Supergroße Koalition
Die Bürgerliche Presse rechnet vor: „Da rund 13 Prozent der Stimmen auf Parteien entfallen, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, könnten parlamentarische Mehrheiten schon bei 44 Prozent beginnen. Schwarz-Rot (CDU/CSU und SPD) käme zusammen nur auf 40 Prozent, Rot-Rot-Grün auf 36 Prozent. Ein rechnerisches Bündnis von Union und AfD (51 Prozent) gilt als politisch ausgeschlossen. Realistisch bleibt nur ein Viererbündnis aus CDU, CSU, SPD und Grünen.“
In the Navy, 2.0
Gestern organisierte ich in meiner kostbaren Freizeit ein Rollenspiel-Event, was mehrere Tage dauern wird. Die Avatare – rund zwei Dutzend – mussten sich auf eine „gefährliche“ Reise über einen unerforschten Ozean begeben – getreu der literarischen Vorlage.
Dafür hat jemand in tagelanger Kleinarbeit (u.a. mit Blender und unzähligen Scripten) ein Schiff gebaut, das es auf dem Markt von Secondlife nicht zu kaufen gibt. Den Ozean und den Himmel habe ich beigesteuert.
Endemisch korrupt
Mensch, Sonneborn, warum klaust du erst erst jetzt meine Idee? Ich beantrage das schon seit Jahren!
Martin Sonneborn auf X: „Auszug aus einem längeren Interview mit der Berliner Zeitung nach der Verhaftung meiner (erstaunlicherweise offenbar: korrupten) Ex-Kollegin Mogherini…
Handelt es sich um einen bedauerliche Einzelfall?
Kaum. In einigen Etagen der Brüsseler Institutionen, v.a. in den höheren, kann man inzwischen von der Existenz nahezu burschenschaftlicher Netzwerke ausgehen, die um politische oder nationale Familien herum entstanden sind. Und da gilt – allen akribisch als „Verhaltensregeln für EU-Beamte“ kodifizierten Regularien zum Trotz – am Ende eben doch: eine Hand wäscht die andere. Freunde werden auf gut dotierte Versorgungsposten geschoben, die auf Steuerzahlerkosten notfalls auch neu geschaffen werden: So etwa der für den in Katargate involvierten griechischen Exkommissar Avramopoulos (EVP) geschaffene (überflüssige) Posten eines „Sonderbeauftragten für die Golfregion“, der nach Bekanntwerden des Korruptionsskandals an Ex-MEP Di Maio ging. Oder der (überflüssige) Posten eines „Direktors für Wissenschaft, Forschung und Voraussicht“, auf den EVP-Chef Manfred Weber seinen Freund, strategischen Einflüsterer und Ex-Sprecher Udo Zolleis zu setzen gedenkt (Monatsgehalt: mind. 18.000 €). Geschaffen wurde der Posten für Webers Freund übrigens von EP-Generalsekretär Allessandro Chiocchetti, dessen Ernennung selbst mit der Schaffung von Posten verbunden war: Parlamentspräsidentin Roberta Metsola schuf zwei hohe Parlamentsstellen (für Linke & Liberale), um deren Stimmen für die „Wahl“ ihres Kabinettschefs & Wunschkandidaten Chiocchetti sicherzustellen. Oder schließlich Frau VdLeyen selbst, die für ihren langjährigen PR-Berater Jens Flosdorff, den sie auf regulärem Weg nicht einstellen konnte, da er die für EU-Beamte vorgeschriebenen Qualifikationen nicht besaß, kurzerhand eine eigene Stelle schuf – mit höchstmöglichem Dienst- und Entlohungsgrad, versteht sich.
Mogherini selbst hat ihren Rektorinnenposten in Brügge auf keine andere Art bekommen: weder erfüllte sie das offizielle Qualifikationsprofil noch hatte sie sich an geltende Vorschriften gehalten: Ihre „Bewerbung“, obwohl diese schriftlich verlangt wird, hatte sie durch Zuruf eingereicht – und zwar Monate nach Ablauf der Bewerbungsfrist. Dass sie die Stelle dennoch mühelos erhalten hat, geht letztlich auf die Fürsprache & Unterstützung vonderLeyens und das Einverständnis von Herman Van Rompuy zurück, der Präsident des Verwaltungsrats des Kollegs ist.
Wenn bei einer öffentlichen Ausschreibung des Europäischen Auswärtigen Dienstes der dortige Entscheidungsträger (und Italiener) Sannino einer Italienerin, die auch noch an der Spitze einer aus Sicht der EU-Institutionen (politisch) erwünschten Drittinstitution (College of Europe) sitzt, wie durch Zauberhand den Zuschlag für EU-Gelder erhält, kann mich das wirklich nicht mehr überraschen.
Wie soll die EU der Ukraine Werte vermitteln, wenn es ums eigene Haus schon nicht gut bestellt ist?
Eine gute Frage, die sich die EU selbst natürlich niemals stellen würde. Bei einem gründlichen Blick auf die EU fragt man sich allmählich, ob die für die Verwendung des Begriffs der „endemischen Korruption“ vorgegebene Taktzahl an Unregelmäßigkeiten, Machtmissbrauch & Korruptionsvorfällen nicht schon erreicht und überschritten ist.
Von Emmanuel Todd stammt eine in diesem Zusammenhang bedenkenswerte Beobachtung. Dem in Brüssel vertretenen Theorie- und Selbstverständnis liegt die Annahme zugrunde, dass mit jeder EU-Expansion die eigenen Standards auf die Beitrittskandidaten übertragen würden – durch jahrelanges „Monitoring“ & Prüfverfahren der Kommission sowie durch bloße (ideologische) Berührung. Osmose aber ist keine Einbahnstraße. Denn in Wirklichkeit, sagt Todd, hat sich mit jeder ihrer Erweiterungsrunden v.a. die EU selbst verändert. Im Zuge ihrer Ausdehnung hat die EU eben nicht nur ihre eigenen Standards exportiert, sondern auch die historischen Prägungen und politischen Kulturen der beigetretenen Staaten nach Brüssel importiert. Mit Blick auf den Beitrittsprozess der Ukraine könnte man zynisch formulieren: Eigentlich war vorgesehen, dass die Ukraine sich den in der EU geltenden Standards nähert. Unter vonderLeyen ist leider versehentlich das Gegenteil passiert: nicht die Ukraine hat sich der EU, sondern die EU der Ukraine angeglichen.“
Darauf einen Lumumba!
Ich mache mir jetzt erst einmal einen Lumumba.
Zutaten für ca. 6 Becher Lumumba, auch „Tote Tante“ genannt:
1,3 l Milch
100 g Schokolade
6 EL Trinkschokolade oder Kakao
200 ml Rum
150 ml Sahne
½ Pck. Vanillezucker
1 Prise Salz
Zubereitung
Schritt 1
Zuerst die Milch in einen kleinen Topf geben und vorsichtig erhitzen, damit sie nicht anbrennt. Währenddessen die Schokolade grob hacken und die Bruchstücke zur Milch geben, in der sie nun schmelzen dürfen. Sobald sich alles aufgelöst hat, die Trinkschokolade oder den Kakao hinzugeben und alles mit einem Schneebesen verrühren.
Schritt 2
Sobald die Schokomilch stückchenfrei und cremig ist, den Rum und das Salz hineinrühren und den Topf vom Herd nehmen. Nun darf der Lumumba noch etwas ziehen.
Schritt 3
In der Zwischenzeit die Sahne in eine Schüssel geben und fest aufschlagen. Dabei den Vanillezucker einrieseln lassen. Jetzt die Tote Tante nur noch auf die Tassen verteilen, die Schlagsahne mit einem Esslöffel hineingeben und nach Wunsch noch mit etwas Kakao bestreuen. Dann heißt es nur noch: Genießen.
PS Ist Cuba libre eigentlich noch erlaubt? Und was ist mit B52?
Wie politisch ist die Künstliche Intelligenz?
Ein Artikel (pdf) vom mir in der Ausgabe 4/2025 des Magazins Nitro: „Wie politisch ist die Künstliche Intelligenz?“
Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence. Shortly after, the human era will be ended. (Vernor Vinge, 1993)
Man könnte Bertolt Brecht umkehren: Die Apokalypse ist das Schwere, das einfach zu machen ist. Man muss nur die Künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen lassen. Oder gibt es noch eine Rettung?
KI-Systeme wie ChatGPT werden trainiert, nicht programmiert. Deshalb kann man nur schwer prophezeien, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und wie sie wirklich funktionieren. Vielleicht verstehen sie Ethik gar nicht oder sagen irgendwann: Der Mensch ist gefährlich und störe nur – ein Standpunkt, den man aus der Sicht der Evolution durchaus vertreten könnte. Deshalb sollte der Homo sapiens verschwinden. Und dann handelt die KI dementsprechend apokalyptisch. Und was wäre, wenn die KI plötzlich der Meinung ist, Mao Zedong hätte doch recht und die Volkskommune sei die Ultima Ratio der Landwirtschaft?
Fragen wir einfach, auch auf die Gefahr hin belogen zu werden und eingedenk des Satzes „Its the economy, stupid!“: Wie politisch ist die KI?
Im Gedenken
Meine Mutter Frieda Schröder (3. von rechts, Anfang der 40-er Jahre), genannt „Friedel“ (*04.12.1925 †21.11.2024), wäre heute 100 Jahre alt geworden. Leider hatte sie vor zwei Jahren keine Lust mehr zu leben und starb selbstbestimmt und im Beisein Ihrer Kinder, wie sie sich es immer gewünscht hatte.
Der Führer ist anwesend oder: Epilog: Was sollte das?, Nachtrag
Was mir gestern beim Anhören grauenhafter Kirchenlieder – nur aus Recherchegründen! – auffiel: Es gibt eine gewissen strukturelle Ähnlichkeit der öffentlich bekundeten Emotionen, hier des Weinens.
Man kann sich aus europäischer Sicht über die Massenhysterie der Nordkoreaner lustig machen, weil sie uns so fremd sind wie die Arjenyattah-Epidemie in Judäa und Samaria. Aber so weit entfernt von „uns“ ist das gar nicht.
Elias Canetti hat zum Thema die schöne Überschrift „Zähmung der Massen in den Weltreligionen“ geprägt. Das gilt auch für säkulare Religionen, wobei die Grenze zwischen bloßer autokratischer Herrschaft und Verehrung „höherer“ Wesen fließend wird.
Was sie sich wünschen, ist im Gegensatz zu dieser eine folgsame Herde. Es ist üblich, die Gläubigen als Schafe zu betrachten und für ihren Gehorsam zu loben. Auf die wesentliche Tendenz der Masse, nämlich zu raschem Wachstum, verzichten sie ganz. Sie begnügen sich mit einer zeitweiligen Fiktion von Gleichheit unter den Gläubigen, die aber nie zu streng durchgeführt wird; mit einer bestimmten Dichte, die in gemäßigten Grenzen gehalten wird, und einer starken Richtung. Das Ziel setzen sie gern in eine sehr weite Ferne, ein Jenseits, in das man gar nicht gleich hineinkommen soll, da man noch lebt, und das man sich durch viel Bemühungen und Unterwerfungen verdienen muß. Die Richtung wird allmählich das wichtigste. Je ferner das Ziel, um so mehr hat es Aussicht auf Bestand. An die Stelle jenes anderen, scheinbar unerläßlichen Prinzips des Wachstums wird etwas davon ganz Verschiedenes gesetzt: die Wiederholung.
In bestimmten Räumen, zu bestimmten Zeiten werden die Gläubigen versammelt und durch immer gleiche Verrichtungen in einen gemilderten Massenzustand versetzt, der sie beeindruckt, ohne gefährlich zu werden, und an den sie sich gewöhnen. Das Gefühl ihrer Einheit wird ihnen dosiert verabreicht. Von der Richtigkeit dieser Dosierung hängt der Bestand der Kirche ab.
Wo immer Menschen sich an dieses präzis wiederholte und präzis begrenzte Erlebnis in ihren Kirchen oder Tempeln gewöhnt haben, können sie es nicht mehr entbehren. Sie sind darauf angewiesen wie auf Nahrung und alles, was sonst ihr Dasein ausmacht. Ein plötzliches Verbot ihres Kultes, die Unterdrückung ihrer Religion durch ein staatliches Edikt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Die Störung ihres sorgfältig ausbalancierten Massen-Haushalts muß nach einiger Zeit zum Ausbruch einer offenen Masse führen. Diese hat dann alle elementaren Eigenschaften, die man kennt. Sie greift rapid um sich.
Das kollektive Weinen – weil der Führer gestoben ist oder unerwartet auftaucht (vgl. unten) – ist die andere Seite der „Medaille“ der disziplinierten Masse, vergleichbar mit einem ritualisierten Ausbruch aus dem ansonsten starren Gefüge, wie beim Karneval oder den Saturnalien.
Wie jemand sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.
PS Mir fällt gerade auf, dass die Marseillaise der Protestanten nach Südafrika ausgewandert ist, und auch nach Tafelsig. Wenn das der Luther wüsste!
PPS Weltweit gibt die NAK aktuell rund 9,4 Millionen Mitglieder an (Stand Ende 2024). Etwa 87 % aller Mitglieder leben auf dem afrikanischen Kontinent.
Epilog: Was sollte das?
Ich muss mich vermutlich bei den bibelunkundigen Leserinnen und den der Theologie abholden Lesern entschuldigend erklären. Was sollten also die drei Postings über die Apiru, Elohim und sonstigen weithin völlig unbekannten Gestalten, Begriffe, die fast vier Jahrtausende alt sind?
Und dann noch ein Mao-Zitat dazu? Das erklärt doch schon etwas. Ein Bibel- bzw. Tora-Wissenschaftler, der zustimmend Mao über die Revolution erwähnt? Da konnte ich nicht widerstehen…
Ich muss das Publikum, um es mental einzustimmen, in einer fremde Welt entführen, die ihre eigenen Regeln und Gesetze hat, aber manchmal gleich um die Ecke ist. Nur merkt es keiner. Wie bei den Absonderlichkeiten in Jerusalem braucht man einen „ortskundigen“ Führer. Ich biete mich gern an.
Wer sich durch die drei Texte gequält hat (die das erste Kapitel von Robert Wolfes: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ sind), wird eines sofort feststellen: Obwohl Fantastilliarden von Theologen und sonstigen Heilige-Schriften-Kundigen seit 200 Jahren herumforschen, gibt es keine eindeutigen, wissenschaftlich validen Ergebnisse. Mit demselben Material, in letzter Zeit flankiert von handfester Archäologie, kann man ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen.
Und: Es kommt auf den politischen Hintergrund des jeweiligen Wissenschaftlers an.
Man nimmt wohlwollend zur Kenntnis, dass Wolfe Marxist ist – eine aussterbende Gattung – und die legendäre Gestalt des jüdischen Königs David zu einem Sozialrevolutionär machen will. Das wirkte bis in die Gegenwart, weil, wie er kühn behauptet, deswegen die Juden fortschrittlicher seien als die Araber. Das ist sicher so, aber wohl kaum aus dem Grund.
Finkelstein hingegen, den Wolfe natürlich kennt, zitiert gibt sich als Zyniker und – wie ihn die ebenfalls alte Steine ausbuddelnden Kollegen nennen – als „Minimalist“, das heißt: Er glaubt nichts, was sich nicht eindeutig beweisen lässt. Alles sei Fake News, ist seine Standard-Antwort auf Heilige Bücher. Für ihn war David ein Räuberhauptmann, der mitnichten ein großes „Reich“ gegründet habe.
Beide Standpunkte haben starke Argumente. Aber man braucht nicht darauf zu hoffen, dass die Archäologen etwas finden, das alle Fragen beantwortet.
Was beide für mich interessant macht: Sowohl Wolfe als auch Finkelstein – beide sind Juden – legen sich vehement mit allen Verehrern höherer Wesen der christlichen und jüdischen Art an. Und das sind eine ganze Menge.
So etwas wäre unter Muslimen undenkbar: Es gibt bei denen weder eine Tradition der Aufklärung noch eine kritische Theologie. Für die reitet Mohammed noch immer auf irgendwelchen Fabeltieren in den Himmel, und wer das nicht glaubt, wird mit dem Tod bedroht.
Ach so, die Bilder bzw, die Videos dahinter der „fremden Welt“ Es wandelt eine heil’ge Schar. Hausaufgabe: Was sind die Unterschiede und was ist allen gemeinsam, außer dass bei orthodoxen Juden keine Frauen zu sehen sind?
Und man möge sich schaudernd vorstellen, dass das dritte Foto bzw. Video auch mich zufällig hätte zeigen können, wenn es ein vor einem halben Jahrhundert aufgenommen worden wäre… (Bist du vom Lebenskampf Bei den Titeln der NAK-Liedern gruselt es mich heute noch.)
Die Elohim, Jahveh und David oder: Die Habiru III
Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 3. und letzter Teil).

