Augstein kauft Freitag
FAZ.net: Die in Berlin erscheinende Wochenzeitung Freitag ist gestern von dem Journalisten und Verleger Jakob Augstein erworben worden. „Der ‚Freitag‘ hat eine bewegte Geschichte. Hervorgegangen ist das Blatt 1990 aus der Fusion der westdeutschen ‚Volkszeitung‘ und des ostdeutschen ‚Sonntag‘. Die ‚Volkszeitung‘ wiederum war erst kurz zuvor aus dem DKP-Blatt ‚Deutsche Volkszeitung‘ erwachsen, der ‚Sonntag‘ hingegen war das Blatt des DDR-Kulturbundes. Die Ost-West-Verbindung spiegelte sich sowohl in der Redaktionsbesetzung als auch im Inhalt wider, der ‚Freitag‘ wollte nicht weniger als die erste echte gesamtdeutsche linke Zeitung sein.“
Im Impressum steht die Geschichte ein wenig anders: „Gründungsjahr 1990. Hervorgegangen aus dem ‚Sonntag‘, Ostberlin, gegründet 1946 vom Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, und der ‚Volkszeitung‘, ehemals ‚Deutsche Volkszeitung‘, gegründet 1953 in Düsseldorf von Reichskanzler a. D. Dr. Joseph Wirth, und der ‚Tat‘, gegründet 1950 in Frankfurt/M. von der VVN.“
Nachtrag: Interview in der Jungen Welt.
Israel-Lobby
Au ja. Ich schreibe für eine Zeitschrift, die „Teil einer vom Mossad bezahlten, weltweit agierenden jüdisch-zionistischen Israel-Lobby“ ist [Blog Jungle World].
Bei der DGAP („Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.“) heißt es: „So, wie in den Vereinigten Staaten jüdische Neokonservative und protestantisch-evangelikale Armageddon-Gläubige in der Lobby ein prekäres Bündnis eingegangen sind, so ist in Deutschland der Bogen weit gespannt: von der links-extremen Jungle World, der Zeitschrift Konkret und der ‚antideutschen‘ Linken bis zu den seriösen Atlantikern in den Zeitungen des Axel-Springer-Verlags. Publizistisch kommen noch die Blogger der ‚Achse des Guten‘ dazu, schließlich, am unteren Ende des Diskussionsniveaus, die Internetseite ‚Politically Incorrect‘, die sich nach eigenen Angaben als ‚proamerikanisch‘ und ‚proisraelisch‘ versteht.“
Habe gerade in meine Kontoauszüge geschaut. Die Zahlungsmoral des Mossad ist wieder sehr bescheiden. Ich kann mir noch nicht einmal ein vernünftiges T-Shirt kaufen.
ARD Mediathek: Armin und die Maus zeigen, wie’s nicht geht
Die ARD Mediathek will den SurferInnen 50+ (ich fühle mich angesprochen) erklären , wie das alles so geht mit dem Internet und so. „Armin, die Maus und der Elefant stellen hier die ARD Mediathek, das neue Audio- und Videoportal der ARD vor. Sie zeigen, welche Inhalte es aus welchen Radio- und Fernsehprogrammen gibt. Sie erklären, wo man klicken muss, um sich Audios anzuhören oder Videos anzuschauen“.
Leider beginnt es damit, dass man gar nichts sieht, es sei denn, man schaltet Javascript ein. Bei mir ist es aber ausgeschaltet, weil ich auf die Ratschläge des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) höre: „Ein solches Sicherheitsrisiko kann vom JScript/JavaScript-Interpreter selbst ausgehen. Ist dieser fehlerhaft programmiert, entstehen Sicherheitslücken, die Angreifer ausnutzen können. Im schlimmsten Fall erhält ein Außenstehender vollständigen Zugriff auf den Rechner.“ Beim Thema Sicherheit scheint man sich bei der ARD nicht auszukennen. Dafür verbreitet man groben Unfug über den „Bundestrojaner“. Das wundert nicht.
Übrigens: Das Verdikt, eine Pfeifentruppe zu sein, gilt, was Sicherheit angeht, auch für Spiegel online (vgl. unten).

