Queen Röschen Zensursula

Zensursula

Ja, das ist ein Plädoyer, die Monarchie in Deutschland wiedereinzuführen. Ich bin für Königin Zensursula, auch bekannt als Familienministerin Ursula von der Leyen.

Nein, ganz im Ernst. Natürlich habe ich den Telepolis-Artikel gelesen: „Politisches Leyen-Spiel“. Von der Leyen sei die „denkbar schlechteste Alternative“, und es wird alles aufgezählt, was sie alles gar nicht kann („war nie eine Powerfrau“) und warum sie Karriere gemacht hat („dank der Netzwerke ihres Vaters“). „Ursula von der Leyen, die sich stets als opportunistische Karrieristin hervorgetan hat, ist kein geistiger Leuchtturm für die Republik, sondern bestenfalls ein Teelicht.“ Stimmt alles, auch dass allein schon ihrer Kandidatur „die ultimative Bankrotterklärung der politischen Klasse“ wäre. Geschenkt.

Ich habe mich in einer Mailingliste der Piratenpartei bei einigen Leuten recht unbeliebt gemacht, weil ich eine Bundespräsidentin Zensursula für einen Glücksfall hielte: Sie würde immer wieder klar formulieren, was auf der Agenda der Internet-Ausdrucker, Jugendschutzwarte, Content-Mafia und der Verfechter des Überwachungsstaates steht, und sie würde das wie gewohnt so dummdreist tun, dass die Wähler, deren Intelligenzquotient die durchschnittliche Sommertemperatur geringfügig übersteigt, in Scharen zu den Piraten überlaufen würden.

Man muss Politik so sehen wie Jon Gnarr und die „Beste Partei„: Politik ist nur absurdes Theater, in Deutschland orchestriert von unkritischen Medien wie der lobhudelnden FAZ, der kein kritisches Wort zur Karriere von der Leyens einfällt. Wer gegen von der Leyen ist, nimmt das Theater viel zu ernst. Alice Schwarzer hatte doch Recht: Geschlecht ist ein politisches Programm, und das Geschlecht ist auch Zensursulas Programmpunkt: „Zudem würde sich die SPD dem Vorwurf aussetzen, die Wahl der ersten Frau in das höchste deutsche Amt zu hintertreiben.“ Har har. Na und?

Ich wundere mich, dass sogar der Kollege Jens Berger in Telepolis die ultrareaktionäre Weltanschauung der deutschen Supermutter kaum erwähnt. „Konservativ“ ist nicht genug. Von der Leyen ist viel schlimmer – sie unterstützt sogar die Evangelikalen („die Bibel hat immer recht“) wie den „Jugend-Kongress“ Christival. „Träger des Christival ist der gemeinnützige Verein Christival e.V., der zur evangelikal ausgerichteten Deutschen Evangelischen Allianz gehört.“ Die Evangelikalen verhalten sich ideologisch zum Protestantismus wie Opus Dei zum Katholizismus. Die „Allianz“ ist „der organisierte reaktionäre Flügel des evangelischen Konservatismus.“

Und so jemand soll alle Deutschen parteiübergreifend vertreten? „Schließlich haben zahlreiche SPD-Politiker in der Vergangenheit behauptet, von der Leyen betreibe eine in Wahrheit sozialdemokratische Politik.“ Ach ja. Danke für den Hinweis, FAZ. Ich sehe das auch so.

Warum also Monarchie? Die Monarchie würde heute nicht mehr den Geburtsadel und die ostelbischen Junker vertreten wie noch im Kaiserreich. Die Monarchie suggeriert, dass Herrschaft etwas Angeborenes ist, etwas „Natürliches“ im Sinne des Wortes. Ein König in der europäischen Tradition ist kein Indianer-Häuptling, der abgesetzt wird, wenn er auf Dauer nur Unfug macht, sondern bleibt Herrscher, auch wenn er ein Idiot oder sonstwie geistig verwirrt ist. Dafür sorgt schon die Kirche, die zur Monarchie gehört wie der Eiter zur entzündeten Wunde.

Der junge Karl Marx hat das in „Kritik des Hegelschen Staatsrechts unnachahmlich hegelisch verschwurbelt, aber völlig korrekt formuliert: „Wenn die Geburt, im Unterschied von den andern Bestimmungen, dem Menschen unmittelbar eine Stellung gibt so macht ihn sein Körper zu diesem bestimmten sozialen Funktionär. Sein Körper ist sein soziales Recht. In diesem System erscheint die körperliche Würde des Menschen oder die Würde des menschlichen Körpers (…) so, daß bestimmte, und zwar die höchsten sozialen Würden die Würden bestimmter durch die Geburt prädestinierter Körper sind. Es ist daher bei dem Adel natürlich der Stolz auf das Blut, die Abstammung, kurz die Lebensgeschichte ihres Körpers; es ist natürlich diese zoologische Anschauungsweise, die in der Heraldik die ihr entsprechende Wissenschaft besitzt. Das Geheimnis des Adels ist die Zoologie.“

Die Zoologie ist ja auch das Geheimnis der Karriere von der Leyens. Zudem findet Politik ohnehin nur noch symbolisch statt. Die PolitikerInnen dilettieren als „Verein der Versager“ herum, wie Spiegel Offline trefflich schrieb, sie haben keine Ahnung außer davon, wie man politische Gegner bekämpft, sie lassen sich für die Interessen des Großkapitals – hier des französischen – instrumentalisieren. „Politik“ findet als populistische Show statt, als Gruppenbild mit sehr wenigen Damen mit den sattsamen bekannten Arschgesichtern in der Glotze bei Maybrit und auch anderswo.

Das muss jetzt endlich konsequent durchgezogen und auf das Niveau von Gala, chrismon und Glanz & Gloria heruntergezerrt werden. Das Volk will höhere und niedere Wesen verehren, es will nicht denken, sondern unterhalten werden, und es will Blut und …äh… Brot und Spiele. Politik als Stierkampf im Colosseum – das fehlt Deutschland.

Ursula von der Leyen als erste deutsche Königin nach der Abdankung Kaiser Willems – aus der Dynastie „Albrecht und die Seidenbarone“ – das hat was. Eine deutsche Königin sollte nicht allzu intelligent daherreden (also nicht so wie die jordanische Königin), eine Opportunistin sein, damit die Deutschen sich auch mit ihr identifizieren können, und natürlich muss sie erzreaktionäre Ansichten vertreten wie deutsche Könige schon immer. Deswegen wurden sie ja von der Kirche unterstützt und vom Volk geliebt (nur die dummen linksextremistischen Arbeiter- und Soldatenräte nach dem ersten Weltkrieg machten eine Ausnahme). Nicht zu vergessen: eine deutsche Königin der Herzen muss höhere Wesen verehren und Kinder schon im zarten Schulalter mit Aberglauben und frommen Märchen belästigen und indoktrinieren wollen.

