Falschmeldung der Tagesthemen zu Exit

Tagesschau

Medien, das wissen wir nicht erst seit Hal Faber von heute, betreiben nicht nur Aufklärung, sondern auch Volksverdummung. Wir alle machen Fehler. Ärgerlich wird es nur, wenn diejenigen, die Falschmeldungen verbreiten, diese weder zugeben noch korrigieren. Die Tagesthemen vom 06.09.2008, 23.15 Uhr, sind ein lehrreiches Beispiel dafür, dass bei bestimmten Themen nicht Recherche, sondern unkritische Public Relations und das Motto „Kopf ab zum Gebet“ angesagt ist.

Die Kernsätze des Beitrags über „Aussteigerprogramme“ für Neonazis: „Die Szene“ werde „immer aggressiver“ (der Komparativ ist bei alarmistischer Attitude gesetzt). „Wer aus der aktiven Neonazi-Szene aussteigen will, dem droht meist brutale Rache.“ – „Das geht kaum ohne Hilfe.“

Das ist natürlich eine urbane Legende und kompletter Unfug. Die Autoren Boris Hermel und Martin Polansky haben offenbar nicht recherchiert, sondern blind alles übernommen, was ihnen von Exit Deutschland eingeflüstert worden ist. [Beim RBB wollte man mir den telefonischen Kontakt zu Hermel wegen einer Stellungnahme nicht herstellen.] Wenn jemand, der den Aussteig zum Beruf gemacht hat wie Matthias Adrian, der „Kronzeuge“ bei Exit, von einer „Hetzjagd im Internet“ faselt, dann muss man jedes Wort überprüfen. Die Fakten sprechen gegen Adrian – die vermeintliche Bedrohung existiert nicht, sondern dient nur der Selbstvermarktung.

Vater aller „Neonazi-Aussteiger ist übrigens Richard Scheringer. Zahlreiche Ex-Nazis haben Bücher geschrieben oder können bestätigen, dass der Ausstieg aus einem sektenähnlichen Milieu keinesfalls gefährlich ist: Ingo Hasselbach, Danny Thüring, Detlef Nolde, Michael Petri, Gabriel Landgraf, Tanja Privenau, Odfried Hepp, Jan Zobel, Stefan Michael Bar, Stefan Jähnel, Jörg Fischer, Michael Wobbe, Christine Hewicker, Nick W. Greger, Torsten Lemmer und Norbert Weidner. Wenn es Hermel und Polansky um ernsthaften Journalismus gegangen wäre, hätten sie mehr als eine Quelle befragt. Bei diesem Thema findet man das aber kaum, sondern nur Lichterkettenträgerei und Moraltheologie mit den seit zwei Jahrzehnten sattsam bekannten sinnfreien Textbausteinen.

Die eigentliche Falschmeldung ist aber die These, das Bundesarbeitsministerium habe den Förderantrag von Exit abgelehnt. Offenbar hielt es die Redaktion der „Tagesthemen“ noch nicht einmal für nötig, dort nachzufragen. Ich habe es getan. Der Antrag war noch gar nicht beschieden worden und wies auch, wie bei anderen Antragstellern, formale Mängel auf. Exit hat also schlicht gelogen. Auf meine Nachfrage bei Exit wurde behauptet, die Lage sei „noch unklar“. Am letzten Montag sei ein Gespräch mit dem Ministerium angesetzt. Auch das war frei erfunden – das Bundesarbeitsministerum wusste davon nichts.

