Unter Ethnic Scholars oder: Wie man antisemitische Propaganda in akademische Pubikationen einschleust
Ich habe mir einen Text des Blogs Elder of Zyon übersetze lasse, weil er beispielhaft zeigt, wie das vermutlich auch an deutschen Universitäten abläuft:
Letzten Sommer beschrieb die Princeton-Professorin Lorgia García Peña auf der Konferenz „Sozialismus 2025“, wie man antiisraelischen Aktivismus in alle Bereiche der Wissenschaft, einschließlich Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und Mathematik, einbringen könne. (Nebenbei bemerkte sie, ihr Ziel sei es, „die Universität in ihrer jetzigen Form abzuschaffen“, während sie weiterhin von „der kolonisierenden, rassistisch-kapitalistischen, weiß-suprematistischen Institution, die mein Gehalt zahlt, das ich dringend benötige“, bezahlt werde.)
Dies geschieht bereits. Ich sehe, wie Lügen über Israel in zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten eingeschmuggelt werden, die nichts mit Israel zu tun haben, wobei „Völkermord“ als bevorzugte Bezeichnung als Fakt dargestellt wird.
Ein besonders heuchlerisches Beispiel findet sich in einem Aufsatz über Ethik in „Qualitative Research in Psychology“.
Ethik, Macht und Verantwortung in der qualitativen Psychologie: Eine ethnografische Duo-Studie
Chiara Fiscone, Guido Veronese, Desmond Painter & Ashraf Kagee
Online veröffentlicht: 11. November 2025
Zusammenfassung
Dieser Beitrag ist das Ergebnis einer ethnografischen Duo-Studie zu den gelebten und umstrittenen Dimensionen von Ethik in der qualitativen psychologischen Forschung. Ausgehend von unseren unterschiedlichen Positionen als Forschende in verschiedenen disziplinären, institutionellen und geopolitischen Kontexten reflektieren wir die anhaltende Dissonanz zwischen institutionalisierter Verfahrensethik und den in der Praxis auftretenden ethischen Komplexitäten. Durch reflexive und kollaborative Analyse identifizieren wir vier miteinander verwobene Spannungsfelder, die unsere Untersuchung strukturieren: die Diskrepanz zwischen institutioneller Ethik und ethischer Verantwortung; die informierte Einwilligung als ethischer und politischer Konfliktpunkt; die Herausforderungen im Umgang mit den Spannungen und Paradoxien innerhalb ethischer Praxis; und die Verflechtung von Ethik mit politischen Strukturen und Machtdynamiken. Anstatt vorschreibende Lösungen anzubieten, verweilen wir in diesen Spannungen – wir leben in dem Unbehagen, den Widersprüchen und der Unsicherheit, die ethische Forschung als einen andauernden, situationsbedingten Kampf definieren.
Im Abstract findet sich kein Hinweis auf Gaza oder Israel, doch die Arbeit erwähnt den Begriff „Völkermord in Gaza“ aufgrund einer Stichwortsuche. Alle vier der Autoren haben in verschiedenen Bereichen (soziale Medien, Petitionen, andere Veröffentlichungen) zum Ausdruck gebracht, dass sie den „Völkermord“ in Gaza für eine unbestreitbare Tatsache halten.
Wie ich letzte Woche mit dem Münchhausen-Trilemma – einem einfachen logischen Test, der die strukturelle Unmöglichkeit eines „Völkermords in Gaza“ gemäß der Völkermordkonvention aufzeigt – bewiesen habe, ist all dies haltlos. Jede Veröffentlichung, Rede, jeder Artikel, jedes Kinderbuch, jede Konferenz oder jeder Podcast, der den Begriff „Völkermord in Gaza“ ohne weitere Erläuterung verwendet, ist eine Lüge.
In meiner Kultur gilt Lügen als unethisch. (Die Verwendung des Wortes „Positionalitäten“ anstelle von „Positionen“ ist nicht ganz so verwerflich.)
Noch unethischer ist es, Lügen in Bereiche einzuschleusen, in denen man sie nicht erwartet. Und genau hier entfalten die modernen antisemitischen Ritualmordlegenden ihre erschreckende Wirkung: Wenn man den Begriff „Gaza-Genozid“ in einem Kontext fernab der Politik liest oder hört, geht man psychologisch davon aus, dass es sich um eine bewiesene Tatsache handeln muss. Man erwartet, dass das Gelesene redigiert, geprüft und weitgehend wahr ist; man mag zwar wachsam sein und die Hauptargumente kritisch hinterfragen, aber die zugrundeliegenden Fakten gelten als wohlwollend dargestellt. Und das ist nicht mehr der Fall.
Dies ist nur ein Beispiel. Eine aktuelle bibliometrische Analyse von Artikeln zum Gaza-Krieg ergab eine große Anzahl in Top-Fachzeitschriften wie The Lancet und BMJ, die ihn ohne Vorbehalte als „Genozid“ bezeichnen – pro-palästinensische Beiträge dominieren dabei im Verhältnis 2:1 gegenüber pro-israelischen, oft in fachfremden Bereichen wie der öffentlichen Gesundheit. Auch dieser Artikel selbst gehörte dazu und berief sich wiederholt auf den „Gaza-Genozid“ als Fakt.
Allein im letzten Monat erschienen in Publikationen von Taylor & Francis rund 47 Artikel, die von „Völkermord“ in Gaza sprachen. Gegen diese Lüge anzukämpfen, grenzt an beruflichen Selbstmord, vergleichbar mit der Holocaustleugnung.
Und das Erschreckende daran: Das stammt direkt aus dem antisemitischen Propaganda-Handbuch der Nazis der 1930er-Jahre. Institutionen mit falschen „Fakten“ unterwandern, die große Lüge durch ständige Wiederholung in „seriösen“ Medien normalisieren und zusehen, wie die Gesellschaft zerbricht, bis das Undenkbare unausweichlich wird. Die Hetzer erfinden nichts Neues: Sie setzen das Drehbuch um und streben dieselben Ergebnisse wie in den 1940er-Jahren an.
Wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen es anprangern. Immer wieder. Wir müssen sie in die Defensive drängen. Wir müssen sie zwingen, jedes Wort zu beweisen. Wir müssen ihre Herausgeber zu verantwortungsvollem Handeln zwingen. Wir müssen die Zeitschriften, die diese Verleumdungen veröffentlichen, anprangern. Wir müssen Briefe an jede einzelne Zeitschrift schreiben und aufzeigen, dass ihre redaktionellen Prozesse versagt haben und dass diese Versäumnisse realen Schaden anrichten.
Entlarve die Lügen jedes Mal!
Klein Gaza
Martin Glasenapp auf X: Das IDF-Armeeradio meldete es schon am 30.11., heute bestätigte es Generalstabschef Zamir beim Truppenbesuch: Die „gelbe Linie“ ist keine temporäre IDF-Rückzugslinie, sondern die neue Grenze Israels. Betroffen wären 58 % von Gaza, inkl. Rafah und den wichtigsten Agrarflächen.“
Das ist eine sehr elegante Lösung. Es werden die zufrieden sein, die „make Gaza jewish again“ fordern und die, die das nicht wollen, auch.
Blick auf Gaza-Stadt, aufgenommen hier in Sderot [150m über dem Meeresspiegel, 26.10.2025, 10:23 Uhr].
Trail und mehr

Israel National Trail steht noch auf meiner To-Do-Liste. Ist aber anstrengend. Der Israel Bike Trail ist rund 1100 Kilometer lang. „Der Weg ist dann nur für Radfahrer und Wanderer erlaubt. Motorräder oder andere Kraftfahrzeuge sind verboten. Man hat also definitiv seine Ruhe.“ Wo kriege ich aber in Israel ein vernünftiges Mountain-E-Bike her? Foto: Burks / Mizpe Ramon
Merz macht sich in Israel lächerlich, indem er wieder für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ wirbt, die dort niemand will.
Die Elohim, Jahveh und David oder: Die Habiru III
Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 3. und letzter Teil).

Mescha-Stele aka „Moabiterstein“, ca. 850 v. Chr., Louvre: „… das älteste erhaltene Denkmal in einer dem Hebräischen nahe verwandten Sprache und Schrift. In der Inschrift rühmt sich der moabitische König Mescha – neben der Ausführung verschiedener, von seinem Reichsgott Kemosch in Auftrag gegebener Bauvorhaben – der Befreiung seines Volkes aus der Abhängigkeit und Tributpflicht vom Nordreich Israel unter König Ahab aus der Dynastie Omri.“
Die Juden
Es bleibt die Frage nach dem Verhältnis der Juden, nämlich: Welche Bedeutung hatten die Habiru für die Juden?
Das Wort „Jew“ ist eine verkürzte und abwertende Form des Wortes „Judah“, der gängigen englischen Übersetzung des hebräischen Begriffs „Yehudah“. Judah war der Name des hebräischen Königreichs mit Zentrum in Jerusalem, das um etwa 1000 v. Chr. von David gegründet wurde. Das Königreich wurde Judah genannt, weil David aus dem Stamm Judah stammte, der einer der Söhne Israels gewesen sein soll. Die Perser bezeichneten das Königreich als „Yahud“, die Griechen nannten es „Ioudaia„, und die Römer bezeichneten es bis 135 n. Chr. als „Judea“. In diesem Jahr änderten sie den Namen des gesamten Gebietes offiziell in „Palästina“ (zu Ehren der Philister), am Ende des sogenannten „Zweiten Jüdischen Krieges“, während dessen sie nach Angaben des römischen Historikers Cassius Dio etwa 580 000 Juden töteten.

Die früheste bekannte Verwendung des Singulars „Ioudaios“ in der Moschus-Ioudaios-Inschrift, etwa 250 v. Chr., aus Oropos in Griechenland. Die Inschrift beschreibt einen Ioudaios griechischer Religion; weshalb, so erklärt Shaye J. D. Cohen, das Wort in diesem Zusammenhang als „Judeäer“ bzw. „Judeaner“ übersetzt werden müsse.
Fast alles, was über die Hebräer bekannt ist – abgesehen von den Texten, die die Habiru erwähnen -, ist bekannt, weil die Juden in der Tanach darüber schrieben. Nach dem Bericht in der Tanach teilte sich nach dem Tod von Davids Sohn Salomo das Königreich Judah in zwei Teile: ein Königreich Israel im Norden und ein wesentlich kleineres Königreich Judah im Süden. Die Könige Israels ließen sich jedoch von heidnischen Glaubensvorstellungen und Praktiken beeinflussen, weshalb das Königreich Israel von den Assyrern erobert wurde und die zehn hebräischen Stämme, die dort lebten, ins Exil geführt wurden und nicht zurückkehrten. Schließlich wurde auch das Königreich Judah durch die Babylonier erobert, und die Juden wurden ins Exil geschickt; da sie jedoch zumindest versucht hatten, dem heidnischen Einfluss zu widerstehen, wurde ihnen – so die religiöse Darstellung – durch Gott, handelnd durch Kyros, den Eroberer Babylons, gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen.
Viele Bibelwissenschaftler vertreten eine etwas ausgefeiltere Version dieser Darstellung, der zufolge die Spaltung zwischen Juda und Israel auf das Vorhandensein zweier unterschiedlicher religiöser Tendenzen unter den frühen Hebräern zurückzuführen sei: den „Elohim-Kult“ und den „Jahwe-Kult“.
Der Elohim-Kult, so argumentieren sie, sei aus der einheimischen kanaanäischen Verehrung des „El“, des höchsten Gottes der kanaanäischen Heiden, hervorgegangen, während der Jahwe-Kult durch die „Mose-Gruppe“, die aus Ägypten und vom Sinai kam, nach Kanaan eingeführt worden sei. Die Judäer, so scheint es, fühlten sich eher zur Verehrung JHWHs hingezogen, während die Anhänger des Königreichs Israel vorzugsweise Elohim verehrten. Obwohl dies selten ausdrücklich formuliert wird, liegt der klare gedankliche Gehalt dieser Darstellung darin, dass der Jahwe-Kult in gewisser Weise monotheistischer gewesen sei als der Elohim-Kult.
Vielleicht lag dies daran, dass er angeblich aus der Wüste stammte; einige Bibelwissenschaftler vermuten sogar, dass das Wort „Jahwe“ von einem älteren, bei nomadischen Gruppen in oder um den südlichen Sinai gebräuchlichen Gottesnamen abgeleitet sein könnte.
Wie dem auch sei: In jedem Fall ist es zu einem Glaubensartikel unter manchen Bibelwissenschaftlern geworden, dass einige Hebräer Elohim und andere ein Gottwesen namens „Jahwe“ verehrten. Der Begriff erscheint bereits im Titel einiger der renommiertesten Veröffentlichungen, wie etwa Albrights Yahweh and the Gods of Canaan oder Gottwalds The Tribes of Yahweh. Mit Ausnahme einiger weniger israelischer Autoren wird er von nahezu allen Bibelwissenschaftlern verwendet, die sich mit der Geschichte Israels befassen, und er hat Eingang in eine breitere Öffentlichkeit gefunden, sodass viele gebildete Laien – die nichts von der einstigen Existenz der Habiru wissen – annehmen, „Jahwe“ sei der eigentliche Gottesname der Juden. Einige mögen dies für bedeutungsvoll oder weniger bedeutungsvoll halten, doch jedenfalls hegen aufgrund der Bibelwissenschaftler die meisten keinerlei Zweifel daran, dass „Jahwe“ der Name sei, den die Juden Gott beilegen.
Dies ist jedoch unzutreffend. Das Wort „Jahwe“ ist eine deutsche Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert der hebräischen Buchstaben yod, heh, vav, heh, die im Englischen des Tanach gewöhnlich als YHWH wiedergegeben werden und die, wie auch „Elohim“, als Bezeichnung des Gottes Israels im Tanach verwendet werden. Ausgerechnet die deutschen protestantischen Theologen, die diese Rekonstruktion vornahmen, schrieben im Englischen nicht einmal konsequent und ersetzten das „w“ in „Jahwe“ durch ein „v“. Der hebräische Buchstabe vav wird im Englischen normalerweise mit „v“ wiedergegeben, im Deutschen jedoch mit „w“. Daher „Jahwe“ statt „Yahveh“.
Nach Ansicht der deutschen Protestanten war „Yahveh“ die richtige Aussprache der Buchstaben YHWH, die zuvor im Englischen als „Jehovah“ ausgesprochen worden waren. Wie genau sie dies wussten, sagten sie nicht, denn YHWH ist kein Wort und wurde von Juden niemals so ausgesprochen – weder vor der Entdeckung „Jahwes“ durch die deutschen Gelehrten noch danach.

2. Mose (Exodus) 3,14 – der Name des Gottes wird im 5. Absatz definiert
Hätten die Bibelwissenschaftler – früher wie heute – auch nur einen Funken Respekt gegenüber den Juden geübt, im Gegensatz zu ihrer Haltung gegenüber Hebräern oder „Israeliten“, hätten sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass frommen Juden die Aussprache der Buchstaben YHWH verboten ist. Immer wenn diese Buchstaben im Tanach oder sonstwo erscheinen, sollen religiöse Juden stattdessen das Wort Adonai („Herr“) aussprechen. [In Israel sagt man heute meistens HaSchem (hebräisch הַשֵּׁם ‚der Name‘), B.S.]
Den Bibelwissenschaftlern ist dies zwar bekannt, doch sie schenken ihm keine größere Bedeutung, sondern nehmen offenbar an, Juden verstünden ihre eigene Religion ebenso wenig wie protestantische Bibeltheologen.
Rainer Albertz behandelt diese Frage auf exemplarische Weise auf Seite 49 von Band 1 seines Werkes A History of Israelite Religion in the Old Testament Period (1994). Ihm zufolge ist die Aussprache des göttlichen Namens im hellenistischen Zeitalter „nicht völlig gesichert“, da die Juden davor „zögerlich“ gewesen seien, ihn auszusprechen. Dennoch sei „Yahweh die wahrscheinlichste Aussprache“. Albertz führt jedoch keinen Beleg dafür an, dass die Juden YHWH je als Wort im „hellenistischen Zeitalter“ ausgesprochen hätten; noch erwägt er die Möglichkeit, dass es sich vielleicht niemals um ein Wort handeln sollte.
Tatsächlich gibt es umfangreiche Belege dafür, dass YHWH nicht als Wort verstanden wurde, sondern vielmehr als Platzhalter für den hebräischen Satz ehyeh asher ehyeh, „Ich werde sein, der ich sein werde“.
Dieser Satz erscheint in Kapitel 3 des Buches Exodus; die relevante Stelle lautet wie folgt:
Moses sagte zu Gott: „Wenn ich zu den Israeliten komme und sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mich fragen: Wie ist sein Name? – was soll ich ihnen antworten?“
Und Gott sprach zu Moses: „Ehyeh Asher Ehyeh.“ Und er fuhr fort: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Ehyeh hat mich zu euch gesandt.“
Und Gott sprach weiter zu Mose: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Herr, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Dies soll auf ewig mein Name sein; dies ist mein Gedenkname von Geschlecht zu Geschlecht.“
Weitaus häufiger jedoch wird der Satz ehyeh asher ehyeh in englischsprachigen Fassungen der Tora mit „I am that I am“ („Ich bin, der ich bin“) wiedergegeben; tatsächlich bedeutet er aber: „Ich werde sein, der ich sein werde“. In jedem Fall ist entscheidend, dass Gott Mose mitteilt, sein Name sei ehyeh asher ehyeh oder kurz ehyeh – und nicht „Jahweh“. Hat man dies einmal erkannt, wird der Grund für das Verbot, den Gottesnamen auszusprechen, offensichtlich: Man kann den Satz ehyeh asher ehyeh oder das Wort ehyeh nicht aussprechen, ohne eine bestimmte Vorstellung von der Identität Gottes zu übernehmen.
Warum aber übernahmen die Juden die Buchstaben YHWH als Stellvertreter für den unaussprechlichen Gottesnamen? Die wahrscheinlichste Erklärung lautet, dass sie dies taten, weil es die vier Buchstaben sind, aus denen fast alle Formen des hebräischen Verbs „sein“ gebildet werden. In der modernen hebräischen Grammatik ist die Wurzel des Verbs „sein“ üblicherweise hay, yod, hay oder HYH; es gibt jedoch auch eine verwandte Form hay, vav, hay oder HVH. Diese grammatikalischen Formen lassen sich allerdings erst seit Beginn der systematischen hebräischen Grammatik durch jüdische Gelehrte im Spanien des Mittelalters nachweisen. Es wäre nur natürlich gewesen, dass die Juden, die den Tanach verfassten, die beiden Wurzeln zu einer Form wie YHWH zusammenzogen.
Im Allgemeinen sind Wurzeln im Hebräischen nicht zur Aussprechung bestimmt; sie bezeichnen lediglich die Buchstabenfolge, aus der verschiedene Wortformen gebildet werden.
Den Bibelwissenschaftlern ist all dies bekannt, und dennoch beharren sie auf der obsessiven Verwendung des Begriffs „Yahweh“ (ebenso wie „Yahwism“ und „Yahwistic“). So schreibt etwa George H. van Kooten in seinem Vorwort zu seiner Anthologie The Revelation of the Name YHWH to Moses (2006) über den Namen:
„Der Name ‘Yahweh’, verbunden mit dem Ausdruck ehyeh asher ehyeh ist von zentraler Bedeutung im Judentum, und ‘Yahwism’ wurde gleichbedeutend mit jüdischem Monotheismus.“
Doch wie kann der Name „Yahweh“ eine „zentrale Bedeutung im Judentum“ besitzen, wenn kein Beleg existiert, dass Juden diesen Namen jemals über einen Zeitraum von 3000 Jahren verwendet haben?
In derselben Anthologie zeigt van Kooten selbst in seinem Aufsatz Moses/Musaeus/Mochos and his God Yahuo, Iao, and Sabaoth, Seen From a Graeco-Roman Perspective, dass die Griechen, die den Gott der Juden nicht höher schätzten als die Bibelwissenschaftler, den jüdischen Gottesnamen nicht „Yahweh“, sondern „Iao“ aussprachen.
Van Kooten schreibt auf S. 310, die Unkenntnis der Griechen bezüglich des Namens „Yahweh“ sei der „abnehmenden Bereitschaft der Juden zuzuschreiben, seinen Namen auszusprechen und den Namen ‘Yahweh’ zu verwenden“. Doch wie Albertz konnte auch er keinen Hinweis darauf beibringen, dass Juden den Namen jemals benutzten. Gerade dies ist der Grund, weshalb weder Albertz noch van Kooten die Möglichkeit überhaupt erwägen, dass die jüdische Scheu, den Namen auszusprechen, nicht erst „in der hellenistischen Epoche“ begann.