Kurz: Von der Leyen als Bundespräsidentin oder Königin passt zu Deutschland wie der Arsch auf Eimer. Ich bin dafür.

Ich war entzückt

Interview mit Georg Schramm zum Abgang Köhlers (Deutschlandradio). Jedes Wort sollte man sich drei Mal anhören. „Margot Käßmann wäre die Lena-Antwort auf den Papst.“

Wer wird der nächste Bundespräsident?

Ist schon klar. Stoiber, Käßmann. Es muss also jemand sein, der abergläubisch ist und höhere Wesen verehrt. Das entspricht dem intellektuellen Niveau der Durchschnittsdeutschen. Ich bin für Loddar Matthäus oder Günther Jauch. Was macht eigentlich Gesine Schwan? Die hat doch die Frisur für stürmische Zeiten.

Gehirnburkaträger

Sehr lesenswerter Beitrag von Jörn Marx. „Null Punkte aus Israel“ – „Eurovision Song Contest in Oslo, kurz nach Mitternacht: Lena Meyer-Landrut liegt mit 60 Punkten Vorsprung bereits weit vorne. Dann die Wertung aus Israel – null Punkte für Deutschland. Das erdreisten sich ansonsten nur noch Georgien, Armenien und Moldawien. Die deutsche Volksseele kocht.“ Und dann die Kommentare dazu…

Blogger stürzen Köhler [2. Update]

Bundespräsident Horst Köhler ist zurückgetreten. Wenn man sich die zeitliche Abfolge der Berichte ansieht, kann man durchaus davon ausgehen, dass Blogger ( und der „Freitag„) das Thema in die Mainstream-Medien gepusht und ihn letztlich zum weinerlichen Abgang („Er vermisse den Respekt“) gezwungen haben.

Reuters: „The German President is responsible for signing bills into law but the role is largely ceremonial.“

Wie herrschmidt twitterte: „Der Rücktritt des Bundespräsidenten ist doch nur ein Köhlerteralschaden!“ Jawoll, terrorzicke, ich bin dabei: „Wer für eine Bundespräsidenten Castingshow mit Stefan Raab ist, hebt bitte den Tweet!“

[Update] Die Welt wusste schon gestern vom Rücktritt Köhlers! Und Lena wird ihn ersetzen!

[2. Update] CARTA: „Horst Köhler: Ein Rücktritt unter Blog-Mitwirkung“

Persönlicher Feldzug?

Ein interessanter Beitrag über Jutta Rabe, die aktuelle Schatzmeisterin des DJV Berlin, findet sich auf ExpressoGuide („Lasse Dudde Internet-Verlag“, Lübeck). Dort wird unter anderem behauptet: „Gegen Rabe wurde in Schweden im Sommer 2000 wegen ‚Störung der Totenruhe‘ ein Haftbefehl erlassen. Die Deutsche kann seitdem weder schwedischen, finnischen noch estnischen Boden betreten, ohne das Risiko einzugehen, sofort abgeführt zu werden.“ (Leider habe ich kein Datum gefunden).

Tauss tritt aus der Piratenpartei aus

…schreibt er hier. Ich halte das für unnötig. „Damit aber kein Missverständnis entsteht: Dieser Austritt erfolgt, um die Piraten und unsere Sache zu stärken.“ Wenn die Piratenpartei die mediale Hetze nicht aushält, dann kann sie auch gleich aufgeben. Man muss eben Eier haben und dagegenhetzen…. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Wer ist Jude?

Wie ich am 18.04.2003 und am 15.04.2006 („Nicht rumhängen, Jesus!“) schon erörterte: „Wir leben bekanntlich nicht mehr im Mittelalter. Gefühle, gar der kollektiven abergläubischen Art, dürfen von Staats wegen überhaupt nicht geschützt werden. Nicht mit meinen Steuergeldern! Meinetwegen kann mich jemand, der an die jungfräuliche Geburt, an Wiedergeburt, Auferstehung, an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Posaunen vor Jericho, den Weihnachtsmann und anderen Quatsch glaubt, mich und andere Atheisten gern karikieren. Das lässt mich kalt. (…) Päpste zu Märchenonkels, Kirchen zu Turnhallen!“

Wieder ein Argument gegen Religionsunterricht an den Schulen: Ich wette, dass in deutschen Schulklassen immer noch die fromme Legende erzählt wird, es habe einen „Auszug Israels“ aus Ägypten oder gar die sprichwörtlichen „Posaunen vor Jericho“ gegeben. Seit Israel Finkelsteins und Miriam Magalls Buch „Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel“ wissen wir, dass alles das ein gut erfundenes Propaganda-Märchen ist. Das ist nicht Geschichte und Realität, sondern ein Mythos!

„Die Wurzeln des Volkes Israel beruhen auf der Geschichte zweier Königreiche und nicht wie bisher immer angenommen eines Königreiches, des Nordreiches Israel und des Südreiches Juda. Fundamentale Wahrheiten wie der Auszug aus Ägypten, die Einnahme Kanaans die Bedeutung des Reiches Salomons (fragliche Existenz des Tempels und Palastes) werden nicht nur in Frage gestellt, sondern negiert. (…) Das Buch zeichnet sich durch absolute Professionalität aus“. (Rezension bei amazon)

Spiegel Offline weist auf einen neuen und aktuellen Streit hin: Der israelische Historiker Schlomo Sand [kennt ihr den Unterschied zwischen ‚israelisch‘ und ‚jüdisch“ beim Spiegel? Offenbar nicht. Und seinen Vornamen schreibt ihr auch falsch. BS] behauptet in seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes„:

-“ Die Juden seien ergo gar kein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt versprengt gewesen sei.
– Die jüdischen Gemeinden im Mittelmeerraum und Europa seien vielmehr das Produkt eifriger Missionsarbeit jüdischer Geistlicher.
– Juden seien keine Ethnie, sondern bloß eine Religionsgemeinschaft, der sich Gruppen der unterschiedlichsten Herkünfte angeschlossen hätten.“

Das alles ist schon bekannt. Aber natürlich passt es den Verehreren höherer Wesen nicht, wenn man ihren frommen Aberglauben mit der Realität abgleicht. Dann halten die christlichen, islamischen und jüdischen Pfaffen zusammen wie Pech und Schwefel. Perlentaucher.de fasst es knapp zusammen: „Die Berufung auf die jüdischen Stammväter entspringe dem gleichen Muster wie deutschen Mythen um die Germania oder Hermann dem Cherusker. Plausibel (..) auch Sands These, dass die Mehrheit der osteuropäischen Juden ethnisch vom Turkvolk der Chasaren abstammt, die im achten Jahrhundert geschlossen zum Judentum übergetreten seien, weswegen er dem Buch bescheinigt, ‚radikal, kenntnisreich und mit großem Mut‘ geschrieben zu sein.“

Wer den Juden eigene Gene zuspricht, die ein „Volk“ mit speziellen kulturellen Eigenschaften definieren könnten, ist schlicht ein dämlicher Rassist und sollte Nachhilfestunden in Biologie nehmen. Ich würde sehr gern wissen, was man zu hören bekäme, wenn man auf deutschen Straßen Passanten fragte: „Wer ist Jude“? Das traute sich aber niemand, weil die Antworten sehr viel über „die Deutschen“ aussagen würde.