Tagesschau

Ich habe die „Tagesthemen“ drei mal per E-Mail zu einer Stellungnahme aufgefordert – eine Antwort bekam ich nicht. Vielleicht ist die E-Mail in einem virtuellen Bermuda-Dreieck verschwunden, vielleicht ist das Thema auch zu unwichtig, als dass man sich damit befassen müsste.
„Lieber Kollege Hinrichs, ich hätte gern eine Stellungnahme der Redaktion der ‚Tagesthemen‘ zur Sendung vom 06.09.2008, 23.15 Uhr „‚Initiative „Exit‘ für Aussteiger aus der Neonazi-Szene vor dem Aus“.
1. Die Autoren Boris Hermel und Martin Polansky behaupten, das Bundearbeitsministerium habe den jüngsten Förderantrag von Exit abgelehnt. Welche Quelle gibt es für diese These? Die zuständige Stelle im Bundesministerium für Arbeit und Soziales sagt auf Anfrage, über den Antrag sei noch gar nicht entschieden worden.
2. Welche unabhängigen Quellen gibt es für die These, Exit habe 290 Rechtsextremen zum Ausstieg verholfen? Wurde diese Behauptung überprüft oder beruht sie ausschließlich auf der Selbstdarstellung von Exit?
3. Welche Belege gibt es für die in der Sendung aufgestellte These, Aussteigern aus dem rechtsextremen Milieu drohe „meist brutale Rache“?
4. Warum wird in der Sendung nicht erwähnt, dass Exit auch vom Bundesfamilienministerium gefördert wird?“

Das Hamburger Abendblatt verriet vor fünf Jahren unfreiwillig, wie die Aussteiger-Zahlen von Exit zustandegekommen sein könnten, wenn überhaupt etwas Wahres dran ist: „170 Ausstiegswillige wurden bis heute von „Exit“ betreut. 35 von ihnen haben den Ausstieg geschafft.“ Aber sicher: Jeder, der dort anruft, ist damit offenbar gleich ein „Aussteiger“ und schönt die Statistik. Was „Ausstieg“ bedeutet, kann ohnehin niemand überprüfen.

Man darf sich als Journalist auch mit der „guten Sache“ nicht gemein machen, also auch nicht lügen, um dem Guten zu helfen. Ich zweifele daran, dass „Aussteigerprogramme“ etwas „Gutes“ sind. Man könnte sie ersatzlos streichen, und niemandem würde das unangenehm auffallen. Sie dienen ohnehin der Politik nur als moralischen Feigenblatt. „Gut“ ist die Berichterstattung über das Thema, weil sie als pädagogisch wertvolles Paradebeispiel für mangelnde Recherche und den desaströsen Zustand des Journalismus in Deutschland dienen kann.

Berlin Wall 2.0

Berlin wallBerlin wallBerlin wallBerlin wallBerlin wall

Liebe wohlwollenden Leserinnen und geneigte Leser! Heute erzähle ich euch eine kleine Geschichte darüber, wie das Mediengeschäft funktioniert. Ich habe einen kleinen Artikel niemandem verkaufen können, was nicht verwundert, denn so interessant ist er nicht. Aber wofür habe ich mein Blog?

Im Avastar las ich: „Nach dem Prinzip ‚Geschichte zum Anfassen‘ bauten Conny Colman und Bacoo Balut historische Stätten, wie die Umgebung entlang der Berliner Mauer, einen Grenzübergang und eine Wohnsiedlung in Marzahn nach.“ Die „Eröffnungsfeierlichkeiten“ seien am 13. August. Man muss wissen, dass der „Avastar“ die BILD-Zeitung für Second Life ist und auch von Springer publiziert wird. Man darf also vermuten, dass mindestens die Hälfte gelogen oder frei erfunden ist. Oder: Als seriöser Journalist darf man sich auf nichts verlassen und muss jedes Wort überprüfen.

Ich habe also meinen Avatar auf den Weg geschickt. In der SL-internen Suche fand ich nichts. Ich musste auf meine Kontakte in Second Life zurückgreifen. Conny Colman (Realname: Jo Fabian) war mein erster Vermieter in Second Life – im Januar 2007. Ich habe ihn gefragt, wo die Sim sei und bekam auch eine Antwort – neben der SIM „Preussen“. Dennoch: Ich kam nicht hinein in die virtuelle DDR. Coleman: „Der Auftraggeber möchte erst eröffnen, wenn auch die Hardware im RL Museum steht und die ist noch nicht soweit“. Der Auftraggeber bestreitet das.

