfehlenswert. Hervorragende Schauspieler. Intelligente Story. Gute Unterhaltung. Spannend bis zum Schluss mit überraschenden Volten des Plots. Sehr amerikanischer Film, wird beim deutschen Feuilleton durchfallen oder nicht verstanden werden.

„Save your receipts. Ben Affleck is The Accountant, and you don’t want to get on his bad side“, schreibt Daniel M. Kimmel (via Rotten Tomatoes).

Ein autistischer Buchhalter – das erinnert natürlich an Rain Man und macht allein die Sache nicht spannend. Der Plot überrascht aber immer wieder, weil es doch anders ist und kommt, als man denkt. Der Buchhalter hat noch mehr drauf als mit unendlichen Zahlen zu jonglieren. Am Schluss metzelt es wie bei Tarantino, und man ist dankbar, dass es nicht das eindeutig Gut und Böse gibt.

Rache (es ist komplizierter) als Motiv und die Feinde trocken per Kopfschuss zu erledigen ist in Deutschland natürlich nicht erwünscht. Der Held reist im Caravan und hat eine Kollektion Waffen jeden Kalibers dabei – man stelle sich dann den Blockwart eines deutschen Campingplatzes dazu vor. Politisch ist die Botschaft hierzulande nicht korrekt – allein deshalb bekommt er einen zusätzlichen Pluspunkt.

Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Und trotz der Lektüre von Ian Rankins „Schlafende Hunde“ am selben Tag fand ich den Film auch ausreichend intelligent. (Sex kommt nicht vor.)

Postscriptum: Ja, man kann auch orthographische Fehler auf Kino-Eintrittskarten machen, vor allem bei fremden Sprachen.

Klar und schwarz

Ian Rankin

Normalerweise gefallen mir keine Bücher, die alle gern lesen. Heute muss ich eine Ausnahme machen.

Der angelsächsische Sprachraum kennt bekanntlich nicht den typisch deutschen Unterschied zwischen „Literatur“ und „Unterhaltungsliteratur“. Kriminalromane werden genauso besprochen und ernst genommen wie der „Faust“ oder Joyce Carol Oates. Durch Zufall fiel mir neulich ein Buch von Ian Rankin in die Hände. Kriminalroman, dachte ich, das kann nur schief gehen bei meinen Ansprüchen. Es tut mir leid, liebe wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser, euch mit Slang behelligen zu müssen, aber nach den ersten 100 Seiten war mein Fazit: Wie geil ist das denn?

Bei Krimis für den gehobenen Anspruch denkt man an Philip Marlowe, den Meister aller sprachlichen Klassen und des treffenden Vergleichs (nur in der Übersetzung Hans Wollschlägers). Dann vielleicht an Martin Beck von Maj Sjöwall und Per Wahlöö – die Reihe habe ich auch komplett hier. Dann natürlich die Krimis von Janwillem van de Wetering.

Jetzt werde ich sämtliche Bücher Ian Rankins kaufen und lesen müssen. „The Times“ schrieb: „Ausnahmslos alle Romane aus der Rebus-Reihe sind einfach großartig“. So ist es. „Je mehr Titel mir von Ian Rankin in die Hände fallen, desto größer die Begeisterung. (…) Wer Rankin liest, sieht klarer und schwarz.“ (Tobias Gohlis, Die Zeit)

Die traurige Nachricht, ganz persönlich: Ich werde nie einen Krimi schreiben. So wie Rankin würde ich das nicht annähernd können. Also gar nicht erst versuchen.

Árstíðir – Heyr himna smiður

Árstíðir - Heyr himna smiður (Icelandic hymn) in train station

Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzerklärungen von Google.

Via Atlas Obscura. „Heyr himna smiður“ stammt aus dem Jahr 1208, komponiert von Kolbeinn Tumason. Kombiniert mit einem Wuppertaler Bahnhof nennt man das vermutlich ein Oxymoron.

Dazu könnte man sich noch Eivør Palsdottir anhören, allerdings wäre mir Altisländisch auch recht.

Entertain me!

movies

Neu in meiner Film-Bibliothek. Ich habe zur Zeit wenig Zeit, nächste Woche wird es besser mit der Bloggerei.