Absurdes Polit-Theater, in Island und auch anderswo

Henrik M. Broder erklärt am Beispiel der Isländer sehr schon und genau, was eigentlich Politik ist und wie sie funktioniert.

Der Kandidat Jon Gnarr hat eine mich beeindruckende Biografie: „1967 in Reykjavik als Sohn eines kommunistischen Polizeibeamten geboren, schmiss er die Schule mit 14 hin und kam für zwei Jahre in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche auf dem Lande. (…) Er ließ keine Gelegenheit aus anzuecken“. Genau das Gegenteil eines deutschen Politikers also. So jemand würde hierzulande noch nicht einmal an die Spitze eines Ortsvereins gelangen. Den würde ich natürlich sofort wählen.

„Die beste aller Parteien hat keine Agenda, kein Programm, nur eine Losung: ‚Alles ist machbar!‘ Klassische Politik, erklärt Jon, sei nur ‚absurdes Theater‘, ‚fade Routine‘ und ‚ein Paket ohne Inhalt‘. (…) ‚Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!‘ So sei es auch in der Politik. Die Leute würden darauf trainiert, das Gehörte zu wiederholen. Und während korrupte Politiker scheinheilig ein ‚Ende der Korruption‘ fordern, will Jon die Korruption nur ‚transparent machen‘, das sei ehrlicher und realistischer.“

Wenn unsere Medien ihren Job machten, würden sie das hiesige Polit-Theater entlarven. Aber sie spielen das absurde Schauspiel mit, ja fördern es und bieten ihm noch eine Bühne – Christiansen, Illner, und was es an pseudojournalistischem Getue sonst noch alles gibt.

By the way: Was macht eigentlich Aaron König, Ex-Vorstandsmitglied der Piratenpartei, nach seinem Austritt? Er hat eine neue rechtspopulistische Politsekte gegründet, wie aufmerksame Leser hier schon kommentierten:

„Wer in Deutschland leben möchte, muss die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschen und sich zu den oben genannten Werten der Aufklärung bekennen. Die Staatsbürgerschaft per Geburt (‚Ius Solis‘) wird abgeschafft. Man erhält die deutsche Staatsbürgerschaft entweder, wenn eines der Elternteile diese hat, oder durch ein klar geregeltes Aufnahmeverfahren. Aufenthaltsgenehmigungen für Nicht-EU-Bürger werden nur noch in Ausnahmefällen erteilt, z.B. für Hochqualifizierte und für zuziehende Ehepartner ab 25 Jahren.“

Damit geht er sogar hinter die Errungenschaften der französischen Revolution im 18. Jahrhundert und der Ideale der US-amerikanischen Verfassung zurück und fordert indirekt das Blut-und Boden-Abstammungsrecht der Nazis und ihrer Vorläufer. Das „ius sanguinis“ („wenn eines der Elternteile diese hat“) ist die Basis für die rassistische Idee eines „Volkes“, das durch die „Abstammung“ definiert wird.

Update: Geh doch rüber nach Ungarn, Aaron König!

Schmierenjournalismus [2. Update]

Jörg Tauss wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Über den Schmierenjournalismus bei Spiegel offline habe ich mich aufgeregt. In ausnahmslos allen Handbüchern über seriösen Journalismus steht geschrieben, dass Tatsachen und Kommentare nicht vermischt werden sollten. Die Leser sollten fairerweise wissen, woran sie sind. Was schreibt Simone Kaiser? (Ich vermute, das ist dieses Partygirl.)

„Ansonsten versuchten die Verteidiger vielmehr, Tauss als Opfer der zweifellos missglückten Öffentlichkeitsarbeit der Karlsruher Staatsanwaltschaft darzustellen. Sie sprachen von der „sozialen Exekution“ des bis dato unbescholtenen Politikers. Und nährten wider besseres Wissen (hervorgehoben von mir, BS) mit zahlreichen Anspielungen die im Netz kursierenden Verschwörungstheorien… (…) Die bei Tauss sichergestellte ‚Kipo‘, wie der Anwalt die Missbrauchsdateien immer wieder titulierte als rede er von einem Mixgetränk und nicht von dem brutalen Missbrauch vier oder fünf Jahre alter Kinder, sei doch gar nicht Thema des Verfahrens.“ (Zeichensetzung im Original)

Vielleicht sollte man der Kollegin (sie scheint vorwiegend über Frauenthemen zu berichten) raten, den einschlägigen Wikipedia-Artikel zu studieren, anstatt ihre persönliche moraltheologische Keule zu schwingen.

Wikipedia: „Während sich die juristische Bewertung an rechtsstaatlichen Grundsätzen (geschützte Rechtsgüter) orientiert und die sozialwissenschaftliche Analyse Herstellung und Wirkung von Kinderpornografie untersucht, zielt die öffentliche Diskussion zumeist auf moralische Betrachtungen ab.“ Für die Moral sind jedoch, wenn überhaupt, Pfaffen zuständig (mit den dementsprechenden Risiken und Nebenwirkungen), aber nicht Journalisten.

„Während manche Menschen ‚virtuelle Kinderpornografie‘ als opferlose Straftat und deren Verbot als Angriff auf die Kunstfreiheit ansehen, wird deren gesetzliche Gleichstellung zu kinderpornografischem Foto- und Filmmaterial damit begründet, dass solches Material zu realem Kindesmissbrauch anstiften oder diesen verharmlosen könne. Die Medienwirkungsforschung gelangt dabei zu keinem eindeutigen Ergebnis, auch wenn der Zugang zu regulärer Pornografie als verhindernder Faktor von Kindesmissbrauch gesehen wird. (…) Manche Sexualforscher vermuten in der aggressiven Gesetzgebung gegen Kinderpornografie den Versuch sexualfeindlicher, moralkonservativer Gruppen, Pornografie allgemein zu kriminalisieren. Da dies aber wegen des politischen Klimas in westlichen Staaten oftmals nicht möglich sei, würden stattdessen Gesetze gegen Kinderpornografie forciert, die auf eine Weise geschrieben werden können, die nicht nur Kinderpornografie, sondern auch viele andere Medien mit pornografischem Inhalt, oder bloßer Nacktheit, kriminalisieren.“

Genau so ist es. Ich stimme den letztgenannten Sexualforschern zu. Aber ein rationalre Diskurs ist in Deutschland wohl kaum möglich. Der Reiz-Raktionsmechanismus bei bestimmten Themen ist standardisiert hysterisch – Drogen, Kipo, „Bombenbauanleitungen im Internet“.

