Nazis, Familienpolitik und Autobahnen
Das Landgericht Köln (AZ 28 O 10/08) hat Eva Hermann gegen die Nachrichtenagentur dpa Recht gegeben. Die dpa hatte geschrieben:
„Wenn man nicht über die Familienwerte der Nazis reden dürfe, könne man auch nicht über die Autobahnen sprechen, die damals gebaut wurden.“
Diese Aussage darf so nicht mehr verbreitet werden. Das Gericht:
„Die Verfügungsklägerin hat selbst den Zusammenhang zwischen der Familienpolitik der Nationalsozialisten und den in dieser Zeit errichteten Autobahnen nicht hergestellt. Durch die verkürzte Zitierung, die beide Äußerungen der Verfügungsklägerin zu einer verknüpft, wird beim Durchschnittsleser der Eindruck erweckt, die Verfügungsklägerin habe unter Berufung auf die heute noch benutzten Autobahnen eine Diskussion über Familienpolitik im Nationalsozialismus bzw. die in dieser Zeit vermittelten Werte führen wollen und habe beabsichtigt, von den Nationalsozialisten geprägte Werte auch in der heutigen Zeit Geltung verschaffen zu wollen.“
(Gefunden bei law blog und Dr. Bahr.)
Berliner Journalisten: Gesundheit
Berlin (ots) – Berliner Journalisten ist erschienen. Die April-Ausgabe des unabhängigen Medienmagazins für Deutschland erscheint mit dem Themenschwerpunkt Gesundheit. Alle Autoren und Gesprächspartner erachten die Gesundheitsreform als misslungen. Die Begründungen unterscheiden sich jedoch massiv. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert, dass in der Großen Koalition eine vernünftige Gesundheitspolitik unmöglich ist, weil die Union privaten Assekuranzen so etwas wie Vetorechte gewähre. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, attestiert eine Verluderung der Politik und fordert die Ärzteschaft auf, ein eigenes gesundheitspolitisches Programm zu entwickeln. Günter Wallraff portraitiert den Fotografen Günter Zint. Pamo Roth und Bernd Lammel begleiteten eine Polizeistreife durch Berlin-Neukölln. Jörn Hetebrügge beobachtete bei den Berliner Filmfestspielen die Journalisten und Petra Tabeling sprach mit der Fotografin Ursula Meissner über Kinderprostitution in Kambodscha. Berliner Journalisten erscheint seit November 2004 bundesweit als unabhängiges Medienmagazin unter der Herausgeberschaft von Bettina Schellong-Lammel im Verlag Berliner Journalisten. Chefredakteurin ist Dr. Sabine Pamperrien. Neu wurde das Ressort Kino geschaffen. Ab sofort erscheint das Heft alle zwei Monate.
Die zehn größten Irrtümer der Freien
Quelle: „Frei sein“ – Treffen zur Sicherung der Qualität freiberuflicher journalistischer Arbeit, Akademie für Publizistik, Hamburg
23. Februar 2008, Protokoll (Auszug)
Die Ressortleiterin eines großen Magazins im Gespräch:
1. Bei der Zusammenarbeit gibt es so viele Probleme, dass sie selbst darüber jetzt eine Stunde referieren könnte.
Es gibt sie nicht, vieles läuft sehr gut.
2. Die meisten Redakteure sitzen warm und gut bezahlt an ihrem Tisch, die Probleme der Freien liegen ihnen nicht am Herzen.
Sie sieht das nicht so. Aber die Situation in den Redaktionen hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Besonders für teilzeitarbeitende Mütter. Auch andere Redakteure sind sensibel für die Lage der Freien und außerdem genervt, wenn sie den finanziellen Druck an Freie weitergeben müssen
3. Es gibt keinen Spielraum bei Honoraren.
In anderen Redaktionen möglicherweise anders, aber bei ihrem Magazin haben die Ressorts mehr oder weniger freie Hand. In ihrem Ressort: Auftragsvolumen reduziert, weniger Geschichten an Freie vergegeben, nur dann, wenn die Geschichte bald im Heft sein wird. Die Honorare sind gleich gut geblieben. Bislang ist, wenn sie das Budget überzogen hat, nie etwas passiert. Der Chefredakteur ist vielmehr interessiert an guten Geschichten, klar, dass die was kosten.