Ich konnte also nur virtuell über die Mauer gucken. Ganz wie im realen Leben: Dort hatte ich Einreiseverbot in die DDR (wegen Linksabweichung von der Ewigen Wahrheit des Kommunismus). Das Gefühl kannte ich: Den Kalten Kriegern in Berlin, die die Parole „geht doch rüber“ brüllten, konnte ich immer entgegnen: Die lassen mich nicht, und ich wollte auch gar nicht.

Die Recherche ergab, dass die virtuelle Mauer ein Projekt des real existierenden DDR-Museums in Berlin ist – „von der Jury für den European Museum of the Year Award 2008 nominiert.“ Die Falschmeldung des Avastar wurde mehrfach übernommen. Der Direktor des Museums, Robert Rückel, schrieb mir auf Anfrage. „Die Sim ist noch nicht eröffnet. Die Informationen des Avatars waren Falschinformationen der Agentur, mit der wir zusammenarbeiten, die eigenmächtig gehandelt hat. An einem traurigen Jubiläum wie dem 13. August, hatten wir niemals vor, die Sim zu eröffnen. Auf der Sim werden eine Plattenbausiedlung nachgebaut und einige Elemente der DDR-Diktatur implementiert. Ziel der Sim ist es, SL-Usern auf spielerische Art und Weise Wissen über die Geschichte zu vermitteln. Dafür ist es natürlich ganz wichtig, dass es überall Informationen zu den Objekten und den Hintergründen gibt – da diese noch fehlen, ist die Sim derzeit noch gesperrt. Ich hoffe, das wir bald dazu die notwendige Zuarbeit der Programmierer bekommen, damit die Sim in Kürze eröffnet werden kann. Näheres erhalten Sie dann pünktlich zur Eröffnung.“

Hätte ich die Story einer Berliner Zeitung verkaufen können, hätte ich nicht viel mehr recherchieren müssen. Aber ich gehe jede Wette ein, dass die Berliner Medien im November, wenn das Gelände wirklich freigeschaltet werden wird, schlicht die unkritischen Pressemeldungen abdrucken. Dazu muss man nicht recherchieren; und dazu muss man einem freien Journalisten, der sich die Mühe macht, eigene Screenshots zu liefern, kein Honorar bezahlen.

Automatischer Absturz des Automatenjournalismus

Jede Wette, dass das auch in Deutschland passieren könnte: „Der Computer als Journalist: Google News meldete vergangene Woche den Konkurs einer amerikanischen Airline – obwohl die Nachricht sechs Jahre alt war. Die Folgen waren verheerend. (..) United Airlines, eine der weltgrößten Fluggesellschaften, melde Konkurs an, wurde die Tageszeitung Sun Sentinel aus Florida zitiert. Der Börsenkurs von United brach um 75 Prozent ein. In zwölf Minuten wurden mehr als eine Milliarde Dollar vernichtet. Dabei hatte United gar nicht Konkurs angemeldet. Die Meldung war sechs Jahre alt und wurde aus Versehen von einem Computerprogramm, mit dem Google die Website der Zeitung durchsuchte, als neu ausgegeben“. (via Süddeutsche, dort wie gewohnt linkfrei.)

Taz siegt gegen den Polizeipräsidenten

taz.de: „Die taz ist erfolgreich vor das Verfassungsgericht Berlin gezogen. Behörden wie das Amt des Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch können nun nicht mehr den Abdruck jeder Gegendarstellung verlangen.“

Deutsche Eurokraten in Brüssel

Die Times über den deutschen Beamten Harald Wenig, der bei einem kostspieligen Essen mehr verriet, als er durfte: „Revealed: how Eurocrat leaked trade secrets over lavish dinners – A top EU official passed on sensitive information potentially worth millions to a company“. Investigativer angelsächsischer Journalismus at it’s best. Da können die Deutschen nur stauen und abschreiben – wie Spiegel „online“, ohne die Quelle zu verlinken.

Ruhrbarone

Neu in der Blogroll: die Ruhrbarone.

Twinity

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Ein Artikel von mir in Telepolis über Twinity: „Alles soll echt und mit dem realen Leben verknüpft sein“.