Vergoldete Statue des kanaanitischen Gottes El aus Ugarit, Spätbronzezeit 1400-1300 vor Chr., National Museum of Damascus
Als weiteres Problem kommt hinzu, dass die Bibelwissenschaft die Bedeutung des anderen jüdischen Gottesnamens verschleiert hat, nämlich „Elohim“. Der Gott El war tatsächlich der höchste Gott des kanaanäischen Pantheons, und das Wort El wurde ganz ähnlich verwendet wie das englische Wort „god“ – es bezeichnete nicht nur den höchsten Gott, sondern auch jeden anderen Gott. Das Wort „Gott“ heißt im Hebräischen el, und die reguläre Pluralform von el. ist elim, also „Götter“. Es gibt jedoch eine archaische Pluralform elohim.
Das Wort „Elohim“ bedeutet nicht wörtlich „Gott“, sondern eher „die Götter“.
Wie sonst sollte man die Sätze verstehen: „Der HERR, unser Gott, ist einer“ oder „Der HERR, unsere Götter, ist einer“?
Bemerkenswerterweise tritt die Form des hebräischen Verbs „sein“ im Hebräischen nie auf, da es nicht als Verb benutzt wird. Ein Sprecher kann „Ich bin jenes“ sagen, aber nicht „Ich bin“ im absoluten Sinne. Im Hebräischen gibt es zwar eine Form des Präsens des Verbs „sein“, nämlich howay, doch wird sie niemals als Verb verwendet, sondern ausschließlich als Substantiv im Sinne von „das Seiende“, „das Existierende“.
Wenn also im Schema – der Glaubensformel der jüdischen Einheit Gottes – steht: „Der HERR, unsere Götter, ist einer“, dann erscheint es schwer vorstellbar, dass kein Zusammenhang besteht zwischen dieser Tatsache und einer grammatischen Besonderheit, die es überflüssig macht zu entscheiden, ob „unsere Götter“ im Singular oder im Plural „ist“ oder „existiert“.
Fazit: Die jüdische Religion gründet sich auf die Verehrung eines Gottes, der „Götter“ genannt wird, dessen wirklicher Name aber „Ich werde sein“ lautet.
Wo die Bibelwissenschaftler (vielleicht aus dem Bedürfnis heraus, den Gott der Juden zu vermenschlichen) den Namen der Juden – oder besser: den Namen Gottes – zu einem Vatergott stilisierten, hätten sie bemerkt, dass sie es hier mit einer komplexen, dialektischen Denkweise zu tun haben – nicht unähnlich der komplexen, dialektischen Denkweise späterer Generationen jüdischer revolutionärer Denker und Führer. Das Gemeinsame der Aussagen „Götter“ und „Ich werde sein“ besteht in den Namen Gottes, nämlich darin, dass es mehr oder weniger unmöglich ist, sie zu personifizieren. Es ist schwer, sich eine plurale Entität als singuläre Person vorzustellen oder sich ein Bild eines unbekannten zukünftigen Wesens zu machen.
Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität.
Zugleich aber ist die Tendenz zur Personifizierung von Namen im Tanach an die Figur eines Herrschergottes gebunden, der ständig beobachtet, warnt, straft und belohnt, so wie es eine menschliche Person tun würde. Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität – beide Tendenzen finden reichlich Ausdruck in den Texten des Tanach. Es scheint mir ebenso offenkundig, dass beide Tendenzen aus der Kultur und Denkweise der Habiru hervorgegangen sind.
Die Habiru, die später als Hebräer bekannt wurden, erscheinen in der Tora und in den frühen Büchern des Tanach nicht so, wie sie waren, sondern so, wie sie sein wollten. Tatsächlich handelte es sich um eine kriegerische Elite, die um 1200 v. Chr. die Kontrolle über den größten Teil des Landes Israel gewann. Es gibt im Tanach keinerlei Hinweis darauf, dass sich die frühen Hebräer in nennenswertem Maße von den Kanaanäern unterschieden – weder sprachlich noch physisch. Sie unterschieden sich vielmehr dadurch, dass sie eine soziale Randgruppe der kanaanäischen Gesellschaft bildeten, und sie übernahmen die Praxis der Beschneidung als Mittel der Formalisierung dieser Differenz sowie als Ausdruck ihres Selbstverständnisses als furchtlose Eroberer und nicht als hilflose Opfer.
Doch als Eroberer benötigten sie einen Herrschergott, der ihnen mit einem Rechtstitel das Land Kanaan zusprach und die Lebensweise legitimierte, der sie zu folgen wünschten. Ihr Herrschergott unterschied sich jedoch von anderen Herrschergöttern insofern, als er nicht ursprünglich mit dem Konzept des Königtums verbunden war. Erst zur Zeit Sauls und Davids – etwa 200 Jahre nach Beginn der hebräischen Landnahme Kanaans – zeigt der Gott des Tanach die geringsten Anzeichen eines Interesses an der politischen Form hebräischer Herrschaft. Dies legt nahe, dass die Habiru keinen monarchisch geprägten Gott wollten, und dass sie aus diesem Grund das Verbot der Verehrung geschnitzter Bilder in die begriffliche Sphäre ausdehnten, wo es als Verbot der Personifikation von JHWH oder Elohim wirkte.
Um jedoch Kanaan als einheitliche Macht beherrschen zu können, benötigten die Habiru mehr als einen Herrschergott: Sie benötigten auch die Legende über die Söhne Israels. Und aus diesem Grund stellten sie sich im Tanach nicht dar, wie sie waren, sondern wie sie sein wollten. Statt ihre Ahnen als Flüchtlinge oder Vertriebene darzustellen, präsentierten sie Abraham, Isaak und Israel als friedliche Beduinen, die mit ihren Herden durch den Nahen Osten zogen. Dies lag daran, dass das gesamte Konzept der „bnei Israel“ ein beduinisches Konzept war, identisch mit jenem vieler beduinischer Stämme, die sich traditionell als „Söhne“ („banū“ im Arabischen) eines gemeinsamen, patriarchalen Ahnherrn beschrieben. Und indem sie eine idealisierte Vergangenheit als Beduinen erfanden, konnten die Habiru nicht länger als kriegerische Elite erscheinen, sondern mussten all ihre Kämpfe durch göttliches Eingreifen gewinnen – ein Eingreifen, das den Hebräern zugesichert wurde, obwohl ihnen militärische Erfahrung und Ausrüstung weitgehend fehlten. Aus demselben Grund mussten auch alle hebräischen Stämme den Exodus aus Ägypten durchleben, selbst wenn dabei die Sinai-Wüste überfüllt war; ebenso durfte der „Stamm“ Levi keinen Vorrang über die anderen Stämme erlangen. Das Ergebnis war eine nahezu völlig mythisierte Tora, die dennoch in eindringlicher Weise ihre engste Bindung an die Sache der Sklaven betont – im Gegensatz zu der der Sklavenhalter.
Wie man über die Tora denkt, hängt in hohem Maße davon ab, wie man über das Konzept eines Herrschaftsgottes denkt. Doch wie man über die Habiru denkt, hängt in noch größerem Maße davon ab, wie man über das Konzept revolutionärer Gewalt denkt. Revolution impliziert Gewalt, oder – wie Mao Zedong 1927 schrieb:
Eine Revolution ist kein Festessen, kein Essay, kein Gemälde oder eine Stickerei; sie kann nicht kultiviert, sanft, höflich, zurückhaltend oder großmütig sein. Eine Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt.
Doch war die Eroberung des Landes Israel durch die Habiru eine echte Revolution? Führte sie nicht nur zur Beseitigung der Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten und ihrer ägyptischen Oberherren, sondern auch zur Schaffung einer neuen und progressiveren Gesellschaftsordnung?
Das gesellschaftliche Ideal des Tanach ist das des Kleinbauern, dessen Recht auf Land durch das Jubeljahr-Gesetz garantiert werden sollte, dem zufolge verlorenes Land und durch Schulden veräußertes Eigentum alle fünfzig Jahre an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden musste. Die Anhäufung großer Landgüter wurde missbilligt, die Institution der Sklaverei stark eingeschränkt und die Pflicht zur Wohltätigkeit gegenüber den Armen vorgeschrieben. Die Bewahrung dieser sozialen Werte und Praktiken sollte auf dieselbe Weise sichergestellt werden, wie sie ursprünglich begründet worden waren – nämlich durch den Einsatz bewaffneter Gewalt.
In der jüdischen Tradition wurde dieser Einsatz bewaffneter Gewalt im Dienst sozialer Gleichheit schließlich mit einer ganz bestimmten Person verbunden: dem Gründer des Königreichs Juda, David.

König David als Orpheus, Mosaik aus einer Synagoge in Gaza, 508 n. Chr., Israel-Museum Jerusalem
David
Wie zu erwarten, mögen diejenigen Bibelwissenschaftler, die die Habiru nicht schätzen, auch David nicht. Einer der einflussreichsten Bibelwissenschaftler der jüngeren Zeit ist Israel Finkelstein, Koautor zusammen mit Neil Asher Silberman von *The Bible Unearthed* [2001, dt. Keine Posaunen vor Jericho, 2004] sowie von David and Solomon (2006).
Auf Seite 44 von „David and Solomon“ erläutern die Autoren die Bedeutung des Begriffs „Apiru“ wie folgt:
„Dieser Begriff, manchmal als Habiru transliteriert, wurde einst für verwandt mit dem Begriff ‚Hebräer‘ gehalten, aber die ägyptischen Texte machen deutlich, dass er weniger eine bestimmte ethnische Gruppe als vielmehr eine problematische sozioökonomische Klasse bezeichnete. Die Apiru waren entwurzelte Bauern und Hirten, die mitunter zu Banditen wurden, manchmal sich selbst an den Meistbietenden als Söldner verkauften und die in beiden Fällen eine destabilisierende Kraft darstellten – sei es für lokale Herrscher oder für die ägyptische Verwaltung – bei jedem Versuch, die Stabilität ihrer Herrschaft aufrechtzuerhalten.“
Am erstaunlichsten ist an dieser Zurückweisung der „Apiru“ als störende Unruhestifter ohne Bezug zu den Hebräern, dass die Autoren in keinem Abschnitt ihrer beiden Bücher überhaupt versuchen nachzuweisen, dass die Hebräer tatsächlich eine „spezifische ethnische Gruppe“ gewesen seien, getrennt und unterschieden von den Kanaanäern.
Finkelstein insbesondere hat seinen Ruf weitgehend darauf gegründet, den größten Teil der historischen Informationen des Tanach als legendär zu entlarven. Doch wenn es um den offensichtlichen Mythos der „Söhne Israels“ geht, akzeptiert er ihn weder explizit noch verwirft er ihn, sodass er die Identität von Habiru und Hebräern leugnen kann, während er gleichzeitig so tun kann, als glaube er an sie.
Ein zentraler Punkt in Finkelsteins Bemühen, Teile des Tanach zu entkräften, ist die Geschichte Davids und der Entstehung des Königreichs Juda. Der Tanach schildert David als Begründer eines Großreichs, das einen Großteil des Landes Israel beherrschte; Finkelstein und Silberman hingegen beschreiben David als einen unbedeutenden „Kleinhäuptling“, der nur über einen kleinen Teil des südlichen Berglandes herrschte.
Um David noch weiter zu diskreditieren, sehen die Autoren nichts Besseres, als ihn mit den „Apiru“ gleichzusetzen. Auf Seite 46 von *David and Solomon* schreiben sie:
„Kurz gesagt weist die Beschreibung des Aufstiegs Davids im ersten Buch Samuel zahlreiche unverkennbare Parallelen zur Aktivität eines typischen Apiru-Häuptlings und seiner Rebellenbande auf.“
Immer wieder bezeichnen die Autoren David als „Banditen“ an der Spitze einer „Bande von ‚Raufbolden und Freibeutern‘“.
Doch die Passagen des Tanach, auf die sie sich stützen, könnten ebenso gut als Beschreibungen der Formierung einer revolutionären Armee gelesen werden. Silberman und Finkelstein geben den Textstellen daher dieselbe negative Deutung wie der Habiru-Problematik – weil sie die Habiru als „problematisch“ ansehen und David ebenfalls nicht mögen.

1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525
Ein Beispiel hierfür findet sich in dem bekannten Abschnitt in Kapitel 22 des *Ersten Buches Samuel*, in dem beschrieben wird, wie David seine erste kleine Bande formte:
„Und es versammelten sich zu ihm alle, die in Not waren, und alle, die verschuldet waren, und alle, die verbitterten Gemütes waren; und er wurde ihr Anführer. Und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann.“
Silberman und Finkelstein haben insofern recht, als viele Habiru-Banden zweifellos auf ganz ähnliche Weise entstanden. Doch die Frage ist nicht, ob David und seine Gefolgsleute den Habiru ähnlich waren – das waren sie zweifellos -, sondern ob sowohl David als auch die Habiru in Kanaan vielmehr „Banditen“ waren oder nicht eher Revolutionäre, die darauf aus waren, eine neue soziale Ordnung zu errichten, deren wichtigstes Element die Vermeidung von Bodenverlust zugunsten der Reichen war.
Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war.
Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war, jedoch einer, dessen Revolution in keiner wesentlichen Hinsicht von jener der Habiru verschieden war – abgesehen davon, dass seine Bewegung ihn nicht nur zum König von Juda ausrufen ließ, sondern er begründete auch eine Dynastie, die das Königreich Juda über nahezu 400 Jahre hinweg ununterbrochen regierte. Und selbst danach blieb die Vorstellung, dass der „Messias“ ein direkter Nachkomme Davids sein würde, ein prägendes Merkmal der jüdischen messianischen Kultur bis in die Neuzeit.
Warum also wurde die Gestalt Davids in der jüdischen Tradition zu einem so bedeutenden monarchischen Vorbild? Zweifellos spielten seine persönlichen Eigenschaften, wie sie der Tanach beschreibt, eine Rolle; doch es gibt letztlich nur eine offensichtliche Antwort auf die Frage, weshalb David zu einer so wichtigen Figur wurde.
Es ist jene Antwort, die der Tanach selbst liefert: nämlich, dass David die Philister besiegte, Jerusalem eroberte und die Autorität der Hebräer weiter ausdehnte, als sie jemals zuvor gereicht hatte. Dies tat er, indem er die Hebräer zu einer einheitlichen militärischen Kraft unter seinem Kommando zusammenschloss, während sie bis dahin überwiegend als lockerer Zusammenschluss unabhängiger Stämme ohne zentrales Befehlswesen gekämpft hatten.
Es ist offensichtlich, dass die Hebräer der Institution der Monarchie nicht enthusiastisch gegenüberstanden; doch sie akzeptierten Davids Version davon, weil sie funktionierte und ihnen die Schlachten gewinnen ließ, die sie gewinnen mussten, um ihre Vision einer idealen sozialen Ordnung zu verwirklichen.
Die alte jüdische Kultur, wie sie in den Seiten des Tanach reflektiert ist, war eine monarchische Version der revolutionären Kultur der Habiru. Sie ersetzte die Monarchie für die Stämme, das Priestertum der Leviten und den Tempel in Jerusalem für sämtliche lokale Heiligtümer; zugleich war sie egalitärer und humaner als die Kultur der Staaten und Reiche, die das Land Israel umgaben.
Und gerade aufgrund dieser progressiven Elemente der jüdischen Kultur ist das jüdische Volk im Laufe seiner Geschichte solchen massiven Verfolgungen ausgesetzt gewesen.
Insbesondere wäre es unmöglich, den genozidalen Angriff auf das jüdische Volk durch die Römer und ihre griechischen Verbündeten zu verstehen – der in der sogenannten „Jüdischen Kriege“ des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in den Tod von über zwei Millionen Juden mündete -, ohne zu berücksichtigen, dass das jüdische Rechtssystem die Institution der Sklaverei verwarf, auf der das römische Reich aufgebaut war.
In späteren Jahrhunderten griffen Christentum, Islam und Marxismus jeweils auf ihre eigene Weise auf den progressiven Kern der jüdischen Kultur zurück, um daraus ihre eigene Inspiration zu beziehen; doch anstatt ihre Schuld gegenüber dem jüdischen Volk anzuerkennen, erfanden sie ein antisemitisches Stereotyp nach dem anderen, um sich von der jüdischen Welt zu distanzieren.
Diese Dynamik hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt in der Form der Dämonisierung des Staates Israel durch die internationale Linke.
Als ich zum ersten Mal begann, über jüdische Geschichte zu schreiben und zu lehren, dachte ich, dass ich in der progressiven Gemeinschaft meine dankbarsten Leser finden würde.
Immerhin zeigte ich auf, dass die gesamte „biblische“ Tradition – die innerhalb der weltlichen Linken noch immer als machtvoller Konkurrent aufgefasst wird – in Wirklichkeit das Ergebnis einer sozialen Revolution war und keineswegs einer göttlichen Fügung.
Doch es stellte sich heraus, dass die meisten Progressiven nicht über diese besondere soziale Revolution sprechen wollten, weil sie die Juden gut aussehen ließ – und damit, indirekt, Israel.
Sie zogen es vor zu glauben, dass die Juden einen grausamen patriarchalen Gott namens Jahwe verehrten und dass sie daher verdient hätten, was ihnen von den toleranten, leichtlebigen heidnischen Völkern widerfahren sei. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür lieferte das Buch When God Was a Woman von Merlin Stone, das in den 1980er Jahren vom progressiven Radiosender WBAI in New York mit großem Enthusiasmus vorgestellt wurde.
Stone stützte sich weitgehend auf in Deutschland während der 1930-er Jahre entstandene Studien und versuchte zu zeigen, dass der patriarchale Kult des Jahwe tatsächlich von arischen Eindringlingen aus dem Norden in den matriarchalen Vorderen Orient eingeführt worden sei – was sie zu der Schlussfolgerung brachte, es sei „ironisch“, dass Hitler so viele Juden ermordete, da Juden und Nazis so viel gemeinsam hätten.
In Wirklichkeit jedoch wird die jüdische Abstammung seit Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. über die mütterliche Linie bestimmt und nicht über die väterliche – doch weder das eine noch das andere ist hier entscheidend.
Der Punkt ist vielmehr, dass man keine demokratischen, säkularen und egalitären Werte effektiv verteidigen kann, während man zugleich jene Menschen dämonisiert, die in der Geschichte mehr als jeder andere zur Hervorbringung dieser Werte beigetragen haben.
Der Grund, weshalb so viele Juden eine so herausragende Rolle in den progressiven Bewegungen der Moderne gespielt haben, liegt in den egalitären Werten, die in der traditionellen jüdischen Kultur verankert sind; und der Grund, weshalb diese Werte dort verankert sind, besteht in der sozialen Revolution, die von den Habiru durchgeführt wurde.
Mit anderen Worten:
Es ist das direkte Ergebnis der jüdischen Tradition, dass der Staat Israel weitaus demokratischer, säkularer und egalitärer ist als alle seine arabischen und muslimischen Nachbarn.
Die Dämonisierung der Juden und die Dämonisierung Israels kann keinem anderen Zweck dienen, als die Position des Bündnisses autokratischer Staaten zu stärken, das sich gegen uns formiert hat.
Umgekehrt ist die Annahme einer positiven Haltung gegenüber dem jüdischen Volk – einschließlich des jüdischen Staates – der Schlüssel dazu, die progressive Bewegung aus jenem Zustand erbärmlicher Bedeutungslosigkeit zu befreien, in dem sie sich heute befindet.
Neue Ware eingetroffen, reloaded
Neu in meiner Bibliothek (und der Literaturliste):
– Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israel – Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., Stuttgart 1996 (Biblische Enzyklopädie 1)
– Ben-Sasson, H. H.: Geschichte des jüdischen Volkes – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, (1969) 1978 (dt.)
– Crowley, Roger: Der Fall von Akkon – Der letzte Kampf um das Heilige Land, Darmstadt 2019
– Redford, Donald B.: Egypt, Canaan and Israel in Ancient Times, Princeton | New Jersey 1992
Die Hebräer oder: Die Habiru II
Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 2. Teil).
[Teil 1: Parasoziale Elemente oder: Die Habiru I (26.11.2025)]
Was war die genaue Bedeutung des Ausdrucks Habiru in seinem ursprünglichen Kontext? Und darüber hinaus: Lautete der Begriff tatsächlich Habiru oder vielmehr Apiru? Diese Fragen müssen beantwortet werden, um die größere Problematik der Beziehung zwischen den Bezeichnungen Habiru und Hebräer anzugehen.
Über viele Jahrzehnte nach der Entdeckung der Tafeln von Tell el-Amarna und anderer Fundorte zweifelte niemand daran, dass sie sich auf Menschen bezogen, die Habiru genannt wurden. In der englischsprachigen Übersetzung der Tell-el-Amarna-Tafeln durch Samuel Mercer aus dem Jahr 1939 wird der Begriff Habiru ohne jeden Hinweis auf die Möglichkeit einer abweichenden Lesung verwendet. Nebenbei bemerkt erklärte F. H. Hallock in einem „Exkurs“ am Ende des Buches [das ich nicht gefunden habe, B.S.] auf Seite 843:
„Aber wir müssen eine gewisse Verbindung zwischen Hebräern und Habiru einräumen; linguistische und historische Überlegungen machen dies unvermeidlich, auch wenn wir angesichts gegenwärtigen Wissens nicht mit allzu großer Gewissheit über diese Verbindung sprechen können.“
Doch beginnend in den 1950er-Jahren wurden Zweifel an der Richtigkeit von Habiru als Lesung des keilschriftlichen Textes laut, wobei Apiru zunehmend als mögliche alternative Lesung vorgeschlagen wurde.
Akkadische Keilschrift, das Schriftsystem, in dem die Tell-el-Amarna-Tafeln verfasst wurden, besteht aus keilförmigen Eindrücken im Ton. Nach Ansicht der Experten konnte der betreffende Anfangskonsonant des fraglichen Zeichens entweder als „h“ oder als „p“ gelesen werden. Die akkadische Schrift selbst machte offenbar keinen Unterschied zwischen beiden Lauten. Doch bis in die 1950er-Jahre hinein waren einige Verweise auf die Habiru in anderen Schriftsystemen bekannt geworden, und in diesen schien der Anfangskonsonant ein „p“ zu sein. Gleichzeitig wurde – aus Gründen, die mir nicht völlig klar sind – behauptet, das Wort müsse ohne einen anfänglichen „h“ gelesen werden. Manche Bibelwissenschaftler ließen sich von diesen Argumenten nicht überzeugen und verwendeten weiterhin die Bezeichnung Habiru. Die Mehrheit wechselte jedoch allmählich zu Apiru, das allgemein als die korrektere Lesung gilt.