Mescha-Stele aka „Moabiterstein“, ca. 850 v. Chr., Louvre: „… das älteste erhaltene Denkmal in einer dem Hebräischen nahe verwandten Sprache und Schrift. In der Inschrift rühmt sich der moabitische König Mescha – neben der Ausführung verschiedener, von seinem Reichsgott Kemosch in Auftrag gegebener Bauvorhaben – der Befreiung seines Volkes aus der Abhängigkeit und Tributpflicht vom Nordreich Israel unter König Ahab aus der Dynastie Omri.“
Die Juden
Es bleibt die Frage nach dem Verhältnis der Juden, nämlich: Welche Bedeutung hatten die Habiru für die Juden?
Das Wort „Jew“ ist eine verkürzte und abwertende Form des Wortes „Judah“, der gängigen englischen Übersetzung des hebräischen Begriffs „Yehudah“. Judah war der Name des hebräischen Königreichs mit Zentrum in Jerusalem, das um etwa 1000 v. Chr. von David gegründet wurde. Das Königreich wurde Judah genannt, weil David aus dem Stamm Judah stammte, der einer der Söhne Israels gewesen sein soll. Die Perser bezeichneten das Königreich als „Yahud“, die Griechen nannten es „Ioudaia„, und die Römer bezeichneten es bis 135 n. Chr. als „Judea“. In diesem Jahr änderten sie den Namen des gesamten Gebietes offiziell in „Palästina“ (zu Ehren der Philister), am Ende des sogenannten „Zweiten Jüdischen Krieges“, während dessen sie nach Angaben des römischen Historikers Cassius Dio etwa 580 000 Juden töteten.

Die früheste bekannte Verwendung des Singulars „Ioudaios“ in der Moschus-Ioudaios-Inschrift, etwa 250 v. Chr., aus Oropos in Griechenland. Die Inschrift beschreibt einen Ioudaios griechischer Religion; weshalb, so erklärt Shaye J. D. Cohen, das Wort in diesem Zusammenhang als „Judeäer“ bzw. „Judeaner“ übersetzt werden müsse.
Fast alles, was über die Hebräer bekannt ist – abgesehen von den Texten, die die Habiru erwähnen -, ist bekannt, weil die Juden in der Tanach darüber schrieben. Nach dem Bericht in der Tanach teilte sich nach dem Tod von Davids Sohn Salomo das Königreich Judah in zwei Teile: ein Königreich Israel im Norden und ein wesentlich kleineres Königreich Judah im Süden. Die Könige Israels ließen sich jedoch von heidnischen Glaubensvorstellungen und Praktiken beeinflussen, weshalb das Königreich Israel von den Assyrern erobert wurde und die zehn hebräischen Stämme, die dort lebten, ins Exil geführt wurden und nicht zurückkehrten. Schließlich wurde auch das Königreich Judah durch die Babylonier erobert, und die Juden wurden ins Exil geschickt; da sie jedoch zumindest versucht hatten, dem heidnischen Einfluss zu widerstehen, wurde ihnen – so die religiöse Darstellung – durch Gott, handelnd durch Kyros, den Eroberer Babylons, gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen.
Viele Bibelwissenschaftler vertreten eine etwas ausgefeiltere Version dieser Darstellung, der zufolge die Spaltung zwischen Juda und Israel auf das Vorhandensein zweier unterschiedlicher religiöser Tendenzen unter den frühen Hebräern zurückzuführen sei: den „Elohim-Kult“ und den „Jahwe-Kult“.
Der Elohim-Kult, so argumentieren sie, sei aus der einheimischen kanaanäischen Verehrung des „El“, des höchsten Gottes der kanaanäischen Heiden, hervorgegangen, während der Jahwe-Kult durch die „Mose-Gruppe“, die aus Ägypten und vom Sinai kam, nach Kanaan eingeführt worden sei. Die Judäer, so scheint es, fühlten sich eher zur Verehrung JHWHs hingezogen, während die Anhänger des Königreichs Israel vorzugsweise Elohim verehrten. Obwohl dies selten ausdrücklich formuliert wird, liegt der klare gedankliche Gehalt dieser Darstellung darin, dass der Jahwe-Kult in gewisser Weise monotheistischer gewesen sei als der Elohim-Kult.
Vielleicht lag dies daran, dass er angeblich aus der Wüste stammte; einige Bibelwissenschaftler vermuten sogar, dass das Wort „Jahwe“ von einem älteren, bei nomadischen Gruppen in oder um den südlichen Sinai gebräuchlichen Gottesnamen abgeleitet sein könnte.
Wie dem auch sei: In jedem Fall ist es zu einem Glaubensartikel unter manchen Bibelwissenschaftlern geworden, dass einige Hebräer Elohim und andere ein Gottwesen namens „Jahwe“ verehrten. Der Begriff erscheint bereits im Titel einiger der renommiertesten Veröffentlichungen, wie etwa Albrights Yahweh and the Gods of Canaan oder Gottwalds The Tribes of Yahweh. Mit Ausnahme einiger weniger israelischer Autoren wird er von nahezu allen Bibelwissenschaftlern verwendet, die sich mit der Geschichte Israels befassen, und er hat Eingang in eine breitere Öffentlichkeit gefunden, sodass viele gebildete Laien – die nichts von der einstigen Existenz der Habiru wissen – annehmen, „Jahwe“ sei der eigentliche Gottesname der Juden. Einige mögen dies für bedeutungsvoll oder weniger bedeutungsvoll halten, doch jedenfalls hegen aufgrund der Bibelwissenschaftler die meisten keinerlei Zweifel daran, dass „Jahwe“ der Name sei, den die Juden Gott beilegen.
Dies ist jedoch unzutreffend. Das Wort „Jahwe“ ist eine deutsche Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert der hebräischen Buchstaben yod, heh, vav, heh, die im Englischen des Tanach gewöhnlich als YHWH wiedergegeben werden und die, wie auch „Elohim“, als Bezeichnung des Gottes Israels im Tanach verwendet werden. Ausgerechnet die deutschen protestantischen Theologen, die diese Rekonstruktion vornahmen, schrieben im Englischen nicht einmal konsequent und ersetzten das „w“ in „Jahwe“ durch ein „v“. Der hebräische Buchstabe vav wird im Englischen normalerweise mit „v“ wiedergegeben, im Deutschen jedoch mit „w“. Daher „Jahwe“ statt „Yahveh“.
Nach Ansicht der deutschen Protestanten war „Yahveh“ die richtige Aussprache der Buchstaben YHWH, die zuvor im Englischen als „Jehovah“ ausgesprochen worden waren. Wie genau sie dies wussten, sagten sie nicht, denn YHWH ist kein Wort und wurde von Juden niemals so ausgesprochen – weder vor der Entdeckung „Jahwes“ durch die deutschen Gelehrten noch danach.

2. Mose (Exodus) 3,14 – der Name des Gottes wird im 5. Absatz definiert
Hätten die Bibelwissenschaftler – früher wie heute – auch nur einen Funken Respekt gegenüber den Juden geübt, im Gegensatz zu ihrer Haltung gegenüber Hebräern oder „Israeliten“, hätten sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass frommen Juden die Aussprache der Buchstaben YHWH verboten ist. Immer wenn diese Buchstaben im Tanach oder sonstwo erscheinen, sollen religiöse Juden stattdessen das Wort Adonai („Herr“) aussprechen. [In Israel sagt man heute meistens HaSchem (hebräisch הַשֵּׁם ‚der Name‘), B.S.]
Den Bibelwissenschaftlern ist dies zwar bekannt, doch sie schenken ihm keine größere Bedeutung, sondern nehmen offenbar an, Juden verstünden ihre eigene Religion ebenso wenig wie protestantische Bibeltheologen.
Rainer Albertz behandelt diese Frage auf exemplarische Weise auf Seite 49 von Band 1 seines Werkes A History of Israelite Religion in the Old Testament Period (1994). Ihm zufolge ist die Aussprache des göttlichen Namens im hellenistischen Zeitalter „nicht völlig gesichert“, da die Juden davor „zögerlich“ gewesen seien, ihn auszusprechen. Dennoch sei „Yahweh die wahrscheinlichste Aussprache“. Albertz führt jedoch keinen Beleg dafür an, dass die Juden YHWH je als Wort im „hellenistischen Zeitalter“ ausgesprochen hätten; noch erwägt er die Möglichkeit, dass es sich vielleicht niemals um ein Wort handeln sollte.
Tatsächlich gibt es umfangreiche Belege dafür, dass YHWH nicht als Wort verstanden wurde, sondern vielmehr als Platzhalter für den hebräischen Satz ehyeh asher ehyeh, „Ich werde sein, der ich sein werde“.
Dieser Satz erscheint in Kapitel 3 des Buches Exodus; die relevante Stelle lautet wie folgt:
Moses sagte zu Gott: „Wenn ich zu den Israeliten komme und sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mich fragen: Wie ist sein Name? – was soll ich ihnen antworten?“
Und Gott sprach zu Moses: „Ehyeh Asher Ehyeh.“ Und er fuhr fort: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Ehyeh hat mich zu euch gesandt.“
Und Gott sprach weiter zu Mose: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Herr, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Dies soll auf ewig mein Name sein; dies ist mein Gedenkname von Geschlecht zu Geschlecht.“
Weitaus häufiger jedoch wird der Satz ehyeh asher ehyeh in englischsprachigen Fassungen der Tora mit „I am that I am“ („Ich bin, der ich bin“) wiedergegeben; tatsächlich bedeutet er aber: „Ich werde sein, der ich sein werde“. In jedem Fall ist entscheidend, dass Gott Mose mitteilt, sein Name sei ehyeh asher ehyeh oder kurz ehyeh – und nicht „Jahweh“. Hat man dies einmal erkannt, wird der Grund für das Verbot, den Gottesnamen auszusprechen, offensichtlich: Man kann den Satz ehyeh asher ehyeh oder das Wort ehyeh nicht aussprechen, ohne eine bestimmte Vorstellung von der Identität Gottes zu übernehmen.
Warum aber übernahmen die Juden die Buchstaben YHWH als Stellvertreter für den unaussprechlichen Gottesnamen? Die wahrscheinlichste Erklärung lautet, dass sie dies taten, weil es die vier Buchstaben sind, aus denen fast alle Formen des hebräischen Verbs „sein“ gebildet werden. In der modernen hebräischen Grammatik ist die Wurzel des Verbs „sein“ üblicherweise hay, yod, hay oder HYH; es gibt jedoch auch eine verwandte Form hay, vav, hay oder HVH. Diese grammatikalischen Formen lassen sich allerdings erst seit Beginn der systematischen hebräischen Grammatik durch jüdische Gelehrte im Spanien des Mittelalters nachweisen. Es wäre nur natürlich gewesen, dass die Juden, die den Tanach verfassten, die beiden Wurzeln zu einer Form wie YHWH zusammenzogen.
Im Allgemeinen sind Wurzeln im Hebräischen nicht zur Aussprechung bestimmt; sie bezeichnen lediglich die Buchstabenfolge, aus der verschiedene Wortformen gebildet werden.
Den Bibelwissenschaftlern ist all dies bekannt, und dennoch beharren sie auf der obsessiven Verwendung des Begriffs „Yahweh“ (ebenso wie „Yahwism“ und „Yahwistic“). So schreibt etwa George H. van Kooten in seinem Vorwort zu seiner Anthologie The Revelation of the Name YHWH to Moses (2006) über den Namen:
„Der Name ‘Yahweh’, verbunden mit dem Ausdruck ehyeh asher ehyeh ist von zentraler Bedeutung im Judentum, und ‘Yahwism’ wurde gleichbedeutend mit jüdischem Monotheismus.“
Doch wie kann der Name „Yahweh“ eine „zentrale Bedeutung im Judentum“ besitzen, wenn kein Beleg existiert, dass Juden diesen Namen jemals über einen Zeitraum von 3000 Jahren verwendet haben?
In derselben Anthologie zeigt van Kooten selbst in seinem Aufsatz Moses/Musaeus/Mochos and his God Yahuo, Iao, and Sabaoth, Seen From a Graeco-Roman Perspective, dass die Griechen, die den Gott der Juden nicht höher schätzten als die Bibelwissenschaftler, den jüdischen Gottesnamen nicht „Yahweh“, sondern „Iao“ aussprachen.
Van Kooten schreibt auf S. 310, die Unkenntnis der Griechen bezüglich des Namens „Yahweh“ sei der „abnehmenden Bereitschaft der Juden zuzuschreiben, seinen Namen auszusprechen und den Namen ‘Yahweh’ zu verwenden“. Doch wie Albertz konnte auch er keinen Hinweis darauf beibringen, dass Juden den Namen jemals benutzten. Gerade dies ist der Grund, weshalb weder Albertz noch van Kooten die Möglichkeit überhaupt erwägen, dass die jüdische Scheu, den Namen auszusprechen, nicht erst „in der hellenistischen Epoche“ begann.