Update: Empfehlenswert und sachlich ist ein Artikel bei golem: „Das Gericht habe klar festgestellt, dass kein Abgeordneter sich auf den Ausnahmetatbestand berufen könne. „Ein Journalist ja, aber kein Abgeordneter“, sagte der Anwalt. Deswegen sei jede Beschäftigung damit eine private, und damit strafbar.“

2. Update: Medienschau von Markus Kompa, lesenswert. Unterstreicht die Überschrift dieses Postings.

Die Ente nach Schweizer Rezept

Wie sich die Textbausteine der DAUs doch gleichen. „Staat will Zugriff auf Schweizer Festplatten“, formuliert die Basler Zeitung unkritisch und ahnunglos. Natürlich kommt im gesamten Artikel kein Wort darüber vor, ob das überhaupt machbar sei, was das Bundesamt für Justiz dort will. Danach fragt niemand mehr. Es ist wie bei Schopenhauer – die digitale Alpenwelt als Wille und Vorstellung.

„Der Staat will künftig auf die Festplatten verdächtiger Personen zugreifen können. Mithilfe von Trojanern sollen Strafverfolgungsbehörden sich auf den Harddisks umsehen dürfen.“ Mit „Trojanern„? Halt. Bitte jetzt zunächst das Gehirn einschalten. So dämlich ist ja noch nicht einmal Ziercke. („Sie können sich die abstrakten Möglichkeiten vorstellen, mit dem man über einen Trojaner, über eine Mail oder über eine Internetseite jemanden aufsucht.“) Der möchte mittlerweile schon gern vorher in die Wohnung des Verdächtigen einbrechen lassen, um zu versuchen, ob man physisch auf den Rechner zugreifen kann.

Wie will man erstens die IP-Adresse der Zielperson herausfinden? Wie will man zweitens einen „Trojaner“ genau auf deren Rechner schleusen, wenn die auch nur einmal die Ratschläge des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechik beherzigt hat? Das geht nicht.

„Im Falle eines Verdachts sollen dank den Überwachungsprogrammen alle Mails, Fotos und Filme für die Untersuchungsbehörden zugänglich sein.“ Was soll dieser Unfug: Was ist, wenn die Person ihre E-Mail verschlüsselt? Das „Abhören“ digitaler Postkarten ist ja ohnehin leicht möglich. Was also noch? Wie will man von außen einen Keylogger installieren? Und wie will man unbemerkt und beweissicher abgefangene Informationen verschicken?

Basler Zeitung, es interessiert mich nicht die Bohne, was jemand „will“ und was sein „soll“, sondern nur, wie das geschehen könnte. Das wisst ihr nicht? Ihr habt noch nicht einmal diese doch nicht unwesentliche Frage gestellt? Dann solltet ihr euer journalistisches Selbstverständnis mal updaten.

„Das Bundesamt für Justiz rechtfertigt diesen Schritt damit, dass im Internet vermehrt über Verschlüsselung kommuniziert werde. Gerade Straffällige würden sich dies zunutze machen. Trojaner, die, einmal installiert, jede Tastatureingabe mitverfolgen können und die Informationen an den Urheber des Überwachungsprogramms schicken, sollen diese Lücke schliessen.“ Also doch Keylogger. Noch mal zum Mitschreiben: Wie wollt ihr den auf die (!) Rechner der Zielperson bekommen? Und gerade „Straffällige“ verschlüsseln? Beweise dafür?

„Oder des Vertriebs von verbotener Pornografie.“ Nun, das ist kein deutscher Satz. Wir versuchen ihn dennoch zu verstehen. Diese suggestive Wortwohl suggeriert uns, dass das Böse (auf dem die menschliche Fortpflanzung beruhgt) in bildlicher Form auf den berüchtigen „Internet-Festplatten“ lauert. Darf ich mich mal kurz selbst zitieren (06.02.2007)? Danke.

„In Wahrheit hat es eine „Online-Durchsuchung“ oder gar den „Bundestrojaner“, der seit geraumer Zeit durch die Medien geistert und sogar einen eigenen Eintrag bei Wikipedia bekommen hat, nie gegeben – und es wird ihn auch nie geben. Er ist ein Hoax und beruht auf dem mangelnden Sachverstand eines Oberstaatsanwaltes, jeweils einer Falschmeldung der taz und der Süddeutschen und der Tatsache, dass alle deutschen Medien, ohne die Fakten zu recherchieren, voneinander abgeschrieben haben. Nach dem Prinzip „Stille Post“ steht am Ende der Berichterstattung dann der „behördliche“ Hacker, vom dem am Anfang nie die Rede war.“

Was mich am meisten aufregt, sind die merkbefreiten „Kritiker“. Sie kritisieren die Verschwörungstheoretiker des Bundesamtes für Justiz nur, anstatt laut zu rufen: „Der Kaiser ist nackt! Es gibt keine ‚Bundestrojaner'“!

Die Wahrnehmung schlägt die Fakten – der Fall Tauss und seine mediale Inszenierung [Update]

Lesebefehl – ein Aufsatz: „Die Wahrnehmung schlägt die Fakten – der Fall Tauss und seine mediale Inszenierung“.

„Im Übrigen erscheint es aber äußerst fraglich, ob zumindest bei gesellschaftlich stark tabuisierten Tatbeständen und dem Verdacht gegen Prominente der Staatsanwaltschaft überhaupt eine (re-)aktive Pressearbeit gestattet werden sollte, wenn sie anschließend nur noch damit beschäftigt ist, den selbst entfachten ‚Tsunami‘ zu füttern. Dies ist nicht professionell, sondern hilflos.“

Update: Schrozbergs Blog: „Staatsanwaltschaft doch politisch vorbelastet? – Hintergrundinfos zum Prozess gegen Jörg Tauss“.

Zu viel Gewalt & Porno: Berufsverbot für Heavy-Metal-Fans

Mir verschlägt es schier die Sprache. In Telepolis lese ich, dass ein Musiker der Band Debauchery (das ist wohl eher Death Metal, nicht Heavy Metal) kein Ethik-Lehrer sein darf.