Akkadische Inschrift auf dem Obelisken von Manishtushu, 2600–500 vor Chr., Louvre
Ich selbst halte mich nicht für qualifiziert, ein endgültiges Urteil darüber zu fällen, ob Habiru oder Apiru die richtige Lesung ist, und mir erscheint auch nicht, dass die Beweislage eindeutig zugunsten der einen oder anderen Möglichkeit ausfällt. In Le problème des Habiru, veröffentlicht 1954, untersuchte Jean Bottéro die damals verfügbaren Texte ausführlich und kam auf Seite 156 zu dem Ergebnis, dass er die Frage nicht lösen könne. Er selbst verwendete weiterhin den Begriff Habiru. Obwohl mir scheint, dass jene, die die Identität von Hebräern und Habiru bejahen, mit wenigen Ausnahmen eher den Begriff Habiru bevorzugen, neigen diejenigen, die die Identität der beiden Gruppen bestreiten, eher zu Apiru.
„Hebrew“ ist natürlich nicht das hebräische Wort für „Hebräer“.
Auch ich bejahe die Identität der beiden Gruppen und verwende daher den Ausdruck Habiru, der stärker an „Hebrew“ erinnert. Letztlich spielt es jedoch keine große Rolle, welche Bezeichnung dem Wort „Hebrew“ ähnlicher klingt, denn „Hebrew“ ist natürlich nicht das hebräische Wort für „Hebräer“. Das hebräische Wort lautet Ivri, das weder dem einen noch dem anderen Begriff besonders ähnlich ist.
Andererseits sind die Unterschiede auch nicht allzu groß. Im Hebräischen kann der Buchstabe bet je nach Stellung im Wort entweder als „b“- oder als „v“-Laut ausgesprochen werden. Ivri wird mit einem bet geschrieben, weshalb viele Übersetzungen dieses Wortes, wie etwa „Hebrew“, ein „b“ statt eines „v“ verwenden. Was die Möglichkeit betrifft, dass das akkadische Wort mit einem „p“ statt eines „b“ ausgesprochen wurde, behandelt Manfred Weippert diese Frage in „The Settlement of the Israelite Tribes in Palestine“ [auf Deutsch: „Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion“]. Weippert bezweifelt nicht, dass Hebräer und Habiru identisch waren, und bevorzugt die Lesung Apiru gegenüber Habiru. Doch wie viele andere Bibelwissenschaftler sieht er eine sprachliche Verbindung zwischen den akkadischen und den hebräischen Begriffen. Er führt insbesondere nicht weniger als 14 Beispiele an, in denen ein „b“-Laut in verschiedenen semitischen Sprachen zu einem „p“-Laut (oder umgekehrt) wurde, und folgert auf Seite 82: „Mit anderen Worten: Die Gleichung apiru = Hebräer kann durchaus mit linguistischen Belegen untermauert werden.“ Meine eigene Einschätzung ist, dass die Sprachbeweise keineswegs die Identität der akkadischen und hebräischen Begriffe beweisen, ihnen jedoch Raum lassen. Der Hauptgrund, warum die meisten Bibelwissenschaftler eine Verbindung der beiden Termini annehmen, liegt darin, dass sie in sehr ähnlicher Weise verwendet wurden.
Die Gleichung apiru = Hebräer kann durchaus mit linguistischen Belegen untermauert werden.
Bibelwissenschaftler sind sich im Allgemeinen darüber einig, wer die Habiru waren, uneinig jedoch darüber, wie sie wahrgenommen wurden. Bottéro zufolge war „Flüchtling“ die treffendste Bezeichnung, während Weippert „Outlaw“ („Geächteter“) bevorzugte. Das eine gemeinsame Merkmal, das die Habiru als Gruppe definierte, besteht darin, dass sie buchstäblich – sie lagerten am Rand der besiedelten Gebiete – und im übertragenen Sinne außerhalb der etablierten sozialen Ordnung standen. Dennoch gab es offenbar erhebliche Unterschiede von Ort zu Ort hinsichtlich der Beziehung der Habiru zu den jeweiligen Staaten. Dienten sie als Söldner, könnten sie ein besonderes Verhältnis zu einem Staat gehabt haben, das ihnen eine gewisse formale Anerkennung verschaffte. Einige Bibelwissenschaftler glauben, die Habiru seien generell als „Fremde“ wahrgenommen worden, andere betonen ihren Status als „Flüchtige“. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, den einen Begriff dem anderen vorzuziehen, da beide eine gewisse Grundlage haben.

Keilschriftliches sumerisches sa.gaz und das entsprechende westsemitische ḫa-bi-ru
Ein Hinweis darauf, wie der Begriff Habiru im 2. Jahrtausend v. Chr. allgemein verstanden wurde, findet sich jedoch in der Existenz ähnlicher Begriffe anderer altorientalischer Sprachen. Besonders relevant ist hier der sumerische Ausdruck „SA.GAZ“. Ich weiß nicht genug über sumerische Hieroglyphen, um zu verstehen, warum er auf diese Weise geschrieben wird, doch da die meisten Bibelwissenschaftler das tun, folge ich ihnen. Die Sumerer waren ein Volk, dessen ethnischer und sprachlicher Hintergrund noch nicht erschöpfend erforscht worden ist. Sie waren im südlichen Mesopotamien ansässig, als sie um 3000 v. Chr. ein hieroglyphisches Schriftsystem entwickelten. Die akkadische Schrift wurde aus der sumerischen abgeleitet, und sie übernahm auch den sumerischen Ausdruck „SA.GAZ“, der in akkadischen Texten – einschließlich der Tell-el-Amarna-Tafeln – weit verbreitet war und als Synonym für Habiru diente. Bottéro stellt auf Seite 82 fest, dass die beiden Begriffe in Texten aus Boghazköy, der Hauptstadt des hethitischen Reiches im Gebiet der heutigen Türkei, nebeneinander verwendet wurden und dass Bibelwissenschaftler übereinstimmend davon ausgehen, dass ihre Bedeutung mehr oder weniger identisch war.
Nach Bottéro (S. 149) ist die Grundbedeutung von SA.GAZ in seinem ursprünglichen sumerischen Kontext „pejorativ und bezeichnet einen gewalttätigen und kriminellen Akt der Aggression und zumeist den Täter einer solchen Aggression“ (meine Übersetzung). Bottéro schließt daraus, dass „SA.GAZ“ als „Räuber“ wiederzugeben sei, obwohl er meint, dass „Flüchtling“ die beste Übersetzung für Habiru sei. Dieser Widerspruch ist jedoch nur scheinbar, da die Habiru offenbar Flüchtlinge (oder Geflüchtete) waren, die zu Räubern wurden.
Genau diese Auffassung vertritt auch Nadav Na’aman in seinem Kapitel „Habiru-like Bands in the Assyrian Empire and Bands in Biblical Historiography“ in Band I seiner „Collected Essays“. In assyrischen Inschriften aus dem 7. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird eine Gruppe namens „urbi“ erwähnt. Die Bedeutung dieses Begriffs wurde verschieden übersetzt: als „Flüchtlinge“, „Banditen“, „irreguläre Truppen“, „eine besondere Art Soldaten“ oder „Elitekrieger“. Nach Na’aman leitet sich der Begriff „urbi“ ab von merubu, ein Verb, das „fliehen, davonlaufen, entkommen““ bedeutet. Na’aman fährt auf Seite 299 fort:
„Der Begriff urbi bezeichnet Gruppen von Flüchtlingen, die angesichts assyrischer Feldzüge, Zerstörungen oder Annexionen aus ihrer Heimat flohen und Zuflucht in Randgebieten suchten. Diese Vertriebenen versuchten, sich neuen Umständen anzupassen, indem sie eine Bande bildeten, die unter der Führung eines herausragenden Anführers stand. Die Banden waren unabhängige bewaffnete Einheiten, zahlenmäßig begrenzt und durch ihre räuberische Natur und ihr militärisches Können charakterisiert. Häufig wurden sie für sesshafte und pastorale Gesellschaften gefährlich. Aufgrund ihrer militärischen Fähigkeiten dienten sie gelegentlich als Söldner in den Armeen benachbarter Herrscher.“
Und Na’aman schließt:
„Alle diese Merkmale sind typisch für die Banden der Habiru, die aus spät-drittem und mittel-zweitem Jahrtausend v. Chr. im Alten Orient wohlbekannt sind.“
Der wichtigste Punkt, der sich aus alledem ergibt, ist, dass für die Menschen, die die Texte verfassten und lasen, in denen Begriffe wie „SA.GAZ“, Habiru oder „urbi“ auftauchen, all diese Termini offenbar eine negative Konnotation besaßen. Mitunter wird diese Konnotation explizit, wie in einer der Tell-el-Amarna-Tafeln, die auf Seite 261 von Mercers Übersetzung erscheint, wo ein kanaanäischer Beamter von einem anderen sagt, er sei zu einem „SA.GAZ-Hund“, einem „herumstreunenden Hund“, geworden. Die Habiru waren definitionsgemäß Outlaws, da sie nicht Teil der etablierten sozialen Ordnung waren und sich selbst auch nicht als ihr Teil betrachteten. Darüber hinaus verlieh die Tatsache, dass viele von ihnen entflohene Sklaven waren, ihrer Wahrnehmung ein zusätzliches Element der Kriminalität, denn die Flucht aus der Sklaverei galt als schweres Verbrechen, oft mit dem Tod bestraft. Zweifellos haftete den Habiru auch das Bild an, eine ernsthafte militärische Gefahr darzustellen, doch mag sie dies für einige attraktiv gemacht haben; für die etablierte Gesellschaft jedoch war dies vermutlich nur ein weiterer Punkt der Anklage. Ob die Habiru selbst Stolz aus ihrem Outlaw-Status zogen, lässt sich schwer sagen, doch deutet die Gesamtheit der Belege darauf hin, dass sie sich – ob mit oder ohne Stolz – bemühten, ihn loszuwerden.

James W. Jack: The Date of the Exodus, Edinburgh 1925
Der beste Weg herauszufinden, wie die Habiru dazu standen, Habiru genannt zu werden, besteht darin zu untersuchen, wie die Hebräer empfanden, „Hebräer“ genannt zu werden. Alle Texte, die die Habiru erwähnen, wurden von anderen geschrieben und spiegeln daher nicht die Sicht der Habiru selbst wider; die Hebräer hingegen hatten mehrfach Gelegenheit, ihren eigenen Standpunkt darzulegen. Und das Erste, was jedem Bibelleser auffällt, ist, dass der Begriff „Hebräer“ im Tanach kaum verwendet wird. Im gesamten Tanach erscheint er lediglich 39 Mal. In der Tora werden die Hebräer fast immer als „Söhne Israels“ (b’nei Israel auf Hebräisch, gewöhnlich mit „Kinder Israels“ oder „Israeliten“ übersetzt) bezeichnet. In den späteren Teilen des Tanach erscheinen weitere Bezeichnungen, jedoch kaum je „Hebräer“.
Wenn der Begriff „Hebräer“ dennoch vorkommt, dann in spezifischen Bedeutungszusammenhängen. Nadav Na’aman hat diese Frage ausführlich in seiner Studie „Habiru and Hebrews: The Transfer of a Social Term to the Literary Sphere“ untersucht, die in Band 2 seiner Collected Essays erschien. Wie die meisten Bibelwissenschaftler bestreitet Na’aman nicht, dass die Hebräer Habiru waren, doch zweifelt er nicht daran, dass der Begriff Hebrew von Habiru abstammt. Er weist darauf hin, dass der Begriff im Tanach in der Regel verwendet wird, um „Israeliten in außergewöhnlichen Umständen“ zu bezeichnen. Insbesondere dient er der Beschreibung von „Israeliten, die in ein fremdes Land migriert sind“ oder „Israeliten in einer Lage der Knechtschaft“. Er ergänzt, dass die Verwendung des Begriffs „Hebräer“ besonders in den Erzählungen des Buches Exodus auffällig ist, wo er auf Israeliten angewendet wird, die von den Ägyptern zur schweren Fronarbeit versklavt und ausgebeutet wurden. Und zusammenfassend stellt er auf Seite 271 fest:
„Es scheint, dass alle biblischen Bezüge zu den ‘Hebräern’ gewisse Züge widerspiegeln, die den Habiru des zweiten Jahrtausends v. Chr. zugeschrieben werden.“
Ein gutes Beispiel dafür, wie der Begriff „Hebräer“ im Tanach verwendet wird, findet sich in Kapitel 29 des Ersten Buches Samuel Nachdem David gezwungen ist, das Gebiet Israels zu verlassen, weil der amtierende König Saul seine Verfolgung aufgenommen hat, sammelt der zukünftige König eine Schar von Außenseitern um sich und sucht Schutz bei den Philistern. Nun bereiten die Philister eine Schlacht gegen Saul vor, und David und seine Männer sind bereit, sich ihnen anzuschließen. Doch die „Fürsten der Philister“ rufen aus: „Was machen diese Hebräer hier?“