Vergoldete Statue des kanaanitischen Gottes El aus Ugarit, Spätbronzezeit 1400-1300 vor Chr., National Museum of Damascus
Als weiteres Problem kommt hinzu, dass die Bibelwissenschaft die Bedeutung des anderen jüdischen Gottesnamens verschleiert hat, nämlich „Elohim“. Der Gott El war tatsächlich der höchste Gott des kanaanäischen Pantheons, und das Wort El wurde ganz ähnlich verwendet wie das englische Wort „god“ – es bezeichnete nicht nur den höchsten Gott, sondern auch jeden anderen Gott. Das Wort „Gott“ heißt im Hebräischen el, und die reguläre Pluralform von el. ist elim, also „Götter“. Es gibt jedoch eine archaische Pluralform elohim.
Das Wort „Elohim“ bedeutet nicht wörtlich „Gott“, sondern eher „die Götter“.
Wie sonst sollte man die Sätze verstehen: „Der HERR, unser Gott, ist einer“ oder „Der HERR, unsere Götter, ist einer“?
Bemerkenswerterweise tritt die Form des hebräischen Verbs „sein“ im Hebräischen nie auf, da es nicht als Verb benutzt wird. Ein Sprecher kann „Ich bin jenes“ sagen, aber nicht „Ich bin“ im absoluten Sinne. Im Hebräischen gibt es zwar eine Form des Präsens des Verbs „sein“, nämlich howay, doch wird sie niemals als Verb verwendet, sondern ausschließlich als Substantiv im Sinne von „das Seiende“, „das Existierende“.
Wenn also im Schema – der Glaubensformel der jüdischen Einheit Gottes – steht: „Der HERR, unsere Götter, ist einer“, dann erscheint es schwer vorstellbar, dass kein Zusammenhang besteht zwischen dieser Tatsache und einer grammatischen Besonderheit, die es überflüssig macht zu entscheiden, ob „unsere Götter“ im Singular oder im Plural „ist“ oder „existiert“.
Fazit: Die jüdische Religion gründet sich auf die Verehrung eines Gottes, der „Götter“ genannt wird, dessen wirklicher Name aber „Ich werde sein“ lautet.
Wo die Bibelwissenschaftler (vielleicht aus dem Bedürfnis heraus, den Gott der Juden zu vermenschlichen) den Namen der Juden – oder besser: den Namen Gottes – zu einem Vatergott stilisierten, hätten sie bemerkt, dass sie es hier mit einer komplexen, dialektischen Denkweise zu tun haben – nicht unähnlich der komplexen, dialektischen Denkweise späterer Generationen jüdischer revolutionärer Denker und Führer. Das Gemeinsame der Aussagen „Götter“ und „Ich werde sein“ besteht in den Namen Gottes, nämlich darin, dass es mehr oder weniger unmöglich ist, sie zu personifizieren. Es ist schwer, sich eine plurale Entität als singuläre Person vorzustellen oder sich ein Bild eines unbekannten zukünftigen Wesens zu machen.
Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität.
Zugleich aber ist die Tendenz zur Personifizierung von Namen im Tanach an die Figur eines Herrschergottes gebunden, der ständig beobachtet, warnt, straft und belohnt, so wie es eine menschliche Person tun würde. Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität – beide Tendenzen finden reichlich Ausdruck in den Texten des Tanach. Es scheint mir ebenso offenkundig, dass beide Tendenzen aus der Kultur und Denkweise der Habiru hervorgegangen sind.
Die Habiru, die später als Hebräer bekannt wurden, erscheinen in der Tora und in den frühen Büchern des Tanach nicht so, wie sie waren, sondern so, wie sie sein wollten. Tatsächlich handelte es sich um eine kriegerische Elite, die um 1200 v. Chr. die Kontrolle über den größten Teil des Landes Israel gewann. Es gibt im Tanach keinerlei Hinweis darauf, dass sich die frühen Hebräer in nennenswertem Maße von den Kanaanäern unterschieden – weder sprachlich noch physisch. Sie unterschieden sich vielmehr dadurch, dass sie eine soziale Randgruppe der kanaanäischen Gesellschaft bildeten, und sie übernahmen die Praxis der Beschneidung als Mittel der Formalisierung dieser Differenz sowie als Ausdruck ihres Selbstverständnisses als furchtlose Eroberer und nicht als hilflose Opfer.
Doch als Eroberer benötigten sie einen Herrschergott, der ihnen mit einem Rechtstitel das Land Kanaan zusprach und die Lebensweise legitimierte, der sie zu folgen wünschten. Ihr Herrschergott unterschied sich jedoch von anderen Herrschergöttern insofern, als er nicht ursprünglich mit dem Konzept des Königtums verbunden war. Erst zur Zeit Sauls und Davids – etwa 200 Jahre nach Beginn der hebräischen Landnahme Kanaans – zeigt der Gott des Tanach die geringsten Anzeichen eines Interesses an der politischen Form hebräischer Herrschaft. Dies legt nahe, dass die Habiru keinen monarchisch geprägten Gott wollten, und dass sie aus diesem Grund das Verbot der Verehrung geschnitzter Bilder in die begriffliche Sphäre ausdehnten, wo es als Verbot der Personifikation von JHWH oder Elohim wirkte.
Um jedoch Kanaan als einheitliche Macht beherrschen zu können, benötigten die Habiru mehr als einen Herrschergott: Sie benötigten auch die Legende über die Söhne Israels. Und aus diesem Grund stellten sie sich im Tanach nicht dar, wie sie waren, sondern wie sie sein wollten. Statt ihre Ahnen als Flüchtlinge oder Vertriebene darzustellen, präsentierten sie Abraham, Isaak und Israel als friedliche Beduinen, die mit ihren Herden durch den Nahen Osten zogen. Dies lag daran, dass das gesamte Konzept der „bnei Israel“ ein beduinisches Konzept war, identisch mit jenem vieler beduinischer Stämme, die sich traditionell als „Söhne“ („banū“ im Arabischen) eines gemeinsamen, patriarchalen Ahnherrn beschrieben. Und indem sie eine idealisierte Vergangenheit als Beduinen erfanden, konnten die Habiru nicht länger als kriegerische Elite erscheinen, sondern mussten all ihre Kämpfe durch göttliches Eingreifen gewinnen – ein Eingreifen, das den Hebräern zugesichert wurde, obwohl ihnen militärische Erfahrung und Ausrüstung weitgehend fehlten. Aus demselben Grund mussten auch alle hebräischen Stämme den Exodus aus Ägypten durchleben, selbst wenn dabei die Sinai-Wüste überfüllt war; ebenso durfte der „Stamm“ Levi keinen Vorrang über die anderen Stämme erlangen. Das Ergebnis war eine nahezu völlig mythisierte Tora, die dennoch in eindringlicher Weise ihre engste Bindung an die Sache der Sklaven betont – im Gegensatz zu der der Sklavenhalter.
Wie man über die Tora denkt, hängt in hohem Maße davon ab, wie man über das Konzept eines Herrschaftsgottes denkt. Doch wie man über die Habiru denkt, hängt in noch größerem Maße davon ab, wie man über das Konzept revolutionärer Gewalt denkt. Revolution impliziert Gewalt, oder – wie Mao Zedong 1927 schrieb:
Eine Revolution ist kein Festessen, kein Essay, kein Gemälde oder eine Stickerei; sie kann nicht kultiviert, sanft, höflich, zurückhaltend oder großmütig sein. Eine Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt.
Doch war die Eroberung des Landes Israel durch die Habiru eine echte Revolution? Führte sie nicht nur zur Beseitigung der Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten und ihrer ägyptischen Oberherren, sondern auch zur Schaffung einer neuen und progressiveren Gesellschaftsordnung?
Das gesellschaftliche Ideal des Tanach ist das des Kleinbauern, dessen Recht auf Land durch das Jubeljahr-Gesetz garantiert werden sollte, dem zufolge verlorenes Land und durch Schulden veräußertes Eigentum alle fünfzig Jahre an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden musste. Die Anhäufung großer Landgüter wurde missbilligt, die Institution der Sklaverei stark eingeschränkt und die Pflicht zur Wohltätigkeit gegenüber den Armen vorgeschrieben. Die Bewahrung dieser sozialen Werte und Praktiken sollte auf dieselbe Weise sichergestellt werden, wie sie ursprünglich begründet worden waren – nämlich durch den Einsatz bewaffneter Gewalt.
In der jüdischen Tradition wurde dieser Einsatz bewaffneter Gewalt im Dienst sozialer Gleichheit schließlich mit einer ganz bestimmten Person verbunden: dem Gründer des Königreichs Juda, David.

König David als Orpheus, Mosaik aus einer Synagoge in Gaza, 508 n. Chr., Israel-Museum Jerusalem
David
Wie zu erwarten, mögen diejenigen Bibelwissenschaftler, die die Habiru nicht schätzen, auch David nicht. Einer der einflussreichsten Bibelwissenschaftler der jüngeren Zeit ist Israel Finkelstein, Koautor zusammen mit Neil Asher Silberman von *The Bible Unearthed* [2001, dt. Keine Posaunen vor Jericho, 2004] sowie von David and Solomon (2006).
Auf Seite 44 von „David and Solomon“ erläutern die Autoren die Bedeutung des Begriffs „Apiru“ wie folgt:
„Dieser Begriff, manchmal als Habiru transliteriert, wurde einst für verwandt mit dem Begriff ‚Hebräer‘ gehalten, aber die ägyptischen Texte machen deutlich, dass er weniger eine bestimmte ethnische Gruppe als vielmehr eine problematische sozioökonomische Klasse bezeichnete. Die Apiru waren entwurzelte Bauern und Hirten, die mitunter zu Banditen wurden, manchmal sich selbst an den Meistbietenden als Söldner verkauften und die in beiden Fällen eine destabilisierende Kraft darstellten – sei es für lokale Herrscher oder für die ägyptische Verwaltung – bei jedem Versuch, die Stabilität ihrer Herrschaft aufrechtzuerhalten.“
Am erstaunlichsten ist an dieser Zurückweisung der „Apiru“ als störende Unruhestifter ohne Bezug zu den Hebräern, dass die Autoren in keinem Abschnitt ihrer beiden Bücher überhaupt versuchen nachzuweisen, dass die Hebräer tatsächlich eine „spezifische ethnische Gruppe“ gewesen seien, getrennt und unterschieden von den Kanaanäern.
Finkelstein insbesondere hat seinen Ruf weitgehend darauf gegründet, den größten Teil der historischen Informationen des Tanach als legendär zu entlarven. Doch wenn es um den offensichtlichen Mythos der „Söhne Israels“ geht, akzeptiert er ihn weder explizit noch verwirft er ihn, sodass er die Identität von Habiru und Hebräern leugnen kann, während er gleichzeitig so tun kann, als glaube er an sie.
Ein zentraler Punkt in Finkelsteins Bemühen, Teile des Tanach zu entkräften, ist die Geschichte Davids und der Entstehung des Königreichs Juda. Der Tanach schildert David als Begründer eines Großreichs, das einen Großteil des Landes Israel beherrschte; Finkelstein und Silberman hingegen beschreiben David als einen unbedeutenden „Kleinhäuptling“, der nur über einen kleinen Teil des südlichen Berglandes herrschte.
Um David noch weiter zu diskreditieren, sehen die Autoren nichts Besseres, als ihn mit den „Apiru“ gleichzusetzen. Auf Seite 46 von *David and Solomon* schreiben sie:
„Kurz gesagt weist die Beschreibung des Aufstiegs Davids im ersten Buch Samuel zahlreiche unverkennbare Parallelen zur Aktivität eines typischen Apiru-Häuptlings und seiner Rebellenbande auf.“
Immer wieder bezeichnen die Autoren David als „Banditen“ an der Spitze einer „Bande von ‚Raufbolden und Freibeutern‘“.
Doch die Passagen des Tanach, auf die sie sich stützen, könnten ebenso gut als Beschreibungen der Formierung einer revolutionären Armee gelesen werden. Silberman und Finkelstein geben den Textstellen daher dieselbe negative Deutung wie der Habiru-Problematik – weil sie die Habiru als „problematisch“ ansehen und David ebenfalls nicht mögen.