Noch ein paar Anmerkungen. Das Presseecho auf die Pressekonferenz und die Eröffnung der „offenen Beta-Phase“ ist schon erstaunlich. Von einer chinesischen Version (The Second Times) über das Kress-Blog, die Berliner Morgenpost, den Tagesspiegel, Focus Online („Second Life aus Deutschland“), N-TV und bild.de – alle verbreiten die PR des Unternehmens relativ ungefiltert. Außer N-TV erwähnt niemand, dass die neue 3D-Welt nur für Windows-Nutzer ist. Ich verstehe das nicht. Wäre ein Hinweis nicht angebracht, um Apple- und Linux-Nutzer nicht zu enttäuschen? Sind diese als Rezipienten der Medien irrelevant?

Ich habe außer ein paar ironischen Kommentaren von Kurt Sagatz im Tagesspiegel auch kein Wort der Kritik gelesen und gehört. Ist so etwas Journalismus? Mich interessierte auch der Datenschutz, der in Twinity nicht existiert – genausowenig wie in Second Life. Die Macher sind Gott und können nicht nur alles mitlesen, sondern alle Bewegungen aller Avatare protokollieren. Das ist Teil der Geschäftsidee. Vielleicht haben sich alle schon so an den Gedanken gewöhnt, total überwacht zu werden, dass schon die Frage, ob das gut sei, nicht mehr erwogen wird.

Falls es mir gelänge, einen Windows-Rechner (hier steht noch irgendwo einer herum) mit einer passenden Grafikkarte auszurüsten, um mich in Twinity herumzutreiben, würde ich zuerst ganz Neukölln aufkaufen. Aber ehe das virtuell exisitert, wird es vermutlich noch ein paar Jahre dauern. Ja, ich würde die Welt gern testen und mit Second Life vergleichen. Aber nur deshalb Geld für Hardware ausgeben? Ich denke nicht daran.

[Die Herren neben Wowereit sind die im Artikel erwähnten Chefs von Metaversum, Jochen Hummel und Dr. Mirko Caspar.]

RottenNeighbor.com in Deutschland zensiert

Und wie es dazu kam, beschreibt das Pottblog. „Leider zeigen sich manche Medien hier nicht wirklich in der positiven Rolle, von der ihre Gremienvertreter wie z.B. Michael Konken auf den immer wieder kehrenden Podiumsdiskussionen berichten.“ Lesen! Bei mir – T-Online-Kunde – kommt die Seite auch nicht. Also muss man https://tor-proxy.net/de benutzen.

Frauen dürfen auf die IFA!

IFAFTD.de: „In diesem Jahr gibt es einen guten Grund, auch seine Frau oder Freundin mit auf die Ifa zu nehmen. Neben Fernsehern, Blu-ray-Playern, Kameras und Handys stellen erstmals auch die Hersteller von Haushaltsgeräten ihre Waren aus.“

Ähm. Die sollten bei der Financial Times Deutschland doch ihr Frauenbild auf das 21. Jahrhundert upgraden.

Im Jonet schrieb ein Kollege ganz richtig: „Wusstest Du nicht, dass FTD-Redakteurinnen laut Arbeitsvertrag 1.) kein Handy benutzen dürfen, 2.) fürs Kaffeekochen zuständig sind und 3.) den männlichen Kollegen täglich erklären müssen, wozu Spülmaschinen da sind und wie man sie bedient, was diese aber (getreu dem BAP-Motto „Du häss Ahnung vun dä Täschnik, vun der ich nix verstonn“) nicht begreifen wollen?“

Killerspiele, reloaded

rawgamer

Unkritischer „Journalismus“ bei der taz: Statt mindestens zwei unabhängige Quellen zu nennen, werden einfach die Ergebnisse einer Studie wiedergekäut, die ich für überaus fragwürdig halte. Laut taz: „Die Kinder werden durch die Gewalt quasi konditioniert. Virtuelle Aggression bewirkt auch reale Aggression“.