Das habe ich doch schon mal irgendwo gelesen…
Wussten Sie schon, dass Telepolis „wichtige Themen schon diskutiert, wenn sie für die meisten Webangebote noch nicht einmal in der Themen-Planung sind“? Daran musste ich bei den heutigen Artikeln auf Spiegel online denken. „Superrechner im Wohnzimmer“ hatte ich schon am 28.04. in der Netzeitung; und der alarmistische Totalitarismus-Bericht „Schwarzer Neonazi-Block alarmiert Polizei und Politik“ enthält das, was Michael Klarmann (08/2007) und ein gewisser Burks (05/2008) jeweils in Telepolis beschrieben hatten.
Blutrache | Schlicht, schlichter, am Schlichtesten
Ein aufmerksamer Leser dieses kleinen Blogs wies mich auf einen Artikel der Berliner Morgenpost hin, der ein „Problem“ in Berlin-Neukölln behandelt: „Familienfehden und Blutrache: Hassan Allouche schlichtet“.
„Für den Migrationsbeauftragten des Bezirks Neukölln, Arnold Mengelkoch, sind Friedensrichter Teil des Problems. ‚Diese Tradition aus arabischen Ländern läuft vorbei an unserer Polizei, unserem Jugendamt und unserer Justiz.‘ Gerade ausländische Familien mit niedrigem Bildungsgrad hätten wenig Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat. In ihren Heimatländern hätten sie die Polizei oft als korrupt erlebt und als ihren Feind wahrgenommen. Zudem kennen sich laut Mengelkoch viele Migranten nicht mit dem hiesigen Rechtssystem aus. Allouche begleitet sie auch bei Behördengängen.“
Ist doch super. Woher sollen Einwanderer aus arabischen Ländern denn wissen, dass die deutsche Polizei nicht korrupt ist? Außerdem empfiehlt das Quartiersmanagement am Rchardplatz Berlin-Neukölln „Schlichter“. Die Kiezzeitung Richard schreib in ihrer Ausgabe Mai/2008: „Konflikt-Sprechstunde: Im Kiezcafé bieten die Kiezmediatoren einmal monatlich eine Sprechstunde an. Die Gruppe ‚Schlichter Richard‘ will helfen, Konflikte zwischen Nachbarn im Kiez friedlich zu lösen. jeden 1. Dienstag im Monat: 16-17 Uhr(…) Koordinatorin Marion Moustache-Borchers: Tel. 0157-74210513, schlichter-richard@gmx.de.“
[Natürlich kann ich mir den absolut blöden Witz nicht verkneifen: Wer so heißt, kann bestimmt gut schlichten.]
Vielleicht sollte sich Hassan Allouche [Youtube] „Mediator“ nennen, damit das ZDF nicht so herumblödelt. Übrigens halte ich die schusssichtere Weste für eine bloße Attitude und die Geschichte mit der „Blutrache“ für frei erfunden. Aber das ZDF hat sie nicht recherchiert, sondern erzählt sie unkritisch nach. Für mich ist das ein Märchen eines orientalischen Geschichtenerzählers, dem das ZDF und andere Medien auf den Leim gegangen sind.
Zu den Traditionen des Rechts im Orient und zur Blutrache, die eindeutig vor-islamisch ist, gibt es wissenschaftliche Aufsätze online. Aber das überfordert deutsche Medien natürlich. Zum Beispiel „Konflikte und Konfliktregelung in Gesellschaften des Nahen Ostens“: „Darüber hinaus ist jedoch bei der Ausgestaltung der Sanktionen das Spektrum an Elementen von Vergeltung, Mediation und Strafe genauso variabel wie im Strafrecht der westlichen Industriegesellschaften“. Oder der „Untersuchungsbericht Staatenlose Kurden aus dem Libanon“, der konstatiert, dass viele Menschen aus de Türkei in den Libanon geflüchtet sind, weil sie dort – im Libanon! – vor der Blutrache sicher sind, in der Türkei aber nicht. Aber ich wohne ja sehr bald selbst in Neukölln und kann dort vor Ort recherchieren.
Interessant übrigens die Statistik melderechtlich regististrierte Ausländer in Neukölln (2006). Ein knappes Viertel aller Neuköllner hat keinen deutschen Pass. Ich sag’s noch einmal: Wir haben zwar nicht genug Einwanderer, aber zu viele Ausländer. Bei den Rassisten und Völkischen flackert jetzt die trübe Birne im Gehirn, falls überhaupt vorhanden, kurz auf und verlischt dann mit enem leisen „Plopp“, weil sie dieser Satz intellektuell überfordert – wie ein kräftiger Fußtritt einen Flipper.