1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525
Ein Beispiel hierfür findet sich in dem bekannten Abschnitt in Kapitel 22 des *Ersten Buches Samuel*, in dem beschrieben wird, wie David seine erste kleine Bande formte:
„Und es versammelten sich zu ihm alle, die in Not waren, und alle, die verschuldet waren, und alle, die verbitterten Gemütes waren; und er wurde ihr Anführer. Und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann.“
Silberman und Finkelstein haben insofern recht, als viele Habiru-Banden zweifellos auf ganz ähnliche Weise entstanden. Doch die Frage ist nicht, ob David und seine Gefolgsleute den Habiru ähnlich waren – das waren sie zweifellos -, sondern ob sowohl David als auch die Habiru in Kanaan vielmehr „Banditen“ waren oder nicht eher Revolutionäre, die darauf aus waren, eine neue soziale Ordnung zu errichten, deren wichtigstes Element die Vermeidung von Bodenverlust zugunsten der Reichen war.
Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war.
Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war, jedoch einer, dessen Revolution in keiner wesentlichen Hinsicht von jener der Habiru verschieden war – abgesehen davon, dass seine Bewegung ihn nicht nur zum König von Juda ausrufen ließ, sondern er begründete auch eine Dynastie, die das Königreich Juda über nahezu 400 Jahre hinweg ununterbrochen regierte. Und selbst danach blieb die Vorstellung, dass der „Messias“ ein direkter Nachkomme Davids sein würde, ein prägendes Merkmal der jüdischen messianischen Kultur bis in die Neuzeit.
Warum also wurde die Gestalt Davids in der jüdischen Tradition zu einem so bedeutenden monarchischen Vorbild? Zweifellos spielten seine persönlichen Eigenschaften, wie sie der Tanach beschreibt, eine Rolle; doch es gibt letztlich nur eine offensichtliche Antwort auf die Frage, weshalb David zu einer so wichtigen Figur wurde.
Es ist jene Antwort, die der Tanach selbst liefert: nämlich, dass David die Philister besiegte, Jerusalem eroberte und die Autorität der Hebräer weiter ausdehnte, als sie jemals zuvor gereicht hatte. Dies tat er, indem er die Hebräer zu einer einheitlichen militärischen Kraft unter seinem Kommando zusammenschloss, während sie bis dahin überwiegend als lockerer Zusammenschluss unabhängiger Stämme ohne zentrales Befehlswesen gekämpft hatten.
Es ist offensichtlich, dass die Hebräer der Institution der Monarchie nicht enthusiastisch gegenüberstanden; doch sie akzeptierten Davids Version davon, weil sie funktionierte und ihnen die Schlachten gewinnen ließ, die sie gewinnen mussten, um ihre Vision einer idealen sozialen Ordnung zu verwirklichen.
Die alte jüdische Kultur, wie sie in den Seiten des Tanach reflektiert ist, war eine monarchische Version der revolutionären Kultur der Habiru. Sie ersetzte die Monarchie für die Stämme, das Priestertum der Leviten und den Tempel in Jerusalem für sämtliche lokale Heiligtümer; zugleich war sie egalitärer und humaner als die Kultur der Staaten und Reiche, die das Land Israel umgaben.
Und gerade aufgrund dieser progressiven Elemente der jüdischen Kultur ist das jüdische Volk im Laufe seiner Geschichte solchen massiven Verfolgungen ausgesetzt gewesen.
Insbesondere wäre es unmöglich, den genozidalen Angriff auf das jüdische Volk durch die Römer und ihre griechischen Verbündeten zu verstehen – der in der sogenannten „Jüdischen Kriege“ des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in den Tod von über zwei Millionen Juden mündete -, ohne zu berücksichtigen, dass das jüdische Rechtssystem die Institution der Sklaverei verwarf, auf der das römische Reich aufgebaut war.
In späteren Jahrhunderten griffen Christentum, Islam und Marxismus jeweils auf ihre eigene Weise auf den progressiven Kern der jüdischen Kultur zurück, um daraus ihre eigene Inspiration zu beziehen; doch anstatt ihre Schuld gegenüber dem jüdischen Volk anzuerkennen, erfanden sie ein antisemitisches Stereotyp nach dem anderen, um sich von der jüdischen Welt zu distanzieren.
Diese Dynamik hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt in der Form der Dämonisierung des Staates Israel durch die internationale Linke.
Als ich zum ersten Mal begann, über jüdische Geschichte zu schreiben und zu lehren, dachte ich, dass ich in der progressiven Gemeinschaft meine dankbarsten Leser finden würde.
Immerhin zeigte ich auf, dass die gesamte „biblische“ Tradition – die innerhalb der weltlichen Linken noch immer als machtvoller Konkurrent aufgefasst wird – in Wirklichkeit das Ergebnis einer sozialen Revolution war und keineswegs einer göttlichen Fügung.
Doch es stellte sich heraus, dass die meisten Progressiven nicht über diese besondere soziale Revolution sprechen wollten, weil sie die Juden gut aussehen ließ – und damit, indirekt, Israel.
Sie zogen es vor zu glauben, dass die Juden einen grausamen patriarchalen Gott namens Jahwe verehrten und dass sie daher verdient hätten, was ihnen von den toleranten, leichtlebigen heidnischen Völkern widerfahren sei. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür lieferte das Buch When God Was a Woman von Merlin Stone, das in den 1980er Jahren vom progressiven Radiosender WBAI in New York mit großem Enthusiasmus vorgestellt wurde.
Stone stützte sich weitgehend auf in Deutschland während der 1930-er Jahre entstandene Studien und versuchte zu zeigen, dass der patriarchale Kult des Jahwe tatsächlich von arischen Eindringlingen aus dem Norden in den matriarchalen Vorderen Orient eingeführt worden sei – was sie zu der Schlussfolgerung brachte, es sei „ironisch“, dass Hitler so viele Juden ermordete, da Juden und Nazis so viel gemeinsam hätten.
In Wirklichkeit jedoch wird die jüdische Abstammung seit Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. über die mütterliche Linie bestimmt und nicht über die väterliche – doch weder das eine noch das andere ist hier entscheidend.
Der Punkt ist vielmehr, dass man keine demokratischen, säkularen und egalitären Werte effektiv verteidigen kann, während man zugleich jene Menschen dämonisiert, die in der Geschichte mehr als jeder andere zur Hervorbringung dieser Werte beigetragen haben.
Der Grund, weshalb so viele Juden eine so herausragende Rolle in den progressiven Bewegungen der Moderne gespielt haben, liegt in den egalitären Werten, die in der traditionellen jüdischen Kultur verankert sind; und der Grund, weshalb diese Werte dort verankert sind, besteht in der sozialen Revolution, die von den Habiru durchgeführt wurde.
Mit anderen Worten:
Es ist das direkte Ergebnis der jüdischen Tradition, dass der Staat Israel weitaus demokratischer, säkularer und egalitärer ist als alle seine arabischen und muslimischen Nachbarn.
Die Dämonisierung der Juden und die Dämonisierung Israels kann keinem anderen Zweck dienen, als die Position des Bündnisses autokratischer Staaten zu stärken, das sich gegen uns formiert hat.
Umgekehrt ist die Annahme einer positiven Haltung gegenüber dem jüdischen Volk – einschließlich des jüdischen Staates – der Schlüssel dazu, die progressive Bewegung aus jenem Zustand erbärmlicher Bedeutungslosigkeit zu befreien, in dem sie sich heute befindet.
Neue Ware eingetroffen, reloaded
Neu in meiner Bibliothek (und der Literaturliste):
– Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israel – Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., Stuttgart 1996 (Biblische Enzyklopädie 1)
– Ben-Sasson, H. H.: Geschichte des jüdischen Volkes – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, (1969) 1978 (dt.)
– Crowley, Roger: Der Fall von Akkon – Der letzte Kampf um das Heilige Land, Darmstadt 2019
– Redford, Donald B.: Egypt, Canaan and Israel in Ancient Times, Princeton | New Jersey 1992
Kultur Agitprop
Starry Night
In wenigen Tagen startet ein neuer Rollenspiel-Plot auf meiner Sim, bei dem es um eine gefährliche Schiffsreise auf der Thassa geht. Die Milchstraße habe ich nicht selbst gebaut, sondern gekauft. Der Sternenhimmel dreht sich, und man kann „Sternschnuppen“ verglühen sehen. Das sieht schon nett aus.
Das deutsche Zensurnetzwerk

Quelle: liber-net.org
Aya Velasquez (mit der man aber nicht über Israel reden sollte): „Ein internationales Rechercheteam namens “liber net” hat in monatelanger Arbeit die bislang größte und umfangreichste Zusammenstellung des deutschen Zensursystems – bestehend aus Regierungsbehörden, Stiftungen, NGOs und akademischen Einrichtungen – zusammengestellt. Der Umfang, den sie vorfanden, übertraf ihre eigenen Erwartungen bei Weitem: Über 330 staatliche und nichtstaatliche Einrichtungen sind demnach in Deutschland aktiv daran beteiligt, Inhalte im Netz zu kontrollieren.“
Wenn man so etwas zusammenstellt, merkt man irgendwann, dass alles mit allem und jeder mit jedem zusammenhängt. Ich halte da nicht viel von, obwohl es nett aussieht.
Unstrittig ist, dass NGOs und staatliche Stellen Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der herrschenden Klassen in Deutschland durchzusetzen und abweichende Meinungen zu unterdrücken, teils mit Einschüchterung, teils mit staatlicher Repression, teils mit freiwilliger Selbstkontrolle aka Opportunismus – nach dem altbekannten Motto: Deutsch bleibt Deutsch, da helfen keine Pillen. Melden! Durchführen! Verbieten!
Solange ich das aber noch posten kann, geht die Welt nicht unter. Bei den sozialen Medien kann man sich aber nicht mehr sicher sein…
Die Hebräer oder: Die Habiru II
Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 2. Teil).
[Teil 1: Parasoziale Elemente oder: Die Habiru I (26.11.2025)]
Was war die genaue Bedeutung des Ausdrucks Habiru in seinem ursprünglichen Kontext? Und darüber hinaus: Lautete der Begriff tatsächlich Habiru oder vielmehr Apiru? Diese Fragen müssen beantwortet werden, um die größere Problematik der Beziehung zwischen den Bezeichnungen Habiru und Hebräer anzugehen.
Über viele Jahrzehnte nach der Entdeckung der Tafeln von Tell el-Amarna und anderer Fundorte zweifelte niemand daran, dass sie sich auf Menschen bezogen, die Habiru genannt wurden. In der englischsprachigen Übersetzung der Tell-el-Amarna-Tafeln durch Samuel Mercer aus dem Jahr 1939 wird der Begriff Habiru ohne jeden Hinweis auf die Möglichkeit einer abweichenden Lesung verwendet. Nebenbei bemerkt erklärte F. H. Hallock in einem „Exkurs“ am Ende des Buches [das ich nicht gefunden habe, B.S.] auf Seite 843:
„Aber wir müssen eine gewisse Verbindung zwischen Hebräern und Habiru einräumen; linguistische und historische Überlegungen machen dies unvermeidlich, auch wenn wir angesichts gegenwärtigen Wissens nicht mit allzu großer Gewissheit über diese Verbindung sprechen können.“
Doch beginnend in den 1950er-Jahren wurden Zweifel an der Richtigkeit von Habiru als Lesung des keilschriftlichen Textes laut, wobei Apiru zunehmend als mögliche alternative Lesung vorgeschlagen wurde.
Akkadische Keilschrift, das Schriftsystem, in dem die Tell-el-Amarna-Tafeln verfasst wurden, besteht aus keilförmigen Eindrücken im Ton. Nach Ansicht der Experten konnte der betreffende Anfangskonsonant des fraglichen Zeichens entweder als „h“ oder als „p“ gelesen werden. Die akkadische Schrift selbst machte offenbar keinen Unterschied zwischen beiden Lauten. Doch bis in die 1950er-Jahre hinein waren einige Verweise auf die Habiru in anderen Schriftsystemen bekannt geworden, und in diesen schien der Anfangskonsonant ein „p“ zu sein. Gleichzeitig wurde – aus Gründen, die mir nicht völlig klar sind – behauptet, das Wort müsse ohne einen anfänglichen „h“ gelesen werden. Manche Bibelwissenschaftler ließen sich von diesen Argumenten nicht überzeugen und verwendeten weiterhin die Bezeichnung Habiru. Die Mehrheit wechselte jedoch allmählich zu Apiru, das allgemein als die korrektere Lesung gilt.

Akkadische Inschrift auf dem Obelisken von Manishtushu, 2600–500 vor Chr., Louvre
Ich selbst halte mich nicht für qualifiziert, ein endgültiges Urteil darüber zu fällen, ob Habiru oder Apiru die richtige Lesung ist, und mir erscheint auch nicht, dass die Beweislage eindeutig zugunsten der einen oder anderen Möglichkeit ausfällt. In Le problème des Habiru, veröffentlicht 1954, untersuchte Jean Bottéro die damals verfügbaren Texte ausführlich und kam auf Seite 156 zu dem Ergebnis, dass er die Frage nicht lösen könne. Er selbst verwendete weiterhin den Begriff Habiru. Obwohl mir scheint, dass jene, die die Identität von Hebräern und Habiru bejahen, mit wenigen Ausnahmen eher den Begriff Habiru bevorzugen, neigen diejenigen, die die Identität der beiden Gruppen bestreiten, eher zu Apiru.
„Hebrew“ ist natürlich nicht das hebräische Wort für „Hebräer“.
Auch ich bejahe die Identität der beiden Gruppen und verwende daher den Ausdruck Habiru, der stärker an „Hebrew“ erinnert. Letztlich spielt es jedoch keine große Rolle, welche Bezeichnung dem Wort „Hebrew“ ähnlicher klingt, denn „Hebrew“ ist natürlich nicht das hebräische Wort für „Hebräer“. Das hebräische Wort lautet Ivri, das weder dem einen noch dem anderen Begriff besonders ähnlich ist.
Andererseits sind die Unterschiede auch nicht allzu groß. Im Hebräischen kann der Buchstabe bet je nach Stellung im Wort entweder als „b“- oder als „v“-Laut ausgesprochen werden. Ivri wird mit einem bet geschrieben, weshalb viele Übersetzungen dieses Wortes, wie etwa „Hebrew“, ein „b“ statt eines „v“ verwenden. Was die Möglichkeit betrifft, dass das akkadische Wort mit einem „p“ statt eines „b“ ausgesprochen wurde, behandelt Manfred Weippert diese Frage in „The Settlement of the Israelite Tribes in Palestine“ [auf Deutsch: „Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion“]. Weippert bezweifelt nicht, dass Hebräer und Habiru identisch waren, und bevorzugt die Lesung Apiru gegenüber Habiru. Doch wie viele andere Bibelwissenschaftler sieht er eine sprachliche Verbindung zwischen den akkadischen und den hebräischen Begriffen. Er führt insbesondere nicht weniger als 14 Beispiele an, in denen ein „b“-Laut in verschiedenen semitischen Sprachen zu einem „p“-Laut (oder umgekehrt) wurde, und folgert auf Seite 82: „Mit anderen Worten: Die Gleichung apiru = Hebräer kann durchaus mit linguistischen Belegen untermauert werden.“ Meine eigene Einschätzung ist, dass die Sprachbeweise keineswegs die Identität der akkadischen und hebräischen Begriffe beweisen, ihnen jedoch Raum lassen. Der Hauptgrund, warum die meisten Bibelwissenschaftler eine Verbindung der beiden Termini annehmen, liegt darin, dass sie in sehr ähnlicher Weise verwendet wurden.
Die Gleichung apiru = Hebräer kann durchaus mit linguistischen Belegen untermauert werden.
Bibelwissenschaftler sind sich im Allgemeinen darüber einig, wer die Habiru waren, uneinig jedoch darüber, wie sie wahrgenommen wurden. Bottéro zufolge war „Flüchtling“ die treffendste Bezeichnung, während Weippert „Outlaw“ („Geächteter“) bevorzugte. Das eine gemeinsame Merkmal, das die Habiru als Gruppe definierte, besteht darin, dass sie buchstäblich – sie lagerten am Rand der besiedelten Gebiete – und im übertragenen Sinne außerhalb der etablierten sozialen Ordnung standen. Dennoch gab es offenbar erhebliche Unterschiede von Ort zu Ort hinsichtlich der Beziehung der Habiru zu den jeweiligen Staaten. Dienten sie als Söldner, könnten sie ein besonderes Verhältnis zu einem Staat gehabt haben, das ihnen eine gewisse formale Anerkennung verschaffte. Einige Bibelwissenschaftler glauben, die Habiru seien generell als „Fremde“ wahrgenommen worden, andere betonen ihren Status als „Flüchtige“. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, den einen Begriff dem anderen vorzuziehen, da beide eine gewisse Grundlage haben.