Sachliche Artikel hingegen findet man auf heise.de: „Die Diskussion über „Killerspiele“, zum Beispiel am 04.07.2007: „Auch Mädchen lieben brutale Computerspiele“. „‚Wenn Gewaltspiele so verbreitet sind und die Jugendkriminalität gesunken ist‘, meint Cheryl Olson, federführende Autorin der Studie, ’so sind die meisten Kinder, die solche Spiele gelegentlich spielen, offenbar ganz in Ordnung. Wir hoffen, dass diese Studie ein erster Schritt dahingehend ist, die Diskussion von der Behauptung, ‚Gewaltspiele sind schrecklich und zerstören die Gesellschaft‘, zu der Frage zu überführen, ‚Welche Spielinhalte können für welche Kinder in welchen Situationen schädlich sein?'“

Aber so weit denkt man bei der taz nicht, sondern verbreitet gewohnt kulturpessimistische und sinnfreie Textbausteine. Die Jugendschutzwarte lassen grüßen: „Killerspiele“ melden, durchführen, verbieten! [Screenshot: rawgamer]

Eine Vielzahl von Männern in unriskanten Situationen

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Ja, ich lese eine Boulevard-Zeitung, nur eine zwar, aber die ist richtig Boulevard – „The Avastar“ – in deutsch. Heute schüttelte es mich wieder vor Lachen. „Sind Online-Beziehungen schlecht?“ fragt ja jemand, so ähnlich wie beim legendären Dr. Sommer in der Bravo, nur dass es sich hier um Erwachsene handelt oder handeln soll. Ich traue den abgebrühten Boulevard-Zynikern bei „The Avastar“ („unterstützt von dem Berliner Redaktionsteam“ der BILD-Zeitung) natürlich zu, dass sie ihre Leserbriefe und -anfragen erfinden bzw. selbst schreiben. Ich kann aber aus reichhaltiger Erfahrung in Second Life bestätigen, dass das folgende Zitat aus „The Avastar“ realistisch ist (die Dame auf dem Screenshot hat nichts damit zu tun):

„Ich bin seit einem Jahr in SL. Ich kam hierher nachdem ich eine bittere RL-Scheidung hinter mich gebracht hatte und entdeckte die Möglichkeit eine Vielzahl von Männern in unriskanten Situationen kennenzulernen für mich. Einige meiner RL-Freunde wissen, dass ich täglich zwischen vier und fünf Stunden pro Tag in-world verbringe und warnten mich vor Beziehungen im Internet. Vor kurzem fand ich eine Gruppe von mehreren ehemaligen Studenten meiner RL-Universität und trat dieser sofort bei. Seltsamerweise traf ich einen früheren Klassenkameraden wieder, der mit einer meiner Verbindungsschwestern etwas hatte. Ich war früher total in ihn verknallt, aber habe es ihm nie gesagt. Wir haben inzwischen eine Beziehung aufgebaut, aber wir sind uns noch nicht wirklich näher gekommen, obwohl ich das gerne möchte. Er sagt, er sei seit zehn Jahren geschieden. Soll ich ihm sagen, dass ich auf ihn stand oder den Rat meiner Freunde über Online-Beziehungen befolgen?“

Überschrift also: Wie bescheuert sind „Online-Beziehungen?“ Gute Frage. Besser wäre: Wie bescheuert sind Leute, die meinen, sie hätten eine „Online-Beziehung“? Sind virtuelle Beziehungsdiskussionen so banal wie reale? Oder können Männer virtuell Frauen einfach nicht verstehen? Bruhahahaha. [Vgl. auch Frau versuchte virtuellen Ex-Freund zu kidnappen.]

„Datenschutz contra Opferschutz“

Tendenziöse Meinungsmache bei report München: „Datenschutz contra Opferschutz“. Dazu netzpolitik.org: „report München mit Falschinformationen gegen Datenschutz“ – „Fazit: Schlecht recherchierte, plumpe Meinungsmache.“ Heise: „Datenschützer werfen Report München Meinungsmache für Vorratsdatenspeicherung vor“.
By the way: Der Autor des Beitrags, Oliver Bendixen, ist Polizeireporter beim bayerischen Rundfunk. Vermutlich ist er vorher „einschlägig“ gebrieft worden – wie schon in anderen Fällen. Wozu braucht die Polizei noch eine Pressestelle, wenn es solche Journalisten gibt?

