Der Führer ist anwesend oder: Epilog: Was sollte das?, Nachtrag

north Korea

Was mir gestern beim Anhören grauenhafter Kirchenlieder – nur aus Recherchegründen! – auffiel: Es gibt eine gewissen strukturelle Ähnlichkeit der öffentlich bekundeten Emotionen, hier des Weinens.

Man kann sich aus europäischer Sicht über die Massenhysterie der Nordkoreaner lustig machen, weil sie uns so fremd sind wie die Arjenyattah-Epidemie in Judäa und Samaria. Aber so weit entfernt von „uns“ ist das gar nicht.

Elias Canetti hat zum Thema die schöne Überschrift „Zähmung der Massen in den Weltreligionen“ geprägt. Das gilt auch für säkulare Religionen, wobei die Grenze zwischen bloßer autokratischer Herrschaft und Verehrung „höherer“ Wesen fließend wird.

Was sie sich wünschen, ist im Gegensatz zu dieser eine folgsame Herde. Es ist üblich, die Gläubigen als Schafe zu betrachten und für ihren Gehorsam zu loben. Auf die wesentliche Tendenz der Masse, nämlich zu raschem Wachstum, verzichten sie ganz. Sie begnügen sich mit einer zeitweiligen Fiktion von Gleichheit unter den Gläubigen, die aber nie zu streng durchgeführt wird; mit einer bestimmten Dichte, die in gemäßigten Grenzen gehalten wird, und einer starken Richtung. Das Ziel setzen sie gern in eine sehr weite Ferne, ein Jenseits, in das man gar nicht gleich hineinkommen soll, da man noch lebt, und das man sich durch viel Bemühungen und Unterwerfungen verdienen muß. Die Richtung wird allmählich das wichtigste. Je ferner das Ziel, um so mehr hat es Aussicht auf Bestand. An die Stelle jenes anderen, scheinbar unerläßlichen Prinzips des Wachstums wird etwas davon ganz Verschiedenes gesetzt: die Wiederholung.

In bestimmten Räumen, zu bestimmten Zeiten werden die Gläubigen versammelt und durch immer gleiche Verrichtungen in einen gemilderten Massenzustand versetzt, der sie beeindruckt, ohne gefährlich zu werden, und an den sie sich gewöhnen. Das Gefühl ihrer Einheit wird ihnen dosiert verabreicht. Von der Richtigkeit dieser Dosierung hängt der Bestand der Kirche ab.

Wo immer Menschen sich an dieses präzis wiederholte und präzis begrenzte Erlebnis in ihren Kirchen oder Tempeln gewöhnt haben, können sie es nicht mehr entbehren. Sie sind darauf angewiesen wie auf Nahrung und alles, was sonst ihr Dasein ausmacht. Ein plötzliches Verbot ihres Kultes, die Unterdrückung ihrer Religion durch ein staatliches Edikt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Die Störung ihres sorgfältig ausbalancierten Massen-Haushalts muß nach einiger Zeit zum Ausbruch einer offenen Masse führen. Diese hat dann alle elementaren Eigenschaften, die man kennt. Sie greift rapid um sich.

Das kollektive Weinen – weil der Führer gestoben ist oder unerwartet auftaucht (vgl. unten) – ist die andere Seite der „Medaille“ der disziplinierten Masse, vergleichbar mit einem ritualisierten Ausbruch aus dem ansonsten starren Gefüge, wie beim Karneval oder den Saturnalien.

Wie jemand sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

NAK

PS Mir fällt gerade auf, dass die Marseillaise der Protestanten nach Südafrika ausgewandert ist, und auch nach Tafelsig. Wenn das der Luther wüsste!

PPS Weltweit gibt die NAK aktuell rund 9,4 Millionen Mitglieder an (Stand Ende 2024). Etwa 87 % aller Mitglieder leben auf dem afrikanischen Kontinent.

image_pdfimage_print

Kommentare

9 Kommentare zu “Der Führer ist anwesend oder: Epilog: Was sollte das?, Nachtrag”

  1. juri nello am Dezember 3rd, 2025 4:57 p.m.

    Gähn.

    „In bestimmten Räumen, zu bestimmten Zeiten werden die Gläubigen versammelt und durch immer gleiche Verrichtungen in einen gemilderten Massenzustand versetzt, der sie beeindruckt, ohne gefährlich zu werden, und an den sie sich gewöhnen.“

    Das gilt sowohl für jede Partei, jede Firma, jeden Verein und im Kleinen vermutlich sogar für den „Alltag“.

    Jeder Möchtegern glaubt doch, dass er aufgrund seiner Rituale über den Dingen steht.

  2. bentux am Dezember 4th, 2025 10:15 a.m.

    Das ist nicht nur bei Religion so, das scheint ein Standardverhalten von vielen Menschen zu sein. Nix verändern, es könnte ja besser werden. Denn nun hat Mensch sich an den Mist gewöhnt, dann muss es auch so bleiben. Das haben Wir schon immer so gemacht. Sie kämpfen dann auch für den Status Quo. Das sind dann, die schlimmsten Gegner. Mit dem Feind kann man verhandeln.

    <8*) Der Aluhut meint: Auf das die Ketten bestehen bleiben.

  3. bentux am Dezember 4th, 2025 10:28 a.m.