Keilschriftliches sumerisches sa.gaz und das entsprechende westsemitische ḫa-bi-ru
Ein Hinweis darauf, wie der Begriff Habiru im 2. Jahrtausend v. Chr. allgemein verstanden wurde, findet sich jedoch in der Existenz ähnlicher Begriffe anderer altorientalischer Sprachen. Besonders relevant ist hier der sumerische Ausdruck „SA.GAZ“. Ich weiß nicht genug über sumerische Hieroglyphen, um zu verstehen, warum er auf diese Weise geschrieben wird, doch da die meisten Bibelwissenschaftler das tun, folge ich ihnen. Die Sumerer waren ein Volk, dessen ethnischer und sprachlicher Hintergrund noch nicht erschöpfend erforscht worden ist. Sie waren im südlichen Mesopotamien ansässig, als sie um 3000 v. Chr. ein hieroglyphisches Schriftsystem entwickelten. Die akkadische Schrift wurde aus der sumerischen abgeleitet, und sie übernahm auch den sumerischen Ausdruck „SA.GAZ“, der in akkadischen Texten – einschließlich der Tell-el-Amarna-Tafeln – weit verbreitet war und als Synonym für Habiru diente. Bottéro stellt auf Seite 82 fest, dass die beiden Begriffe in Texten aus Boghazköy, der Hauptstadt des hethitischen Reiches im Gebiet der heutigen Türkei, nebeneinander verwendet wurden und dass Bibelwissenschaftler übereinstimmend davon ausgehen, dass ihre Bedeutung mehr oder weniger identisch war.
Nach Bottéro (S. 149) ist die Grundbedeutung von SA.GAZ in seinem ursprünglichen sumerischen Kontext „pejorativ und bezeichnet einen gewalttätigen und kriminellen Akt der Aggression und zumeist den Täter einer solchen Aggression“ (meine Übersetzung). Bottéro schließt daraus, dass „SA.GAZ“ als „Räuber“ wiederzugeben sei, obwohl er meint, dass „Flüchtling“ die beste Übersetzung für Habiru sei. Dieser Widerspruch ist jedoch nur scheinbar, da die Habiru offenbar Flüchtlinge (oder Geflüchtete) waren, die zu Räubern wurden.
Genau diese Auffassung vertritt auch Nadav Na’aman in seinem Kapitel „Habiru-like Bands in the Assyrian Empire and Bands in Biblical Historiography“ in Band I seiner „Collected Essays“. In assyrischen Inschriften aus dem 7. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird eine Gruppe namens „urbi“ erwähnt. Die Bedeutung dieses Begriffs wurde verschieden übersetzt: als „Flüchtlinge“, „Banditen“, „irreguläre Truppen“, „eine besondere Art Soldaten“ oder „Elitekrieger“. Nach Na’aman leitet sich der Begriff „urbi“ ab von merubu, ein Verb, das „fliehen, davonlaufen, entkommen““ bedeutet. Na’aman fährt auf Seite 299 fort:
„Der Begriff urbi bezeichnet Gruppen von Flüchtlingen, die angesichts assyrischer Feldzüge, Zerstörungen oder Annexionen aus ihrer Heimat flohen und Zuflucht in Randgebieten suchten. Diese Vertriebenen versuchten, sich neuen Umständen anzupassen, indem sie eine Bande bildeten, die unter der Führung eines herausragenden Anführers stand. Die Banden waren unabhängige bewaffnete Einheiten, zahlenmäßig begrenzt und durch ihre räuberische Natur und ihr militärisches Können charakterisiert. Häufig wurden sie für sesshafte und pastorale Gesellschaften gefährlich. Aufgrund ihrer militärischen Fähigkeiten dienten sie gelegentlich als Söldner in den Armeen benachbarter Herrscher.“
Und Na’aman schließt:
„Alle diese Merkmale sind typisch für die Banden der Habiru, die aus spät-drittem und mittel-zweitem Jahrtausend v. Chr. im Alten Orient wohlbekannt sind.“
Der wichtigste Punkt, der sich aus alledem ergibt, ist, dass für die Menschen, die die Texte verfassten und lasen, in denen Begriffe wie „SA.GAZ“, Habiru oder „urbi“ auftauchen, all diese Termini offenbar eine negative Konnotation besaßen. Mitunter wird diese Konnotation explizit, wie in einer der Tell-el-Amarna-Tafeln, die auf Seite 261 von Mercers Übersetzung erscheint, wo ein kanaanäischer Beamter von einem anderen sagt, er sei zu einem „SA.GAZ-Hund“, einem „herumstreunenden Hund“, geworden. Die Habiru waren definitionsgemäß Outlaws, da sie nicht Teil der etablierten sozialen Ordnung waren und sich selbst auch nicht als ihr Teil betrachteten. Darüber hinaus verlieh die Tatsache, dass viele von ihnen entflohene Sklaven waren, ihrer Wahrnehmung ein zusätzliches Element der Kriminalität, denn die Flucht aus der Sklaverei galt als schweres Verbrechen, oft mit dem Tod bestraft. Zweifellos haftete den Habiru auch das Bild an, eine ernsthafte militärische Gefahr darzustellen, doch mag sie dies für einige attraktiv gemacht haben; für die etablierte Gesellschaft jedoch war dies vermutlich nur ein weiterer Punkt der Anklage. Ob die Habiru selbst Stolz aus ihrem Outlaw-Status zogen, lässt sich schwer sagen, doch deutet die Gesamtheit der Belege darauf hin, dass sie sich – ob mit oder ohne Stolz – bemühten, ihn loszuwerden.

James W. Jack: The Date of the Exodus, Edinburgh 1925
Der beste Weg herauszufinden, wie die Habiru dazu standen, Habiru genannt zu werden, besteht darin zu untersuchen, wie die Hebräer empfanden, „Hebräer“ genannt zu werden. Alle Texte, die die Habiru erwähnen, wurden von anderen geschrieben und spiegeln daher nicht die Sicht der Habiru selbst wider; die Hebräer hingegen hatten mehrfach Gelegenheit, ihren eigenen Standpunkt darzulegen. Und das Erste, was jedem Bibelleser auffällt, ist, dass der Begriff „Hebräer“ im Tanach kaum verwendet wird. Im gesamten Tanach erscheint er lediglich 39 Mal. In der Tora werden die Hebräer fast immer als „Söhne Israels“ (b’nei Israel auf Hebräisch, gewöhnlich mit „Kinder Israels“ oder „Israeliten“ übersetzt) bezeichnet. In den späteren Teilen des Tanach erscheinen weitere Bezeichnungen, jedoch kaum je „Hebräer“.
Wenn der Begriff „Hebräer“ dennoch vorkommt, dann in spezifischen Bedeutungszusammenhängen. Nadav Na’aman hat diese Frage ausführlich in seiner Studie „Habiru and Hebrews: The Transfer of a Social Term to the Literary Sphere“ untersucht, die in Band 2 seiner Collected Essays erschien. Wie die meisten Bibelwissenschaftler bestreitet Na’aman nicht, dass die Hebräer Habiru waren, doch zweifelt er nicht daran, dass der Begriff Hebrew von Habiru abstammt. Er weist darauf hin, dass der Begriff im Tanach in der Regel verwendet wird, um „Israeliten in außergewöhnlichen Umständen“ zu bezeichnen. Insbesondere dient er der Beschreibung von „Israeliten, die in ein fremdes Land migriert sind“ oder „Israeliten in einer Lage der Knechtschaft“. Er ergänzt, dass die Verwendung des Begriffs „Hebräer“ besonders in den Erzählungen des Buches Exodus auffällig ist, wo er auf Israeliten angewendet wird, die von den Ägyptern zur schweren Fronarbeit versklavt und ausgebeutet wurden. Und zusammenfassend stellt er auf Seite 271 fest:
„Es scheint, dass alle biblischen Bezüge zu den ‘Hebräern’ gewisse Züge widerspiegeln, die den Habiru des zweiten Jahrtausends v. Chr. zugeschrieben werden.“
Ein gutes Beispiel dafür, wie der Begriff „Hebräer“ im Tanach verwendet wird, findet sich in Kapitel 29 des Ersten Buches Samuel Nachdem David gezwungen ist, das Gebiet Israels zu verlassen, weil der amtierende König Saul seine Verfolgung aufgenommen hat, sammelt der zukünftige König eine Schar von Außenseitern um sich und sucht Schutz bei den Philistern. Nun bereiten die Philister eine Schlacht gegen Saul vor, und David und seine Männer sind bereit, sich ihnen anzuschließen. Doch die „Fürsten der Philister“ rufen aus: „Was machen diese Hebräer hier?“

1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525
Der Philisterfürst, der über David den Schutz der Philister ausübt, sieht sich gezwungen, David und seine Männer fortzuschicken, weil die anderen Philisterführer ihnen misstrauen und befürchten, sie könnten sich im bevorstehenden Kampf König Saul anschließen, sobald die Schlacht unmittelbar bevorsteht. Die Verwendung des Ausdrucks „Hebräer“ in diesem Zusammenhang kann natürlich als Bezugnahme auf die ethnische Gruppe verstanden werden, der David und seine Männer angehörten; zugleich ergibt sie jedoch ebenso vollkommen Sinn als Synonym für Habiru, da eine Gruppe von Söldnern – wie sie häufig beschrieben werden – von den meisten Philisterführern mit Geringschätzung betrachtet wurde. Es scheint, als hätten die Autoren des Tanach gelegentlich nicht umhin gekonnt, den Begriff „Hebräer“ zu verwenden, um ihrer Darstellung zusätzliche Anschaulichkeit zu verleihen, zugleich jedoch jede explizite Identifizierung der Hebräer als Habiru systematisch vermieden, weil dies mit der Legende der „Söhne Israels“ kollidiert hätte.
Nach Na’aman geschah Folgendes: Der Ausdruck „Hebräer“ wurde durch die jüdischen Schriftsteller der Spätphase des Zweiten Tempels, die ihn zunehmend als Bezeichnung der Vorfahren der Juden verwendeten, davor gerettet, ganz zu verschwinden. Es scheint mir, dass zu dieser Zeit die Verbindung zwischen den Habiru und den Hebräern – die zur Zeit der Abfassung der Bücher des Tanach eindeutig bekannt war – weitgehend in Vergessenheit geraten war und dass der Begriff „Hebräer“ allmählich eine religiöse Bedeutung erlangte, die sich stark von seinen ursprünglichen Konnotationen unterschied. Vielleicht wurde „Hebräer“ unter dem Einfluss des Josephus, der den Begriff häufig verwendete, zu einem respektablen Ausdruck im christlichen (und letztlich auch jüdischen) Diskurs und diente als Alternative zum stets pejorativ gebrauchten Ausdruck „Jude“.
Die hebräische Sprache bewahrt jedoch noch immer eine Spur der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes. Das hebräische Wort Ivri stammt von einer hebräischen Wurzel ʿbr (ayin, bet, resh), deren Grundbedeutung „hinübergehen“, „überqueren“ oder „überschreiten“ ist. Das hebräische Wort für „Vergangenheit“ ist ebenfalls von dieser Wurzel abgeleitet. Es gibt außerdem eine Reihe weiterer Wörter im Hebräischen, die von dieser Wurzel abstammen und deren Bedeutung exakt der englischen Bedeutung von „transgress“ entspricht – also das Überschreiten einer erlaubten Grenze. Dazu gehören avaryan („Gesetzesbrecher“) und avera („Verstoß gegen die Regeln“). Einige Bibelwissenschaftler sind sogar so weit gegangen zu behaupten, das Wort Habiru, dessen Bedeutung im Akkadischen nicht völlig klar ist, sei von derselben westsemitischen Wurzel wie Ivri abgeleitet und habe die Bedeutung „überqueren“, sei es als Flüchtlinge oder als Gesetzesbrecher. Wie dem auch sei, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Begriffe „Hebräer“ und „Habiru“ eng miteinander verbunden sind, und die naheliegendste Erklärung für diese Beziehung ist, dass die Hebräer tatsächlich Habiru waren.
Wird fortgesetzt.
Großer Mann und kleiner Mann, um das Brandenburger Tor herum
Heute habe ich den kleine Mann gefunden. Das sieht irgendwie lustig aus. Burks gefällt das.
Übrigens, Grok sagt: Die ursprüngliche und älteste Schreibung des Vornamens ist Burkhard (bzw. in althochdeutschen Quellen auch Burkhart, Burchard oder Burcard). Der Name ist rein althochdeutsch und setzt sich aus zwei Gliedern zusammen:
1. burg / burc = die Burg, der Schutz, die Festung
2. hart / hard = hart, stark, kühn, mutig
Burkhard bedeutet daher wörtlich: „der Burgstarke“, „der kühne Burgbeschützer“ oder „der mit der Stärke einer Burg“. Das ist ein typischer zweiteiliger germanischer Personenname aus der Zeit der Merowinger und Karolinger (6.–9. Jahrhundert). Die heute in Deutschland am weitesten verbreitete Form ist Burkhard (mit „k“ und ohne „t“ am Ende), gefolgt von Burkhardt und Burkhart.
Wenn mir vor mehr als vier Jahrzehnten jemand gesagt hätte: Direkt neben dem Brandenburger Tor wirst du mal arbeiten!, hätte ich den für verrückt erklärt.
Das Leben – jedenfalls mein Leben – war und ist voller Überraschungen, und ich bin gespannt auf die nächste…
Der Vorteil am unvermeidlichen Tod ist bekanntlich, dass man sich nachher nicht darüber ärgern kann. Ich würde das tun, weil ich das Gefühl hätte, so viel von dem verpasst zu haben, was noch alles kommt.