Noch schlimmer: Er wurde vor „…die Alternative gestellt, entweder sein Engagement als Musiker aufzugeben oder als Lehrer zu kündigen. Er entscheidet sich für Letzteres. Doch damit gibt sich das Stuttgarter Regierungspräsidium nicht zufrieden. Es will Gurrath erst dann wieder als Lehrer einstellen, wenn er ‚(…) den Nachweis erbringt, dass er sich von seiner bisherigen Musikrichtung (…) über einen Zeitraum von drei Jahren distanziert hat (…)'“.

Distanzieren – das ist auch so etwas typisch Deutsches. Eine Art exorzistisches Ritual des Prostantismus – die Katholiken kennen ja die Flagellation. Was dem Büßer seine Peitsche, ist dem Protestanten und Lichterkettenträger das Distanzieren. Ja, ich bekenne feierlich, dass ich meinen Musikgeschmack geändert habe und nur noch seichten Mainstream höre und produziere und dass ich alles, was ich an Geräuschen von mir gebe, zuerst dem örtlichen Jugendschutzblockwart vorlegen werden. Das ist Deutschland. Angeblich, so Telepolis, soll die Rektorin des Hegelgymnasiums Stuttgart den Delinquenten als „psychisch krank“ bezeichnet haben. Vermutlich hört sie jeden Abend Musikantenstadl. Das nenne ich „psychisch krank“.

Wie berichten die Mainstream-Medien, etwa die Welt? „In einem anderen Video (hier geht es zur Homepage der Band, ACHTUNG: VIDEO AB 18!), das aus gutem Grund auf YouTube nicht frei verfügbar ist, haben zwei Frauen miteinander Sex vor dem „Pussycat“-Zeichen.“ Aus „gutem“ Grund? Aus welchem denn? Werden 17-Jährige irgendwie geschädigt, wenn sie verpixelten Frauen beim Sex zusehen? Übrigens küssen die sich nur. (Und es ist durchaus noch bei Youtube vorhanden, Dirk Peitz. Vielleicht haben sie nur den Kinderfilter bei Welt Online nicht umgehen können? Ich sehe auch kein „Porno“. Das ist ekelhafte und dämliche Denunziation, Herr Kollege!)

Natürlich weiß jedes, dessen Intelligenzquotient die Zimmertemperatur übersteigt, dass diese Entscheidung der hohlköpfigen Schulbürokraten in Baden-Württemberg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte keinen Bestand haben wird: Der hat bekanntlich auch den so genannten und urdeutschen Radikalenerlass in Gänze in die Tonne getreten. Was soll der Quatsch also?

Jemand kommentierte bei Youtube: „der Kerl dürfte jederzeit meine Kinder unterrichten …denn die schlimmeren Alternativen für Kinder sind eine Waldorfschule-Gehirnwäsche oder eine mögliche Vergewaltigung in einem katholischen Internat.“ Recht hat er.

700.000 Euro für eine Ente

Die wohlwollenden Leserinnen und Leser ahnen bestimmt schon, was heute unser Thema sein wird. Der Tagessspiegel meldet: „Als wichtiges Instrument im Kampf gegen den internationalen Terrorismus wurde sie gepriesen, doch bisher hat das Bundeskriminalamt (BKA) keine einzige Online-Durchsuchung durchgeführt.“ Heise dazu: „BKA nahm bislang keine Online-Durchsuchung vor“.

Schon klar. Wie ich schon in meinem Buch behauptete: Es hat noch keine gegeben (und wird es auch nicht geben). Wie sollte das auch funktionieren….

„Demnach investierte das BKA bislang knapp 700.000 Euro in Online-Durchsuchungen. Davon entfallen rund 581.000 Euro auf Personalkosten“. Und auf was entfiel die restlichen 119.000 Euro? Auf den Kauf von neuen Computern vermutlich. Die Ente kann man wahrhaftig in reinem Gold aufwiegen.

Nur zur Erinnerung:
– Sueddeutsche.de (07.12.2006): „‚Es gab bereits Einzelfälle in Strafverfahren, bei denen richterlich angeordnet solche Durchsuchungen stattgefunden haben‘, sagt Dietmar Müller, Pressesprecher des BKA in Wiesbaden. Das Verfahren sei relativ neu und erfolge ausschließlich in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft und mit richterlichem Beschluss. Aus ‚ermittlungstechnischen Gründen‘ könne Müller nicht sagen, wie die digitale Spionage technisch funktioniert.“
– Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Jan Korte, Petra Pau, Kersten Naumann und der Fraktion Die Linke (22.12.2006, Drucksache 16/3787):
„Seit wann wenden deutsche Sicherheitsbehörden das Instrumentarium des ‚heimlichen Abziehens von Daten auf fremden Computern mittels spezieller Software‘ (Online-Durchsuchung) an?“ – „Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über in Ermittlungsverfahren durchgeführte Online-Durchsuchungen vor.“
– Heise Newsticker (25.04.2007): Bundesregierung gibt zu: Online-Durchsuchungen laufen schon.
„Zur Anzahl der bisher durchgeführten verdeckten Netzermittlungen gab die Bundesregierung keine Auskunft. Dem Vernehmen nach gibt es aber noch Probleme bei der praktischen Durchführung der Online-Durchsuchungen. So soll von Regierungsseite beklagt worden sein, dass so viele Daten gesammelt worden seien, dass man ihrer nicht Herr habe werden können.“
– Tagesschau.de (27.04.2007): „Seit 2005 haben deutsche Geheimdienste nach Angaben des Bundesinnenministeriums knapp ein Dutzend Privatcomputer heimlich via Internet durchsucht.“
– Tagesschau.de (28.04.2007, Wolfgang Wieland im Interview): „Wir gehen auch davon aus, dass das noch nie richtig geklappt hat. Es gab technische Schwierigkeiten. Das Einschleusen hat nicht geklappt…“
– Spiegel Online (09.07.2007, Wolfgang Schäuble im Interview): SPIEGEL: „…wie etwa die heimlichen Online-Durchsuchungen zeigen. Die haben die Sicherheitsbehörden ohne gesetzliche Grundlage jahrelang angewandt. Schäuble: Moment. Es gab einen Anwendungsfall im Inland.“
– Focus Online (05.01.2008): „Reda Seyam klickte laut FOCUS die getarnte E-mail der Verfassungsschützer an und aktivierte so die erste und bislang einzige Online-Durchsuchung in Deutschland.“
– Bundesverfassungsgericht (27.02.2008): „Vereinzelt wurden derartige Maßnahmen durch Bundesbehörden bereits ohne besondere gesetzliche Ermächtigung durchgeführt. Über die Art der praktischen Durchführung der bisherigen ‚Online-Durchsuchungen‘ und deren Erfolge ist wenig bekannt. Die von dem Senat im Rahmen der mündlichen Verhandlung angehörten Präsidenten des Bundeskriminalamts und des Bundesamts für Verfassungsschutz haben mangels einer entsprechenden Aussagegenehmigung keine Ausführungen dazu gemacht.“
– Spiegel Online (01.03.2008): „Die beiden bekannten Fälle von Online-Durchsuchungen wurden gegen den Berliner Islamisten Reda S., der gute internationale Kontakte in die Dschiahd-Szene [sic] unterhält, und einen Iraner geführt, der der Proliferation verdächtigt wurde.“

Noch Fragen zum einflussreichsten Medien-Hoax des Jahrzehnts?