Rafter

Rafter

Nikolai Andronov (1929-1998): Rafters. 1960-1961. Oil on canvas. (Via Государственная Третьяковская галерея bzw. Tretyakov Gallery)

Das waren noch Zeiten, als Künstler die Arbeiterklasse malten. Die Körperhaltung der Flößerin zeigt auch, dass diese kein Gendersprech braucht, um gleichberechtigt zu sein. Flößerinnen sind eben keine Mittelschicht-Tussies. Ein wirklich schönes Gemälde, ich würde es glatt hier in meiner Wohnung aufhängen.

Epic

Höre gerade epische Musik von Antti Martikainen.

J. S. Bach – Prelude no. 2 in C Minor

J. S. Bach - Prelude no. 2 in C Minor guitar tapping cover

Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzerklärungen von Google.

Wenn das Hendrix noch hören könnte!

Karl May: Der Orientzyklus

WDR: Mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar durch die Wüste – Karl Mays Orient-Romane in einer aufwändigen Hörspielproduktion. – Die Folgen der Hörspiel-Serie stehen nach den Sendungen befristet zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Die Helfer einer Lügnerin

Udo Vetter: „Peinlich ist das Urteil vor allem für jene, die den Fall Lohfink zum Gradmesser für angebliche Lücken im deutschen Sexualstrafrecht hochgejazzt haben. Die Mitglieder des Teams Gina-Lisa, allen voran die amtierende Familienministerin, haben sich vor den Karren einer mutmaßlichen (das Urteil ist nicht rechtskräftig) Lügnerin spannen lassen.“

Ich empfehle dazu Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Niemand ist an der Wahrheit interessiert, und das so genannte „Team Gina-Lisa“ schon gar nicht.

Kant zur Sache

Konkret: „Am 14. August ist Hermann Kant gestorben. Mit Hermann L. Gremliza sprach er in konkret 7/06 über die real existierende DDR und den deutschen Literaturbetrieb.“

Man muß nicht mal ein Hundertstel des Gripses von Marx haben, um das, was der im ersten Kapitel des Kommunistischen Manifests beschreibt, als auch heute zutreffend zu erkennen. Die Leute brauchten keine theoretischen Köpfe zu sein, sie mußten nur ein bißchen verstanden haben. Aber der Ehrgeiz ließ sie nicht ruhen, sie mußten immer verlautbaren, sie wüßten, wie wir es zu machen hätten. (…) Es ist eine andere Art von Bewußtsein entstanden und geblieben, nicht nur das Bewußtsein der Niederlage, sondern auch das Bewußtsein von Chancen. Ich sage nicht der Siege. Viele Siege haben sich als Pyrrhussiege erwiesen. Aber das Bewußtsein vom Vermögen, etwas ändern zu können, wenn man es wirklich will. (…) Eine der Haupteigenschaften aller Menschen scheint zu sein – ich kann es ihnen gar nicht verdenken – , daß sie immer ein Leben suchen, in dem sie es bequem haben und sich nicht mühen müssen.

Lesenswert. Ich habe Kants Bücher gern gelesen, ein paar von denen stehen auch in meiner Bibliothek.

Ich bin ohne Illusion, was die Reichweite meiner Vorstellungen angeht, merke aber zu meinem Troste, wie oft sich Übereinstimmung findet.

Ja.

Zynische Witze mit frauenverachtender Kritik

Bundesrichter Thomas Fischer nimmt sich auf Zeit online seine Kritiker vor, zerbröselt sie in kleine Stücke und trampelt elegant darauf herum. Ein bisschen zu lang, aber lesenswert. Sag „ich als Mann“, ein beleidigungsfähiges Etwas.

Highlight: „Ganz wichtig: bestimmte Substantive unbedingt immer mit bestimmten Attributen kombinieren: also Witz immer mit „zynisch“, Kritik immer mit „frauenverachtend“, Vergewaltigung nie ohne „brutal“. Sonst kommt die Leserin am Ende noch auf eigene Gedanken.“

Ein Mann geht seinen Weg

fist

Ja, man darf auch mal einen Film aus dem Jahr 1978 empfehlen, sogar wenn Silvester Stallone der Hauptdarsteller ist. Fist [UK Import] ist für mich der beste Film über Gewerkschaften überhaupt – und sehr aktuell, weil alle Charaktermasken noch heute aktiv sind.