    Noch was zu Religion.
    Das taucht in der Google suche auf:
    People also ask. Is MAGGI Indian or African?
    https://www.srf.ch/news/wirtschaft/nestle-in-der-kritik-afrikaner-sollen-weniger-maggi-essen

    <8*) Kein Kommentar.

  4. nOby am Dezember 4th, 2025 1:38 p.m.

    Burks schreibt:

    Wie jemand sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

    Das paßt. Du bist mit Deiner Meinung nicht alleine. Lies das:

    Warum gab es unter Lenin und Mao eine Nationalflagge? Warum ist Lenin nicht aus seinem Auto ausgestiegen und hat alle roten Flaggen in Griffhöhe abgerissen oder hat den kräftigeren Stalin damit beauftragt? Oder geht es ausschließlich um die Flagge Deutschlands? Ich kenne dieses Verhalten aus keinem anderen Land der Welt, das Beamte auf die Landesflagge schwören, um verbeamtet zu werden, und danach diese Landesflagge runter reißen, zu beschimpfen, aber sich jeden Monat 10.000 € aus der Kasse der Landesflagge überweisen lassen und wenn sich Dritte über dieses Verhalten beschweren, sich damit raus reden es doch als Privatperson getan zu haben. Dieses Selbstverständnis geht mir völlig ab. Oder ist das die gleiche Motivation wie bei diesem Wirren? Das ist ein Islamkritiker. Deswegen vielleicht der ganze Aufwand um den und nicht sofort Psychiatrie. Vielleicht kann mir das einer der selbst betroffenen erklären? Danke.

    ***

    Das schreiben die Schwefelmedien (viel detaillierter):

    🇩🇪 Mecklenburg-Vorpommern Staatliche Gleichstellungsbeauftragte prahlt mit Abreißen von Deutschlandfahnen

    Immer wieder werden Deutschlandfahnen zum politischen Streitfall im Land. Ende Oktober beschloß der Gemeinderat im sächsischen Malschwitz, die Fahne dauerhaft im Ort zu hissen. In Nordrhein-Westfalen hatten Unbekannte zuvor in der Nacht mehrere Deutschlandfahnen in einem Ort angebracht – mit dem Ergebnis, daß der Staatsschutz Ermittlungen aufnahm.

    Ein Leser schreibt:

    Aus solchen Personen rekrutiert man Wachpersonal für Gulags […] und Anführer für Erschießungskommandos.

    🇩🇪 Fahnen-Eklat in Mecklenburg-Vorpommern Nach JF-Berichten: Druck auf Schwesigs Gleichstellungsbeauftragte wächst

    🇩🇪 Mecklenburg-Vorpommern: Flaggenhaß: AfD bereitet Abwahlantrag gegen Gleichstellungsbeauftragte vor

    😳 *lach*

    ***

    Das schreibt Neues Deutschland:

    Hier gibt es nichts zu sehen. Bitte gehen Sie weiter.

  5. nOby am Dezember 4th, 2025 1:52 p.m.

    Sag mal Burks, liest Du wirklich alle Leserkommentare? Ich habe gerade erlebt wie schnell Du Kommentare frei schaltest. Entweder Du liest die nicht oder wenn doch, dann müßte ich über eine Steigerung von IQ-Begabter nachdenken?

  6. admin am Dezember 4th, 2025 2:16 p.m.

    Natürlich lese ich die. Wenn ich am Gerät bin, geht das auch schnell. Sonst werde ich per Smartphone benachrichtigt und kann die so freischalten.

  7. blu_frisbee am Dezember 4th, 2025 2:24 p.m.

    Julius Maggi war ein Schweizer Müller.

  8. bentux am Dezember 4th, 2025 9:50 p.m.

    Ach so, der Zusammenhang? Maggi und Religion. Religion ist eigentlich nix anderes als geschicktes Marketing. Maggi hat die Afrikanische Küche erobert.
    Zitat, aus dem SRF Artikel:
    120 Millionen Maggiwürfel pro Tag.
    Missionare hatten Maggiwürfel dabei.
    Nicht mehr als fünf Würfel pro Mahlzeit
    Viele auf diesem Kontinent glauben das dieses Produkt von einer afrikanischen Firma kommt. Deswegen der Verweis auf die Google suche.
    Das mit der Religion, dem nachmachen und Gruppendynamik steckt tief in der menschlichen Programmierung drin.
    Siehe Fans, Marken, goldene Kälber und Produkte. Da steckt auch Religion oder Glaube drin. Ich wünsche viel Erfolg bei dem Versuch das zu ändern.

    <8*) Der Aluhut meint, Wir müssen alle mal dran glauben.

  9. blu_frisbee am Dezember 5th, 2025 12:37 p.m.

    Canetti war ein kluger Kopf.

    Religioten glauben
    hinter der diesseitigen sichtbaren WELT
    herrschten jenseitige unsichtbare höhere Mächte
    die unter Verletzung des 2 Hauptsatzes der Thermodynamik mit dem Diesseits interagieren.
    Religioten glauben weiters
    an ein Leben nach dem Tod im Jenseits.

    Menschen sind nicht nur sozial, sondern Hypersozial. Sie kommunizieren mit Abwesenden.

    Julius Maggi wurde erfolgreich
    als Proleten rasche schmackhafte Nahrung brauchten.

Schreibe einen Kommentar