Die Quadratur des Kreisverbandes

Zitat Landesschatzmeister NRW der Piraten: (Orthografie korrigiert) „Die derzeitige Verteilungsart der Gelder hat sich mehrfach als unpraktikabel dargestellt. Buchhalterisch ist dieser größter Müll. (…) Wir laufen Gefahr, keine Parteienfinanzierung zu bekommen, da Gelder zweckentfremdet ausgegeben werden. (…) geben einige Leute Geld für Alkohol zur Selbstbespaßung aus. Unsere Satzung gibt mir derzeit keine Möglichkeit, solche Beschlüsse kippen zu können, gemäß PartG. Des weiteren gibt es in der Satzung keine Fälle für Minus auf Crewkonten. Crews können faktisch (..) Verluste produzieren, ohne dass ich was dagegen machen kann.“

Zum Thema Crews gegen Kreisverbände auch Andis Blog und planetAlexx.de. By the way: Ich bin gegen Crews und für Kreisverbände. Damit bin ich zur Zeit in Berlin bei den Piraten eine irrelevante Minderheit. Aber in ein paar Jahren wird die Mehrheit meine Meinung teilen.

Volk ohne Markt oder: Im Zweifel den Weg für das Kapital freischießen

Deutschlandradio: „Die Bundeswehr leiste dort Großartiges unter schwierigsten Bedingungen, sagte Köhler im Deutschlandradio Kultur nach einem Besuch im Feldlager Masar-i-Scharif. Es sei in Ordnung, wenn kritisch über den Einsatz diskutiert werde. Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler ‚freie Handelswege‘.“

Der Sender hat mittlerweile sowohl im MP3-Mitschnitt als auch im Transkript diese Passage entfernt. Im Text zum Interview ist noch ein Bezug darauf vorhanden. Das ist also kein vorauseilender Gehorsam, sondern nachfolgender. Vermutlich lässt Deutschlandradio wie im realen Sozialismus Interviews absegnen, auch bekannt als „Autorisierung“. (Der deutsche Journalist unterwirft sich gern autoritären Autoritäten, das liegt ihm im Blut.) [via Freitag, unpolitik.de, QuerBlog und Sebastian Glas]

FDP – Partei der Walkiller

killed baby whale

Die FDP wird von Leuten gewählt, die dafür sind, dass Baby-Wale gekillt werden. Nein, ganz im Ernst! Das ist kein Scherz! Lest das Migaloo – Anti Walfang Blog: „FDP ist für kommerziellen Walfang“.

Al-Habash – eine Alternative zum politischen Islamismus

Al-Habash

Nie hätte ich gedacht, dass ich durch meine Artikel den Bau einer Moschee in Berlin ermöglichen oder erleichtern würde. Aber so war es wohl. Gestern war ich Gast bei der Eröffnung der neuen Moschee am Kreuzberger Görlitzer Bahnhof, genau dort, wo am 1. Mai 1987 Bolle abbrannte (ich wohnte 1987 in Sichtweite von Bolle).

Am 24.03.2003 schrieb ich einen Artikel für das Berliner Stadtmagazin Tip über die Al-Habash, die damals in einem Hinterhof residierte und auf dem Bolle-Gelände eine neue Moschee errichten wollte. Am 10.05.2003 veröffentlichte ich einen ähnlichen Artikel zum Thema in Telepolis. Ich war insbesondere motiviert, weil die taz damals einen völlig ahnungslosen, dämlichen und denunzierenden Artikel verfasst hatte: „Hinter dem Verein soll eine Sekte stecken“. Die Autorin Astrid Schneider hatte sich nicht die Mühe gemacht, auch nur eine Minute im Internet nachzuschauen (einen Artikel in Wikipedia gab es noch nicht).

Niemand wusste jedoch etwas über diese islamische Bewegung. Auch die „Islam-Experten“ waren noch nicht gewohnt, im Internet zu recherchieren; und es reicht auch nicht immer aus, nur die Ehefrau eines Muslim zu sein, um als „Experte“ genug zu wissen. Meine beiden Artikel waren die ersten überhaupt, die in deutschen Sprache über die Al-Habash publiziert wurden. Sie erleichterten der deutschen Sektion der „Association of Islamic Charitable Projects“, Vorurteile abzubauen – bei den Medien und auch bei den Politikern, die über den Neubau zu entscheiden hatten. (Der „witzige“ Abgeordnete, der in dem Artikel der „Kreuzberger Chronik“ erwähnt wurde, ist auf dem zweiten Bild von unten zu sehen.)

Damals schrieb ich über den Berliner Pressesprecher der Al-Habash: „Birol Ucan weist den Vorwurf der Intoleranz gegenüber anderen islamischen Richtungen weit von sich: „Wir erklären alle zu Ungläubigen, die alle anderen zu Ungläubigen erklären“, sagt Ucan spitzbübisch.“ Ich habe Ucan gestern in der Moschee getroffen. Er konnte sich noch gut an mich erinnern, obwohl das Interview sieben Jahre her war. Wir waren uns darüber einig, dass am folgenden Tag wieder Unausgegorenes in den Zeitungen erscheinen würde und dass einige „orthodoxe“ Muslime gar nicht über die „Omar-Ibu-al-Khattab-Moschee“ erfreut sein würden (Kein deutsches Medium hat recherchiert – ausser der taz. Aber die hat auch etwas wiedergutzumachen.).


Und siehe, die Moschee ist gut und ansehnlich geworden. Zum Anlass hier noch einmal der Artikel aus Telepolis (Links aktualisiert):

Al-Habash

Al-Habash – eine Alternative zum politischen Islamismus?