4. Es ist zwecklos, über Honorare zu verhandeln.
Bei Vergabe von Aufträgen wird bei ihr meistens nicht über Honorar gesprochen. Grund: Es werde eh gut bezahlt. Viele langjährige Mitarbeiter wissen das. Problematisch aus ihrer Sicht: Keiner redet gern über Honorare. Wünschenswert wäre, dass es Usus wird, vorher übers Honorar zu reden. Sie ist es trotzdem nicht gewöhnt. Wenn es jemand anspricht, zuckt sie erst mal und empfindet das als nassforsch. Möglicherweise bleibt die Geschichte auch hinter ihren Erwartungen zurück. Vor Jahren verlangte der Verlag einen Kostenvoranschlag für jede Geschichte. Dazu war jeder Redakteur in der Lage, also muss es machbar sein, mit dem Autoren/der Autorin über die Höhe des Honorars zu sprechen.
5.1. Wer einen Redakteur mit hohen Honorarforderungen vergrätzt, ist raus.
Redakteure sind nur vergrätzt, wenn eine Geschichte schlecht und schlampig recherchiert ist.
5.2. Nach einer verpatzten Geschichte ist man raus.
Es gibt bei ihr nur einen einzigen Freien, der immer super Geschichten abliefert, alle anderen liefern mal tolle, mal mittelmäßige und mal schlechte ab. Rufen auch nach mittelmäßiger wieder an. Da gibt es großes Verständnis. Volles Honorar als Ausfallhonorar, wenn es am Thema lag, ansonsten weniger.
6. „Es ist ja nur für das Magazin xy“
Ihr Lieblingsirrtum. Wenn ihr etwas gefällt von Autoren in der ZEIT oder SZ und sie jemanden anrufen, dann passiert es schon mal, dass Autoren dann für diese Aufträge nicht so viel Aufwand betreiben. Ihr Anspruch unterscheidet sich nicht von dem SZ-Magazins, der Unterschied ist, dass sie besser zahlt.
7. Es hat keinen Zweck, Themen anzubieten, von zehn Themen kriege ich nur eines unter.
Das stimmt, viele Themen wiederholen sich. Es hilft aber, wenn man das Heft liest und kennt. Beharrlichkeit ist sinnvoll.
8. Redakteure sind überlastet und wollen mit einer Geschichte wenig Arbeit haben.
Ja, in Produktionszeiten. Aber bei Auftragsvergabe und während die Geschichte entsteht, freut sich jeder Redakteur auf die Zusammenarbeit. Viele Freie suchen den Kontakt nicht, während die Geschichte entsteht, das ist ein Fehler. Geschichte verändert sich während der Recherche, darüber sollte man reden.
9. Jeder Redakteur will etwas anderes.
Das stimmt. Bei manchen Anforderungen sind sich aber alle einig, z.B.: vorher überlegen, ob Thema zum Heft und zum Ressort passt. Terminabsprachen einhalten (Längen einhalten). Rechnung nicht gleichzeitig mit dem Text abgeben.
10. Freie dürfen nicht aufmucken.
Doch, dürfen sie. Sie haben einen Anspruch auf ausführliches Briefing. Auf Unterstützung und Feedback, während die Geschichte in Arbeit ist. Auf freundliche Absage, wenn das Thema nicht gewünscht wird. Auf schnelle Anweisung des Honorars (oft unklar: wann gilt eine Geschichte als abgenommen? Jetzt: wenn Geschichte von Ressortleitern abgenommen ist.)
Mediale Desinformation
Spiegel Online: „Auf einer Website, die von al-Qaida genutzt wird, wurde am heutigen Montag eine Tonaufnahme veröffentlicht, die von Sawahiri stammen soll.“ Welche Website? Darf ich das nicht wissen? Warum nicht? [x] Send URL. Wie kann man beweisen, dass eine Website von al-Qaida genutzt wird? Kann man nicht. Die Aufnahme soll stammen? Gerüchte und Desinformation – das scheint beim Thema Standard zu sein. Das ist kein Journalismus, sondern ein Schmarrn.
Droht Bin Laden?