1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525
Der Philisterfürst, der über David den Schutz der Philister ausübt, sieht sich gezwungen, David und seine Männer fortzuschicken, weil die anderen Philisterführer ihnen misstrauen und befürchten, sie könnten sich im bevorstehenden Kampf König Saul anschließen, sobald die Schlacht unmittelbar bevorsteht. Die Verwendung des Ausdrucks „Hebräer“ in diesem Zusammenhang kann natürlich als Bezugnahme auf die ethnische Gruppe verstanden werden, der David und seine Männer angehörten; zugleich ergibt sie jedoch ebenso vollkommen Sinn als Synonym für Habiru, da eine Gruppe von Söldnern – wie sie häufig beschrieben werden – von den meisten Philisterführern mit Geringschätzung betrachtet wurde. Es scheint, als hätten die Autoren des Tanach gelegentlich nicht umhin gekonnt, den Begriff „Hebräer“ zu verwenden, um ihrer Darstellung zusätzliche Anschaulichkeit zu verleihen, zugleich jedoch jede explizite Identifizierung der Hebräer als Habiru systematisch vermieden, weil dies mit der Legende der „Söhne Israels“ kollidiert hätte.
Nach Na’aman geschah Folgendes: Der Ausdruck „Hebräer“ wurde durch die jüdischen Schriftsteller der Spätphase des Zweiten Tempels, die ihn zunehmend als Bezeichnung der Vorfahren der Juden verwendeten, davor gerettet, ganz zu verschwinden. Es scheint mir, dass zu dieser Zeit die Verbindung zwischen den Habiru und den Hebräern – die zur Zeit der Abfassung der Bücher des Tanach eindeutig bekannt war – weitgehend in Vergessenheit geraten war und dass der Begriff „Hebräer“ allmählich eine religiöse Bedeutung erlangte, die sich stark von seinen ursprünglichen Konnotationen unterschied. Vielleicht wurde „Hebräer“ unter dem Einfluss des Josephus, der den Begriff häufig verwendete, zu einem respektablen Ausdruck im christlichen (und letztlich auch jüdischen) Diskurs und diente als Alternative zum stets pejorativ gebrauchten Ausdruck „Jude“.
Die hebräische Sprache bewahrt jedoch noch immer eine Spur der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes. Das hebräische Wort Ivri stammt von einer hebräischen Wurzel ʿbr (ayin, bet, resh), deren Grundbedeutung „hinübergehen“, „überqueren“ oder „überschreiten“ ist. Das hebräische Wort für „Vergangenheit“ ist ebenfalls von dieser Wurzel abgeleitet. Es gibt außerdem eine Reihe weiterer Wörter im Hebräischen, die von dieser Wurzel abstammen und deren Bedeutung exakt der englischen Bedeutung von „transgress“ entspricht – also das Überschreiten einer erlaubten Grenze. Dazu gehören avaryan („Gesetzesbrecher“) und avera („Verstoß gegen die Regeln“). Einige Bibelwissenschaftler sind sogar so weit gegangen zu behaupten, das Wort Habiru, dessen Bedeutung im Akkadischen nicht völlig klar ist, sei von derselben westsemitischen Wurzel wie Ivri abgeleitet und habe die Bedeutung „überqueren“, sei es als Flüchtlinge oder als Gesetzesbrecher. Wie dem auch sei, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Begriffe „Hebräer“ und „Habiru“ eng miteinander verbunden sind, und die naheliegendste Erklärung für diese Beziehung ist, dass die Hebräer tatsächlich Habiru waren.
Wird fortgesetzt.
Parasoziale Elemente oder: Die Habiru I
David ging von da hinweg und rettete sich in die Höhle Adullam. Als das seine Brüder hörten und das ganze Haus seines Vaters, kamen sie dorthin zu ihm hinab. Und es sammelten sich bei ihm allerlei Männer, die in Not und Schulden und verbitterten Herzens waren, und er wurde ihr Oberster; und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann. (Bibel, 1. Samuel 22)
Ich habe mir einen Teil des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir). Wolfe stammt aus einem kommunistischen Elternhaus und wuchs als säkularer Jude in New York auf. Er nahm an den Studentenunruhen im Frühjahr 1970 teil und saß deswegen drei Monate im Gefängnis. Er fühlte sich als „Linker“, bis die Studentenbewegung mehr und mehr antisemitische Züge zeigte. Dann begann er, sich mit der Geschichte der Juden und Israels zu beschäftigen.
… stieß ich erstmals auf die Habiru. Obwohl ich als Berufshistoriker tätig war, hatte ich bis dahin nie von ihnen gehört. In dem kleinen Fachgebiet der „biblischen Wissenschaften“ war das Thema durchaus präsent, doch außerhalb dieses Kreises war ihre Existenz nahezu unbekannt.
Seit rund hundert Jahren hatten Archäologen im Nahen Osten Tontafeln ausgegraben, auf denen eine Gruppe von Menschen erwähnt wurde, die in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich als „Habiru“ oder „Apiru“ bezeichnet wird. Hunderte solcher Belege wurden entdeckt, die sämtlich in das 2. Jahrtausend v. Chr. datieren. Keine dieser Tontafeln behandelt die Habiru ausführlich; vielmehr erscheinen sie jeweils nur als Randbemerkung in einem größeren Zusammenhang. Mitunter werden die Habiru als Söldner beschrieben, ein anderes Mal als Tagelöhner und wiederum in anderen Fällen als Banditen.
Unter Bibelwissenschaftlern herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass den unterschiedlichen Beschreibungen wahrscheinlich Gruppen bewaffneter Männer zugrunde lagen, von denen die meisten Flüchtlinge waren, die an den Rändern bewohnter Gebiete lagerten und ihren Lebensunterhalt auf irgendeine Weise zu bestreiten versuchten. Hinweise auf solche Habiru-Gruppen wurden in vielen verschiedenen Regionen des Nahen Ostens gefunden, was deutlich macht, dass sie weder einen Stamm noch eine Nation bildeten, sondern eher eine soziale Gruppe oder Schicht darstellten, eine Gruppe, die von den Schreibern, die sie erwähnten, im Allgemeinen mit einer Mischung aus Furcht und Verachtung betrachtet wurde.
Was jedoch mein besonderes Interesse an der wissenschaftlichen Literatur über die Habiru weckte, war der Nachweis, dass viele von ihnen entflohene Sklaven gewesen sein müssen. So erklärt etwa William Albright auf Seite 86 seines Buches Yahweh and the Gods of Canaan:
In den Tontafeln von Ugarit lesen wir, dass entflohene Sklaven gewöhnlich bei den Apiru Zuflucht fanden, vorzugsweise auf der anderen Seite der Grenze zwischen dem eigentlichen Hethiterreich und dem Vasallenstaat Ugarit. Dieses Vorgehen war ausdrücklich verboten, und entlaufene Sklaven mussten ausgeliefert werden.

James B. Pritchard: The Ancient Near East. S. 262
Und auf Seite 273 des ersten Bandes von James Pritchards Anthologie The Ancient Near East findet sich eine Passage aus einem Brief aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., in dem auf „Sklaven, die zu Apiru geworden waren“, Bezug genommen wird. Auffällig ist daher nicht nur, dass die Begriffe Habiru (bzw. Apiru) phonetisch an „Hebräer“ erinnern, sondern dass beide Gruppen offenbar einen ähnlichen sozialen Status teilten. Die jüdische Überlieferung stellt die ursprünglichen Hebräer als entflohene Sklaven dar, und die Verfasser der Tora nahmen diese Tradition offenbar so ernst, dass sie sie in Kapitel 23, Vers 16 des Deuteronomiums kodifizierten:
Du sollst einen Sklaven, der sich vor seinem Herrn zu dir flüchtet, nicht an seinen Herrn ausliefern. Er soll bei dir wohnen, an einem Ort seiner Wahl, in einer beliebigen deiner Siedlungen, wo es ihm gefällt; du darfst ihn nicht bedrücken.
Hätten die Verfasser der Tora ein solches Gebot erlassen, wenn sie nicht selbst – zumindest teilweise – von entflohenen Sklaven abstammten? Ich halte dies für unwahrscheinlich. Daher erscheint mir die Tatsache, dass auch ein großer Teil der Habiru entflohene Sklaven gewesen zu sein scheint, als starkes Indiz für eine Verbindung zwischen beiden Gruppen.
Bald wurde mir jedoch bewusst, dass die meisten Bibelwissenschaftler meine Annahme nicht teilten. Fast ausnahmslos behandeln biblische Fachgelehrte früherer wie heutiger Zeit die Frage nach den Ursprüngen der Hebräer aus einer religiösen Perspektive. Anstatt sich auf das zu stützen, was aus den Quellen zuverlässig hervorgeht, und das über die Habiru Bekannte als Ausgangspunkt ihrer Forschungen zu nehmen, tendieren sie meistens dazu, die Habiru in ein Bild der hebräischer Ursprünge einzupassen, das letztlich aus der in der Bibel erzählten Geschichte abgeleitet ist.
Betrachtet man die Frage jedoch aus dieser Perspektive, fügen sich die Habiru schlicht nicht ein. Insbesondere stellen die in der Bibel beschriebenen Hebräer einen Stamm oder eine Nation dar, während die Habiru eindeutig eine soziale Klasse repräsentierten. Viele Bibelwissenschaftler sind zwar bereit einzuräumen, dass es eine Verbindung zwischen den Bezeichnungen „Hebräer“ und „Habiru“ geben könnte, doch nur eine kleine Minderheit ist bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Hebräer in Wahrheit Habiru gewesen sein könnten. James Hoffmeier gibt auf Seite 124 seines 1996 erschienenen Werkes Israel in and out of Egypt die gängige Auffassung wie folgt wieder:
„Früher war es üblich, die Hebräer mit den habiru zu identifizieren, doch in den letzten Jahrzehnten wurde diese Gleichsetzung zunehmend abgelehnt, vor allem weil habiru inzwischen als ein soziologischer Begriff verstanden wird, der nicht auf eine bestimmte ethnische Gruppe verweist. Neuere Untersuchungen betrachten die habiru konkreter als Gruppen von Flüchtlingen, die außerhalb der Reichweite städtischer, sesshafter Gebiete lebten, diese Gemeinwesen jedoch dennoch gelegentlich ausbeuteten. Diese allgemein anerkannte Bedeutung schließt nicht aus, dass der Begriff habiru auch auf jene Hebräer angewandt wurde, die in Ägypten entwurzelt wurden und später bei ihrer Rückkehr nach Kanaan.“
Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass Hoffmeier die Vorstellung, die Hebräer könnten Habiru gewesen sein, für problematisch hielt – nicht nur, weil die habiru eine soziale Klasse darstellten, sondern auch, weil er offenbar der Ansicht war, dass diese spezielle soziale Gruppe „die braven Bewohner“ der Städte und Gemeinwesen ausbeutete.
Letztlich besteht der Kern des Problems darin, dass die meisten Bibelwissenschaftler keineswegs wünschen, die Hebräer mit den Habiru zu identifizieren.

Nubische und asiatische Sklaven bei der Arbeit, Neues Reich, 18. Dynastie, ca. 1400 vor Chr., Grab von Rekhmire, Ägyptisches Museum Kairo
Selbst George Mendenhall, von dem viele annehmen, er habe diese Identifikation befürwortet, tat dies in Wirklichkeit nicht. In seinem 1973 veröffentlichten Werk The Tenth Generation stellte er die Frage, warum der Begriff Apiru auf die „Israeliten“ angewandt wurde, und beantwortete sie auf Seite 137 wie folgt:
„Der Begriff wurde auf Israel angewandt, weil es eine Kontinuität in vorisraelitischer Tradition gab und eine Geschichte der Weigerung seitens von Dorfbewohnern und Hirten, sich den bestehenden politischen Organisationen ihrer Umgebung anzupassen. Als das politische Reich untragbar wurde und die Ordnung nicht mehr aufrechterhalten konnte, zogen sie sich von jeder Verpflichtung und Beziehung zu diesem Reich zurück und wandten sich stattdessen einem anderen, unpolitischen „Oberherrn“ zu, dessen Verpflichtungen völlig anderer Art und Funktion waren.“
Mit anderen Worten: Die Hebräer waren keine tatsächlichen Habiru, sondern eher „Dorfbewohner und Hirten“, die von anderen als Habiru verleumdet wurden, weil sie sich weigerten, die Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten anzuerkennen. Der „unpolitische Oberherr“, dem sie nach Mendenhalls Vorstellung gehorchten, war selbstverständlich Gott – ein „Oberherr“, an den auch Mendenhall selbst glaubte.
Die moderne Bibelwissenschaft, begründet im 19. Jahrhundert durch deutsche protestantische Theologen, hat seit jeher einen doppelten Charakter. Einerseits haben Bibelwissenschaftler erhebliche Fortschritte darin erzielt, ein realistisches Verständnis dafür zu entwickeln, wann und von wem die Tora verfasst wurde und welches historische Umfeld sie prägte. Andererseits glauben die meisten Bibelwissenschaftler weiterhin, dass im Kern der „biblischen“ Tradition eine göttliche Offenbarung stehe, die nicht nur die ursprüngliche Grundlage des Judentums bildete, sondern auch des Christentums.
Einer der wenigen Bibelwissenschaftler, die sich zu diesem Spannungsverhältnis geäußert haben, ist Niels Peter Lemche, der Autor von Early Israel (1985). Lemche betonte, dass die meisten Bibelwissenschaftler zwar eine skeptische Haltung gegenüber der historischen Darstellung in der Tora einnehmen, zugleich jedoch deren religiöse Ideologie als Ergebnis einer „göttlichen Intervention in die Geschichte“ behandeln. Lemche wies diesen Ansatz zurück und gelangte auf Seite 413 zu folgendem Schluss:
„Daher scheidet es aus, Israels hypothetische religiöse Erfahrung als Ausgangspunkt für eine Untersuchung der frühen Geschichte Israels zu betrachten.“
Da Lemche nicht daran interessiert war, die Habiru gewaltsam in das biblische Narrativ einzupassen, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, sie als die ursprünglichen Hebräer zu betrachten. Auf Seite 427 formulierte er dies folgendermaßen:
„Daher schlage ich als Arbeitshypothese folgendes Szenario vor: Bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und anschließend in der späten Bronzezeit wurden die Bergregionen von einem parasozialen Element „bewohnt“, nämlich den habiru, die aus entlaufenen ehemaligen unfreien Bauern oder Pächterfamilien der kleinen Stadtstaaten in den Ebenen und Tälern Palästinas bestanden.“
Lemche war der Auffassung, dass die Habiru, die ursprünglich kein sesshaftes Element darstellten, sondern vielmehr „gesetzlose Gruppen von Freibeutern“, sich schließlich im Hügelland dessen niederließen, was er „Palästina“ nannte — möglicherweise ab etwa 1200 v. Chr. Er betrachtete ihre Verwandlung in eine „sesshafte Bevölkerung“ als das Ergebnis mehrerer Entwicklungen: die Ausbreitung von Eisenwerkzeugen, die Einführung von Brandrodungslandwirtschaft und die Terrassierung der Berghänge, welche allesamt die landwirtschaftliche Produktivität des zuvor dicht bewaldeten Hügellandes erheblich steigerten.
Doch wie genau und aus welchem Grund wurden die Habiru zu den Begründern der biblischen Tradition? Da Lemche die Exodus-Erzählung für nahezu vollständig mythisch hielt, musste er einen Ursprung der biblischen Tradition innerhalb Kanaans selbst finden. Allerdings war er äußerst zurückhaltend, „gesetzlosen Gruppen von Freibeutern“ die Schaffung einer so angesehenen Tradition zuzuschreiben. Daher argumentierte er auf Seite 434, dass „das Phänomen, das später als spezifisch israelitische Religion bezeichnet wurde, im Kern auf der Isolierung eines besonderen Aspekts der kanaanäischen Kultur beruhte – nämlich dem ethischen.“
Diese kanaanäischen „ethischen Denker“, so fügte Lemche hinzu, müssten aus den „höheren sozialen Schichten“ der kanaanäischen Gesellschaft entstammt sein. Meiner Ansicht nach ist offensichtlich, dass Lemche ebenso wenig wie andere Bibelwissenschaftler bereit war, die Habiru als Urheber anzuerkennen, und sich daher genötigt sah, eine kanaanäische Oberschichttradition zu postulieren – obwohl sich dafür keinerlei Hinweise finden lassen – um die Ursprünge der biblischen Religion zu erklären. Zudem bin ich nicht sicher, ob „ethisch“ tatsächlich der präziseste Begriff ist, um die Religion der Hebräer zu beschreiben; vielleicht wäre „egalitär“ zutreffender.
Ein Bibelwissenschaftler, der ausdrücklich den egalitären Charakter dieser Religion betonte, war Norman Gottwald [ein US-amerikanischer Marxist], der Autor von The Tribes of Yahweh, veröffentlicht 1979. Er formulierte auf Seite 643: „…stellte sich von Beginn an ausschließlich als Religion sozial egalitärer Gemeinschaften dar.“
Gottwald betrachtete die Habiru als Teil der sozialen Bewegung, aus der hervorging, was er „die Religion Jahwes“ nannte – jedoch nicht als deren dominanten Bestandteil. Wie Mendenhall war er der Auffassung, dass die Entstehung Israels in einem Aufstand kanaanäischer „Dorfbewohner“ gegen die Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten wurzelte; im Unterschied zu Mendenhall jedoch glaubte er, dass viele Habiru ebenfalls an diesem Aufstand beteiligt gewesen seien. Er argumentierte auf Seite 408, dass die Grenze zwischen Habiru und Dorfbewohnern „in vielen Fällen wahrscheinlich ziemlich unscharf war und mit dem Zusammenbruch der zentralen Autorität immer undeutlicher wurde“. Mit der Zeit begannen die Habiru, sesshaft zu werden, während die Dorfbewohner anfingen, Selbstverteidigungsgruppen zu bilden. Schließlich:
„In einem hypothetischen Stadium dieser Expansion und der langsamen Annäherung nicht feudaler Gemeinschaften entwickelten sich die Voraussetzungen für eine weiterreichende Einheit. In einem solchen Umfeld nahm das frühe Israel seinen Anfang.“
Dieses Szenario klingt plausibel; doch während es zahlreiche Belege dafür gibt, dass Habiru an bewaffneten Angriffen gegen die kanaanäischen Stadtstaaten beteiligt waren, gibt es kaum oder gar keine Hinweise darauf, dass kanaanäische Dorfbewohner dasselbe taten.
Zudem betrachtete Gottwald die Kultur der Habiru zwar als „egalitär“, doch er war nicht der Ansicht, dass sie die Quelle der „Religion Jahwes“ gewesen sei. Gottwald tendierte dazu, die Belege hervorzuheben, die die Habiru als „Söldner“ beschrieben (oder so interpretiert werden konnten). Damit konnte er argumentieren, dass die Habiru trotz ihrer rebellischen Einstellung und trotz ihres Außenseiterstatus dennoch in das kanaanäische soziale System integriert waren und daher nicht in der Lage waren, eigenständig eine alternative soziale Ideologie zu entwickeln. Diese Ideologie, so glaubte Gottwald, könne nur aus der „Moses-Gruppe“ stammen, die er auf Seite 39 als „eine Mischung aus Viehzüchtern (Schafe, Ziegen, Rinder), Kleinbauern und Fischern, darunter Kriegsgefangene oder Migranten aus Kanaan“ beschrieb. Woher er diese Information bezog, erläuterte Gottwald nicht; ebenso wenig erklärte er, warum er in dieser Aufzählung die Habiru ausließ, von denen bekannt ist, dass sie als Kriegsgefangene nach Ägypten gebracht und als Sklaven in Bauprojekten eingesetzt wurden.
So angreifbar die Arbeiten von Mendenhall und Gottwald und Lemsche auch sein mögen: Sie boten weiterhin zahlreiche zutreffende Einsichten in die Frage nach der Beziehung zwischen den Hebräern und den Habiru. Ihre Bücher erschienen in den 1970-er- und 1980-er-Jahren, zu einer Zeit, als die Erinnerungen an die 1960-er noch lebendig waren. In den letzten Jahrzehnten jedoch, wie Hoffmeier zu Recht feststellte, ist es „entmutigt“ worden, einen Zusammenhang zwischen den Hebräern und den Habiru herzustellen. Gottwald beispielsweise wurde eindeutig von der „Befreiungstheologie“ der 1960-er und 1970-er-Jahre beeinflusst, doch das politische und intellektuelle Klima seit den 1980-er Jahren hat sich deutlich verändert. Die Vorstellung, dass die biblische Tradition aus einer Art Revolution hervorgegangen sei — möglicherweise angeführt von gesetzlosen bewaffneten Gruppen, den Habiru – hat das geringe Interesse verloren, das sie in der Bibelwissenschaft einst besaß.
In Wirklichkeit jedoch sind die Hinweise auf die Identität der Hebräer und der Habiru überwältigend.
Der Grund, weshalb ich diesen Artikel mit einer Darstellung meines eigenen wissenschaftlichen Hintergrunds begann, besteht darin, dass die Leserinnen und Leser verstehen können, warum ich dieser Evidenz aufgeschlossener gegenüberstehe als viele andere. Doch letztlich ist allein die Evidenz entscheidend, und obwohl ich kein Bibelwissenschaftler bin, besitze ich genügend Erfahrung als Historiker, um eine verborgene Wahrheit zu erkennen, wenn ich sie sehe.