Möglicherweise ist etwas im Irak passiert
Suedddeutsche.de: „Irak meldet Festnahme von Al-Qaida-Führer“. (Seit wann kann „der Irak“ etwas melden – und wie macht er das?) Reuters: „Ministerium: Al-Kaida-Anführer im Irak gefasst“. Focus Online: „Irak: USA dementieren Festnahme von El-Kaida-Führer“. Spiegel online: „US-Armee dementiert Festnahme von Qaida-Kriegsminister“. Die Zeit: „Irak: Möglicherweise Al-Qaida-Führer gefasst“. Möglicherweise schreiben deutsche Medien viel zu schnell mit Agenturmeldungen das Internet voll. Möglicherweise recherchieren sie gar nicht. Und möglicherweise geben sie bloße Gerüchten als Nachrichten aus. Aber warum soll ich diesen Quatsch dann überhaupt lesen?
Lehrerin wegen Nacktfotos gefeuert
Spiegel online entblödet sich trotz der Überschrift nicht, auf Links zu verzichten. Aber Burks‘ Blog gibt wie gewohnt Nachhilfe in Online-Journalismus: hier, hier und hier, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Bloggerland scheint ausgebrannt
Soeben gelesen: Medienblogcharts 4/08.
Neu in Burks‘ Blogroll: blog.tagesschau.de, Journalistenschredder, Off the record. Rausgeflogen sind das Redaktionsblog Berliner Journalisten (komplett unleserlich), Dienstraum (nichts los), Medienrauschen (dito).
Netzwerk Recherche | Austritt
Vorstand Netzwerk Recherche
Netzwerk Recherche
c/o Thomas Leif
Walkmühltalanlagen 25
65195 Wiesbaden
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
hiermit trete ich zum nächstmöglichen Termin aus dem Verein „Netzwerk Recherche“ aus.
Es gibt einige Gründe, die vermutlich niemanden interessieren, weil die Gruppendynamik in Vereinen das in der Regel nicht zulässt und vereinsinterne Kritik ohnehin die Mitglieder, insbesondere bei Journalisten-Organisationen, nicht interessiert.
Ich lasse mich aber nicht für Promotion und Werbung für einzelne Kollegen missbrauchen, die den an sich guten Namen des Vereins für ihr persönliches Ego und für die eigene Karriere benutzen.
Insbesondere der unsägliche Auftritt des Vorsitzenen Thomas Leif in „Quoten, Klicks & Kohle“, der nicht nur in der FAZ (Michael Hanfeld: „Infiltration von Meinung“, 03.05.2008) ausführlich kritisch gewürdigt wurde, ist nur noch peinlich und eine Schande für Netzwerk Recherche.
Ich halte den Vorstand von Netzwerk Recherche auch für unfähig und zu feige, den Vorsitzenden zu kritisieren, sonst wäre das schon in der Vergangenheit geschehen. Ein Verein, der sich dafür einsetzt, Werbung und Journalismus strikt zu trennen und sich einen solchen Vorsitzenden leistet, ist nur noch eine Lachnummer.
Weitere kritische und unwiderlegte Anmerkungen finden sich sogar auf Wikipedia. (de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Leif)
Mit kollegialen Grüßen
Burkhard Schröder
Verärgerte Politiker, Medien und Journalisten, revisited
Anmerkungen zum Fall Edathy von „Onkel Brumm„, ZEIT online
Readers Edition: „Quo vadis Medienkultur? Wenn eine Journalistin nicht mehr schreiben darf“
Nur leichte Verwüstungen
Spiegel online heute: „Der Wirbelsturm Nargis war am Samstag mit 190 Kilometern pro Stunde über das südostasiatische Land hinweggerast und hatte schwerste Verwüstungen angerichtet.“ Das erinnert mich wieder an meinen Sprachgott Wolf Schneider, der mir mit „Deutsch für Profis“ das Schreiben beigebracht hat. „Schwere Verwüstungen“ gibt es nicht, weil „Verwüstungen“ suggeriert, etwas Blühendes und Fruchtbares (zum Beispiel das Beitrittsgebiet) werde zu einer Wüste gemacht. Das ung ist auch verkehrt. Der Wirbelsturm Dingsbums war am Samstag mit 190 Kilometern pro Stunde über das südostasiatische Land gerast und hatte das Land verwüstet.“ Das Verb „hinwegrasen“ kenne ich auch nicht. Nun gut, der Einwand ist nur für Kaltduscher und sprachliche Spartaner…
Infiltration von Meinung
Wie schon mehrfach an anderer Stelle, halte ich Netzwerk Recherche, wie andere Journalisten-Vereine auch, für eine Organisation primär zur Selbstbeweihräucherung der jeweiligen Vorstände. In diesem Fall trifft das ganz besonders zu (ich bin übrigens dort Mitglied). Die Tatsache als solche überrascht nicht, viel mehr jedoch, dass JournalistInnen offenbar in Deutschland völlig unfähig sind, innerhalb von Verbänden Selbstkritik zu üben. Wer einmal ein Amt hat, verliert damit automatisch die Eigenschaft des berechtigten Widerspruchs gegen heiße Luft und eitles Gespreize.