Brandenburger Tor, 80-er Jahre, eingescanntes Dia
Großer Mann und kleiner Mann
Großer Mann mit kleinem Mann von Stephan Balkenhol, Palais am Pariser Platz, Berlin-Mitte. Den kleinen Mann habe ich nicht gesehen, er war zu klein. Muss ich morgen noch genauer gucken. ich habe 12 Stunden Zeit dafür. Um den Mann herum ist jetzt eine künstliche Curling-Bahn mit viel Radau, warum auch immer.
Parasoziale Elemente oder: Die Habiru I
David ging von da hinweg und rettete sich in die Höhle Adullam. Als das seine Brüder hörten und das ganze Haus seines Vaters, kamen sie dorthin zu ihm hinab. Und es sammelten sich bei ihm allerlei Männer, die in Not und Schulden und verbitterten Herzens waren, und er wurde ihr Oberster; und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann. (Bibel, 1. Samuel 22)
Ich habe mir einen Teil des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir). Wolfe stammt aus einem kommunistischen Elternhaus und wuchs als säkularer Jude in New York auf. Er nahm an den Studentenunruhen im Frühjahr 1970 teil und saß deswegen drei Monate im Gefängnis. Er fühlte sich als „Linker“, bis die Studentenbewegung mehr und mehr antisemitische Züge zeigte. Dann begann er, sich mit der Geschichte der Juden und Israels zu beschäftigen.
… stieß ich erstmals auf die Habiru. Obwohl ich als Berufshistoriker tätig war, hatte ich bis dahin nie von ihnen gehört. In dem kleinen Fachgebiet der „biblischen Wissenschaften“ war das Thema durchaus präsent, doch außerhalb dieses Kreises war ihre Existenz nahezu unbekannt.
Seit rund hundert Jahren hatten Archäologen im Nahen Osten Tontafeln ausgegraben, auf denen eine Gruppe von Menschen erwähnt wurde, die in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich als „Habiru“ oder „Apiru“ bezeichnet wird. Hunderte solcher Belege wurden entdeckt, die sämtlich in das 2. Jahrtausend v. Chr. datieren. Keine dieser Tontafeln behandelt die Habiru ausführlich; vielmehr erscheinen sie jeweils nur als Randbemerkung in einem größeren Zusammenhang. Mitunter werden die Habiru als Söldner beschrieben, ein anderes Mal als Tagelöhner und wiederum in anderen Fällen als Banditen.
Unter Bibelwissenschaftlern herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass den unterschiedlichen Beschreibungen wahrscheinlich Gruppen bewaffneter Männer zugrunde lagen, von denen die meisten Flüchtlinge waren, die an den Rändern bewohnter Gebiete lagerten und ihren Lebensunterhalt auf irgendeine Weise zu bestreiten versuchten. Hinweise auf solche Habiru-Gruppen wurden in vielen verschiedenen Regionen des Nahen Ostens gefunden, was deutlich macht, dass sie weder einen Stamm noch eine Nation bildeten, sondern eher eine soziale Gruppe oder Schicht darstellten, eine Gruppe, die von den Schreibern, die sie erwähnten, im Allgemeinen mit einer Mischung aus Furcht und Verachtung betrachtet wurde.
Was jedoch mein besonderes Interesse an der wissenschaftlichen Literatur über die Habiru weckte, war der Nachweis, dass viele von ihnen entflohene Sklaven gewesen sein müssen. So erklärt etwa William Albright auf Seite 86 seines Buches Yahweh and the Gods of Canaan:
In den Tontafeln von Ugarit lesen wir, dass entflohene Sklaven gewöhnlich bei den Apiru Zuflucht fanden, vorzugsweise auf der anderen Seite der Grenze zwischen dem eigentlichen Hethiterreich und dem Vasallenstaat Ugarit. Dieses Vorgehen war ausdrücklich verboten, und entlaufene Sklaven mussten ausgeliefert werden.

James B. Pritchard: The Ancient Near East. S. 262
Und auf Seite 273 des ersten Bandes von James Pritchards Anthologie The Ancient Near East findet sich eine Passage aus einem Brief aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., in dem auf „Sklaven, die zu Apiru geworden waren“, Bezug genommen wird. Auffällig ist daher nicht nur, dass die Begriffe Habiru (bzw. Apiru) phonetisch an „Hebräer“ erinnern, sondern dass beide Gruppen offenbar einen ähnlichen sozialen Status teilten. Die jüdische Überlieferung stellt die ursprünglichen Hebräer als entflohene Sklaven dar, und die Verfasser der Tora nahmen diese Tradition offenbar so ernst, dass sie sie in Kapitel 23, Vers 16 des Deuteronomiums kodifizierten:
Du sollst einen Sklaven, der sich vor seinem Herrn zu dir flüchtet, nicht an seinen Herrn ausliefern. Er soll bei dir wohnen, an einem Ort seiner Wahl, in einer beliebigen deiner Siedlungen, wo es ihm gefällt; du darfst ihn nicht bedrücken.
Hätten die Verfasser der Tora ein solches Gebot erlassen, wenn sie nicht selbst – zumindest teilweise – von entflohenen Sklaven abstammten? Ich halte dies für unwahrscheinlich. Daher erscheint mir die Tatsache, dass auch ein großer Teil der Habiru entflohene Sklaven gewesen zu sein scheint, als starkes Indiz für eine Verbindung zwischen beiden Gruppen.
Bald wurde mir jedoch bewusst, dass die meisten Bibelwissenschaftler meine Annahme nicht teilten. Fast ausnahmslos behandeln biblische Fachgelehrte früherer wie heutiger Zeit die Frage nach den Ursprüngen der Hebräer aus einer religiösen Perspektive. Anstatt sich auf das zu stützen, was aus den Quellen zuverlässig hervorgeht, und das über die Habiru Bekannte als Ausgangspunkt ihrer Forschungen zu nehmen, tendieren sie meistens dazu, die Habiru in ein Bild der hebräischer Ursprünge einzupassen, das letztlich aus der in der Bibel erzählten Geschichte abgeleitet ist.
Betrachtet man die Frage jedoch aus dieser Perspektive, fügen sich die Habiru schlicht nicht ein. Insbesondere stellen die in der Bibel beschriebenen Hebräer einen Stamm oder eine Nation dar, während die Habiru eindeutig eine soziale Klasse repräsentierten. Viele Bibelwissenschaftler sind zwar bereit einzuräumen, dass es eine Verbindung zwischen den Bezeichnungen „Hebräer“ und „Habiru“ geben könnte, doch nur eine kleine Minderheit ist bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Hebräer in Wahrheit Habiru gewesen sein könnten. James Hoffmeier gibt auf Seite 124 seines 1996 erschienenen Werkes Israel in and out of Egypt die gängige Auffassung wie folgt wieder:
„Früher war es üblich, die Hebräer mit den habiru zu identifizieren, doch in den letzten Jahrzehnten wurde diese Gleichsetzung zunehmend abgelehnt, vor allem weil habiru inzwischen als ein soziologischer Begriff verstanden wird, der nicht auf eine bestimmte ethnische Gruppe verweist. Neuere Untersuchungen betrachten die habiru konkreter als Gruppen von Flüchtlingen, die außerhalb der Reichweite städtischer, sesshafter Gebiete lebten, diese Gemeinwesen jedoch dennoch gelegentlich ausbeuteten. Diese allgemein anerkannte Bedeutung schließt nicht aus, dass der Begriff habiru auch auf jene Hebräer angewandt wurde, die in Ägypten entwurzelt wurden und später bei ihrer Rückkehr nach Kanaan.“
Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass Hoffmeier die Vorstellung, die Hebräer könnten Habiru gewesen sein, für problematisch hielt – nicht nur, weil die habiru eine soziale Klasse darstellten, sondern auch, weil er offenbar der Ansicht war, dass diese spezielle soziale Gruppe „die braven Bewohner“ der Städte und Gemeinwesen ausbeutete.
Letztlich besteht der Kern des Problems darin, dass die meisten Bibelwissenschaftler keineswegs wünschen, die Hebräer mit den Habiru zu identifizieren.

Nubische und asiatische Sklaven bei der Arbeit, Neues Reich, 18. Dynastie, ca. 1400 vor Chr., Grab von Rekhmire, Ägyptisches Museum Kairo
Selbst George Mendenhall, von dem viele annehmen, er habe diese Identifikation befürwortet, tat dies in Wirklichkeit nicht. In seinem 1973 veröffentlichten Werk The Tenth Generation stellte er die Frage, warum der Begriff Apiru auf die „Israeliten“ angewandt wurde, und beantwortete sie auf Seite 137 wie folgt:
„Der Begriff wurde auf Israel angewandt, weil es eine Kontinuität in vorisraelitischer Tradition gab und eine Geschichte der Weigerung seitens von Dorfbewohnern und Hirten, sich den bestehenden politischen Organisationen ihrer Umgebung anzupassen. Als das politische Reich untragbar wurde und die Ordnung nicht mehr aufrechterhalten konnte, zogen sie sich von jeder Verpflichtung und Beziehung zu diesem Reich zurück und wandten sich stattdessen einem anderen, unpolitischen „Oberherrn“ zu, dessen Verpflichtungen völlig anderer Art und Funktion waren.“
Mit anderen Worten: Die Hebräer waren keine tatsächlichen Habiru, sondern eher „Dorfbewohner und Hirten“, die von anderen als Habiru verleumdet wurden, weil sie sich weigerten, die Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten anzuerkennen. Der „unpolitische Oberherr“, dem sie nach Mendenhalls Vorstellung gehorchten, war selbstverständlich Gott – ein „Oberherr“, an den auch Mendenhall selbst glaubte.
Die moderne Bibelwissenschaft, begründet im 19. Jahrhundert durch deutsche protestantische Theologen, hat seit jeher einen doppelten Charakter. Einerseits haben Bibelwissenschaftler erhebliche Fortschritte darin erzielt, ein realistisches Verständnis dafür zu entwickeln, wann und von wem die Tora verfasst wurde und welches historische Umfeld sie prägte. Andererseits glauben die meisten Bibelwissenschaftler weiterhin, dass im Kern der „biblischen“ Tradition eine göttliche Offenbarung stehe, die nicht nur die ursprüngliche Grundlage des Judentums bildete, sondern auch des Christentums.
Einer der wenigen Bibelwissenschaftler, die sich zu diesem Spannungsverhältnis geäußert haben, ist Niels Peter Lemche, der Autor von Early Israel (1985). Lemche betonte, dass die meisten Bibelwissenschaftler zwar eine skeptische Haltung gegenüber der historischen Darstellung in der Tora einnehmen, zugleich jedoch deren religiöse Ideologie als Ergebnis einer „göttlichen Intervention in die Geschichte“ behandeln. Lemche wies diesen Ansatz zurück und gelangte auf Seite 413 zu folgendem Schluss:
„Daher scheidet es aus, Israels hypothetische religiöse Erfahrung als Ausgangspunkt für eine Untersuchung der frühen Geschichte Israels zu betrachten.“
Da Lemche nicht daran interessiert war, die Habiru gewaltsam in das biblische Narrativ einzupassen, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, sie als die ursprünglichen Hebräer zu betrachten. Auf Seite 427 formulierte er dies folgendermaßen:
„Daher schlage ich als Arbeitshypothese folgendes Szenario vor: Bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und anschließend in der späten Bronzezeit wurden die Bergregionen von einem parasozialen Element „bewohnt“, nämlich den habiru, die aus entlaufenen ehemaligen unfreien Bauern oder Pächterfamilien der kleinen Stadtstaaten in den Ebenen und Tälern Palästinas bestanden.“
Lemche war der Auffassung, dass die Habiru, die ursprünglich kein sesshaftes Element darstellten, sondern vielmehr „gesetzlose Gruppen von Freibeutern“, sich schließlich im Hügelland dessen niederließen, was er „Palästina“ nannte — möglicherweise ab etwa 1200 v. Chr. Er betrachtete ihre Verwandlung in eine „sesshafte Bevölkerung“ als das Ergebnis mehrerer Entwicklungen: die Ausbreitung von Eisenwerkzeugen, die Einführung von Brandrodungslandwirtschaft und die Terrassierung der Berghänge, welche allesamt die landwirtschaftliche Produktivität des zuvor dicht bewaldeten Hügellandes erheblich steigerten.
Doch wie genau und aus welchem Grund wurden die Habiru zu den Begründern der biblischen Tradition? Da Lemche die Exodus-Erzählung für nahezu vollständig mythisch hielt, musste er einen Ursprung der biblischen Tradition innerhalb Kanaans selbst finden. Allerdings war er äußerst zurückhaltend, „gesetzlosen Gruppen von Freibeutern“ die Schaffung einer so angesehenen Tradition zuzuschreiben. Daher argumentierte er auf Seite 434, dass „das Phänomen, das später als spezifisch israelitische Religion bezeichnet wurde, im Kern auf der Isolierung eines besonderen Aspekts der kanaanäischen Kultur beruhte – nämlich dem ethischen.“
Diese kanaanäischen „ethischen Denker“, so fügte Lemche hinzu, müssten aus den „höheren sozialen Schichten“ der kanaanäischen Gesellschaft entstammt sein. Meiner Ansicht nach ist offensichtlich, dass Lemche ebenso wenig wie andere Bibelwissenschaftler bereit war, die Habiru als Urheber anzuerkennen, und sich daher genötigt sah, eine kanaanäische Oberschichttradition zu postulieren – obwohl sich dafür keinerlei Hinweise finden lassen – um die Ursprünge der biblischen Religion zu erklären. Zudem bin ich nicht sicher, ob „ethisch“ tatsächlich der präziseste Begriff ist, um die Religion der Hebräer zu beschreiben; vielleicht wäre „egalitär“ zutreffender.
Ein Bibelwissenschaftler, der ausdrücklich den egalitären Charakter dieser Religion betonte, war Norman Gottwald [ein US-amerikanischer Marxist], der Autor von The Tribes of Yahweh, veröffentlicht 1979. Er formulierte auf Seite 643: „…stellte sich von Beginn an ausschließlich als Religion sozial egalitärer Gemeinschaften dar.“
Gottwald betrachtete die Habiru als Teil der sozialen Bewegung, aus der hervorging, was er „die Religion Jahwes“ nannte – jedoch nicht als deren dominanten Bestandteil. Wie Mendenhall war er der Auffassung, dass die Entstehung Israels in einem Aufstand kanaanäischer „Dorfbewohner“ gegen die Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten wurzelte; im Unterschied zu Mendenhall jedoch glaubte er, dass viele Habiru ebenfalls an diesem Aufstand beteiligt gewesen seien. Er argumentierte auf Seite 408, dass die Grenze zwischen Habiru und Dorfbewohnern „in vielen Fällen wahrscheinlich ziemlich unscharf war und mit dem Zusammenbruch der zentralen Autorität immer undeutlicher wurde“. Mit der Zeit begannen die Habiru, sesshaft zu werden, während die Dorfbewohner anfingen, Selbstverteidigungsgruppen zu bilden. Schließlich:
„In einem hypothetischen Stadium dieser Expansion und der langsamen Annäherung nicht feudaler Gemeinschaften entwickelten sich die Voraussetzungen für eine weiterreichende Einheit. In einem solchen Umfeld nahm das frühe Israel seinen Anfang.“
Dieses Szenario klingt plausibel; doch während es zahlreiche Belege dafür gibt, dass Habiru an bewaffneten Angriffen gegen die kanaanäischen Stadtstaaten beteiligt waren, gibt es kaum oder gar keine Hinweise darauf, dass kanaanäische Dorfbewohner dasselbe taten.
Zudem betrachtete Gottwald die Kultur der Habiru zwar als „egalitär“, doch er war nicht der Ansicht, dass sie die Quelle der „Religion Jahwes“ gewesen sei. Gottwald tendierte dazu, die Belege hervorzuheben, die die Habiru als „Söldner“ beschrieben (oder so interpretiert werden konnten). Damit konnte er argumentieren, dass die Habiru trotz ihrer rebellischen Einstellung und trotz ihres Außenseiterstatus dennoch in das kanaanäische soziale System integriert waren und daher nicht in der Lage waren, eigenständig eine alternative soziale Ideologie zu entwickeln. Diese Ideologie, so glaubte Gottwald, könne nur aus der „Moses-Gruppe“ stammen, die er auf Seite 39 als „eine Mischung aus Viehzüchtern (Schafe, Ziegen, Rinder), Kleinbauern und Fischern, darunter Kriegsgefangene oder Migranten aus Kanaan“ beschrieb. Woher er diese Information bezog, erläuterte Gottwald nicht; ebenso wenig erklärte er, warum er in dieser Aufzählung die Habiru ausließ, von denen bekannt ist, dass sie als Kriegsgefangene nach Ägypten gebracht und als Sklaven in Bauprojekten eingesetzt wurden.
So angreifbar die Arbeiten von Mendenhall und Gottwald und Lemsche auch sein mögen: Sie boten weiterhin zahlreiche zutreffende Einsichten in die Frage nach der Beziehung zwischen den Hebräern und den Habiru. Ihre Bücher erschienen in den 1970-er- und 1980-er-Jahren, zu einer Zeit, als die Erinnerungen an die 1960-er noch lebendig waren. In den letzten Jahrzehnten jedoch, wie Hoffmeier zu Recht feststellte, ist es „entmutigt“ worden, einen Zusammenhang zwischen den Hebräern und den Habiru herzustellen. Gottwald beispielsweise wurde eindeutig von der „Befreiungstheologie“ der 1960-er und 1970-er-Jahre beeinflusst, doch das politische und intellektuelle Klima seit den 1980-er Jahren hat sich deutlich verändert. Die Vorstellung, dass die biblische Tradition aus einer Art Revolution hervorgegangen sei — möglicherweise angeführt von gesetzlosen bewaffneten Gruppen, den Habiru – hat das geringe Interesse verloren, das sie in der Bibelwissenschaft einst besaß.
In Wirklichkeit jedoch sind die Hinweise auf die Identität der Hebräer und der Habiru überwältigend.
Der Grund, weshalb ich diesen Artikel mit einer Darstellung meines eigenen wissenschaftlichen Hintergrunds begann, besteht darin, dass die Leserinnen und Leser verstehen können, warum ich dieser Evidenz aufgeschlossener gegenüberstehe als viele andere. Doch letztlich ist allein die Evidenz entscheidend, und obwohl ich kein Bibelwissenschaftler bin, besitze ich genügend Erfahrung als Historiker, um eine verborgene Wahrheit zu erkennen, wenn ich sie sehe.