Wenn der Bundesinnenminister den jährlichen Verfassungsschutzbericht vorstellt, erfährt Deutschland, wer die Guten und die Bösen sind. Man darf [ihm] zutrauen, dass er sich bei den Traktaten, die manche Mitarbeiter des VS verfassen, oftmals gruselt. Aber als deren Dienstherr muss er öffentlich den Kopf dafür hinhalten Das aktuelle und interessanteste Böse wird zur Zeit vor allem repräsentiert durch den „Islamismus“. Der Verfassungsschutzbericht 2002 ordnet jedoch die in Deutschland bekannten Gruppen recht hilflos und chaotisch bestimmten Ländern zu. Al-Qaida ist eine Unterabteilung „der Araber“, obwohl Immigranten, die einen deutschen Pass besaßen, dort eine wichtige Rolle spielten. Ein Muslim ist in Deutschland eben potentiell immer ein „Ausländer“. Über den Islam findet man nur eine Ansammlung von Allgemeinplätzen, schlechter als manche Volkshochschul-Broschüren. Der Vorwurf etwa, einzelne islamische Gruppen würden die Trennung von Staat und Religion nicht akzeptieren, triff auf den christlichen Fundamentalismus ebenso zu.

Für den Islam in Deutschland gilt, was auch für das Judentum zutrifft: Diejenigen Vertreter, die in der Öffentlichkeit auftreten und sich dem Staat als Ansprechpartner andienen, stehen jeweils für eine sehr konservative oder gar orthodoxe Variante, die für der Mehrheit der Gläubigen nicht repräsentativ ist.

Der Islam, die jüngste der drei Buchreligionen, ist seit Jahrhunderten in Mitteleuropa präsent. Aber erst die türkischen Einwanderer nach Deutschland rückten ihn wieder ins Blickfeld. Der türkisch geprägte Islam importierte jedoch auch den lang andauernden Kulturkampf zwischen Laizismus und Islamismus innerhalb der türkischen Gesellschaft nach Deutschland.

Liberale Richtungen wie die Aleviten kommen weder im öffentlichen noch im so genannten „interreligiösen“ Diskurs vor. Die Immigranten aus den Ländern, die einen ganz anderen Islam praktizieren, konnten sich gegen die Dominanz des staatlich geförderten Islam der DITIB (Diyanet Isleri Türk-Islam Birligi), der „Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion“ und gegen das komplizierte Geflecht zahlreicher Organisationen, die von der konservativen Milli Görüs dominiert werden, kaum Gehör verschaffen.

Warum aber Milli Görus und wer überhaupt warum im Verfassungsschutzbericht auftaucht, bleibt das Geheimnis der vermutlich gar nicht vorhandenen „Islam-Experten“ im Innenministerium. Zum pluralistischen Libanon fällt dem Verfassungsschutz nur die „Partei Gottes“ alias Hisb Allah ein. Immerhin: eine religiös-fundamentalistische Radikalisierung der in Deutschland lebenden palästinensischen Migranten sei nicht zu beobachten.

Abgelehnt vom orthodoxen Islam

Vielleicht ist daran der Islamismus schuld wie zum Beispiel die Association of Islamic Charitable Projects, auch „al-Habash“ genannt, eine kaum bekannte Strömung aus dem Libanon, die versucht, jetzt in Deutschland Fuß zu fassen. Im Internet tobt ein erbitterter Streit darum, wie diese Organisation, über die auch deutsche Islam-Experten nur wenig Informationen besitzen, einzuschätzen ist. Das Spektrum der Meinungen reicht von „religiös durchgeknallte Sekte“ bis zu „moderate Alternative zum Islamismus.“

Unstrittig ist nur eins: Die Gruppe hat sich mit der libanesischen Migration vor allem nach Frankreich und in der Schweiz ausgebreitet und missioniert vor allem libanesische Kurden und Palästinenser. Ihr deutsche Zentrale ist die kleine Omar-Moschee in Berlin. Die Moschee, bis jetzt in einer Fabriketage im Hinterhaus gelegen, soll auf dem traditionsreichen Gelände der Bolle-Ruine in Kreuzberg neu gebaut werden. Woher das Geld für das Vorhaben stammt, weiß niemand.

Erstaunlich ist, dass es keine deutsche Website gibt, die über die al-Habash informiert. Deutsche Medienberichte zitieren Experten, die fahrlässig von einer „Sekte“ reden, obwohl zahlreiche seriöse Informationen zum Thema im Internet zu finden sind. Was al-Ahbash vorgeworfen wird, vor allem, sie lehre nicht den „wahren“ islamischen Glauben, stammt aus der Propaganda des orthodoxen Islam der arabischen Halbinsel und des dort vorherrschenden erzkonservativen Wahabismus. Auf Islam online aus Katar verdammt ein „Islam Online Fatwa Committee“ die al-Ahbash. Die Anhänger seien „tatsächlich weit entfernt von allen Imams im Hinblick auf die Gedanken, das Verhalten und die Ethik“.

Auch Islamic Web, eine der bedeutendsten britischen Islamseiten, verurteilt die al-Ahbash als „Sekte“. Das wird von der einflussreichen und wohltätigen indonesischen „Rahmania Foundation“ übernommen. Besonders US-amerikanische Muslims haben sich auf die al-Ahbash eingeschossen. Fanatiker wie der in Texas ansässige und selbst ernannte „Scheich“ Ahmad Jibril beschimpfen die al-Ahbash als „Häresie“. Die „AS -Sunnah Foundation of America“ (ASFA), Organisation des Muhammad Hisham Kabbani – ein ehemaliger Studenten der Amerikanischen Universität in Beirut -, ruft Muslime in aller Welt auf: „Beware of a man who calls himself Abdullah Habashi and of his followers. They are a group of extremists…“

Al-Habash

Gegen politischen und islamisch unterfütterten Fanatismus

Die al-Ahbash (Association of Islamic Charitable Projects oder arabisch: „Jam’iyyat al- Mashari‘ al-Khayriyya al-Islamiyya“) wurde durch den Mufti (islamischer Rechtsgelehrter) Abdullah al-Habashi (exakter Name: Abdallah ibn Muhammad ibn Yusuf al-Hirari al-Shibi al- Abdari) gegründet. Al-Habashi wurde 1920 im äthiopischen Harare geboren. Seine Anhänger werden daher auch „Habashiyyin“ genannt. Das ist eine lautmalerische Version für „Abessinier“ – ein anderes Wort für Äthiopier. 1947 ließ Kaiser Haile Selassie den Mufti nach Saudi Arabien deportieren. Später studierte al-Habashi in Damaskus und in Beirut. 1983 übernahmen seine Gefolgsleute die schon seit 1930 existierende „Gesellschaft für philanthropische Projekte“.