Deutsche Medien recherchieren bei manchen Themen gar nicht mehr. Manchmal kann das sogar der Dümmste überprüfen. Der schnelllebige Mainstream der täglichen Nachrichten hat jedoch die Konsistenz von Gummi; zweifelt man etwas an, das alle geschrieben haben, gerät man leicht ins Zwielicht der Verschwörungstheorie. Also bleibt den wohlwollenden Leserinnen und den geneigten Lesern nichts anders übrig, als sich selbst eine Meinung zu bilden.
„Laut Medienberichten“, [Yahoo Nachrichten][Welt Online][Wiener Zeitung][Spiegel Online 1][Spiegel Online 2][Focus][stern], wie es immer so schön heißt, drohe Bin Laden mit Vergeltung für die Mohammed-Karikaturen. Die Meldung stammt von den Nachrichtenagenturen und wird mehr oder weniger mit feuilletonistischen Inhalten ausgeschmückt. Doch was ist davon zu halten? fragt Ekkehard Sieker. „Als Quelle der Nachricht wird von AFP das US-Institut SITE angegeben. Doch das SITE-Institute (Search for International Terrorist Entities-Institute) existiert gar nicht mehr.“
Wikipedia schreibt über SITE: „The SITE Institute was founded in 2002 by Rita Katz and Josh Devon, who had left the Investigative Project (a private Islamist-terrorist tracking group).“ Katz und Devon vertreten in ihren Artikeln eindeutige politische Positionen und sind damit ein Hass-Objekt für antisemitische US-Blogs.
Eine weitgehend objektive Einschätzung gibt SourceWatch, ein Projekt des „Center for Media and Democracy„. Unter „Controversy“ kann man dort lesen:
– SITE „has garnered wide attention by publicizing statements and videos from extremist chat rooms and Web sites, while attracting controversy over the secrecy of SITE’s methodology.“
– Federal agencies, including the National Security Agency, the F.B.I. and the Department of Homeland Security, monitor suspected terror sites on the Internet and sometimes track users. Private groups like Ms. Katz’s Search for International Terrorist Entities Institute and The Middle East Media Research Institute are also keeping track of the ever-changing content of these sites. Ms. Katz’s institute, which relies on government contracts and corporate clients, may be the most influential of those groups, and she is among the most controversial of the cyberspace monitors. While some experts praise her research as solid, some of her targets view her as a vigilante. Several Islamic groups and charities, for example, sued for defamation after she claimed they were terrorist fronts, even though they were not charged with a crime,“ the New York Times reported September 23, 2004.
Der kritische Bericht Ekkehard Siekers urteilt wenig vorschnell, obwohl man an der Seriösität des SITE-Instituts zweifeln kann. Ich halte die so „seriös“ wie jugendschutz.net oder den Verfassungsschutz – sie publizieren heiße Luft, agieren aus schmierigen Motiven und nutzen dubiose Quellen. Aber man muss das erst beweisen.
Sieker schreibt weiter: „Anschließend wird in der AFP-Meldung der Inhalt dieser aktuellen Nachricht, die also von einem nicht mehr existierenden Institut stammt, von einem gewissen Ben Venzke vom US-Institut IntelCenter als ernst zu nehmende Drohung und damit auch als echt interpretiert. Doch wer ist dieser Experte und dieses Institut? Ben Venzke ist Geschäftsführer von IntelCenter, einem Institut, das angeblich Terrorismus-Analysen im weitesten Sinne betreibt und dessen Kundschaft nach eigenen Angaben vorrangig ‚aus dem Militär, den Strafverfolgungsbehörden und den Geheimdiensten in den USA und in anderen verbündeten Staaten rund um die Welt‘ stammt.“
Was soll man dazu sagen? Goethe hat vermutlich Recht: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist.