NPD in der Torgauer Zeitung – danke!

Torgauer Zeitung

Alle regen sich jetzt wieder auf. Die Torgauer Zeitung (hier-leben.de – wenn ich das schon lese…) hat eine Pressemitteilung der kackbraunen Kameraden aka NPD im Wortlaut und kommentarlos abgedruckt. „Wenn der Durchblick Urlaub hat“ schreibt die Frankfurter Rundschau. Auch die taz bringt eine kleine und wenig aussagekräftige Meldung. Thomas Stöber (Foto), der Chefredakteur der Torgauer Zeitung, laut taz: „Doch dass es grundsätzlich richtig sei, auch ausführlich über die NPD und ihre „Machenschaften“ zu berichten, an dieser Einsicht hält Stöber fest. ‚Wir räumen allen demokratisch legitimierten Parteien Platz ein, egal welcher Couleur‘, so Stöber“.

Ganz so war es nicht. Vernünftige Artikel inklusive Links gibt es wieder mal nicht bei den klassischen Printmedien, sondern nur in Blogs. Stefan Niggemeier beginnt mit: „Der Axel-Springer-Verlag hat bekanntlich vor der letzten Bundestagswahl beschlossen, dass keine seiner Zeitungen oder Zeitschriften Anzeigen der ‚Linken‘ abdruckt. Es gebe Zweifel an der ‚Verfassungskonformität‘, begründete der Verlag seinen Boykott, der ‚ein sachlicher Vorgang und nicht politisch motiviert‘ sei. (…) Am vergangenen Mittwoch gab der NPD-Landesverband Sachsen eine Pressemitteilung heraus, in dem der Kreisverband Nordsachsen die ‚Selbstbedienung‘ der von der NPD so genannten ‚Systemparteien” kritisierte‘.“ Der Zusammenhang ist doch sehr hübsch hergestellt. Es ist mitnichten Aufgabe eines Mediums aus dem Hause Springer, moraltheologische Abhandlungen über Verfassungskonformitäten anzustellen oder die Anzeigenkunden einer Gesinnungsüberprüfung zu unterziehen, sondern journalistisch zu berichten. Der „Skandal“ bei der Torgauer Zeitung ist mitnichten, als Sprachrohr der NPD gedient zu haben. Das könnte man auch indirekt, indem man antisemitische und rassistische Vorurteile verbriete, was bei der völkisch verfassten Idee der deutschen Nation in den Medien oft auch geschieht.

Niggemeier zum Thema zum Zweiten: „Gegenüber dem „Störungsmelder“ der ‚Zeit‘ schloss Stöber aus, die Pressemitteilung von der Internetseite seiner Zeitung zu entfernen: Schließlich würden auch die Pressemitteilungen anderer Parteien mitunter kommentarlos veröffentlicht. Das ist die beste Begründung von allen. Im Klartext lautet sie: Wir arbeiten doch sonst auch nicht journalistisch, warum sollten wir es bei Neonazis tun?!“ So ist es. Gelogen ist aber auch, dass die inkriminierten Passagen nicht gelöscht würden (wie die Klick auf den Screenshot beweist). Feiglinge. Lächerlich finde ich, dass weder die taz noch die FR den Original-Text verlinken. (Liebe Holzmedien, ich bin sittlich gefestigt und will wissen, worüber ihr redet!)