Im August 1995 wurde der Führer der al-Habashi, Scheich Nizar al-Halabi, in Beirut von maskierten Männern auf offener Straße erschossen. Drei der Täter wurden gefasst und exekutiert. Das Attentat ging auf das Konto der palästinensischen Terrorgruppe Osbat al-Ansar, deren Anführer Ahmad Abd al-Karim (Kampfname: Abu Mahjan) in Abwesenheit ebenfalls zum Tode verurteilt wurde. Man vermutet, dass al-Karim sich heute noch im Flüchlingslager „Ain al-Helweh“ im südlichen Libanon aufhält. Das Camp ist für libanesische Militärs und Polizei off limits. Im Oktober 2001 gab die libanesische Regierung an die USA Informationen weiter: Die Terrorgruppe „Osbat al-Ansar“ stehe in engem Kontakt zur „al-Qaida“ Usama bin Ladens. Scheich Nizar al-Halabi hatte sich in aller Öffentlichkeit gegen politischen und islamisch unterfütterten Fanatismus ausgesprochen.

Vom orthodoxen Islam wie den Wahabiten unterscheidet die al-Ahbash vor allem die radikale Absage an politische Gewalt. Sie besitzt keine eigene Miliz und ruft nicht zum Kampf gegen Israel auf. Das wird in einem Artikel, den die israelische Bar-Ilan-Universität zum Thema publiziert hat, lobend hervorgehoben. Die Führung der al-Ahbash hat sehr gute, vielleicht zu gute Kontakte zur syrischen Regierung, aber auch zu den christlichen Wählern im Libanon. Mit der schiitischen Hisbollah schloss al-Ahbash eine nur politische Allianz.

Die al-Ahbash gilt unter Religionswissenschaftlern als sunnitische Gruppe mit schiitischen Elementen und starkem Einfluss des Sufi-Spiritualismus. Sie hat also von allem etwas, steht aber theologisch noch auf der „rechtgläubigen“ Seite des Islam – im Gegensatz zu der aus Pakistan stammenden Ahmadiyya-Bewegung, die von der Islamischen Welt-Liga „exkommuniziert“ und aus der islamischen Weltgemeinschaft ausgeschlossen wurde.

Professor A. Nizar Hamzeh von der Amerikanischen Universität in Beirut bezeichnet die al-Ahbash als die „Sufi-Antwort auf den politischen Islamismus“. Die Tradition des Sufismus spiegelt sich vor allem darin wider, dass die al-Ahbash im Internet zahlreiche religiöse Musikstücke zum Download anbietet. Ursula Spuler-Stegemann, Religionswissenschaftlerin an der Universität Marburg und eine der wenigen Islam-Expertinnen Deutschlands, hat von den al-Ahbash in Deutschland bisher nicht viel gehört, weiß aber: „Die Saudis können Sufis nicht ausstehen.“

„Westliche“ Musik oder gar „westliche“ Instrumente sind strenggläubigen Muslimen wie Wahabiten à la Taliban streng verboten. Der schlimmste Vorwurf gegen die al-Ahbash aus orthodoxer Sicht lautet daher: „Sie haben große Meistergruppen wie James Last, sie singen und tanzen mit Frauen und sie benutzen sie, um zu Allah zu beten! … Wenn Sie sich dafür interessieren, sie zu sehen, dann müssen Sie nur in ein Videoladen im Libanon gehen und danach fragen.“

Im Unterschied zu fundamentalistischen Islam-Versionen, die in Deutschland beheimatet sind, nehmen die al-Ahbash den Koran nicht als das authentische Wort Allahs: Der Koran spiegele nur dessen Meinung wider. Er sei vom Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed überliefert worden. Das lässt zeitgemäßen Koran-Interpretationen mehr Raum als buchstabengetreuer Glaube. Ähnlich wie im Katholizismus praktizieren die al-Ahbash eine Art Heiligenkult – für orthodoxe Muslims eine Blasphemie. Die al-Habashis predigen zwar religiösen Pluralismus, bezeichnen aber alle politischen Islamisten als „takfir“ – „Ungläubige“. Deshalb können die „traditionellen“ deutschen Sufis – wie deren größter Orden, die Naqschbandis – mit den al-Ahbash nicht viel anfangen. Abd al-Hafidh aus der Eifel, vor seinem Übertritt zum Islam Herr Wenzel genannt und heute Sprecher der Naqschbandis, kennt al-Ahbash kaum. Er kann sich nur daran erinnern, bei seiner frommen Pilgerfahrt nach Medina von den al-Habashi als „Ungläubiger“ beschimpft worden zu sein.

Birol Ucan, ein Berliner Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft und Pressesprecher des „Islamischen Vereins für wohltätige Zwecke“ in Berlin, kann nicht beantworten, woher das Geld für die neue Deutschland-Zentrale kommen soll. Vielleicht hat er auch von der „Taqiya“ gehört, dem islamischen Gebot sich zu verstellen, um der eigenen Sache nicht zu schaden – eine professionelle Haltung den Medien gegenüber. Man besitze ein Haus in Peine bei Hannover, aber dort keine Moschee. Wenn das Geld nicht reiche, wären Selbsthilfe angesagt und eine Light-Version der Moschee. Wer’s glaubt.

Die al-Ahbash in der Beiruter Zentrale hatten immer ausreichend finanzielle Mittel. Das wird den Vereinvorsitzenden Hassan Khodr, der als Beruf „Autohändler“ angibt, ruhig schlafen lassen. Man hofft, dass eine al-Ahbash-Moschee ein Zeichen für einen zwar tiefreligiösen, aber toleranten Islam setze. Die konservative Konkurrenz wird sich warm anziehen müssen, denn auch bei Muslimen sind singende und tanzende Frauen und Musik eine bessere Werbung als puritanische Turbanträger.

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Tweet of the day 20

Das was da so grell im Rückspiegel flackert ist unsere Lichthupe liebe #FDP – und jetzt aus der Bahn wir überholen! #Piraten (via C_Holler). Dazu N-TV: „FDP fällt auf drei Prozent“.

Causa Tauss: 3. Verhandlungstag

Hier (Schrozbergs Blog) ein interessanter Beitrag zum 3. Verhandlungstag gegen Tauss: „Tauss war lt. Zeuge auch der erste Politiker der sich, unter dem Gelächter der Kollegen und mit Unverständnis des Bundestags, einen Internetanschluss in sein Abgeordnetenbüro legen ließ. (…) Die zweite Zeugin, eine Polizeibeamtin aus Karlsruhe, die bei der Durchsuchung in der Pflugstrasse dabei war, gab zu Protokoll: ‚Auf dem Rechner von Tauss wurde kein strafrechtlich relevantes Material gefunden.‘ (…) Sie hat auch gesagt: ‚Die Polizei hat der Presse damals den Tip mit der Dursuchung nicht gegeben, dass muss die Staatsanwaltschaft Karlsruhe gewesen sein‘ (…) Dann ne Runde Lästerei der Verteidigung über das BKA, weil die keine Zahlen und Statistiken über die Verbreitungswege von Kinderpornopraphie haben, aber immer so tun, als hätten sie welche.“

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