Aktuell schreibt Michael Hanfeld in der FAZ über „Quoten, Klicks & Kohle“ von Thomas Leif: „Denn nach einem solch peinlichen Stück der Selbstbeweihräucherung und einem solchen Ausmaß manipulativer Techniken muss man lange suchen.“
Wetten, dass bei Netzwerk Recherche niemand offen ein deutliches Wort der Kritik über den großen Vorsitzenden Leif und seine journalistische Arbeit verliert? Dazu sind die alle viel zu feige. Ich setze eine Kiste Bier!
Offener Brief Susanne Härpfers an die Journaille
Liebe Kollegen,
normalerweise schreiben wir über andere. Die Selbstdarstellung überlassen wir Showgrößen in Talkshows. Eine Ausnahme sei gestattet, wenn wir Bücher vorstellen. Ansonsten sind Journalisten nur noch in Spielfilmen die Helden. Um so mehr bin ich gerührt, dass es offenbar in der Welt der blogs noch die Solidarität gibt, wie sie in den Hollywoodstreifen idealisiert wird: Politiker will kritische Berichterstattung verhindern – doch weltweit wird die Information verbreitet. Die Schweigespirale, sie greift nicht. Nicht alle Journalisten lassen sich mundtot machen. Klingt pathetisch? Vielleicht. Aber um nichts weniger geht es hier. Um die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Um die Einflussnahme auf redaktionelle Unabhängigkeit. Und um den Glücksfall, dass dieser Fall öffentlich wird. Denn wie oft mögen Politiker und Beamte einschlägiger Behörden mit festangestellten Redakteuren sprechen und freie Kollegen diffamieren, Desinformationen streuen und Gerüchte in die Welt setzen mit dem Ergebnis, dass diese keine Aufträge mehr bekommen; jedoch nicht die wahren Hintergründe bzw. Hintermänner erfahren. Denn wer von uns macht schon stets und ohne Ansehen der Person einen breiten Rücken und pocht auf die Beleglage, wenn ihm erzählt wird, „hast Du schon gehört, der soundso hat doch xxx“.
Um so mehr möchte ich mich auf diesem Weg bei dem mir nicht persönlich bekannten Kollegen von Radio Eins des RBB bedanken für das herrliche Interview mit Herrn Edathy. Das dazu passende ideo auf youtube hat mich zum Lachen gebracht. Dank auch an Fefe – die Einladung des Chaos Computer Clubs nehme ich hiermit gerne an.
Danke an Rechtsanwalt Riethmüller für seine kenntnisreiche Schilderung der Hintergründe auf seiner Seite des R-Archivs. Viele Journalisten bedienen sich gerne seiner Information, doch oops, vergessen allzu häufig, die Quelle zu nennen. Daher an dieser Stelle: danke. Vor allem aber natürlich ein großes Dankeschön an Burkhard Schröder, der als erster den Fall aufgriff, aufwändig recherchierte und Stellungnahmen in einem Umfang einholte, als sei dies bereits der Auftakt für die Staatsaffäre. Ich betone dies so, damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde mich nicht in blogs äußern.