Akkadischer diplomatischer Brief, gefunden in Tell el-Amarna. Teil des Corpus der Amarna-Briefe (1550 bis 1070 v. Chr., 18. bis 20. Dynastie). Vorderseite (Obverse),
Aziru an den Pharao, überschrieben: „Eine erklärte Abwesenheit“. Aziru wird in Zeile 2 genannt: „Botschaft (so spricht) Aziru, dein Diener.“ (Akkadisch: Umma 1 A-zi-ru, arad-ka – „So spricht Aziru, dein Knecht.“) Die Amarna-Briefe hatte ich schon am 12.01.2024 erwähnt.
SICHEM
Obwohl Hinweise auf die Habiru überall im Nahen Osten gefunden wurden, stellt die umfangreiche Sammlung von Tontafeln aus Tell el-Amarna in Ägypten bei weitem die wichtigste Informationsquelle dar. Diese Tafeln wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Viele von ihnen bestehen aus Briefen, die im 14. Jahrhundert v. Chr. in akkadischer Keilschrift verfasst und von verschiedenen ägyptischen Vasallenherrschern in Kanaan an den Pharao nach Ägypten geschickt wurden. Die Briefe sind voller Beschwerden über die Habiru, von denen berichtet wird, dass sie einen Aufstand gegen die ägyptische Herrschaft in Kanaan anführten und die Städte jener lokalen Herrscher plünderten, die dem Pharao weiterhin loyal geblieben waren.
In einem dieser Briefe – wiedergegeben auf Seite 200 von Shechem von G. Ernest Wright – erscheint eine Drohung von Abdu-Hiba, dem Herrscher von Jerusalem. Darin fordert er, dass man sich den Habiru anschließen müsse, sofern man nicht verstärkte Unterstützung vom Pharao erhalte. Besonders eindringlich drohte Abdu-Hiba:
Sollen wir nun handeln wie Lab’ayu, der das Land von Sichem den Apiru übergab?
Lab’ayu wird in vielen Briefen erwähnt; er war der Herrscher von Sichem und der wichtigste Rivale Abdu-Hibas im Kampf um die Vorherrschaft im Hügelland Kanaans war. Ob er tatsächlich „das Land von Sichem“ den Habiru übergab, ist ungewiss. Vielleicht übertrieb Abdu-Hiba, vielleicht auch nicht. Wesentlich ist jedoch, dass sein Brief zeigt, dass die Habiru im 14. Jahrhundert v. Chr. einen beträchtlichen Einfluss auf die Region Sichem ausübten. Und der Grund, weshalb dies von Bedeutung ist, liegt darin, dass Sichem zweifellos das wichtigste politische und religiöse Zentrum der Hebräer während ihrer frühen Geschichte war.

Karte Samarias (Samarien) mit Sichem (Shechem) und den östlichen und nördlichen Nachbarn
Zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung Sichems für die Hebräer finden sich in vielen Büchern des Tanach, der hebräischen Bezeichnung (genauer: des Akronyms) für die jüdischen Schriften bzw. das Alte Testament. Im Buch Genesis ist Sichem der Ort, an dem Abraham erstmals das Land Israel betritt und einen heiligen Altar errichtet. Im Buch Josua ist Sichem der Ort, an dem Josua die Hebräer kurz vor seinem Tod versammelt, um mit ihnen einen feierlichen Bund zu schließen, der sie zur Treue gegenüber Gott verpflichtet. Im Buch der Richter ist Sichem der Ort, an den Abimelech — der erste Anwärter auf das Königtum der Hebräer — geht, um seine Kandidatur zu erklären. Und im Ersten Buch der Könige ist Sichem der Ort, an dem Rehabeam, der Sohn Salomos, hingeht, um die hebräischen Stämme zu bewegen, ihn als König anzuerkennen. Als die Stämme stattdessen Jerobeam wählen, macht Jerobeam Sichem zur ersten Hauptstadt des Königreichs Israel. Selbst wenn einige dieser Hinweise vollständig oder teilweise legendären Charakter haben sollten, zeigen sie dennoch, dass Sichem für die Autoren des Tanach ein Ort mit besonderer Bedeutung für die frühen Hebräer war.
Da versammelte Josua alle Stämme Israels gen Sichem und berief die Ältesten Israels, seine Obersten, Richter und Amtleute; und sie traten vor Gott. Und Josua sprach zum ganzen Volk: So spricht der HERR, der Gott Israels: Eure Väter wohnten vorzeiten jenseits des Stroms, Tharah [Terach], Abrahams Vater, und Nahors Vater, und dienten andern Göttern. (Josua 24,1–2)
Diese Hinweise wiegen umso schwerer, als nahezu alle Bücher des Tanach von den Schreibern des Königreichs Juda verfasst wurden, dessen Zentrum Jerusalem war – ein erbitterter Rivale des Königreichs Israel im Kampf um die Herrschaft über die Hebräer. Die Schreiber des Königreichs Juda hatten keinen Grund, die Bedeutung Sichems für die frühe hebräische Geschichte zu übertreiben, zumal Sichem eng mit den Ursprüngen des Königreichs Israel verbunden war. Wenn sie dennoch Material im Tanach aufnahmen – etwa die Versammlung der hebräischen Stämme in Sichem durch Josua, die als Legitimierung des Königreichs Israel interpretiert werden könnte — dann wohl deshalb, weil sie der Ansicht waren, dass die Bedeutung von Sichem in der hebräischen Kultur zu bekannt und zu fest verankert war, um übergangen oder geleugnet zu werden. Diese Bedeutung war nicht nur politischer, sondern auch religiöser Natur, da dort tatsächlich ein Altar errichtet wurde und religiöse Zeremonien im Zusammenhang mit politischen Entscheidungen stattfanden. All dies legt nahe, dass Abdu-Hiba nicht übertrieben hat und dass Lab’ayu den Habiru in der Region Sichem tatsächlich eine formelle Art von Autorität übertrug – eine Autorität, die später zur Grundlage der hebräischen Vorstellung von Sichem als heiligem Versammlungsort wurde.

Siegesstele des Merenptah aus dem Totentempel des Königs der 19. Dynastie in Theben-West, ausgestellt im Ägyptischen Museum in Kairo, Ägypten (Source)
Weitere Hinweise auf die zentrale Rolle des Habiru-Zentrums Sichem in der frühen hebräischen Geschichte stammen von einer ungewöhnlichen Quelle: der sogenannten „Siegesstele“ des Merenptah. Um etwa 1207 v. Chr. errichtete der ägyptische Pharao Merenptah ein Steindenkmal, das seine angeblichen Siege über Libyer und Kanaanäer festhielt. Die spezifischen Regionen Kanaans, die er für erobert erklärte, sind darin geografisch von Süden nach Norden aufgeführt. Nahe dem Ende dieser Liste erscheint ein Verweis auf die „Eroberung“ Israels. Hoffmeier, ein Experte für ägyptische Hieroglyphen, übersetzt den Verweis mit: „Israel ist verwüstet, sein Same ist nicht.“
Anschließend bemerkt er auf Seite 29 seines Werkes „Israel in Egypt“, dass die Position dieses Ortsnamens innerhalb der Liste nahelege: „Die Stämme Israels scheinen hauptsächlich im zentralen Hügelland und in Obergaliläa lokalisiert gewesen zu sein.“
Auch das „Land Sichem“ lag im zentralen Hügelland, im nördlichen Teil, angrenzend an das Jesreeletal und Galiläa. Nadav Na’aman merkt in einem Aufsatz mit dem Titel „The Contribution of the Amarna Letters to the Debate on Jerusalem’s Political Position in the Tenth Century BCE“, abgedruckt im dritten Band seiner Collected Essays, auf Seite 5 an, dass zur Zeit der Amarnabriefe „zwei kanaanäische Königreiche nahezu das gesamte zentrale Hügelland besetzten: Sichem und Jerusalem“.
All dies deutet darauf hin, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. die in der Region Sichem ansässigen Habiru begonnen hatten, sich selbst unter dem Namen Israel zu bezeichnen.
Wann sie diesen Namen annahmen, ist unbekannt; doch es ist plausibel anzunehmen, dass dies nicht lange vor der Ankunft einer kleinen Gruppe Habiru-Flüchtlinge in Kanaan geschah – Menschen, die der Sklaverei in Ägypten entkommen waren und mit sich die Ideologie einer habirischen Herrschaft über das gesamte „Land Israel“ führten.
Dass es zur fraglichen Zeit tatsächlich Habiru-Sklaven in Ägypten gab, wird durch eine Reihe von Quellen belegt, die völlig unabhängig vom Bericht der Tora sind. Hoffmeier verweist auf Seite 113 auf die „Siegesstele“ des Pharaos Amenophis II. aus dem 15. Jahrhundert v. Chr., die die verschiedenen Gruppen von Gefangenen auflistet, welche die Ägypter nach einem erfolgreichen Feldzug in Kanaan und Syrien nach Ägypten brachten. In dieser Liste sind auch 3600 „Apiru“ genannt. Weitere Habiru-Gefangene müssen bei anderen Gelegenheiten erbeutet worden sein, denn aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. liegen Hinweise auf „Habiru“-Sklaven vor, die für die Ägypter bei Bauprojekten arbeiteten. Abraham Malamat zitiert auf Seite 42 seines Artikels in Haim Ben-Sassons Anthologie A History of the Jewish People folgende Inschrift aus der Zeit des Pharaos Ramses II.:
Gib Getreiderationen an die Soldaten und an die Apiru, die Steine für den großen Pylon des Ramses transportieren.
Hoffmeier verweist außerdem auf Seite 115 auf einen Artikel von Ellen Morris, in dem Szenen von Zwangsarbeit auf ägyptischen Wandmalereien beschrieben werden. Hoffmeier fasst Morris’ Befund wie folgt zusammen:
Der Begleittext zur Weinkelterszene im Grab des Intef in Theben bezeichnet die Arbeiter ausdrücklich als Apiru (d. h. habiru).

Weinkelterszene im Grab des Intef (2121 bis 2072 v. Chr.)
Diese Evidenz legt nahe, dass im Bericht der Tora über hebräische Sklaven, die aus Ägypten flohen und sich anschließend in Kanaan niederließen, ein historischer Kern vorhanden sein muss. Allerdings sind die meisten Details der biblischen Darstellung eindeutig legendär. Nach der Tora flohen beim Exodus etwa 600.000 hebräische Männer aus Ägypten. Wenn man Frauen und Kinder sowie das „gemischte Volk“, das sie begleitet haben soll, hinzurechnet, ergibt sich eine Gruppe von mindestens einer Million Menschen, die vierzig Jahre lang in der Wüste von einer angeblich vom Himmel fallenden Nahrung lebten.
Ein wesentlich plausibleres Szenario wäre eine kleine Gruppe von Habiru-Sklaven, möglicherweise einige Hundert, die aus Ägypten flohen, den Sinai rasch durchquerten und sich mit den Habiru zusammenschlossen, die bereits die Region um Sichem kontrollierten. Sehr wahrscheinlich wurden diese Flüchtlinge aus Ägypten tatsächlich von einem Mann namens Moses angeführt; in jedem Fall aber brachten sie offenbar eine neue Ideologie mit sich, die später bei der habirischen Eroberung Kanaans eine entscheidende Rolle spielte.
Ein bedeutsames Detail in diesem Zusammenhang ist die Tatsache — von zahlreichen Bibelwissenschaftlern hervorgehoben -, dass die meisten Mitglieder des Stammes Levi, die in der Tora und im Buch der Richter erwähnt werden, Namen trugen, die ägyptisch klangen. Nach dem Tanach war der Stamm Levi der einzige Stamm, dem kein spezifisches Territorium im Land Kanaan zugewiesen wurde. Er war der Stamm des Mose, und seine ursprüngliche Aufgabe bestand darin, die religiösen Zeremonien der Hebräer zu vollziehen.
Es erscheint wahrscheinlich, dass der Stamm Levi aus jener kleinen Gruppe von Habiru-Sklaven hervorging, die aus Ägypten flohen und sich den Habiru anschlossen, die bereits in Kanaan ansässig waren. Habiru sind nachweislich über einen Zeitraum von mindestens mehreren Jahrhunderten – vom 15. bis zum 13. Jahrhundert v. Chr. — als Sklaven in Ägypten gehalten worden, und es wäre nur natürlich, wenn viele von ihnen in dieser Zeit Sprache und Kultur Ägyptens teilweise übernommen hätten. Doch so weit sie auch assimiliert gewesen sein mögen, die Ägypter bezeichneten sie weiterhin als Habiru – ein Sprachgebrauch, der möglicherweise den sozialen Abstand widerspiegelte, der Sklaven vom übrigen Teil der Gesellschaft sowohl in Ägypten als auch in Kanaan trennte.
Meiner Ansicht nach liegt die größte Schwäche der modernen Bibelwissenschaft darin, dass sie das Thema der Sklaverei nicht angemessen berücksichtigt. Die meisten Bibelwissenschaftler behandeln es so, als sei es ein nebensächlicher oder trivialer Punkt, obwohl zahlreiche Hinweise darauf bestehen, dass viele der Habiru im gesamten Nahen Osten entflohene Sklaven waren. Und in derselben Weise stellen die Bibelwissenschaftler nie die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Verfasser der Tora sich selbst als Nachkommen entflohener Sklaven bezeichnet hätten – wenn dies nicht tatsächlich der Wahrheit entsprochen hätte? Weltweit und zu den meisten Zeiten haftete Menschen, die versklavt waren, ein Stigma an; man nahm an, sie seien nur aufgrund eines Mangels oder Fehlers versklavt worden. Und doch werden Juden jedes Jahr im Rahmen des Pessachfestes daran erinnert, dass ihre Vorfahren Sklaven in Ägypten gewesen seien.
Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Habiru, die Kanaan eroberten, tatsächlich Sklaven in Ägypten gewesen sein konnte, spiegelt diese Tradition dennoch die Realität wider, dass die Habiru als Gruppe zu einem erheblichen Teil aus Flüchtlingen aus verschiedenen Formen der Knechtschaft bestanden.
Alles in allem deuten die bekannten Fakten darauf hin, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. – möglicherweise nach dem Tod von Ramses II. im Jahr 1213 v. Chr. – eine kleine Gruppe von Habiru-Sklaven aus Ägypten floh und sich auf den Weg nach Kanaan machte und dabei drei Dinge mitbrachte:
1. Die Praxis der Beschneidung.
Nach dem griechischen Geographen Herodot zufolge war die Beschneidung ein ägyptischer Brauch. Was immer sie für die Ägypter bedeutet haben mag – für die Habiru wurde sie zu einem Mittel, sich vom übrigen kanaanäischen Umfeld abzugrenzen und ihr Selbstbild von dem einer Gruppe von Außenseitern hin zu dem einer Kriegerelite zu transformieren.
2. Die Verwendung einer alphabetischen Schrift.
Soweit bekannt, wurde die alphabetische Schrift erstmals von semitischen Bergarbeitern entwickelt, die im Dienste der Ägypter in der Sinai-Wüste um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. arbeiteten. Sie ritzten ihre Schriftzeichen in Stein und verwendeten dabei Buchstaben, die teilweise von ägyptischen Hieroglyphen abgeleitet waren. Obwohl häufig behauptet wird, die Hebräer hätten ihr alphabetisches Schriftsystem später von den Kanaanäern oder Phöniziern übernommen, waren es doch am ehesten die in Ägypten lebenden Habiru, die mit diesen semitischen Bergarbeitern im Sinai in Kontakt kamen. Angesichts der Bedeutung, die die Tora der Erzählung von der Niederschrift der Zehn Gebote auf Steintafeln im Sinai beimisst, erscheint es wahrscheinlich, dass es die aus Ägypten geflohenen Habiru waren, die das Wissen um die alphabetische Schrift nach Kanaan brachten.
3. Das Konzept eines Herrschergottes, der auf Seiten der Sklaven und nicht der Sklavenhalter steht.
Die Vorstellung eines höchsten Herrschergottes war in der ägyptischen Kultur wohl entwickelt, doch sie war stets mit der Person des Pharao verbunden, der als irdische Inkarnation dieses oder jenes höchsten Gottes galt. Da die Habiru im Auftrag des angeblichen „Sohnes des Ra“, des Pharao Ramses II., Zwangsarbeit hatten leisten müssen, hatten sie allen Grund, diese Assoziation zurückzuweisen. Ihr Einfluss zeigt sich zweifellos im hebräischen Verbot der Verehrung von Götzenbildern, deren Herstellung eine Spezialität der Ägypter war. Zugleich hatten die Habiru in Ägypten gute Gründe, das ägyptische Konzept eines höchsten Herrschergottes zu übernehmen und für eigene Zwecke umzuformen.
Die hebräische literarische Tradition im Tanach spiegelt offenbar eine Synthese wider: Einerseits die revolutionäre Anpassung ägyptischer Kultur durch die aus Ägypten geflohenen Habiru, andererseits die politische Kultur der bereits in Sichem ansässigen Habiru-Gruppen. Diese politische Kultur spiegelt sich im Tanach insbesondere in der Legende von den Söhnen Israels wider. Offenkundig bot diese Legende einen Mechanismus, durch den sich die im Raum Kanaan aktiven Habiru als Angehörige einer großen Familie identifizieren konnten, die in der Praxis als eine Konföderation von Habiru-Gruppen fungierte und daher einen höheren Grad an Einheit erreichte, als dies zuvor möglich gewesen war.
Dass diese Legende unter den bereits in Kanaan ansässigen Habiru entstand – und nicht unter den aus Ägypten geflohenen Habiru – wird durch mehrere Hinweise nahegelegt.
Merenptahs „Siegesstele“ zeigt, dass die Habiru in der Region von Sichem um jene Zeit bereits allgemein als „Israel“ bekannt waren, als die Flucht aus Ägypten stattfand.
Im Tanach werden die „Patriarchen“ Abraham, Isaak und Israel so dargestellt, dass sie Ansprüche auf das Land Kanaan erhoben – und zwar bereits vor und unabhängig von dem Anspruch, der mit Mose und dem Exodus verbunden ist. Darüber hinaus scheint es so, dass die tatsächlich aus Ägypten geflohenen Habiru von den Habiru in Kanaan schlicht als ein weiterer Stamm behandelt wurden: der Stamm Levi, dem bekanntlich kein eigenes Territorium zugewiesen wurde. Zweifellos verfügten die Leviten aufgrund ihrer religiösen Rolle und ihrer Glaubensvorstellungen über eine gewisse Autorität gegenüber den anderen „Stämmen“. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass sie in eine bereits bestehende politische Ordnung integriert wurden, anstatt eine neue politische Struktur zu begründen.
Allerdings dürfte es für die Habiru in Kanaan ebenso offenkundig gewesen sein wie es den Bibelwissenschaftlern heute ist, dass die Erzählung von den Söhnen Israels mit ihrem Status als Habiru unvereinbar war. Mitglieder verstreuter Gruppen von Geflüchteten konnten unmöglich in irgendeinem nennenswerten Umfang miteinander verwandt gewesen sein – geschweige denn alle von den zwölf Söhnen eines einzigen Vaters abstammen. Um zu „den Söhnen Israels“ zu werden, mussten sie daher aufhören, Habiru zu sein, oder zumindest aufhören, so bezeichnet zu werden. Alles deutet darauf hin, dass sie genau dies bewusst anstrebten – angetrieben von der Tatsache, dass sie schon zuvor nicht gerne als Habiru bezeichnet worden waren.
To be continued.
Frontberichte
Afrika-Front
Die Nigerianer haben jetzt „Palästina“ entdeckt – mit den üblichen Folgen. Har har.
Kennt das Publikum den afrikanischen Bürgerrechtler Adolf Hitler?
Cyberfront
Deutschland macht jetzt cyber mit Israel. Oder umgekehrt. Man weiß ja nie.
Jetzt hängt sie Sicherheit Deutschlands von Israel ab. Ich denke, wir haben eine eigene Rüstungsindustrie? Was machen die eigentlich beruflich dort?
Naher-Osten-Front
Ich muss noch mal mit Israel um die Ecke kommen. Vielleicht sollte ich eine Partei in Israel gründen: Partei zionistischer atheistischer nicht-Hebräisch-sprechender ausländischer Gojim (PZANHSAG). Auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an – die haben dort schon unzählige Parteien.
„Laut einer von Channel 12 in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage sähen die Ergebnisse der Knesset-Wahlen bei einer heutigen Wahl wie folgt aus:
– Likud – 27 Sitze [Partei Netanjahus],
– Bennett 2026 – 22 Sitze [neu gegründet],
– Demokraten (Arbeiterblock und Meretz) – 10 Sitze [klassische „Linke“],
– Yisrael Beiteinu – 9 [konservative, aber zionistische und säkulare Partei vor allem der russischen Einwanderer),
– Shas – 9 [sephardisch und religiös],
– Yesh Atid – 9 [liberal-konservativ],
– Yashar (Gadi Eisenkots Partei) – 8,
– Utzma Yehudit – 8 [ultrarechte Kahanisten],
– Yahadut HaTorah – 8, [ultraorthodox, keine Zionisten]
– Hadashin Ta’al – 5 [Arabische Israelis],
– Ra’am – 5 [Vereinigte Arabische Liste].
– Kahol Lavan (Gantz‘ Partei),
– Miluimniki (Yoaz Hendels Partei) [Partei der Reservisten],
– Yossi Cohens Partei, die Arabische Balad und Smotrichs Zionut HaDatit verfehlen die Wahlhürde.
Die aktuelle Koalition verfügt über 52 Sitze, die Opposition über 58 und die gemeinsame arabische Liste über weitere 5. Die arabischen Parteien haben insgesamt 10 Sitze.“
Das finde ich überraschend. Die religiösen Zionisten stellen immerhin den Finanzminister. Der scheint sich nicht beliebt gemacht zu haben. Auch Benny Gantz, der sogar im Kriegskabinett Netanjahus saß, ist abgestürzt.
Für mich sieht das so aus, als wenn Netanjahu der nächste Premierminister würde. Die „Linke“ kann mit den Rechten nicht, und der kann mit allen, die ihm die Macht sichern. So einfach-machiavellistisch ist das.
Bei der Hisbollah ist wieder eine Stelle frei. Befristet. Wie lange? Das weiß nicht die Hisbollah, sondern der Mossad.
Übrigens kann man in Gaza jetzt IPhones kaufen.
Ostfront
„Ukraine and the USA in Geneva failed to reach an agreement on the withdrawal of the Armed Forces of Ukraine from Donbas and on Kiev’s aspiration to join NATO — Ukrainian media.“
Na sowas.
Es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande – Israel Museum III