Akkadischer diplomatischer Brief, gefunden in Tell el-Amarna. Teil des Corpus der Amarna-Briefe (1550 bis 1070 v. Chr., 18. bis 20. Dynastie). Vorderseite (Obverse),
Aziru an den Pharao, überschrieben: „Eine erklärte Abwesenheit“. Aziru wird in Zeile 2 genannt: „Botschaft (so spricht) Aziru, dein Diener.“ (Akkadisch: Umma 1 A-zi-ru, arad-ka – „So spricht Aziru, dein Knecht.“) Die Amarna-Briefe hatte ich schon am 12.01.2024 erwähnt.
SICHEM
Obwohl Hinweise auf die Habiru überall im Nahen Osten gefunden wurden, stellt die umfangreiche Sammlung von Tontafeln aus Tell el-Amarna in Ägypten bei weitem die wichtigste Informationsquelle dar. Diese Tafeln wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Viele von ihnen bestehen aus Briefen, die im 14. Jahrhundert v. Chr. in akkadischer Keilschrift verfasst und von verschiedenen ägyptischen Vasallenherrschern in Kanaan an den Pharao nach Ägypten geschickt wurden. Die Briefe sind voller Beschwerden über die Habiru, von denen berichtet wird, dass sie einen Aufstand gegen die ägyptische Herrschaft in Kanaan anführten und die Städte jener lokalen Herrscher plünderten, die dem Pharao weiterhin loyal geblieben waren.
In einem dieser Briefe – wiedergegeben auf Seite 200 von Shechem von G. Ernest Wright – erscheint eine Drohung von Abdu-Hiba, dem Herrscher von Jerusalem. Darin fordert er, dass man sich den Habiru anschließen müsse, sofern man nicht verstärkte Unterstützung vom Pharao erhalte. Besonders eindringlich drohte Abdu-Hiba:
Sollen wir nun handeln wie Lab’ayu, der das Land von Sichem den Apiru übergab?
Lab’ayu wird in vielen Briefen erwähnt; er war der Herrscher von Sichem und der wichtigste Rivale Abdu-Hibas im Kampf um die Vorherrschaft im Hügelland Kanaans war. Ob er tatsächlich „das Land von Sichem“ den Habiru übergab, ist ungewiss. Vielleicht übertrieb Abdu-Hiba, vielleicht auch nicht. Wesentlich ist jedoch, dass sein Brief zeigt, dass die Habiru im 14. Jahrhundert v. Chr. einen beträchtlichen Einfluss auf die Region Sichem ausübten. Und der Grund, weshalb dies von Bedeutung ist, liegt darin, dass Sichem zweifellos das wichtigste politische und religiöse Zentrum der Hebräer während ihrer frühen Geschichte war.

Karte Samarias (Samarien) mit Sichem (Shechem) und den östlichen und nördlichen Nachbarn
Zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung Sichems für die Hebräer finden sich in vielen Büchern des Tanach, der hebräischen Bezeichnung (genauer: des Akronyms) für die jüdischen Schriften bzw. das Alte Testament. Im Buch Genesis ist Sichem der Ort, an dem Abraham erstmals das Land Israel betritt und einen heiligen Altar errichtet. Im Buch Josua ist Sichem der Ort, an dem Josua die Hebräer kurz vor seinem Tod versammelt, um mit ihnen einen feierlichen Bund zu schließen, der sie zur Treue gegenüber Gott verpflichtet. Im Buch der Richter ist Sichem der Ort, an den Abimelech — der erste Anwärter auf das Königtum der Hebräer — geht, um seine Kandidatur zu erklären. Und im Ersten Buch der Könige ist Sichem der Ort, an dem Rehabeam, der Sohn Salomos, hingeht, um die hebräischen Stämme zu bewegen, ihn als König anzuerkennen. Als die Stämme stattdessen Jerobeam wählen, macht Jerobeam Sichem zur ersten Hauptstadt des Königreichs Israel. Selbst wenn einige dieser Hinweise vollständig oder teilweise legendären Charakter haben sollten, zeigen sie dennoch, dass Sichem für die Autoren des Tanach ein Ort mit besonderer Bedeutung für die frühen Hebräer war.
Da versammelte Josua alle Stämme Israels gen Sichem und berief die Ältesten Israels, seine Obersten, Richter und Amtleute; und sie traten vor Gott. Und Josua sprach zum ganzen Volk: So spricht der HERR, der Gott Israels: Eure Väter wohnten vorzeiten jenseits des Stroms, Tharah [Terach], Abrahams Vater, und Nahors Vater, und dienten andern Göttern. (Josua 24,1–2)
Diese Hinweise wiegen umso schwerer, als nahezu alle Bücher des Tanach von den Schreibern des Königreichs Juda verfasst wurden, dessen Zentrum Jerusalem war – ein erbitterter Rivale des Königreichs Israel im Kampf um die Herrschaft über die Hebräer. Die Schreiber des Königreichs Juda hatten keinen Grund, die Bedeutung Sichems für die frühe hebräische Geschichte zu übertreiben, zumal Sichem eng mit den Ursprüngen des Königreichs Israel verbunden war. Wenn sie dennoch Material im Tanach aufnahmen – etwa die Versammlung der hebräischen Stämme in Sichem durch Josua, die als Legitimierung des Königreichs Israel interpretiert werden könnte — dann wohl deshalb, weil sie der Ansicht waren, dass die Bedeutung von Sichem in der hebräischen Kultur zu bekannt und zu fest verankert war, um übergangen oder geleugnet zu werden. Diese Bedeutung war nicht nur politischer, sondern auch religiöser Natur, da dort tatsächlich ein Altar errichtet wurde und religiöse Zeremonien im Zusammenhang mit politischen Entscheidungen stattfanden. All dies legt nahe, dass Abdu-Hiba nicht übertrieben hat und dass Lab’ayu den Habiru in der Region Sichem tatsächlich eine formelle Art von Autorität übertrug – eine Autorität, die später zur Grundlage der hebräischen Vorstellung von Sichem als heiligem Versammlungsort wurde.

Siegesstele des Merenptah aus dem Totentempel des Königs der 19. Dynastie in Theben-West, ausgestellt im Ägyptischen Museum in Kairo, Ägypten (Source)
Weitere Hinweise auf die zentrale Rolle des Habiru-Zentrums Sichem in der frühen hebräischen Geschichte stammen von einer ungewöhnlichen Quelle: der sogenannten „Siegesstele“ des Merenptah. Um etwa 1207 v. Chr. errichtete der ägyptische Pharao Merenptah ein Steindenkmal, das seine angeblichen Siege über Libyer und Kanaanäer festhielt. Die spezifischen Regionen Kanaans, die er für erobert erklärte, sind darin geografisch von Süden nach Norden aufgeführt. Nahe dem Ende dieser Liste erscheint ein Verweis auf die „Eroberung“ Israels. Hoffmeier, ein Experte für ägyptische Hieroglyphen, übersetzt den Verweis mit: „Israel ist verwüstet, sein Same ist nicht.“
Anschließend bemerkt er auf Seite 29 seines Werkes „Israel in Egypt“, dass die Position dieses Ortsnamens innerhalb der Liste nahelege: „Die Stämme Israels scheinen hauptsächlich im zentralen Hügelland und in Obergaliläa lokalisiert gewesen zu sein.“
Auch das „Land Sichem“ lag im zentralen Hügelland, im nördlichen Teil, angrenzend an das Jesreeletal und Galiläa. Nadav Na’aman merkt in einem Aufsatz mit dem Titel „The Contribution of the Amarna Letters to the Debate on Jerusalem’s Political Position in the Tenth Century BCE“, abgedruckt im dritten Band seiner Collected Essays, auf Seite 5 an, dass zur Zeit der Amarnabriefe „zwei kanaanäische Königreiche nahezu das gesamte zentrale Hügelland besetzten: Sichem und Jerusalem“.
All dies deutet darauf hin, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. die in der Region Sichem ansässigen Habiru begonnen hatten, sich selbst unter dem Namen Israel zu bezeichnen.
Wann sie diesen Namen annahmen, ist unbekannt; doch es ist plausibel anzunehmen, dass dies nicht lange vor der Ankunft einer kleinen Gruppe Habiru-Flüchtlinge in Kanaan geschah – Menschen, die der Sklaverei in Ägypten entkommen waren und mit sich die Ideologie einer habirischen Herrschaft über das gesamte „Land Israel“ führten.
Dass es zur fraglichen Zeit tatsächlich Habiru-Sklaven in Ägypten gab, wird durch eine Reihe von Quellen belegt, die völlig unabhängig vom Bericht der Tora sind. Hoffmeier verweist auf Seite 113 auf die „Siegesstele“ des Pharaos Amenophis II. aus dem 15. Jahrhundert v. Chr., die die verschiedenen Gruppen von Gefangenen auflistet, welche die Ägypter nach einem erfolgreichen Feldzug in Kanaan und Syrien nach Ägypten brachten. In dieser Liste sind auch 3600 „Apiru“ genannt. Weitere Habiru-Gefangene müssen bei anderen Gelegenheiten erbeutet worden sein, denn aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. liegen Hinweise auf „Habiru“-Sklaven vor, die für die Ägypter bei Bauprojekten arbeiteten. Abraham Malamat zitiert auf Seite 42 seines Artikels in Haim Ben-Sassons Anthologie A History of the Jewish People folgende Inschrift aus der Zeit des Pharaos Ramses II.:
Gib Getreiderationen an die Soldaten und an die Apiru, die Steine für den großen Pylon des Ramses transportieren.
Hoffmeier verweist außerdem auf Seite 115 auf einen Artikel von Ellen Morris, in dem Szenen von Zwangsarbeit auf ägyptischen Wandmalereien beschrieben werden. Hoffmeier fasst Morris’ Befund wie folgt zusammen:
Der Begleittext zur Weinkelterszene im Grab des Intef in Theben bezeichnet die Arbeiter ausdrücklich als Apiru (d. h. habiru).