Ich habe lange nicht auf die falschen Tatsachenbehauptungen des Herrn Edathy und die unzutreffenden Darstellungen von Zeit/online reagiert. Ich wollte nicht in einen Kleinkrieg um Nebensätze hineingezogen werden, der den Hauptvorfall vergessen mache würde. Vor allem aber: ich habe leider nicht die Zeit, die Herr Edathy und sein Mitarbeiterstab offenbar zu haben scheint. Ich bin eine freie Journalistin, die obendrein noch investigativ arbeitet, (…) und das angesichts von Honoraren von € 120 bis € 180, wie sie selbst große Verlage für online-Texte zahlen. (…)
Oder wie anders ist es zu bezeichnen, wenn für mehrere Tage Arbeit, Beschaffen Nicht-öffentlicher Papiere ein Honorar gezahlt wird, dessen Stundensatz dem einer Putzfrau entspricht? Dazu bei Gelegenheit mehr. Nur, wenn ich dies jetzt schreibe, heißt dies, dieser Tag fehlt mir, um bei Redaktionen nachzuhaken, was aus meinen Vorschlägen geworden ist, die Zeit fehlt, um bestehende Aufträge abzuarbeiten, oder den Anforderungen der staatlichen Bürokratie zu genügen, oder um neue Themen zu finden, (…) wir bezahlen diejenigen am schlechtesten, die angeblich die wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft wahrnehmen. Trotz all der beschworenen angeblichen Terrorgefahr verdienen ausgerechnet die Wachleute nur € 5 die Stunde, und die Wächter der Demokratie, die investigativen Journalisten, verdienen noch weniger, zumindest, wenn sie frei sind.
Wolfgang Michal wies darauf hin, dass ich für den Henri Nannen Preis nominiert war, weil ich bereits 2003 über das berichtet habe, was u.a. durch meine Berichterstattung später zum Visa-Skandal wurde. Deshalb vermutete ich auch einen späten Racheakt des Herrn Edathy wegen meiner Recherche in Sachen Visa. Doch dann erhielt ich das Schreiben des Herrn Edathy, und mir schien möglich, dass er den Visaskandal längst verdrängt hatte, meinen Namen noch nicht einmal gegoogelt hatte. (…)
Ich habe als freie Journalistin das Thema Postdatenübermittlung entdeckt, recherchiert und u.a. Zeit online angeboten, die anbissen, es veröffentlichten und angesichts der „Klick-Furore“, die mein erster Artikel zum Thema machte, mir den Auftrag gaben, das Thema weiterzuverfolgen. Ich musste also davon ausgehen, dass dies auch nach der nicht-öffentlichen Innenausschußsitzung der Fall sein würde; in diesem Kontext habe ich mit Herrn Edathy gesprochen. Würde ich den kompletten Verlauf seiner Antworten im Telefonat veröffentlichen, er sähe noch weitaus uninformierter und unvorteilhafter aus, als im Heise-Artikel.
Zusammenfassend lässt sich sagen: meine Berichterstattung Anfang dieses Jahres für und bei Zeit online zum Thema Postdatenübermittlung hat wohl verhindert, dass die USA sich mit dem Vorstoß, künftig auch alle Briefdaten elektronisch zu erfassen und vorab an die Strafverfolgsbehörden der USA zu übermitteln, in einem Gremientreffen vorbei an jeglicher (parlamentarischer) Öffentlichkeit durchgesetzt hätte; wie dieses zuvor 2002 geschehen ist, als einfach ohne die (parlamentarische) Öffentlichkeit zu informieren, der US Trade Act in Deutschland in Bezug auf Express-Sendungen umgesetzt wurde.
(…) Immerhin ist u.a. bis heute die Frage ungeklärt, wer von der rot-grünen Regierung damals die klammheimliche Umsetzung des US Trade Acts auf Express-Sendungen billigend in Kauf nahm. Und das Treffen des Weltpostvereins u.a. zu diesem Thema steht im Sommer dieses Jahres an. Auf das sich nicht dasselbe wiederholen möge, was mit den biometrischen Sicherheitsmerkmalen geschah. Über die habe ich nämlich 1989 erstmals geschrieben – für den Spiegel – damals war ich noch Studentin, und erhielt 1200 Deutsche Mark für den Artikel. Doch niemand griff das Thema auf, und so kam es, dass zwei deutsche Beamte zur Tagung der internationalen Luftfahrtorganisation ICAO nach Kanada flogen, und für die Einführung der Pässe mit biometrischen Daten votierten. Ein Beschluß der ICAO muß umgesetzt werden. Man hätte es vorher wissen können, statt hinterher Technikfolgeabschätzung zu betreiben. Man hätte es verhindern können. Wenn man denn nur gewollt hätte.