Streiks mit Gewalt – Streikbrecher und organisierte Schlägerbanden der Kapitalisten verprügeln? Da würde jeder Gewerkschaftsfunktionär von heute gleich in Ohnmacht fallen. Meine Großväter, die beide Bergleute waren, haben mir aber davon erzählt. Kaum zu glauben – aber so etwas hat es in Deutschland gegeben!

Ein Gewerkschaftsboss (Peter Boyle alias „Max Graham“ – eine Anspielung auf den historischen Daniel J. Tobin), der vor den „Linken“ (hier: „Bolschewisten“) warnt? Auch das ist aktuell. Man muss nur eine x-beliebigen SPD-Funktionär fragen, was der von Kommunisten hält.

Film-Lexikon schreibt: „Wer Sylvester Stallone nur aus seinen Action-Filmen der 1980er und 1990er Jahre kennt, wird von diesem Film überrascht sein – nicht, dass er hier durch eine schauspielerische Glanzleistung auffällt, drehbuchbedingt – das Buch schrieb Stallone übrigens zusammen mit Joe Eszterhas – muss er sich meistens wortkarg halten. Allerdings spielt er seinen Charakter mit der notwendigen Entschlossenheit und trotzdem in einigen Szenen weich und fast angreifbar.“

Die New York Times 1978: „Of all the stories of organized labor, the most fascinating—perhaps because it seems the most American—has been the rise to power and affluence of the corruption-riddled International Brotherhood of American Teamsters, whose one-time president, James Hoffa, disappeared in 1975 and is now presumed to have been the victim of a one-way ride ordered by his sometime gangland associates.“

F.I.S.T. gehört für mich zur Allgemeinbildung. Norma Rae muss ich mir noch ansehen.

Böse, verrückt und Silikonbrüste oder: Im Maschinenpark der Güllezerstäuber

Thomas Fischer läuft in seiner Kolumne „Böse, verrückt oder ein Würstchen?“ zur Hochform auf.

„Das Model Gina-Lisa Lohfink als eine „Frau mit dicken Silikonbrüsten“ zu bezeichnen heißt, wenn Sprache noch einen Sinn haben soll, Holz in den Wald tragen.“

Muhahahaha.

Das hier verdient einen Ehrenplatz (das Ministerium für Wahrheit ist einverstanden):
Also heißt ein Gesetz, das die Förderung von Arbeitslosen einschränkt, „Gesetz zur Beschleunigung der Integration in den Arbeitsmarkt“, ein Gesetz, das das Streikrecht beschränkt, „Gesetz zur Modernisierung der Arbeitnehmervertretung“, ein Gesetz, das den Bürgern jede denkbare Möglichkeit nimmt, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, „Gesetz zur Sicherstellung der Lebensfreude“.

Hush!

Ab 2.38, schon mal vormerken für die Party zu meinem 80-sten Geburtstag! Und das hier.

Scripted Reality oder: Pommesbude und Muskelbank

Pommesbude und MuskelbankNeulich las ich Britta Steinwachs‘ Zwischen Pommesbude und Muskelbank: Die mediale Inszenierung der „Unterschicht“..

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Buch ist in einem schrecklichem Wissenschafts-Jargon verfasst (vgl. Ausriss unten), dazu auch noch – völlig überflüssig! – in Gendersprech geschrieben (vgl. das Interview: Steinwachs kann nicht so geredet haben, weil Gender-Unterstriche in Gesprochenem nicht vorkommen), womit sich die Verfasserin als Teil eines ganz bestimmten sprachesoterischen Milieus outet.

Für Menschen, die das nicht gewohnt sind, ist das Buch unleserlich und nicht verständlich. „Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert“. (Jorge Luis Borges) Es kann mir niemand erzählen, dass es nicht auch anders ginge. Nur macht es dann Mühe; gut, das heißt verständlich zu schreiben, ist ein Handwerk, das man erlernen sollte.