Selbstzensur bei BILD
Der aktuelle Spiegel berichtet (S. 103), dass die Bild die „Seite-eins-Miezen“ jetzt für den Export in die Vereinigten Arabischen Emirate verändere. „Seit kurzem sorgt man direkt beim Druck in Deutschland für Selbstzensur und druckt einen schwarzen Balken über die Oberweite.“ Auch die Website der Bild bleibe im Dunkeln, wenn sie von den Emiraten aus aufgerufen werde. Übrigens – auch für burksblog.de gilt: „Der Inhalt dieser Seite steht nicht im Einklang mit den religiösen, kulturellen und moralischen Werten der Vereinigten Arabischen Emirate.“
Das Handelsblatt kann nicht rechnen
Journalismus & Recherche: „Taschenrechner assisted reporting – besser wär’s, liebes Handelsblatt“
Unsere Jobs werden revolutioniert
Ein Artikel von mir in der Jungle World (20.03.2008): „Unsere Jobs werden revolutioniert. Der Berliner Verlag führt zurzeit ein pädagogisch wertvolles Lehrstück in Sachen Kapitalismus auf. Der Eintritt ist für die Öffentlichkei frei.“
Preserat
Die taz lässt wieder Analphabeten schreiben. Bei BILD gilt: Kein Satz darf mehr als 12 Worte haben, sonst verstehen ihn die Leser nicht. Bei der taz ist das anders: „…sagte der gestern frisch gewählte Sprecher des Selbstkontrollorgans der deutschen Zeitungen und Zeitschriften, der dpa-Redakteur Manfred Protze, der taz.“ Eine beliebte Unsitte: Ein Substantiv taucht auf. Dem Autor fällt plötzlich ein, dass er dazu noch ganz viel erzählen möchte, deswegen schiebt er Titel, Thesen und anderen Tinnef dazwischen. Besser wäre: „Manfred Protze sagte der taz [ja, um den geht es, der hat etwas gesagt:] blabla. Dann erst: „Protze ist dpa-Redakteur. Gestern wurde er zum Sprecher des blablabla gewählt.“ „Frisch“ ist überflüssig, das sagt schon das „gestern“. Wenn aber die Eigenschaften des Redakteurs nicht in den Text passen, weil der etwas anderes zum Schwerpunkt hat, kann man sie weglassen. Für den Streit zwischen Presserat Und BILD und Bildblog ist es egal, ob der frisch oder abgestandene oder schon schimmelige Protze Sprecher ist oder nicht.
Nachtrag, 15.06 Uhr: „Verstöße“ wurde korrigiert, „Preserat“ nicht. Ich verstehe das System nicht. :-)
Nachtrag, 19.03 Uhr: Jetzt ist der Preserat ein Presserat geworden. Lesen die etwa mein Blog?
Gütesiegel für Offline-Müll und Online-Qualität
Die taz schreibt absoluten Quatsch. Ich frage mich, ob es da überhaupt noch einen Chef vom Dienst gibt, die die Texte gegenliest.
Was schwarz auf weiß gedruckt ist, kann man in der Regel glauben.
Bruhahahaha.
Hinter solchen Publikationen stehen Journalisten, die sich einem Berufsethos verpflichtet fühlen und über die Chefredakteure wachen.
Ach ja? Wer hätte das gedacht.
So ist die Qualität von Berichterstattung und Analyse sicher gestellt. Im Internet weiß man oft nicht genau, ob die veröffentlichten Artikel wirklich stimmen. Oft ist sogar völlig unklar, wer die Quellen sind, weil sich die Autoren hinter Pseudonymen verstecken. Das Publikum differenziert meist nicht zwischen Gedrucktem und Vernetztem. Folglich gerät die Glaubwürdigkeit des Journalismus in Gefahr.
Das ist doch hanebüchener Unfug und erinnert mich an „Michael Konken macht den Larry„. Apropos: Der Kollege Frank Überall hätte vielleicht erwähnen sollen, dass die Diskussion „Gütesiegel für Onlinejournalismus“ eine PR-Aktion des DJV ist (vgl. „Müll von Qualität trennen„), auch Titel-Thema der März-Ausgabe des Verbandsblättchens Journalist, und dass der Trägerverein des zahnlosen Tigers Presserat genau unter der Fuchtel derjenigen steht, die den angeblichen „Müll“ von der angeblichen „Qualität“ trennen wollen.