Weinkelterszene im Grab des Intef (2121 bis 2072 v. Chr.)
Diese Evidenz legt nahe, dass im Bericht der Tora über hebräische Sklaven, die aus Ägypten flohen und sich anschließend in Kanaan niederließen, ein historischer Kern vorhanden sein muss. Allerdings sind die meisten Details der biblischen Darstellung eindeutig legendär. Nach der Tora flohen beim Exodus etwa 600.000 hebräische Männer aus Ägypten. Wenn man Frauen und Kinder sowie das „gemischte Volk“, das sie begleitet haben soll, hinzurechnet, ergibt sich eine Gruppe von mindestens einer Million Menschen, die vierzig Jahre lang in der Wüste von einer angeblich vom Himmel fallenden Nahrung lebten.
Ein wesentlich plausibleres Szenario wäre eine kleine Gruppe von Habiru-Sklaven, möglicherweise einige Hundert, die aus Ägypten flohen, den Sinai rasch durchquerten und sich mit den Habiru zusammenschlossen, die bereits die Region um Sichem kontrollierten. Sehr wahrscheinlich wurden diese Flüchtlinge aus Ägypten tatsächlich von einem Mann namens Moses angeführt; in jedem Fall aber brachten sie offenbar eine neue Ideologie mit sich, die später bei der habirischen Eroberung Kanaans eine entscheidende Rolle spielte.
Ein bedeutsames Detail in diesem Zusammenhang ist die Tatsache — von zahlreichen Bibelwissenschaftlern hervorgehoben -, dass die meisten Mitglieder des Stammes Levi, die in der Tora und im Buch der Richter erwähnt werden, Namen trugen, die ägyptisch klangen. Nach dem Tanach war der Stamm Levi der einzige Stamm, dem kein spezifisches Territorium im Land Kanaan zugewiesen wurde. Er war der Stamm des Mose, und seine ursprüngliche Aufgabe bestand darin, die religiösen Zeremonien der Hebräer zu vollziehen.
Es erscheint wahrscheinlich, dass der Stamm Levi aus jener kleinen Gruppe von Habiru-Sklaven hervorging, die aus Ägypten flohen und sich den Habiru anschlossen, die bereits in Kanaan ansässig waren. Habiru sind nachweislich über einen Zeitraum von mindestens mehreren Jahrhunderten – vom 15. bis zum 13. Jahrhundert v. Chr. — als Sklaven in Ägypten gehalten worden, und es wäre nur natürlich, wenn viele von ihnen in dieser Zeit Sprache und Kultur Ägyptens teilweise übernommen hätten. Doch so weit sie auch assimiliert gewesen sein mögen, die Ägypter bezeichneten sie weiterhin als Habiru – ein Sprachgebrauch, der möglicherweise den sozialen Abstand widerspiegelte, der Sklaven vom übrigen Teil der Gesellschaft sowohl in Ägypten als auch in Kanaan trennte.
Meiner Ansicht nach liegt die größte Schwäche der modernen Bibelwissenschaft darin, dass sie das Thema der Sklaverei nicht angemessen berücksichtigt. Die meisten Bibelwissenschaftler behandeln es so, als sei es ein nebensächlicher oder trivialer Punkt, obwohl zahlreiche Hinweise darauf bestehen, dass viele der Habiru im gesamten Nahen Osten entflohene Sklaven waren. Und in derselben Weise stellen die Bibelwissenschaftler nie die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Verfasser der Tora sich selbst als Nachkommen entflohener Sklaven bezeichnet hätten – wenn dies nicht tatsächlich der Wahrheit entsprochen hätte? Weltweit und zu den meisten Zeiten haftete Menschen, die versklavt waren, ein Stigma an; man nahm an, sie seien nur aufgrund eines Mangels oder Fehlers versklavt worden. Und doch werden Juden jedes Jahr im Rahmen des Pessachfestes daran erinnert, dass ihre Vorfahren Sklaven in Ägypten gewesen seien.
Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Habiru, die Kanaan eroberten, tatsächlich Sklaven in Ägypten gewesen sein konnte, spiegelt diese Tradition dennoch die Realität wider, dass die Habiru als Gruppe zu einem erheblichen Teil aus Flüchtlingen aus verschiedenen Formen der Knechtschaft bestanden.
Alles in allem deuten die bekannten Fakten darauf hin, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. – möglicherweise nach dem Tod von Ramses II. im Jahr 1213 v. Chr. – eine kleine Gruppe von Habiru-Sklaven aus Ägypten floh und sich auf den Weg nach Kanaan machte und dabei drei Dinge mitbrachte:
1. Die Praxis der Beschneidung.
Nach dem griechischen Geographen Herodot zufolge war die Beschneidung ein ägyptischer Brauch. Was immer sie für die Ägypter bedeutet haben mag – für die Habiru wurde sie zu einem Mittel, sich vom übrigen kanaanäischen Umfeld abzugrenzen und ihr Selbstbild von dem einer Gruppe von Außenseitern hin zu dem einer Kriegerelite zu transformieren.
2. Die Verwendung einer alphabetischen Schrift.
Soweit bekannt, wurde die alphabetische Schrift erstmals von semitischen Bergarbeitern entwickelt, die im Dienste der Ägypter in der Sinai-Wüste um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. arbeiteten. Sie ritzten ihre Schriftzeichen in Stein und verwendeten dabei Buchstaben, die teilweise von ägyptischen Hieroglyphen abgeleitet waren. Obwohl häufig behauptet wird, die Hebräer hätten ihr alphabetisches Schriftsystem später von den Kanaanäern oder Phöniziern übernommen, waren es doch am ehesten die in Ägypten lebenden Habiru, die mit diesen semitischen Bergarbeitern im Sinai in Kontakt kamen. Angesichts der Bedeutung, die die Tora der Erzählung von der Niederschrift der Zehn Gebote auf Steintafeln im Sinai beimisst, erscheint es wahrscheinlich, dass es die aus Ägypten geflohenen Habiru waren, die das Wissen um die alphabetische Schrift nach Kanaan brachten.
3. Das Konzept eines Herrschergottes, der auf Seiten der Sklaven und nicht der Sklavenhalter steht.
Die Vorstellung eines höchsten Herrschergottes war in der ägyptischen Kultur wohl entwickelt, doch sie war stets mit der Person des Pharao verbunden, der als irdische Inkarnation dieses oder jenes höchsten Gottes galt. Da die Habiru im Auftrag des angeblichen „Sohnes des Ra“, des Pharao Ramses II., Zwangsarbeit hatten leisten müssen, hatten sie allen Grund, diese Assoziation zurückzuweisen. Ihr Einfluss zeigt sich zweifellos im hebräischen Verbot der Verehrung von Götzenbildern, deren Herstellung eine Spezialität der Ägypter war. Zugleich hatten die Habiru in Ägypten gute Gründe, das ägyptische Konzept eines höchsten Herrschergottes zu übernehmen und für eigene Zwecke umzuformen.
Die hebräische literarische Tradition im Tanach spiegelt offenbar eine Synthese wider: Einerseits die revolutionäre Anpassung ägyptischer Kultur durch die aus Ägypten geflohenen Habiru, andererseits die politische Kultur der bereits in Sichem ansässigen Habiru-Gruppen. Diese politische Kultur spiegelt sich im Tanach insbesondere in der Legende von den Söhnen Israels wider. Offenkundig bot diese Legende einen Mechanismus, durch den sich die im Raum Kanaan aktiven Habiru als Angehörige einer großen Familie identifizieren konnten, die in der Praxis als eine Konföderation von Habiru-Gruppen fungierte und daher einen höheren Grad an Einheit erreichte, als dies zuvor möglich gewesen war.
Dass diese Legende unter den bereits in Kanaan ansässigen Habiru entstand – und nicht unter den aus Ägypten geflohenen Habiru – wird durch mehrere Hinweise nahegelegt.
Merenptahs „Siegesstele“ zeigt, dass die Habiru in der Region von Sichem um jene Zeit bereits allgemein als „Israel“ bekannt waren, als die Flucht aus Ägypten stattfand.
Im Tanach werden die „Patriarchen“ Abraham, Isaak und Israel so dargestellt, dass sie Ansprüche auf das Land Kanaan erhoben – und zwar bereits vor und unabhängig von dem Anspruch, der mit Mose und dem Exodus verbunden ist. Darüber hinaus scheint es so, dass die tatsächlich aus Ägypten geflohenen Habiru von den Habiru in Kanaan schlicht als ein weiterer Stamm behandelt wurden: der Stamm Levi, dem bekanntlich kein eigenes Territorium zugewiesen wurde. Zweifellos verfügten die Leviten aufgrund ihrer religiösen Rolle und ihrer Glaubensvorstellungen über eine gewisse Autorität gegenüber den anderen „Stämmen“. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass sie in eine bereits bestehende politische Ordnung integriert wurden, anstatt eine neue politische Struktur zu begründen.
Allerdings dürfte es für die Habiru in Kanaan ebenso offenkundig gewesen sein wie es den Bibelwissenschaftlern heute ist, dass die Erzählung von den Söhnen Israels mit ihrem Status als Habiru unvereinbar war. Mitglieder verstreuter Gruppen von Geflüchteten konnten unmöglich in irgendeinem nennenswerten Umfang miteinander verwandt gewesen sein – geschweige denn alle von den zwölf Söhnen eines einzigen Vaters abstammen. Um zu „den Söhnen Israels“ zu werden, mussten sie daher aufhören, Habiru zu sein, oder zumindest aufhören, so bezeichnet zu werden. Alles deutet darauf hin, dass sie genau dies bewusst anstrebten – angetrieben von der Tatsache, dass sie schon zuvor nicht gerne als Habiru bezeichnet worden waren.
To be continued.
Tarabuqueño
Postkarte an meinen Großvater aus Potosi, Bolivien vom 27.04.84. Das war meine dritte Reise durch Lateinamerika. Der Mann auf dem Bild ist aus Tarabuco. Der lederne Hut der Männer orientiert sich an den Helmen der spanischen Konquistadoren.
Foto auf der Vorderseite der Postkarte: Peter Mc. Farren. Estudio Fotográfico „Los Kankitas“ – Casilla 7494 – La Paz – Bolivia.
Unter Verhandelnden
Nach dem Frühstück, das nach einer Nachtschicht gegen Mittag ist, schaut man kurz durch die Qualitätsmedien. Allüberall nur Propaganda, mit wenigen Ausnahmen. Vermutlich glauben diejenigen, die Endsiegparolen über Russland verbreiten, selbst daran, sonst müsste man annehmen, sie hielten die Rezipienten des breit getretenen Quarks für total verblödet.
Ihr hattet eure Chancen, Leute“, sagte Außenminister Sergej Lawrow russischen Agenturen zufolge. „Ihr habt diese Chancen nicht genutzt, ihr habt sie einfach vertan“, führte er aus.
Und damit hat er natürlich recht. Mit feministischer Außenpolitik kommt man keinen Millimeter weit. Es wird sich aber kein deutscher Journalist trauen zu sagen, dass Lawrow hier einen Punkt hat. Warum eigentlich nicht? Selbst verschuldete Unmündigkeit? Betreutes Denken im Schießschartenmodus?
Die bürgerliche Presse bietet zwar einigermaßen realistische Frontberichte, aber man hört, wie die Korrespondenten mit den Zähnen knirschen. Ja, die Russen laufen in Prokrowsk ungehindert herum, aber es ist ja nur ein „Halbkessel“. Stalingrad war übrigens ein Ganzkessel.
Etwas erholsamer ist wie gewohnt Oberst Markus Reisner, der Offiziere des weltweit gefürchteten österreichischen Bundesheeres ausbildet.
Trump muss man zudem zugestehen, dass er in dieser Frage immer ehrlich war: Er will aus diesem Krieg raus. Es ist aus seiner Sicht völlig sinnlos, dass da Hunderttausende sterben. Und deshalb übt er Druck auf beide Kriegsparteien aus, auch wenn das der Ukraine und ihren europäischen Unterstützern nicht gefällt.
Den herrschenden Klassen der westeuropäischen Staaten gefällt es also, „dass da Hunderttausende sterben“. Auch das kennen wir schon aus Verdun und der Panzerschlacht bei Kursk (nein, die im 2. Weltkrieg). „Aus seiner Sicht“ ist es völlig sinnlos? Und aus eurer Sicht nicht? Diese suggestiven Formulierungen könnt ihr euch sonstwohin stecken.
Einschub und Frage an das Publikum: Wenn ich solche Beiträge auf TikTok mit bewegten Bildern verbreitete, muüsste ich dann jedes zweite Wort erklären? Ist das nicht viel zu mühsam? 2. Weltkrieg? Endete der nicht mit dem Westfälischen Frieden? Was sind diese „herrschenden Klassen“? Ist das etwas mit Berufsausbildung?
Russland rückt an allen Frontabschnitten langsam, aber stetig vor. Den Ukrainern mangelt es an der Front an Soldaten. Die strategischen Luftangriffe der Russen verursachen eine Energiekrise, die sich im Winter verstärken wird. Hinzukommt eine Korruptionsaffäre um den Präsidenten, die die Situation auch nicht leichter macht. Und jetzt droht das Land mit den USA auch noch seinen wichtigsten Verbündeten zu verlieren, wie es Präsident Selenskyj selbst gesagt hat.
Ach? Russland rückt vor? Hätte uns nur jemand gewarnt! Wollte man nicht jüngst noch die Krim zurückerobern? Die Ukrainer wollten es so, wenn man deutschen Medien glaubt. Und Söder ist ein Bückling Kiews.
Übrigens behauptet die russische Propaganda (automatisch voll gelogen): Der US-Sender ABC News meldet am Dienstag unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Beamten der US-Regierung, dass Kiew die Bedingungen des von der Trump-Administration erarbeiteten Friedensvorschlags für die Ukraine „größtenteils“ angenommen habe.
Im Original: ABC News has learned that the 28-point peace plan presented by the U.S. to Ukraine in Geneva has been revised to a 19-point peace plan that no longer includes a point on the issue of amnesty regarding acts committed during the war, as well as limits on the future size of Ukraine’s military.
Die Russen werden den ablehnen. Allerdings ist die Trumpsche Taktik, strittige Fragen einfach auszuklammern, ziemlich clever, um das Ergebnis als „Erfolg“ zu verkaufen. Das hat aber schon bei der Hamas und in Gaza nicht funktioniert.
Frontberichte
Afrika-Front
Die Nigerianer haben jetzt „Palästina“ entdeckt – mit den üblichen Folgen. Har har.
Kennt das Publikum den afrikanischen Bürgerrechtler Adolf Hitler?
Cyberfront
Deutschland macht jetzt cyber mit Israel. Oder umgekehrt. Man weiß ja nie.
Jetzt hängt sie Sicherheit Deutschlands von Israel ab. Ich denke, wir haben eine eigene Rüstungsindustrie? Was machen die eigentlich beruflich dort?
Naher-Osten-Front
Ich muss noch mal mit Israel um die Ecke kommen. Vielleicht sollte ich eine Partei in Israel gründen: Partei zionistischer atheistischer nicht-Hebräisch-sprechender ausländischer Gojim (PZANHSAG). Auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an – die haben dort schon unzählige Parteien.
„Laut einer von Channel 12 in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage sähen die Ergebnisse der Knesset-Wahlen bei einer heutigen Wahl wie folgt aus:
– Likud – 27 Sitze [Partei Netanjahus],
– Bennett 2026 – 22 Sitze [neu gegründet],
– Demokraten (Arbeiterblock und Meretz) – 10 Sitze [klassische „Linke“],
– Yisrael Beiteinu – 9 [konservative, aber zionistische und säkulare Partei vor allem der russischen Einwanderer),
– Shas – 9 [sephardisch und religiös],
– Yesh Atid – 9 [liberal-konservativ],
– Yashar (Gadi Eisenkots Partei) – 8,
– Utzma Yehudit – 8 [ultrarechte Kahanisten],
– Yahadut HaTorah – 8, [ultraorthodox, keine Zionisten]
– Hadashin Ta’al – 5 [Arabische Israelis],
– Ra’am – 5 [Vereinigte Arabische Liste].
– Kahol Lavan (Gantz‘ Partei),
– Miluimniki (Yoaz Hendels Partei) [Partei der Reservisten],
– Yossi Cohens Partei, die Arabische Balad und Smotrichs Zionut HaDatit verfehlen die Wahlhürde.
Die aktuelle Koalition verfügt über 52 Sitze, die Opposition über 58 und die gemeinsame arabische Liste über weitere 5. Die arabischen Parteien haben insgesamt 10 Sitze.“
Das finde ich überraschend. Die religiösen Zionisten stellen immerhin den Finanzminister. Der scheint sich nicht beliebt gemacht zu haben. Auch Benny Gantz, der sogar im Kriegskabinett Netanjahus saß, ist abgestürzt.
Für mich sieht das so aus, als wenn Netanjahu der nächste Premierminister würde. Die „Linke“ kann mit den Rechten nicht, und der kann mit allen, die ihm die Macht sichern. So einfach-machiavellistisch ist das.
Bei der Hisbollah ist wieder eine Stelle frei. Befristet. Wie lange? Das weiß nicht die Hisbollah, sondern der Mossad.
Übrigens kann man in Gaza jetzt IPhones kaufen.
Ostfront
„Ukraine and the USA in Geneva failed to reach an agreement on the withdrawal of the Armed Forces of Ukraine from Donbas and on Kiev’s aspiration to join NATO — Ukrainian media.“
Na sowas.












