Von ähnlichen Erfahrungen berichteten mir diejenigen, die sich auf europäischer Ebene mit Datenschutzfragen beschäftigen. Es habe sehr, sehr lange gedauert, bis man Journalisten für das Thema Fluggastdaten habe interessieren können, und als es so weit war, war die Maßnahme längst beschlossen. Für frühzeitige Berichterstattung müsste man lesen, sehr viel lesen. Das aber kostet Zeit. Die müsste bezahlt werden. Der Aufwand müsste anerkannt und wertgeschätzt werden. Heute aber wird nicht derjenige belohnt, der diesen Aufwand betreibt. Im Gegenteil. Wer für eine solche Recherche rund eine Woche benötigt, erhält die gleichen € 180, wie jemand, der binnen einer Stunde über Sex in Budapest schreibt. Wer recherchiert, wird doppelt bestraft. Denn heute gilt in Redaktionen oft derjenige als „king“, der ein sogenanntes Telefonbuch hat, also jemanden anruft, der ihm erzählt, was er zu denken und zu schreiben hat. Beleglage, Gesetzestexte, Dienstanweisungen, Texte selber aufzufinden, lesen und recherchieren, das ist zur Ausnahme geworden, und wird eher misstrauisch bis ungläubig beäugt, ja sogar unterschwellig wird vermittelt, wer lange braucht, sei nicht gut genug. Manchmal werden auch Stellungnahmen verlangt für Sachverhalte, die Reporter auch selbst recherchieren können. Doch dies wird immer weniger gewollt, „Experten“ müssen das formulieren, was auch durch Nachdenken Journalisten selbst schlussfolgern könnten. Aber auch dies wird nicht bezahlt. (…)
Die 4. Gewalt ist pleite.
Aber wie gesagt, dies ist eine weiteres Thema. Wie wollen wir Menschen dafür gewinnen, Missstände in Unternehmen und Behörden offenzulegen, wenn wir dies in Wahrheit gar nicht wertschätzen? Wenn wir selbst nicht den Mumm haben, für redaktionelle Unabhängigkeit einzustehen? Den Einflussnahmen von Unternehmen oder Politikern
entgegenzutreten. Ein breites Kreuz zu haben. Für einander einzustehen, statt Gerüchten zu glauben. Einfach einmal „nein“ zu sagen. (…)
[Von mir leicht gekürzt. Burks]
Verärgerte Politiker, Medien und Journalisten, revisited
Spiegel Online („Heute in den Feuilletons“): „Bei Telepolis berichtet Burkhard Schröder wie Zeit online die Freie Mitarbeiterin Susanne Härpfer fallen ließ, weil sich der SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy bei der Chefredakton der „Zeit“ über sie beschwert hatte.“ (Kommata im Original)
Ich frage mich, warum das unter der Rubrik „Aus den Blogs, 17.04.2008“ steht? Edathy bezeichnete Telepolis als „privates Forum“, und Spiegel Online macht das Online-Magazin jetzt zu einem „Blog.“ Online-Magazin! Hört ihr? Online-Magazin!
Glatzen in Groß-Kotzenroda
Kölner Stadt-Anzeiger (15.04.2008): „Den ‚Tagesthemen‘ wird jetzt Boulevardjournalismus zur Last gelegt. (…) Die ‚Tagesthemen‘ ließen die Familie sprechen und zeigten die Reaktionen im Ort – ein solider Bericht. Im Vorspann jedoch wurde der Beitrag mit den Worten angekündigt: ‚Rechter Terror: Neonazis vertreiben Pfarrersfamilie.‘ Genauso war in der ‚Tagesschau‘ knapp drei Stunden zuvor auf den Film hingewiesen worden. Hinter Moderator Tom Buhrow hatte die Regie zudem Hinterköpfe von Skinheads eingeblendet. Eine falsche, effektheischende Zuspitzung der Dinge. Denn von Neonazis war nie die Rede, auch bei Neuschäfers nicht. Im Gegenteil: Folgt man den Betroffenen, dann ist das, was sie erlebten, der Beweis dafür, dass Fremdenfeindlichkeit aus der Mitte der Gesellschaft kommt – nicht allein von irgendwelchen Glatzen.“
Die Sendung hieß: „Eine Pfarrersfamilie auf der Flucht“, von Eva Altmann, MDR [tagesthemen 23:00 Uhr, 10.04.2008].