Eine Perle weniger
Frankfurter Rundschau (09.03.2008) „Eine Perle weniger – Das Online-Portal Perlentaucher verliert einen Auftrag der Bundeszentrale für Politische Bildung. Auch der Intimfeind des Angebots, die FAZ, hat ihre Finger im Spiel.“
Zapp arbeitet unseriös
Ja, das darf ich sagen, dafür gibt es zahlreiche Belege. Zum Fall Senait Mehari und der Zapp-Berichterstattung schreibt Sabine Pamperrien (Berliner Journalisten (09/2007): „Auch sonst zeichnet sich der Zapp-Beitrag eher durch Weglassen als durch konzise Beweiswürdigung aus.“ Am 28.02.2008 im Redaktionsblog Berliner Journalisten: „Das tonangebende Netzwerk… Hans Leyendecker lehnt sich offenbar auch gelegentlich gemütlich zurück und hält ganz einfach alles, was so berichtet wird, für die reine Wahrheit. Wenn’s denn von Rechercheuren aus dem ”tonagebenden” Netzwerk stammt?“ Es kommen also alle Wichtigtuer vor, die wir kennen und lieben. Hier ein paar Links zum Lesen:
– Abini Zöllner, Berliner Zeitung: Hysterie statt Hintergrund. Der „Skandal“ um Senait Mehari: Was das NDR-Medienmagazin „Zapp“ nicht thematisiert. (27.02.2008)
– Blogmedien: Zapp ist zahm geworden. Das ehemals bissige NDR-Medienmagazin sendet immer häufiger “Gute-Nacht-Geschichten” (13.10.2006)
– Stefan Niggemeier: Experten-Casting bei „Zapp“ (29.03.2007)
– Stefan Niggemeier: Liebe Freunde von „Zapp“ (15.02.2007)
– Pottblog: Medienmagazin ZAPP (NDR) wird unglaubwürdig… (31.03.2007)
– DWDL.de: „RTL II: Schwarzes Schaf unter schwarzen Schafen.“ Sex-Werbungen in Teletext-Angeboten gibt es seit Jahren. Am Mittwoch berichtete das NDR-Medienmagazins „Zapp“ darüber – verschwieg dabei aber wichtige Fakten. (17.01.2008)
BKA-Chef fordert Redeverbot über Online-Durchsuchungen
Ziercke in Hochform – jetzt fordert er Redeverbot: „Vor allem sei in der Öffentlichkeit nicht weiter über die mögliche Technik des so genannten Bundestrojaners zu spekulieren, erklärte der Oberpolizist gegenüber Spiegel Online. Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, dass das BKA zum Zeitpunkt des Inkrafttretens einer gesetzlichen Regelung über eine einsatzfähige Software verfügen werde.“
Ich bin es jetzt leid, mir ständig diese urbanen Märchen anzuhören – und unkritische Interviews. Gestern habe ich eine E-Mail geschrieben:
Lieber Kollege Gebauer,
ich schreibe ein Buch über das Thema Online-Durchsuchung.
Im Interview mit BKA-chef Ziercke behaupten Sie: „Die beiden bekannten Fälle von Online-Durchsuchungen wurden gegen den Berliner Islamisten Reda S., der gute internationale Kontakte in die Dschiahd-Szene unterhält, und einen Iraner geführt, der der Proliferation verdächtigt wurde.“
Ich gehe davon aus, dass Sie das nicht beweisen können bzw. dass die einzige Quelle die Focus-Falschmeldung vom 05.01.2008 ist.
Da noch gar keine Software zur Verfügung steht, um eine Online-Durchsuchung technisch zu bewerkstelligen, wäre ich daran interessiert, ob Sie für die These, es habe schon zwei gegeben, andere Quellen besitzen.
Vgl. tagesschau.de: „Seit 2005 haben deutsche Geheimdienste nach Angaben des Bundesinnenministeriums knapp ein Dutzend Privatcomputer heimlich via Internet durchsucht“ sowie tagesschau.de: „Wir gehen auch davon aus, dass das noch nie richtig geklappt hat. Es gab technische Schwierigkeiten. Das Einschleusen hat nicht geklappt und gerade die gefährliche Szene wird Wege finden, sich vor Bundestrojanern zu schützen.“
Wie viele verifizierte (!) Online-Durchsuchungen gab es Ihrer Meinung nach von 1995 bis heute?
Mit freundlichen Grüßen
Burkhard Schröder
Blogs als Seismografen
Neue Zürcher Zeitung: „Blogs als Seismografen“.
Hierzulande spielen politische Blogs kaum eine Rolle. In den USA erzielen sie grössere Aufmerksamkeit. Angehörige des US-Kongresses nehmen sie dabei als Seismografen, aber weniger als Informationslieferanten wahr. Dies ergab eine Umfrage der Washington University.