Stele eines bärtigen Mannes, bewaffnet mit einem Dolch. Nördliche Arabische Halbinsel (Jordanien oder Saudi-Arabien), Frühbronzezeit, 4. Jahrtausend v. Chr., Kalkstein
Hier – Überraschung! – noch mehr Fotos von meinem Besuchs des Israel Museums in Jerusalem am 11.10.2025.
„Diese beeindruckende Stele zeigt einen bärtigen Mann, der ein Stirnband um den Kopf und eine lange Halskette trägt. Drei parallele Bänder, die von einem länglichen Gegenstand durchtrennt werden, erscheinen auf seiner Brust und seinem Rücken, und ein doppelschneidiger Dolch, der an einem Gürtel befestigt ist, hängt von seiner Taille.
Ähnliche Stelen wurden auf der gesamten Arabischen Halbinsel entdeckt, von Südjordanien bis Jemen. Alleinstehend oder in Gruppen in der Nähe von Gräberfeldern oder Heiligtümern gefunden, könnten sie Götter, Helden oder Personen mit hohem gesellschaftlichen Status dargestellt haben und eine Rolle in rituellen Handlungen gespielt haben. Solche Stelen – von denen diese das einzige lebensgroße, vollständig erhaltene Exemplar ist – gehören zu den bemerkenswertesten künstlerischen Leistungen der Übergangszeit vom Chalkolithikum zur Frühbronzezeit im Alten Vorderen Orient.“

Dolche und Schwerter aus Bronze, Akko und Tell al-Ajjul (auch: Tell al-ʿAdschūl, bei Gaza, 15.-14. Jahrhundert vor Chr.)
Auch hier kommen wir schnell von Hölzken auf Stöcksken. Fundort Gaza: Erstaunlich, was dort früher alles ausgegraben wurde – von neolithischen Feuersteinwerkzeugen über Siedlungen aus der frühen Bronzezeit bis zu römischen Friedhöfen.
„Von den Ausgrabungen Flinders Petries auf dem Tell al-ʿAdschūl (1930–1934) war schon Anfang der 1980er Jahre „so gut wie nichts“ mehr zu sehen: „Quer über den Tell wurde ein zusammenhängendes Stück Ackerland mit dem Trax planiert. Dadurch sind archäologische Schichten angeschnitten und viel Scherben freigelegt worden.“
„Die bedeutende archäologische Stätte war 2021 überbaut und muss als verloren gelten. Im Jahr 2017 ließ das Hamas-geführte Innenministerium von Gaza einen großen Teil des Grabungsgeländes des Tell es-Sakan für den Wohnungsbau und eine Militärbasis planieren.“
So viel zum Thema „palästinensische Geschichte“.
Viele der gefundenen Objekte aus Gaza wurden in europäische und Museen der USA gebracht. Der Gazaner Bauunternehmer Jawdat Khoudary hatte sich ein eigenes Museum eingerichtet mit mehr als einem halben Tausend Artefakten. „Die Hamas-Regierung untersagte allerdings die Ausstellung von bestimmten Skulpturen, wie etwa die einer von Tauchern aufgefundenen, vollständig erhaltenen Aphrodite, aber auch von Menorot.“
Die UNESCO hat sich darüber auch nicht beschwert, auch nicht über den Tunnelbau der Hamas, wohl aber über Israel. „Das Museum wurde 2023 bei einem Luftangriff weitgehend zerstört, der Verbleib der Sammlung ist unklar.“
Ich weiß nicht, wann die historisch bewanderten Leserinnen und die geschichtskundigen Leser zum letzten mal etwas von der Eisenzeit gehört oder gelesen haben und zu welchem Ende wir diese studieren. Ich musste erst nachsehen: „Die Eisenzeit beginnt im Nahen Osten um 1200 v. Chr. mit dem Untergang des hethitischen Reiches, in Nordeuropa reicht sie von etwa 750 v. Chr. bis 1025 n. Chr..“
In Nordwesteuropa hat man erst ein halbes Jahrtausend später als im „fruchtbaren Halbmond“ damit begonnen, Eisen für Gerätschaften und Waffen zu herzustellen. (Bonus: Die Eisenzeit in China begann deutlich später als in vielen Regionen Westasiens und Europas. Um ca. 600 v. Chr. erste nachweisbare Nutzung von Eisenobjekten (meist aus Gusseisen, eine chinesische Besonderheit). In manchen Regionen bereits ab ca. 800-700 v. Chr. sporadische Funde. Während der Frühlings- und Herbstperiode (770–476 v. Chr.) und Zeit der Streitenden Reiche (475–221 v. Chr.) setzt sich Eisen als alltägliches Material durch.)
Man fragt sich natürlich, was genau der Unterschied ist zwischen bronzenen Waffen wie auf dem Foto und denen aus Eisen. Unser unermüdlicher virtueller Helfer aka KI weiß darauf natürlich eine tabellarische Antwort:
| Kategorie | Bronze | Eisen |
|---|---|---|
| Härte | geringer | höher |
| Bruchfestigkeit | spröde | zäh |
| Gewicht | schwerer | leichter |
| Herstellung | gegossen | geschmiedet |
| Klingenlänge | kürzer | länger |
| Kampfeffizienz | begrenzt | überlegen |
Und Abram durchzog das Land bis zur Stätte Sichem, bis zur Terebinthe More. Es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande. (Genesis 12,V. 6)
Löwenkampfszenen seien typisch für die Kunst des nordwestsemitischen Kulturraums, behauptet die KI. Die Stele passe sehr gut zur Kunst der Neohethitischen KönigreicheSam’al (ein aramäischer Stadtstaat, in der heutigen Türkei), Karkemiš (Stadt am Euphrat, dito), Melid, ca. 1000–800 v. Chr., oder der Aramäer (Damaskus, Bit-Hadad), 11.–9. Jh. v. Chr.. Die Kunst der Kanaaniter und der frühen Israelitischen Königreiche sei nah verwandt. Die Figuren an der Wand zeigen typische kanaanitische Kleidung.

Das Land der Aramäer (Syrien & Mesopotamien) des Kartographen Jodocus Hondius, 1607 in Amsterdam: „Paradisus (verso text Itinera Deserti)“, Amsterdam
„Im 9. Jahrhundert v. Chr. begann das Assyrische Reich, sich im gesamten Alten Vorderen Orient zu etablieren, und gewann die Kontrolle über große Teile der Region, einschließlich Israel und Juda. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. rebellierten Israel und Juda. Die Assyrer reagierten darauf, indem sie das israelitische Königreich zerschlugen und es in kleine Provinzen aufteilten. Jerusalem wurde verschont, aber die Assyrer zerstörten viele Städte des Tieflands von Juda, darunter Lachisch. Darauf folgte eine Zeit regionaler Stabilität unter assyrischer Herrschaft, die zu wirtschaftlichem Wohlstand und intensivem internationalen Handel führte.
Das Babylonische Reich eroberte Assyrien am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. und übernahm die Territorien, die es verwaltet hatte.
Im Jahr 586 v. Chr. rückte das babylonische Heer unter König Nebukadnezar II. gegen Juda vor, eroberte Jerusalem und verschleppte einen großen Teil der Bevölkerung nach Babylon. Die Zerstörung des Königreichs Juda beendete eine etwa vierhundertjährige Phase politischer und religiöser Unabhängigkeit.“

Ketef Hinnom, Jerusalem, spätes 7. – frühes 6. Jahrhundert v. Chr., Silber (Mein Foto ist leider ein bisschen unscharf.)
Diese beiden Silberamulette enthalten die ältesten bekannten Abschriften eines biblischen Textes, die wir heute besitzen. Sie sind etwa vierhundert Jahre älter als die Schriftrollen vom Toten Meer.
Die Amulette, beschriftet in der althebräischen Schrift, wurden zu winzigen Schriftrollen zusammengerollt und in einer Grabhöhle in Jerusalem gefunden. Sie wurden mit einem scharfen, dünnen Griffel eingeritzt, kaum breiter als ein Haar; deshalb ist die Entzifferung der Inschrift schwierig. Der untere Teil der Inschrift wird als eine Version von Numeri 6, 24–26 [4. Mose] identifiziert:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Diese Formel, die Teil der jüdischen Liturgie ist, ist als der „Priestersegen“ bekannt (den Luther für die Protestanten geklaut hat).
Die Grabhöhlen, in denen die Rollen lagen, wurde von der Eisenzeit bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. genutzt. Die meisten der über 1000 Fundstücke wurden ins 7. bis 5. Jahrhundert v. Chr. datiert, was eine Datierung der Silberrollen in die hellenistische oder hasmonäische Zeit unwahrscheinlich macht. (…) bestätigten Untersuchungen der University of Southern California daraufhin, dass die Kunststücke tatsächlich bereits im 7. Jahrhundert v. Chr., einige Jahre vor der Eroberung Jerusalems 586/587 v. Chr. angefertigt wurden.
To be continued…

Teile von Schuppenpanzern und Pfeilspitzen, Hazor, 13. Jahrhundert v. Chr., Bronze
Uralte Boote und Mädels und mehr – Israel Museum II

Modell eines Bootes, des wichtigsten Transportmittels im alten Ägypten, mit Steuerpaddel, Mast, einer Mannschaft von Ruderern und einem Steuermann. Bemaltes Holz, 21.–20. Jahrhundert v. Chr. [!]. Schenkung von Milly und Arne Glimcher, New York, an die American Friends of the Israel Museum.
Hier mehr Fotos anlässlich meines Besuchs im Israel Museum in Jerusalem am 11.10.2025.

Bestattung einer Frau und eines Hundes (Abguss), EynanHula-Tal [aka Chula-Ebene]. Frühe Natufien-Kultur, vor 14.500 (!) Jahren. Dauerleihgabe des Französischen Forschungszentrums in Jerusalem
Mir macht es Spaß, im Nachhinein Quellen und Fakten zusammenzusuchen. Das ist mühsam, aber während des Museumsbesuches hat man keine Zeit dazu, und die Guides sind oft nur oberflächlich. Falls die der Archäologie kundigen Leserinnen und des Ausbuddelns uralter Artefakte geübten Leser das nicht interessiert, rege ich das Weiterzappen an.

Horvat Duma, Judäische Berge; unbekannte Fundstelle. (Auch die Bibelforscher kommen auf ihre Kosten: Die Orte Arab, Duma, Eschan werden in Josua 15,52 erwähnt.) Tahunische Kultur, vor 9.000 Jahren. Kalkstein; Kreide. Schenkung von Wilma und Laurence Tisch, New York, Käufer der Dayan-Sammlung; Israelische Antikenbehörde
Die Maske ist ein universeller Schatz. Ihr komplexer Ausdruck, eine für alle neolithischen Steinmasken charakteristische Mischung aus Ruhe und Furcht, bildet die Grundlage für die ihnen innewohnende magische Kraft: die Fähigkeit zur Verwandlung. Dank dieser Eigenschaft dienen Masken als Vermittler zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Welt und ermöglichen ihren Trägern den Übergang von einer Realität in eine andere.
Diese geschnitzten menschlichen Gesichter gehören zu einer kleinen, seltenen Gruppe von Steinmasken, die als die ältesten Masken der Welt gelten. Die Ähnlichkeit zwischen den Masken und den verputzten Schädeln weist auf die Möglichkeit hin, dass die Masken die Geister der Ahnen darstellten.
Pointe und Bonus: Die Examplare stammen aus der Sammlung Mosche Dajans: „Er verfasste einige Bücher und war als Amateur-Archäologe bekannt. Er geriet mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt, weil er mit Unterstützung seiner Soldaten illegale Grabungen ausführte.“
[Einschub] Auch hier kommt man gleich von Hölzken auf Stöcksken. Mosche Dajan war an der hier schon erwähnten Operation Altalena beteiligt. „1977 geschah etwas Beispielloses in der politischen Geschichte Israels: Die Arbeiterpartei, die 29 Jahre an der Macht war, verlor die Wahlen. Ministerpräsident wurde der rechte Politiker Menachem Begin – derselbe, dessen Soldaten 1948 zum Tel Aviver Damm «Altalena» führten. Einer der Kommandeure, die dann auf Begins Kämpfer feuerten, war Dayan. Begin wusste das. Und doch bot er Dayan bei der Regierungsbildung einen der angesehensten Posten an – den des Außenministers.“

Kefar Samir. Wadi Rabah Kultur Das Gefäß ist rund 7.000 Jahre alt.
Auch hier: Wo man seinen Fuß in Israel hinsetzt, steht man auf Geschichte, die in paar Jahrtausende zurückreicht und deren Orte sehr oft durch die Bibel überliefert wurden. Ich weiß nicht, ob es noch eine andere Gegend in der Welt gibt, in der es so etwas existiert – archäologische Funde und gleichzeitig schriftliche Überlieferungen – vermutlich nur in China. (Dort geht es gleich 40.000 Jahre zurück – da können noch nicht einmal die Ägypter mithalten.)

Frauenfigur aus der Be’er-Scheva-Kultur, vor 6.500–5.500 Jahren
Den Tell Be’er Scheva würde ich gern auch besuchen; die archäologische Fundstätte sieht interessanter aus als die in Jericho.

Ausgewählte Ossuare, Bestattungsbehälter und Räuchergefäße aus einer Grabhöhle Peqi’in, vor 6.500–5.500 Jahren, bemalte Keramik
Eine ungewöhnliche chalkolithische Grabhöhle wurde im Dorf Peqi’in in Obergaliläa entdeckt. Diese schmale, mit Stalaktiten besetzte Höhle ist 17 m lang und 7 m breit und besitzt drei verschiedene Ebenen.
Die Peqi’in-Höhle liegt in Obergalliläa in Nordisrael und gehört zu den wichtigsten chalkolithischen Fundorten (Kupfersteinzeit, ca. 4500–3500 v. Chr.) der Levante. Obwohl sie in der Antike geplündert wurde, enthielt die Höhle außergewöhnlich viele Objekte: über 400 Skelette, zahlreiche Ossuare (Knochenkästen), einzigartige Keramik-Behälter. Die Menge an Funden ist sehr ungewöhnlich.
Die Höhle war offenbar nicht die Grabstätte eines einzigen Dorfes, sondern ein regional genutzter Bestattungsplatz für mehrere Siedlungen, eine Art „übergeordneter Friedhof“ der Region.
Die Chalkolithische Kultur ist bekannt für bemalte Keramik, anthropomorphe (menschliche) und zoomorphe (tierartige) Behälter und komplexe Bestattungstraditionen. Die Objekte aus Peqi’in gehören zu den besten Beispielen dieser Kunst. Die Menschen dieser Epoche praktizierten Sekundärbestattungen, das heißt: Knochen wurden nach dem Verwesungsprozess gesammelt und in Ossuaren platziert.