Die gute Nachricht: Der Plot ist spannend und interessant; man lernt auch etwas, wenn man sich bis zum Schluss durchkämpft – Kaufempfehlung jedoch leider nur für Medienwissenschaftler und einschlägige Berufsgruppen und Leute, die sehr schnell lesen können. (Das hätte die Autorin anders haben können.) Der Inhalt umfasst nur rund 100 Seiten, der Rest sind Anmerkungen, Anhang usw..

Pommesbude und Muskelbank

Die Moral von der Geschicht‘: Die „neue Unterschicht“ (also das deklassierte Proletariat und/oder die industrielle Reserverarmee) wird in den Medien als Milieu inszeniert, das verwahrlost und passiv ist. Wer nicht arbeiten will, ist böse. („Im Original: „moralisierende Delegitimierung nicht-werwerbstätoger Lebensformen“.)

Wer arbeitslos ist, ist selbst schuld und kann das nur ändern, indem das Verhalten der Norm der Mittelschicht angepasst wird. In der Serie „Familien im Brennpunkt“ interveniert und korrigiert letzlich und oft der Staat (Jugendamt, Polizei usw.). Ungleiche Chancen auf Bildung seien kein „strukturelles“ Problem, sondern Resultat individuellen Fehlverhaltens.

Die Mitglieder der so genannten „Unterschicht“ werden moralisch diskreditiert – das wiederum ist typisch für Journalisten und Medienarbeiter, die zur übergroßen Mehrheit aus eben dieser Mittelschicht stammen, somit (vermutlich unbewusst) ihren „Klassenauftrag“ erfüllen: Nach oben buckeln und nach unten treten. (Letzteres sage ich, die Autorin suggeriert das nur, spricht es aber mit wenigen Ausnahmen – weder aus noch gebraucht sie marxistische Begriffe, was für das reaktionäre Gendersprech-Milieu, auch bekannt als neue wohlhabende und konservativ grün-wählende Mittelschichten, natürlich passt.)

Im Original: „Diese massenmediale Inszenierung der Unterschichtkultur als Barriere gesellschaftlicher Integration (…) birgt die Gefahr, dass allein schon die körperliche Disposition, die der Unterschicht im Sinne eines Klassengeschmacks zugeschrieben wird, stigmatisierend auf der gesamte Gruppe des unteren Klassenlagen als vermeintlicher Ausdruck ihrer leistungsverweigernden Haltung der Passivität zurückfällt.“

Birgt die Gefahr? Nein, it’s not a bug, it’s a feature! Das genau ist die Aufgabe der Medien. Das richtige Verhalten garantiere den sozialen Status oder gar den Aufstieg, deswegen steht „Erziehung“ ganz oben auf der Agenda der „mittleren Klassenlagen“, aus denen sich die Journalisten fast ausnahmslos rekrutieren. Das ist natürlich eine Illusion und eine große Lüge, und die herrschende Klasse würde sich darüber kaputtlachen, wenn sie das interessierte.

Spannend war für mich vor allem das dritte Kapitel: „Der Körper als zentraler Ort der Vergesellschaftung“ (daraus stammt der Ausriss). Das Individuum muss in der Krise, die traditionelle Mileus zerreißt und vernichtet, sich irgendwo einordnen, sich sozusagen „tribalisieren“. Der tätowierte und gepiercte Körper (inklusive metallener Nasenpopel) ist genau das: Er wird zum Zeichen des Sozialen.

Noch ein Zitat aus dem Buch: „Die Wahrnehmung von Körpern im öffentlichen Raum ist also Teil eines im- und expliziten Sozialisationsprozesses, womit der Körper einerseits in seiner Körperdimension zum Austragungsort sozialer Deutungskämpfe wird und sich qua seiner Leibdimension tief ins Innere des Subjekts als untrennbare Mischung aus originärer Individualität und sozial erlernten Empfindungsmustern einbrennt.“

Alles klar? Puls und Atmung noch normal? Im Hintergrund murmeln Calvin und die protestantische Arbeitsethik.

Ethnologen reiben sich jetzt grinsend die Hände und verweisen zum Beispiel auf Papua-Neuguinea, Mary Douglas, Levi-Strauss usw. und dass nichts neu sei, sondern – in anderen Kostümen – schon immer da war. Ich vermisste auch einen Verweis auf Klassismus (vgl. die Literaturliste bei Wikipedia), obwohl die Autorin an anderer Stelle dokumentiert hat, dass sie weiß, worum es geht.