Die Autorin Dr. Sabine Pamperrien ist übrigens meine Nachfolgerin beim Medienmagazin Berliner Journalisten.
Durchführung gewaltextremistischer Aktivitäten
Vom Chef-Zyniker Karl Kraus stammt der Satz: „Es genügt nicht, keine Meinung zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Ein pädagogisch lehrreiches Beispiel für das Unvermögen, verständliches Deutsch zu schreiben, ist der Heise-Text von gestern „Schweizer Regierung will gewaltextremistische Websites stärker bekämpfen“. Einen schlechter redigierten Text habe ich selten gelesen; wäre ich dort Lektor, bekäme der Autor sein Elaborat um die Ohren gehauen mit der Maßgabe, Deutsch für Profis zu lesen, in Hexameter umzuformen und bei der nächsten Redaktionskonferenz auswendig vorzusingen. Man kann den Text gar nicht korrigieren – fast jedes zweite Wort ist stilistisch schlecht, falsch oder Blödsinn.
„Gewaltextremistisch“: Man spürt, dass der Schöpfer dieses Wortungetüms das allzu böse „Extreme“ noch steigern möchte. Ich schlage vor: „ultrabösegewaltdschihadistischextremistisch“. „Aktivitäten“ gibt es nicht: Die Aktivität bezeichnet die Summe mehrerer Taten und kennt keinen Plural.
Jedes Wort, das auf -ung oder -keit endet, ist verboten. Ausnahmen müssten in vierfacher Ausfertigung dem Chefredakteur in den 20. Stock gebrachten werden, ohne den Fahrstuhl benutzen zu dürfen – in der Hoffnung auf Erlösung vom Nominalstil. Ung und Keit hören sich einfach blöd an – wie das Neue Deutschland vor dreißig Jahren. Wenn man den Schreiber zwänge (ja, diese Form gibt es!), nachzudenken, bevor er seine verbale Schmiere in die Tasten hämmerte, käme etwas heraus, was die Leser verstünden – das ist hier nicht der Fall.
Die Schweizer Regierung will etwas gegen den Terror (welchen?) tun und das Internet überwachen. Gut, das zu wissen. Ich wäre nicht drauf gekommen. Bis hierhin ist es Agitation und Propaganda a.k.a Pressesprecher-Gewäsch. Damit muss man nicht das Internet vollschreiben. Was sind „explizite neue Strafrechtsnormen“? Ausdrückliche neue? Das ist Bläh-Deutsch – wird gestrichen. Auch die „verschiedenen“ Vorstöße wollen wir nicht lesen – überflüssig. Man diskutierte dieses und jenes – aber versteht sich das nicht von selbst?
Die Regierung verneinte „einen gesetzgeberischen Handlungsbedarf“. Welch ein Sprach-Geschwulst! Die Regierung will keine neue Gesetze. Das wussten wir schon. Gestrichen wird auch „in diesem Bereich“ – „Bereich“ sagt nichts aus und klingt so schön wie „die Mutter tut kochen.“ Was war noch mal der Unterschied zwischen der „Schule“ und dem schulischen Bereich? Richtig, jenes ist ein Wort und dieses verschwiemeltes Soziologen-Gequake.
Die Regierung „beantragte daher die parlamentarische Ablehnung von fünf der insgesamt sieben in diese Richtung zielenden Motionen.“ Ungungung. Wie könnte man das in lesbares und verständliches Deutsch übersetzen? Sieben der vom Parlament geplanten Gesetze widmen sich der Kriminalität im Internet. Die Regierung beantragte, fünf davon abzulehnen. Ist das gemeint? Ich weiß es nicht – der Originaltext ist so verdrechselt, dass man lange überlegen muss, was der Autor sagen will und doch zu keinem Fazit kommt.
„Ressourcen für die Überwachung und Auswertung dschihadistischer und gewaltextremistischer Websites“. Man wüsste gern, welcher Art diese „Ressourcen“ sind – technischer oder gar humanioder? Das klingt wie die einheimische Software-generierte Verfassungsschutz-Lyrik: „Die Bösen nutzen immer öfter das Internet.“ Die Schlapphüte fläzen sich vor ihren Monitoren herum, studieren gar fürchterbare Websites in zahllosen arabischen Dialekten und rufen „hurrra“, wenn sie etwas verstehen. Deutsch ist das nicht. Und keine der Tussen, die am Rockzipfel Heidi Klums hängen, könnte diesen Wortsalat fehlerfrei über die Lippen bringen.