Exemplare aus dem Nachal- Mischmar-Schatz, 3.500 vor Chr.
„Dieser Hort, bestehend aus Dutzenden außergewöhnlicher Kupfergegenstände, wurde in einer natürlichen Nische entdeckt, die sich hoch oben an einer Klippe im oberen Teil des Nahal Mishmar befindet – im Tal südlich von der Oase Ein Gedi. [Steht auch noch auf meiner To-Do-Liste. Da ist schwer hinzukommen, und die Übernachtungsmöglichkeiten sind teuer.]
Die Gründe für das Verstecken des Schatzes sind nicht bekannt. Möglicherweise wurde er während einer Krise versteckt, oder er gehörte einer religiösen oder gesellschaftlichen Elite, die im Gebiet lebte oder dort Rituale vollzog. Dieser einzigartige Fund von Kupferobjekten ist einer der bedeutendsten prähistorischen Entdeckungen des Landes.“
Viele der Kupferobjekte sind in komplexen Gussformen aus verlorenem Wachs hergestellt worden, was auf ein noch nicht erkanntes Vorstadium technischer Fertigkeiten schließen lässt.
„In dieser Region wurden vor 6.000 Jahren zwei Methoden des Metallgusses angewandt, und beide sind in den Objekten aus dem Hort von Nahal Mishmar gut zu erkennen.
Bei der einfacheren Methode wurde reines, lokal gewonnenes Kupfer in eine offene Form gegossen, um Beile, Äxte und Meißel herzustellen.
Der Großteil der Objekte im Hort jedoch wurde aus Legierungen gegossen, die durch das „Wachsausschmelzverfahren“ (lost-wax technique) hergestellt wurden. Dieses Verfahren erforderte nicht nur reiche Erfahrung und ein hohes handwerkliches Können, sondern auch die Verwendung hochentwickelter Legierungen, die vermutlich aus entfernten Regionen importiert wurden.
Der Hort bezeugt das Vorhandensein gut entwickelter Metallbearbeitung, weitreichender Handelskontakte und eines erstaunlich hohen Niveaus künstlerischer Fähigkeiten bei den Handwerkern dieser Region bereits zu diesem frühen Zeitpunkt.“
„Ein kleines Heiligtum wurde in der Festung von Arad [dito, wie Ein Gedi] an der südlichen Grenze Judas entdeckt – das einzige je gefundene judäische Heiligtum außerhalb von Jerusalem. Wie die meisten altorientalischen Kultstätten, einschließlich des Tempels in Jerusalem, bestand es aus mehreren Bereichen, die eine Rangordnung der Heiligkeit widerspiegelten.
Ganz im Inneren befand sich das Allerheiligste, mit einem glatten Steinmonolithen (biblisch Massebah), der möglicherweise die Gegenwart Gottes symbolisierte, und zwei Altären, die noch die Reste des letzten dort dargebrachten Räucherwerks trugen.
Das Heiligtum wurde absichtlich zerstört in der Zeit des Königs Hiskia, der alle öffentliche Verehrung außerhalb des Tempels in Jerusalem abschaffen wollte.“
Irgendwie kenne ich das Verehren von Steinen oder Monolithen auch aus einer anderen Religion…
Tools, Steine, Scherben – Israel Museum I
Hier Fotos anlässlich meines Besuchs im Israel Museum in Jerusalem am 11.10.2025.
Heute kann man zum Glück ChatGPT fragen, wenn man vergessen hat, welches Objekt was zu bedeuten hat. Ich hatte einen Guide, aber die Dame war schon uralt und ein bisschen tüddelig und verlor manchmal den Faden.
Das Museum ist so riesig (innen so groß wie acht Fußballfelder), dass man mehrere Tage brauchte, um alles zu sehen – und man verläuft sich. Ich war fast ausschließlich in der archäologischen Abteilung.
Das Besondere in diesem Museum ist, im Gegensatz etwa zum Louvre (in dem ich irgendwann in den 60-er Jahren war) und dem British Museum, dass es sich bei den Artefakten nicht um „Raubkunst“ handelt, wie die Woken das formulieren würden, sondern dass alles „um die Ecke“ ausgebuddelt wurde.
Es fühlt sich anders an, ob man in eine Ort ist wie Jerusalem, der schon ein paar tausend Jahre besiedelt wurde (oder gar in Jericho oder Tyros) oder in Berlin, das eineinhalb Jahrtausende, nachdem es schon laut einer aramäischen Quelle ein „Haus David“ in Israel gab, noch ein wendischen Dorf war.

Arad, frühes 6. Jahrhundert v. Chr., Tinte auf Keramik
Foto oben: Dieser althebräische „Brief“ enthält die früheste außerbiblische Erwähnung von Salomos [der vermutlich keine historische Person ist, auch wenn mich jetzt 2,3 Milliarden Christen und 16 Millionen Juden hassen] Tempel. Es wurde geschrieben, als der Tempel noch stand, und stammt aus der gleichen Epoche wie die letzten Könige von Juda (z. B. Zedekia, *618; †nach 586 v. Chr.)
Der Brief wurde aus Jerusalem gesandt und ist eine Antwort an den Kommandanten der judäischen Festung in Arad, der nach einer bestimmten Person gefragt hatte. Der Autor versichert dem Kommandanten, dass der Mann wohlauf sei, und informiert ihn, dass er sich im „Haus Gottes“ (dem Tempel) befindet. Vielleicht suchte der betreffende Mann dort Zuflucht.
An meinen Herrn Eljaschib, möge der Herr dein Wohlergehen suchen, und nun: Gib Schemaryahu einen lettekh [vermutlich Maßeinheit], und den Kerosi [vermutlich eine nicht-hebräische Elitetruppe von Söldnern] gib einen homer [Maßeinheit für Getreide], und was die Angelegenheit betrifft, die du mir aufgetragen hast – es steht gut; er ist im Haus Gottes.
Ich finde so etwas immer total abgefahren, auch den winzigen Männerkopf auf dem Foto unten:

Kopf einer Statue, die einen König darstellt, Abel Beth Maacah, 9. Jahrhundert v. Chr., Fayence (glasierter Ton)
Dieser einzigartige Statuenkopf gibt seit seiner Entdeckung im Jahr 2017 in einer Festung auf dem Gipfel des Tel Abel Beth Maacah im Norden Israels weiterhin Rätsel auf. Sein eleganter Stil lässt keinen Zweifel daran, dass er eine bedeutende Persönlichkeit darstellt, wahrscheinlich einen König. Doch da er an der Grenze von drei verschiedenen antiken Königreichen gefunden wurde, wissen wir nicht, ob er König Ahab von Israel, König Hasaël von Aram-Damaskus oder König Ittobaal von Tyros darstellt, Herrscher, die aus der Bibel und anderen Quellen bekannt sind.
Ich hatte vergessen, mir zu den Sarkophagen Notizen zu machen. Die KI weiß mehr (von mir umformuliert):
Die Objekte auf deinem Foto sind anthropoide Ton-Sarkophage aus Deir el-Balah [Gaza] und eines der eindrucksvollsten Fundensembles im Israel Museum (Archäologie-Flügel).
Es handelt sich um tonneförmige, menschenförmig gestaltete Särge aus Ton (Terrakotta), die im späten 13.–12. Jahrhundert vor (!) Chr. in der südlichen Levante verwendet wurden. Sie gehören zu einer einzigartigen lokalen Tradition, die ägyptische Einflüsse mit regionalen Stilelementen verbindet.
In Deir el-Balah entdeckte man eine große Gräberanlage mit Dutzenden solcher Särge, teilweise mit reichhaltigen Grabbeigaben. Die Gesichter und Details sind modelliert oder aufgesetzt, oft mit stilisierten Frisuren, Masken oder ägyptisch anmutenden Insignien.
Im späten Bronzezeitalter (ca. 1400–1200 v. Chr.) stand die Region unter ägyptischer Kontrolle. Die Elite in Deir el-Balah orientierte sich deshalb an ägyptischen Bestattungsformen, aber statt Stein oder Holz wie in Ägypten benutzte man Ton, und viele Details wirken eher lokal oder „kantiger“, nicht rein ägyptisch.
Einige Forscher vermuten, dass es sich um Angehörige der sogenannten Seevölker handeln könnte, die in ägyptischen Quellen erwähnt sind.
Diese Sarkophage gehören zu den seltensten Grabformen im östlichen Mittelmeerraum und zeigen die Mischkultur der Spätbronzezeit: kanaanäisch und ägyptisch und mögliche Einflüsse der Seevölker.
(Übrigens: Das deutsche Wikipedia schlägt Deir al-Balah dem real gar nicht existierenden „Staat Palästina“ zu.)

Weibliche Figur, Berekhat Ram, Golanhöhen, vor 233.000 Jahren, Skoria (vulkanisches Gestein)
„Das Merkmal, das den Menschen mehr als jedes andere vom Rest der Tierwelt unterscheidet, ist seine Fähigkeit, verbale Symbole (Sprache) und visuelle Symbole (Kunst) zu schaffen.
Diese weibliche Figur, die vor fast einer Viertelmillion Jahren geschaffen wurde, ist das älteste Kunstwerk der Welt.
Sie zeigt, dass die Ursprünge der Kunst tatsächlich Hunderttausende von Jahren früher liegen, als wir bisher angenommen hatten.“ (Beschilderung im Museum)
Die 3,5 cm große Figur – die Venus von Berekhat Ram – wurde 1981 auf den Golanhöhen (heute Israel) entdeckt und besteht aus Skoria, einem porösen vulkanischen Gestein.
„Bei der Figur handelt sich um einen 35 mm langen, 25 mm breiten und 21 mm dicken roten Tuff, der drei Vertiefungen aufweist, die vermutlich mit einem scharfkantigen Stein eingekerbt wurden. Eine Vertiefung führt rund um das schmalere Ende, zwei weitere verlaufen die Seiten hinunter und werden als Hals bzw. Arme angesehen. Eine detaillierte SEM-Analyse der Figur und von natürlichen und experimentell bearbeiteten Tuff-Brocken aus derselben Fundstelle lassen Francesco d’Errico und April Nowell zu der Schlussfolgerung kommen, dass die Ritzlinien anthropogen sind.“
Heute keine Orangenernte

Blick auf Jericho, Westjordanland, Israel [sic], vom Berg der Versuchung
Jerusalem Post: „Security forces block left-wing activists‘ entry into West Bank for Palestinian olive harvest“.
„Seven buses carrying hundreds of left-wing activists and volunteers attempting to enter the olive harvest area in Burin were blocked by security forces outside of Ariel in the West Bank, Israel Police stated on Friday.“
Da bin ich aber froh, dass ich in Jericho keine Orangen ernten wollte.
By the way: Was bedeutet eigentlich genau „left wing“ in Israel? Die CPI? Die Hadash? Die ehemalige PKP? Die Mapai?
„Are you with Israel?“

Auf dem Highway 4 im Südwesten Israels – im Hintergrund Aschdod
Prolog: Es fiel mir ziemlich schwer, diesen Beitrag zu schreiben. Ich habe das immer vor mir hergeschoben. Was ich am letzten Tag meiner Israel-Reise bei der Gaza Envelope-Tour gesehen habe, war das Schrecklichste und Erschütternste in meinem ganzen Leben. Ich habe schon viel gesehen, und war auch in mehreren Konzentrationslagern.
Die Fotos sind zum Teil in hoher Auflösung, so dass man die Details erkennen kann.
Die Tour ging von Tel Aviv zunächst nach Sderot, das nur einen Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt ist. Dann den Highway 232 entlang, der parallel zur Grenze nach Gaza verläuft und seit der Terrorattacke des 7. Oktober 2023 „die blutige Straße“ genannt wird, weil diese mit Blut und Leichen übersät war. Dann bis zum Nova Festival Memorial, das westlich des Highways ungefähr zwischen Kibbutz Kissufim und Re’im liegt.
Sderot hatte am meisten unter Raketenangriffen zu leiden; die Vorwarnzeit betrug nur 15 Sekunden, war also de facto gar nicht vorhanden. Jedes Haus hat einen Bunker. Die bräunliche Fläche auf dem Foto oben ist so ein Anbau eines Schutzraums an einem älteren Haus. Sogar neben jeder Bushaltestelle ist ein Bunker (unteres Foto).

Kurze Zusammenfassung der Ereignisse am 07.10.2023
„Die Stadt Sderot sah sich seit der Zeit vor der Gründung des Staates Israel mit Angriffen aus dem Gazastreifen konfrontiert. Seit 2001 wurden aus dem Gazastreifen Tausende Raketen auf die Stadt abgefeuert.
Am Morgen des 7. Oktober 2023 erlebte Sderot den schlimmsten Angriff seiner Geschichte, als die Terrororganisation Hamas einen groß angelegten Angriff gegen Israel startete. Hunderte von Raketen wurden abgefeuert, während Dutzende Terroristen in israelische Städte entlang der Grenze eindrangen.
Die Stadt Sderot wurde zu einem der ersten Ziele des Angriffs. Terroristen drangen mit Fahrzeugen in die Stadt ein, eröffneten das Feuer auf Passanten und Polizisten und töteten Zivilisten auf den Straßen. Bilder und Videos, die kurz darauf in den Medien und sozialen Netzwerken verbreitet wurden, zeigten die Verwüstung und Brutalität des Angriffs.
Die Stadtverwaltung von Sderot und ihre Bewohner begannen sofort mit der Rettung und Evakuierung von Überlebenden, während Sicherheitskräfte die Terroristen bekämpften. In den Tagen nach dem Angriff wurde Sderot zu einem der ersten Orte, an denen eine umfassende Rettungs- und Säuberungsaktion stattfand, im Rahmen der Bemühungen, die Ordnung wiederherzustellen.

Das Gebäude der Polizeistation von Sderot wurde nicht wieder aufgebaut. Dort ist jetzt eine Gedenkstätte.
Sderot wird für immer den Schmerz und die Erinnerung an seine Söhne und Töchter tragen, die ihr Leben verloren haben. Die Stadt wird den Geist der gegenseitigen Verantwortung und der Stärke in Ehren halten, den ihre Bewohner und Verteidiger gezeigt haben, als sie für ihre Gemeinschaft, ihre Heimat und ihre Familien kämpften.“
Der Kampf um die Polizeistation von Sderot
„Die Polizeistation von Sderot war ein Hauptziel der Terroristen am Morgen des 7. Oktober, als 26 bewaffnete Terroristen ihren Weg zur Station fanden, die als Symbol der israelischen Autorität und Sicherheit in der Stadt galt.
„Wir werden angegriffen!“ – das war die Nachricht, die um 06:48 Uhr von der Polizeiwache gesendet wurde, als massives Gewehrfeuer auf das Gebäude gerichtet wurde. Die Terroristen eröffneten das Feuer auf Sicherheitskräfte und Polizisten, die sich im Gebäude verschanzt hatten.
Kräfte aus dem südlichen Distrikt, Kämpfer der israelischen Grenzpolizei, der Nationalen Anti-Terror-Einheit Yamam und der Spezialeinheit Yasam der Polizei von Sderot sowie ein Team der Grenzpolizei trafen vor Ort ein. Unter den Kämpfern befanden sich auch Studenten der Hochschule Hadar, Soldaten, die in der Nähe dienten, und Zivilisten, die sich bewaffneten, um die Polizei zu unterstützen.
Die israelischen Kräfte gerieten in ein Feuergefecht mit den Terroristen aus dem Gebäude heraus, während aus der Luft präzise Schläge auf das Gebäude durchgeführt wurden. Schließlich wurde die Station von israelischen Sicherheitskräften geräumt, die Leichen der Terroristen wurden geborgen, und das Gebäude wurde zerstört, um zu verhindern, dass weitere Terroristen es als Basis nutzen konnten.
Der erbitterte Kampf um die Polizeistation von Sderot wurde zu einem Symbol der Tapferkeit, die von Polizisten und Kämpfern der Einheit „Schwerter aus Eisen“ gezeigt wurde. Dutzende israelische Polizisten und andere Kämpfer brachten das ultimative Opfer für das Volk von Sderot, indem sie es vor einer noch katastrophaleren Situation bewahrten.“
„Are you with Israel?“
Odaya und Dolev Swisa wurden am 7. Oktober in Sderot von Hamas-Terroristen vor den Augen ihrer beiden kleinen Töchter ermordet.
Odayas Mutter berichtete, dass die Familie ins Auto gestiegen sei, als am frühen Samstagmorgen in Sderot die Luftschutzsirenen heulten. Sie versuchten, die Stadt zu verlassen, doch wurden von Terroristen angegriffen, während sie zu fliehen versuchten.
Amer Odeh Abu Sabila, ein beduinischer Bauarbeiter, war am frühen Samstagmorgen in Sderot und hörte Odaya schreien, nachdem Dolev getötet worden war. Er setzte sich auf den Fahrersitz, um zu versuchen, Odaya und die beiden kleinen Mädchen in Sicherheit zur Polizeistation von Sderot zu bringen – ohne zu wissen, dass diese bereits von Terroristen eingenommen worden war.
Sowohl Abu Sabila als auch Odaya wurden ermordet. Romi (6) und Lia (3) lagen auf dem Boden des Autos und blieben unverletzt. Videoaufnahmen von jenem Tag zeigen, wie die beiden kleinen Mädchen um Hilfe schreien, als Polizisten am Tatort eintreffen.
„Seid ihr Polizisten?“, ist die Stimme der kleinen Romi aus dem Auto zu hören. „Seid ihr aus Israel? Nehmt uns mit!“
Auf dem Gemälde der Hauswand sieht man einen Engel, der sich aus einem Fenster lehnt und mit Pfeil und Bogen bewaffnet ist.
„Die Hamas-Terroristen waren in der Polizeistation und schossen auf Polizisten, die die Stadt verteidigten. Einer der Beamten wurde durch eine Kugel in der Wirbelsäule getroffen. Einem anderen wurde das Knie weggeschossen. Trotzdem kämpften sie weiter.
Ein Hamas-Scharfschütze auf dem Dach der Polizeistation hielt alle in Schach. Schließlich wurde er von einem Mann ausgeschaltet, der sich ein Gewehr nahm und in ein nahegelegenes Wohnhaus lief, um den Schützen von einem Schlafzimmerfenster im oberen Stock aus zu treffen.
Jetzt ist dieser Mann als Engel mit Bogen und Pfeil in einem Wandgemälde dargestellt – gegenüber dem Ort, an dem sich früher die Polizeistation von Sderot befand.
Das Gebäude wurde von einem Panzer der israelischen Armee (IDF) zerstört, nachdem die auf dem Dach eingeschlossenen Polizisten von Spezialeinheiten der Yamam gerettet worden waren.“
Aner Shapira
Als am 7. Oktober der Angriff auf das Nova-Festival begann, flüchteten rund 20–30 Menschen in einen kleinen betonierten Schutzraum (Migunit/Bunker, Foto oben, bei Re’im) an einer Bushaltestelle.
Die Hamas-Terroristen warfen wiederholt Handgranaten in diesen Schutzraum.
Aner Shapira, ein Nahal-Soldat, der an dem Festival teilnahm und zu diesem Zeitpunkt nicht im Dienst war, packte jede Granate, die hineingeworfen wurde, und warf sie wieder hinaus – nach den meisten Berichten siebenmal hintereinander.
Die letzte Granate explodierte in seiner Hand und tötete ihn. Mehrere der Eingeschlossenen überlebten nur wegen seiner Tapferkeit und bezeichnen ihn als ihren Retter.
Nova Site Memorial
Das Massaker während des Supernova-Festivals war vermutlich von der Hamas gar nicht geplant worden.
In der Nacht auf den 7. Oktober stellte die israelische Armee auffällige Anzeichen von Hamas-Aktivitäten fest, welche jedoch nicht als unmittelbare Bedrohungen interpretiert wurden. Laut Untersuchungsbericht war die Veranstaltung bei der folgenden Lagebeurteilung der israelischen Armee überhaupt nicht berücksichtigt worden.
„Ab 8:50 Uhr eröffneten die Terroristen das Feuer auf jene Menschen, welche über die Felder nach Osten flüchteten und drangen kurz nach 9:15 Uhr in das Festivalgelände ein, wo sie Festivalbesucher gezielt ermordeten oder entführten. Auf dem Veranstaltungsgelände und dem angrenzenden Abschnitt der Nationalstraße 232 wurden 171 Menschen getötet, weitere 173 auf der Flucht entlang der Verkehrswege und in angrenzenden Siedlungen, unter anderem in oder bei Mefalsim, Reʿim, Alumim, Be’eri und Nir Jitzchak. Allein 18 Menschen starben, als die Terroristen einen von Hilfesuchenden umringten Krankenwagen (oben), mit einer Panzerabwehrhandwaffe beschossen.“
Die Terroristen griffen alle Kibbutzim längst der 232 von Westen her an, das Musikfestival jedoch von Osten. Die Besucher versuchten entlang der Straße nach Norden und Süden zu fliehen, um die Ortschaften zu erreichen.
Die Knotenpunkte der Straße waren jedoch schon besetzt worden. Nur diejenigen, die nach Osten in das freie Gelände rannten, hatten eine Chance zu überleben.
Zwei gelbe Müllcontainer
Auf dem Gelände der Party standen zwei große gelbe Müllcontainer.
Am 7. Oktober 2023, unmittelbar nach Beginn des Raketenbeschusses, wurde die Party unterbrochen, und die Teilnehmer versuchten, das Gelände in ihren Fahrzeugen zu verlassen. Einige konnten fliehen, aber viele wurden später von Hamas-Terroristen auf der Route 232 angegriffen.
Gegen 8:15 Uhr morgens trafen Hamas-Terroristen an der Einfahrt zum Parkplatz von Re’im ein, dem Gelände der Party, und griffen den Ort mit Feuerwaffen an. Mehrere Autos fingen Feuer, und einige versuchten, dem zu entkommen. Einige junge Leute rannten zurück auf das Partygelände, und etwa 16 von ihnen versteckten sich in einem der Müllcontainer, während andere wegliefen.
Etwa um 9:30 Uhr trafen Nukhba-Terroristen ein (Elitetruppen der Hamas), verkleidet als israelische Soldaten. Sie entdeckten den Container und begannen, auf die Gruppe zu schießen.
Die sich im Container versteckten waren: Roei Tsoisha, Gilad Maman, Raz Richter, Noam Ben David und seine Partnerin Dana Mor, Eliran Mizrahi und seine Partnerin Mai Bichon, Harel Pritz, Shira Katzir, Yiftach Dan Tiv, Elkin Nazarov, Naama Gal, Ido Soelmani, die Zwillingsschwestern Shani und Amit Levy, sowie Einav Shinya.
Während die Terroristen weiter schossen, bedeckten sich die jungen Männer und Frauen im Container mit dem Blut derjenigen, die bereits getötet worden waren, und hielten den Atem an, während die Terroristen draußen lachten und sangen.
In den Stunden danach suchten die Terroristen das Gebiet ab und schossen auf jeden, der Anzeichen von Leben zeigte.
Familienmitglieder der Vermissten versuchten verzweifelt, telefonisch Kontakt aufzunehmen, und schickten unaufhörlich Standortdaten, betend, dass ihre Angehörigen noch am Leben seien. Die Überlebenden im Container erlebten stundenlange Qualen, verzweifelt und um Rettung flehend.
Um 11:47 Uhr, als der Container noch immer von Terroristen umgeben war, warf einer von ihnen eine Handgranate hinein und schoss dann wahllos auf jeden im Inneren.
Bei diesem Angriff wurden Roei Tsoisha, Amit Levy (die Zwillingsschwester von Shani), Eliran Shm Ben Shinya, Yiftach Dan Tiv, Elkin Nazarov, das Paar Mai Bichon und Eliran Mizrahi, Shani Levy und Naama Gal getötet.
Gegen 12:30 Uhr traf eine improvisierte Militäreinheit aus der Stadt Telmon im Gebiet von Shomron (Samaria) ein, angeführt von Major Gvirtsman. Diese Soldaten, bekannt als die Shaked-Einheit, kämpften gegen die Terroristen in der Umgebung, töteten sie und retteten die Verwundeten aus dem Container.
Für die neun Ermordeten kam jede Hilfe zu spät.
Unter virtuell Workspacenden
Bin im Zug zurück nach Berlin und höre Santanas Blues für Salvador.
Hier noch einen Erinnerung, die vermutlich niemand auf der Welt so hat: Ich saß am „Workspace“ des O-Pod-Hotels in Tel Aviv mit der grandiosen Aussicht auf’s Meer und Jaffa. Auf dem Laptop sieht man meine Sim Oasis of Lame Kaiila in „Drohnen“-Perspektive und ein geöffnetes Chat-Fenster.
Ich plauderte also real in Israel virtuell mit Leuten bzw. Avataren, die theoretisch überall in der Welt sein könnten, vermittelt über einen Server in Kalifornien.
Und poste jetzt das Foto im Zug zwischen Wolfsburg und Berlin über einen Server dortselbst.
Mal ganz unter ums Älteren: Das ist doch total abgefahren. Wie hätte man das jemandem in den 80-ern erklärt?
Muezzin in der Nacht
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Al-Aqsa-Moschee, Jerusalem – Muezzin in der Nacht (Oktober 2025).
Im Schacht
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„Warren’s Shaft is a vertical shaft next to the Gihon Spring, the main source of water of Bronze and Iron Age Jerusalem, discovered in 1867 by British engineer, archaeologist and military officer Charles Warren. The Warren’s Shaft system, it is the Bronze Age water system allowing protected access from the city to the Gihon Spring.“
Details vgl. „Die Stadt Davids“ (14.10.2025). Ich bin da herumgestolpert, es war superglitschig, und ich wollte nicht hinfallen mit dem Handy…
Tell es-Sultan, zehn Jahrtausende