Merke: Auch Gendersprech ist Klassismus. (Steile These, die ich aus ethnologischer Sicht beweisen könnte, aber es hört mir ja niemand zu.)

Der famose Kerl Spartacus

spartacus

Szene aus Spartacus: War of the Damned.

Neulich habe ich mal einfach so herumrecherchiert. Der Anlass waren die Spartacus-Serien, die ich allesamt besitze und auch angesehen habe. Softporn, jede Menge nackte Ärsche und Brüste, zahllose Hauereien in Slow Motion, gefühlt 1000 Hektoliter Kunstblut und Charaktere wie im Comic Strip – trotzdem unterhaltsam. Man darf nur kein gelernter Historiker sein, und schon gar kein linker Historiker: Man ärgert sich. Was für eine Verschwendung eines unglaublich spannenden Plots! Was wirklich geschehen ist und warum, kommt nicht vor.

Immerhin ist das historische Kostüm – Namen, Waffen, Architektur, Frisuren usw. – einigermaßen korrekt. Aber warum macht sich ein Filmemacher solche Mühe und endet dann mit einem Plot, der aus Psycho-Kitsch besteht? Die Elite der Gladiatoren hat entweder die große Liebe verloren oder sucht sie noch. Wie langweilig. Daily Soap als Sandalenfilm. Von Politik keine Spur – als wäre das Absicht.

Historisch korrekt ist vermutlich, dass schwule Paare selbstverständlich waren, auch bei den aufständischen Sklaven. Waffenstarrende Amazonen im Pseudo-Bikini im Gefolge des historischen Spartacus – wie in den Filmen – halte ich für unwahrscheinlich, lasse mich aber gern belehren.

Wussten die gelehrten Leserinnen und gebildeten Leser, dass das bekannte Marx’sche Zitat über Spartacus gar nicht so gemeint ist? Welt online: „‚Spartacus erscheint als der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat. Großer General … nobler Charakter, real representative des antiken Proletariats.‘ Das erkannte kein Geringerer als Karl Marx.“ Gar nicht wahr. Marx las natürlich seine Quellen im Original (im Gegensatz zu heutigen Journalisten), und hier war es der römische Historiker Appian, dessen Sicht auf Spartacus Marx referiert (in einem Brief an Engels vom 27. Februar 1861). Was Marx selbst darüber dachte, wissen wir nicht.

Was mich am meisten erstaunte während der Recherche, ist die Tatsache, dass es fast gar keine ernst zu nehmenden aktuellen wissenschaftlichen Publikationen über Spartacus gibt. Auch in meiner nicht kleinen Bibliothek über römische Geschichte ist nichts Relevantes zum Thema. Quod erat demonstrandum. Interessiert offenbar niemanden.

Der Untergang der DDR hat für uns einen großen Vorteil: Die historischen Bücher der DDR waren fast alle um Klassen besser als die aus dem Westen, und man kann heute sich preiswert eindecken. Während die bürgerliche Geschichtswissenschaft immer noch fast ausschließlich auf die Sicht der jeweiligen herrschenden Klassen rekurriert und diese sich zu eigen macht, interessieren mich eher die Klassenkämpfe, soziale Konflikte, Aufstände und die Ökonomie, die für alles den Rahmen bestimmt. Ich habe mich erst einmal einschlägig eingedeckt, werde aber auch die deutschen Übersetzungen der römischen Quellen studieren (auch die sind nicht einfach zu finden).

spartacusspartacus

Die Links gegen zu Amazon.

Ich werde mehr zu dem Thema schreiben (vgl. die neue Kategorie „Spartacus“). Und wäre das nicht ein wunderbares Thema für ein Buch?

Typeset in the Future

bladerunner

Dave Addey schreibt einen grandiosen Artikel über „Blade Runner“ and „Typeset in the Future“.
After studying Alien in intimate detail, it’s time to look at the typography and design of Ridley Scott’s other classic sci-fi movie, Blade Runner. Based on Philip K. Dick’s novel Do Androids Dream of Electric Sheep?, Blade Runner cements Scott’s reputation for beautiful, gritty, tech noir science fiction.

image_pdfimage_print

← Next entriesOlder entries