Mich wundert das gar nicht, obwohl eine „Anzeige gegen die ARD wegen Verleumdung und Volksverhetzung“ lächerlich ist. „Terror“ wird so inflationär benutzt, dass der Begriff kaum noch etwas aussagt. Natürlich ist ein solcher Bericht wie der des MDR pädagogisch wertvoll gemeint und Moraltheologie. Eben deshalb schauen nur die hin, die entweder darin vorkommen oder ohnehin schon die Guten sind. Reportagen über den so genannten „Rechtsextremismus“ haben immer ein ähnliches Muster, seit 20 Jahren. Man hat alles schon einmal in diversen Varianten gehört, wie beim Thema Drogen auch. Deshalb sind Journalisten versucht, immer lauter gegen die sich schnell einstellende Langeweile anzuschreien, um überhaupt noch Gehör zu finden. Das gilt auch für Bilder. Otto Normalverbraucher macht nichts her, auch wenn er rassistische Sprüche klopft. Also muss wieder die Glatze daran glauben, die mit dem Thema „Neonazis“ inhaltlich und politisch nicht viel zu tun hat.
Man müsste anarchistsich vorgehen: Irgendeinen fünf Jahre alten Bericht mit ader gewohnten alarmistischen Attitude über das Thema heute einfach noch einmal ausstrahlen und nur das Datum und verschwinden lassen und für den Ort einen Fantasienamen einsetzen – Klein-Kleckersdort, Groß-Kotzenroda oder so. Das wird kaum jemandem auffallen. Wetten dass?
Verärgerte Politiker, Medien und Journalisten, reloaded
Wolfgang Blau, Chefredakteur ZEIT online, hat auf meinen Telepolis-Artikel („Verärgerte Politiker, Medien und Journalisten“) „in eigener Sache“ und „im Namen der Redaktion“ geantwortet: „Die Darstellung von Burkhard Schröder, wonach unsere Zusammenarbeit mit Frau Härpfer aufgrund politischen Drucks beendet worden sei, ist haltlos.“ Soso. Aber die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden sich ihr eigenes Bild machen wollen und können.
Auch Sebastian Edathy hat sich noch einmal geäußert: „Wenn aus dem Vorgang nunmehr gewissermaßen verschwörungstheoretisch abgeleitet wird, ein Bundestagsabgeordneter wolle sich einer unliebsamen Journalistin entledigen, so ist das Unfug.“
Verärgerte Politiker, Medien und Journalisten
Ein Artikel von mir auf Telepolis: „Zeit Online will einer freie Journalistin keine Aufträge mehr erteilen, weil sich ein Bundestagsabgeordneter über sie beschwert hatte. Ein Lehrstück über ungeschriebene Gesetze, die das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten (nicht) regeln“.
Im Reich des gnadenlosen Don
FAZ.net (15.04.2008): „Wer bloggt so spät durch Nacht und Wind? – Eine Reise durch die Blogosphäre.“
„Was treibt die Autoren zu dieser erschöpfenden und doch nicht erschöpften Tätigkeit, zu diesem Medium, das unablässig vorantreibt und keine Pausen gönnt, und zu diesem Text, der seine Schreiber vereinnahmt und überrollt?“
Weil die Medien viel zu zahm sind und ihrer Aufgabe nicht nachkommen. Und weil vieles, was berichtenswert wäre, im Mainstream einfach nicht vorkommt.
Lang lebe das Kommando Tilo Hardenberg!
ARD sendet gefälschtes Interview…beim Thema Drogen wird ja ohnehin nur moraltheologischer Bullshit verbraten. Geschieht ihnen recht!
Geht Sterben
Allein schon wegen des korrekten ersten Satzes: Stefan Niggemeier lesen! „Die Beklopptheit deutscher Medien ist grenzenlos. Fast überall steht die Meldung, dass nach einem Vorstoß des EU-Parlaments die Synchronisation ausländischer Beiträge bei ARD und ZDF abgeschafft und durch Untertitel ersetzt werden soll. Das ist Humbug. Tatsächlich sollen öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme alle untertitelt werden. Mit der Synchronisation hat das sehr wenig zu tun. Genauer gesagt: nichts.“ [mehr…]



