Hinweis: Kein Satz fänge mit „denn“ oder „doch“ oder „schließlich“ an. Ich befehle es hiermit.
Der weiße Schimmel wird immer heller: „…kam die Regierung insgesamt zum Schluss“. Der Autor sagt uns jetzt irgendwie zum dritten Mal, dass die Schweizer Regierung meint, es bedürfe keiner neuen Gesetze. Ich langweile mich.
Die „rasche technologischen Entwicklung“ wird ebenso untersagt. „Technologie“ ist bekanntlich kein deutsches Wort und zudem holperig: Technik heißt englisch technology. Ich sehe keinen dringenden Bedarf, das lautmalerisch einzudeutschen. Zwei Silben sind besser als vier – verstanden? „Die technische Entwicklung“ hört sich aber immer noch bescheiden an. Man merkt, dass hier nur Sprechblasen vor sich hin blubbern, die lautlos zerplatzten, stäche man sie auf, um zu sehen, was darinnen ist. Wir benutzen jetzt ein Fremdwort: Gesetze werden schnell obsolet, weil die Technik sie überholt und damit überflüssig macht. Oder so ähnlich – ich müsste mehr als eine Minute überlegen, um den sprachlichen Fürzen Geschmack abzugewinnen. „Verantworlichkeit“ gibt es nicht – es heißt Verantwortung. Das ist auch schlecht, weil mit -ung. Wer verantwortet also was?
Der „Anpassungsbedarf“ werde „vertieft geprüft“ – es ist zum Kotzen. Wie kann man nur dieses Bürokratengewäsch in einen journalistisch gemeinten Artikel hineindröseln? Vertieft geprüft und verflacht geschrieben. „Die Umsetzung der Konvention sei damit bereits in die Wege geleitet worden“. Man hat also damit begonnen, die Konvention umzusetzen? Ja, aber das wäre viel zu kurz, wird der Autor sich gedacht haben – und das Risiko zu hoch, dass die Leser das sinnfreie Propaganda-Gefasel der Schweizer Regierung als ein solches entlarvten.
Mit Verlaub, der Text ist ganz große Scheiße! In die Tonne damit.
ZAPP hat die Erdung verloren
Redaktionsblog Berliner Journalisten: „ZAPP hat die Erdung verloren“
Inzwischen behauptet ZAPP offensiv, es gebe keine Belege dafür, dass es in Eritrea Kindersoldaten gegeben hat. Damit ist die Katze aus dem Sack. Es geht nur vordergründig um Persönlichkeitsrechte, tatsächlich geht es um die Selbstdarstellung Eritreas.
Online-Durchsuchung | Chronologie
Ich habe im Rahmen einer größeren Recherche die Medienberichte über die “Online-Durchsuchung” zusammengefasst (Auswahl). Sehr lustig, wenn man den Quatsch vergleicht, der zum Thema geschrieben wurde.
Irrationale Ängste?
Interview mit Albrecht Ude über die Vorratsdatenspeicherung: „Haben Sie irrationale Ängste vor der Vorratsdatenspeicherung, Herr Ude?“
Generation Netz-Naiv
Lesenswert: „Generation Netz-Naiv“ (Telepolis), dazu „SPON: Abkupfern statt Eigenleistung – Ein Beispiel“ (Steffen Büffel), „AFP zieht “seinen” Beitrag zurück“ (Matthias Schindler), „Spiegel Online kopiert bei der Washington Post“ (Don Alphonso) sowie – schon etwas älter -: „Contentklau in Blogs und anderswo“ (Telepolis). Und zum krönenden Abschluss „Was haben wir bloß falsch gemacht?“ (FAZ).
Dem Spiegel seine Fälle
Neinnein, Spiegel Online! Es heißt nicht „Lisa Ortgies, verheiratet und Mutter von zwei Kindern“, sondern: „Mutter zweier Kinder“. Deutsches Genitiv, schweres Genitiv. Nun gut, immer noch besser als im Ossi-Deutsch „Lisa Ortgie’s“ zu schreiben.