Blick von der Seilbahn, die zum „Berg der Versuchung“ führt, auf Jericho. Rechts kann man einen Teil des Ausgrabungsgeländes Tell es-Sultan erkennen, hinter der kreisförmigen Palmenstruktur – innerhalb des Hügels – ist der Turm von Jericho.
Tell es-Sultan (arabisch تل السلطان, DMG Tall as-Sulṭān) ist eine archäologische Grabungsstätte in Jericho in Judäa. Angeblich ist Jericho die älteste Stadt der Welt, die man kennt – durchgängig besiedelt war sie aber nicht. Wir wollen jedoch nicht die dortige Tourismusindustrie, die eh fast zum Erliegen gekommen ist, noch mehr ruinieren.

Kaffee vom Pförtner am Eingang des Tell el-Sultan, vermutlich nur für very important Besucher wie mich…
Der „Pförtner“ textete mich in holprigem Englisch voll, er suchte wohl Gesellschaft. Ich musste unbedingt seinen selbstgebrauten Kaffee trinken, weil, wie er lang und breit erörterte, Kaffee das beste Getränk bei der brüllenden Hitze sei. Ich legte also auf die zehn Schekel (rund 2,50 Euro) Eintritt noch mal zehn für den Kaffee drauf.
Da blies das volck mit drometen / Und da das volck die drometen höret / hub es ein groſs geschrey auff / Da fiele die maur vnter sich / vnd das volck zoge hin auff ein jglicher fur sich hin / vnd gewannen die stad. (Josua 6,20)
Nur für die hier mitlesenden Kaltduscher: Das ist so nie passiert, und eine Landnahme der Israeliten sowie die Eroberung Jerichos durch eben dieselben sind ein frommes Märchen – according to science.
Aber: Spätbronzezeit I: Zerstörung der Stadt und Stadtmauer wahrscheinlich durch ein Erdbeben um etwa 1550 v. Chr.. Daran wird sich die Oral History erinnert haben.
Außer mir war dort nur eine kleine christliche Gruppe aus den Niederlanden, die aber das Gelände verließ, als ich ankam.
Das Gelände ist nur klein, in zehn Minuten hat man alles gesehen, wenn man die Schilder nicht lesen will. Schatten existiert auch nicht bis auf einen shelter. Bei 37 Grad ist man – Überraschung!- nicht besonders hochmotiviert, vor den Steinen stundenlang herumzustehen.
Was gibt es dort zu sehen?

Der Turm von Jericho – gut acht Meter hoch, erbaut zwischen 8300 und 7800 v. Chr., und die älteste Treppe der Welt.
„Die Fundstelle bildet einen 21 Meter hohen Tell: Übereinander liegende Fundschichten aus 11.500 Jahren – insgesamt sind es 23 – bilden einen Hügel aus zeitlich aufeinander folgenden Resten einer Siedlung, die immer wieder zerstört und auf deren Zerstörungsschicht die Siedlung neu errichtet wurde. In der 4 Hektar großen Siedlung wurde um etwa 8050 v. Chr. der älteste heute bekannte Steinturm (Turm von Jericho) errichtet, Bestandteil der Stadtbefestigung, und darin die älteste bekannte Treppe (20 Stufen) der Welt nachgewiesen.“
Die aktuellen Steine haben natürlich nicht die Araber, die dort wohnen, allein ausgegraben, sondern die Engländer, Deutschen und die Italiener, vgl. History of Archaeological Exploration at Tell es-Sultan/Jericho.
„In 1997 the Department of Antiquities and Cultural Heritage of the Ministry of Tourism and Antiquities (MOTA_DACH) of the Palestinian National Authority started a new project of exploration and reevaluation of Tell es-Sultan in cooperation with Rome „La Sapienza“ University (1997-2015), mainly focusing on the Bronze Age city fortifications and residential quarters. The basic contribution of the Italian–Palestinian expedition was to put forward an overall periodization of the site, reexamining and matching the data produced by all the previous expeditions.“
(Der URL auf dem Schaubild funktioniert heute nur noch mit archive.org.)
ChatGPT: Klima und Umwelt damals
„Während des frühen Holozäns (ca. 10.000–6.000 v. Chr.) herrschte im gesamten Nahen Osten ein wärmeres und deutlich feuchteres Klima als heute.
Die heutigen Wüstenzonen des Jordangrabens waren damals Savannen- oder Buschlandschaften mit reichlich Wild und Wasserquellen.
Jericho war besonders begünstigt durch die mächtige Quelle ʿAin es-Sultan, die bis heute am Tell entspringt und den Ort zu einer Oase machte.
→ Daher war die Gegend nicht Wüste, sondern eine wasserreiche Niederung mit Feldern und Vegetation.“
– Bar-Matthews, M. et al. (2003): Paleoclimate reconstruction from speleothems, Israel. Quaternary Science Reviews.
– Kenyon, K. M. (1957): Digging up Jericho. London.
– Enzel, Y., et al. (2003): Late Quaternary Environments of the Dead Sea Region.
– Garfinkel, Y. (2010): The Pre-Pottery Neolithic of the Southern Levant.
– Frumkin, A. & Stein, M. (2004): The Holocene climatic record of the Dead Sea.
Ich schrieb am 05.01.2022: „Es geht auch hier um die Dialektik aus Zufall und Notwendigkeit ganz nebenbei um die Frage, warum sich ausgerechnet in Mesopotamien, also im so genannten „fruchtbaren Halbmond“, die ersten Zivilisation aus der Urgesellschaft entwickelte.“
Zehn Jahrtausende vor unter Zeitrechnung? Was war da hierzulande los? Lebte man noch auf Bäumen?
– Die Weichsel-Kaltzeit (die letzte Eiszeit) ging gerade zu Ende.
– Große Teile Norddeutschlands waren noch von Tundra oder Steppe bedeckt.
– Die Gletscher hatten sich weitgehend zurückgezogen, aber:
– In Skandinavien lagen noch mächtige Eisschilde.
– Die Ostsee war damals ein Süßwassersee (Ancylussee).
Das heutige Nordseegebiet war kein Meer, sondern eine riesige, fruchtbare Steppe: die sogenannte Doggerland-Ebene, die Großbritannien mit dem europäischen Festland verband. Es gab Rentiere, Wildpferde, Wollnashörner und Mammut, Riesenhirsche, Auerochsen, Wisente, Bären, Wölfe, Luchse und Füchse.
Städtebau war also nicht vorhanden. Das Klima war schuld. Wir sind noch in der Altsteinzeit.
Zu dieser Zeit: die spätpaläolithische Kultur (z. B. Ahrensburger Kultur, ca. 11.000–9.500 v. Chr.). Verbreitungsgebiet: Norddeutschland, Dänemark, Südskandinavien. Typisch: Mikrolithen (kleine Feuersteinspitzen), Pfeil und Bogen, Elch- und Rentierjagd. In Süddeutschland Übergang zur spätpaläolithischen Federmessergruppe (Rhein-Main, Neckar, Schwabenalb).
Wann man das alles weiß, wird der Blick in die ausgegrabenen „Löcher“ ein bisschen interessanter. Die bauten schon Türme und Treppen in Jericho, als in Mitteleuropa Wollnashörner und Mammute gejagt wurden?
Vnd er kam hinein vnd gieng durch Jericho. Vnd siehe, da war ein Man, genannt mit namen Zachäus, der war ein Oberster unter den Zöllnern, vnd war reich. Vnd er begehrte Jesum zu sehen, wer er wäre, vnd kundte nicht vor dem Volck, denn er war klein von Person.
Vnd er lieff hinauff voran, vnd stieg auff einen Maulbeerbaum [aka Sykomore des Zachäus ], auff daß er ihn sähe; denn er sollte durch denselbigen Weg kommen. Vnd da Jesus kam an denselbigen Ort, sahe er auff, vnd sprach zu ihm: Zachäe, steige eilend herab; denn ich muß heute in deinem Hause einkehren. Vnd er steigte eilend herab, vnd nahm ihn auf mit Freuden.
Da sie das sahen, murreten sie alle, vnd sprachen: Er ist eingekehrt, bey einem Sünder zu herbergen.
Zachäus aber trat hin, vnd sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen; vnd so ich jemand habe betrogen, das gebe ich vierfältig wider. (Lukas 19-1-10)
Einem archäologischen Laien sagen die Ruinen nicht viel. Aber sie und ihre Ausgrabungsgeschichte sind ein lehrbuchmäßiges Beispiel für eine Archäologie, die die Bibel für einen historischen Bericht hält und nach dem Prinzip „self-fulfilling prophecy“ dann angeblich das findet, was man gesucht hat. Nein, alles, wofür „Jericho“ in der Bibel steht, ist Fake News und genau so wahr wie das Märchen vom Eisenhans.
Aber spannend ist es trotzdem.
Die paar uralten Steinchen in Jericho sorgen auch innerhalb von Israel für politischen Zoff. Die NGO zum Beispiel Emek Shaveh ist eine typisch pseudo“linke“ Organisation, auf deren Website man sofort erkennt, dass man in Wokistan ist, mit dem gesamten Quatsch, der dazugehört – nur dass Gendersprache im Englischen nur schwer umzusetzen ist.
While Emek Shaveh claims that it “oppose[s] attempts to use archaeological finds to legitimize acts that harm disadvantaged communities,” it promotes distorted facts and unsubstantiated positions that promote the Palestinian narrative of victimization and sole Israeli aggression.
Despite claims that Emek Shaveh is “working to defend cultural heritage rights and to protect ancient sites as public assets that belong to members of all communities, faiths and peoples,” its publications exclusively criticize Israel and Israeli institutions.
Maintains: “If Palestinians and Israelis are ever to enter a serious dialogue on a future of coexistence and mutual respect, Israeli archaeology must end its involvement in the battle of identities, promoting understanding between cultures rather than ethnic exceptionalism. It must broaden its horizons and become much more than a prop to given histories.” This statement altogether omits the Palestinian role.
Das reaktionäre Konzept des „Kampfes der Kulturen“ könnte auch von den deutschen GrünInnen stammen.
Fazit: Vermutlich ist es noch interessanter, die in Jericho gefundenen Artefakte anzusehen. Aber die sind leider nicht in Israel, sondern, was zu erwarten war, im British Museum („one of the the oldest human remains in the British Museum collection, the Jericho skull“), im Oriental Museum Durham [UK], im Jordan Museum in Amman und im Jordan Archaelogical Museum.
Vielleicht sollte ich das nächste Mal einen Abstecher nach Jordanien machen, davor wird nicht gewarnt – im Gegensatz zu Reisen nach Judäa und Samaria.
Makhtesh Ramon Crater
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Makhtesh Ramon Crater. View to the southeast from the Mitzpe Ramon Visitor Center. Negev, Israel, October 27, 2025.
Wenn ich mir das heute so ansehe, gruselt es mich ein bisschen: Ich bin da hinabgestiegen und bis hinter die Berge am Horizont, wo ich dann beschloss, denselben Weg wieder zurückzulaufen, weil ich die Straße, die weiter nördlich nach Mizpe Ramon führt, nicht fand oder so spät, dass es zu weit gewesen wäre.
Kleiner Koisel
Wikipedia: „Die kleine Westmauer, hebräisch הכותל הקטן (Kleiner Koisel), ist eine jüdische Gebetsstätte im muslimischen Viertel der Jerusalemer Altstadt nahe dem Eisentor, das auf den Tempelberg führt. Die Mauer stammt aus der Zeit des Zweiten Tempels (516 v. Chr. – 70 n. Chr.). Sie ist die Fortsetzung des als Klagemauer bekannten, größeren Teiles der westlichen Stützmauer des Tempelberges und liegt nahezu direkt gegenüber dem Allerheiligsten des Tempels. Die kleine Westmauer ist weniger bekannt und besucht als der größere Mauerabschnitt.
Anders als die bekannte „Klagemauer“ liegt die kleine Westmauer nicht an einem größeren Platz, sondern in einer schmalen Gasse, und nur die beiden untersten sichtbaren Steinreihen stammen aus der Zeit des Zweiten Tempels. Die kleine Westmauer ist vergleichbar mit dem Zustand, in dem die Klagemauer in der Zeit vor dem Sechstagekrieg war.“
Die kleine Westmauer war Teil der Hidden-Gems-Tour mit Noam Chen.
Es gibt noch eine überraschende Pointe: An der kleinen Westmauer beten Männer und Frauen nicht getrennt wie an der „großen“ Klagemauer.
Unter Kapselbewohnern

Block vom „Workspace“ des O-Pod-Hotels in Tel Aviv nach Jaffa (Sicht in die Gegenrichtung)
Das O-Pod-Hotel in Tel Aviv hatte ich hier schon mehrfach lobend erwähnt. Der Trend aus Japan breitet sich auch in Israel aus. Ich überlege mir, ob ich beim nächsten Mal in Jerusalem auch in so einer Touristenkapsel absteige, zumal das dort direkt an der Jaffa Road liegt. 30 Dollar für eine Nacht sind bezahlbar; das Post Hostel, in dem ich jetzt eine Woche war, ist ähnlich preiswert – wenn man den Schlafsaal nimmt, nur dass dort noch ein Frühstück inbegriffen ist.
Each capsule includes a bed, air conditioner, multi-channel TV, adjustable lighting, WIFI, connection ports for phone charging and more. In the middle of the complex is a room for guests to gather and hang out, showers, toilets, and a room with personal lockers to store backpacks, luggage and valuables.
Man muss die Vor- und Nachteile sorgfältig abwägen, wenn der Preis gleich ist. In der Kapsel in Tel Aviv ist es picobello sauber, die Toiletten nur morgens. Ich schlafe dort bequemer als auf einem wackligen Hochbett, nur mit einem Vorhang getrennt von neun anderen im Raum, wie im Post Hostel.
Der große – aber nur theoretische – Vorteil der Hostels, wie dem unter Backpackern berühmten Abraham in Jerusalem, ist, dass man leicht mit anderen Reisenden ins Gespräch kommt, beim Frühstück oder abends an der Bar. Wenn aber alle anderen bekloppte Christen sind oder Leute, mit denen man aus unterschiedlichen Gründen nichts am Hut hat, oder arme Familien, die sich kein besseres Hotel leisten können, dann sitzt man da allein herum. Im O-Pod in Tel Aviv waren jetzt sehr viele, die Russisch sprachen und unter sich blieben.
Wer schon beim Anschauen Platzangst bekommt: Ich hatte vor zwei Jahren eine etwas größere Version gebucht. Dort hat man mehr Platz als schliefe man in einem Bett in einem Schlafsaal eines Hostels.
Da Israel zur Zeit leider noch von den klassischen Backpackern weitgehend gemieden wird (ich habe in drei Wochen keinen einzigen Rucksackreisenden getroffen), kann man nicht sagen, wie das durchschnittliche Publikum in normalen Zeiten ist. Aber wann gibt es schon „normale“ Zeiten in Israel…

























































