Die Pointe kommt erst noch. „Die ‚Torgauer Zeitung‘ ist eine Lokalausgabe der ‚Leipziger Volkszeitung‘, die je zur Hälfte der Axel-Springer-AG und der Verlagsgesellschaft Madsack gehört. Madsack wiederum gehört zu gut einem Fünftel der SPD. Da sind ja alle staatstragenden Garanten für guten Journalismus zusammen.“ Bruhaha. Liebe Holzmedien, das ist die Information, die hier fehlt. Jedoch steht im Störungsmelder: „Die Torgauer Zeitung ist unabhängig, erscheint aber zusammen mit der Leipziger Volkszeitung, die zum Axel-Springer-Verlag gehört.“ Ist es also doch anders als Niggemeier behauptet? Alles muss man selbst machen und recherchieren. „Heading eastwards“, heißt es bei Springer im Original. Gen Ostland woll’n wir reiten: „1990: Acquisition of a holding in the local papers LEIPZIGER VOLKSZEITUNG and the OSTSEE-ZEITUNG in Rostock.“ Die Torgauer Zeitung gehört der Torgauer Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Sitz: Torgau, Registergericht: Leipzig HRA 306. Die LVZ: „Die Leipziger Volkszeitung erscheint jeden Tag mit 9 regionalisierten Ausgaben“. Darunter der Torgauer Zeitung. Bei der Verlagsgruppe Madsack wiederum wird die Torgauer Zeitung nicht erwähnt.

Die Torgauer Zeitung ist also nichts anderes als eine Lokalausgabe der LVZ – aber mit überregionalem Mantel. Der Störungsmelder irrt, Niggemeier hat Recht. „Unabhängig“ ist nur die GmbH, von journalistischer Unabhängigkeit kann man bei einem solchen Konstrukt wohl ohnehin nicht reden. Deutsche Zeitungen sind es gewohnt, Pressemeldungen einfach so abzudrucken und sich keine Gedanken darüber zu machen. Ist eh egal. Man muss der Torgauer Zeitung dankbar sein, dass sie das wieder einmal demonstriert hat. Der Journalismus in Deutschland ist in einem lausigen Zustand. Ceterum censeo: Gut, dass es Blogs gibt.

Schon wieder ein Zensurvergleich

Via Spiegel online: Heute in den Feuilletons“: „Sabine Pamperrien und Jan-Philipp Hein zitieren die chinesische Redakteurin der Deutschen Welle Danhong Zhang, die sich in einer Rundfunkdiskussion im Prinzip gegen Internetzensur aussprach: ‚Aber Free Tibet oder die Seite von Falun Gong: Ich denke, hier in Deutschland kann man auch nicht jede Seite aufrufen, zum Beispiel Kinderpornografie.'“ Tja. Da werden die politisch Überkorrekten mal wieder die Häupter wiegen. Da hat jemand eine (zugegeben: bekloppte) Meinung. Muss man da nicht ein Berufsverbot aussprechen? Aber klar. Wir sind in Deutschland. Falsche Meinungen melden, durchführen, verbieten. „Deutsche Welle nimmt Redakteurin vom Sender“, titelt die Berliner Zeitung.

Frauen stricken und Männer politisieren

Ariadne

Ariadne aka Yetused schreibt in meinem Lieblingsfrauenblog: „Blogoscoop wird jetzt auch bei heise.de beworben, und dort wird wieder lamentiert, dass Frauen immer noch zu wenig bei den Themenblogs vertreten sind, Technik und Politik seien so stark, aber die Garten- und Strick-Blogs der Frauen fehlen noch. Yaddayadda, möchte man da sagen. Kleines Klischee-Witzle eingebaut. Aber der Artikel ist auch noch von einer Frau geschrieben. Way to go. Das Problem ist nicht der unterdurchschnittliche Frauenanteil in der Blogosphäre – in der Tat werden mehr als 60% der Blogs von Frauen geführt – sondern das offensichtliche Desinteresse der Lady-Blogger am Schubladen- und Nischenbefüllen. Frauen führen Blogs, Männer öfter Themenblogs. Problem gelöst.“

Lebendiger Voyeurismus

Ein Interview mit Ex-WDR-Intendant Nowottny über das Gladbeck-Geiseldrama vor 20 Jahren: „Das Auftauchen des Internet hat die Nachrichtengebung noch sehr viel schneller gemacht, als es damals der Fall war. Damals ging es über Telefon, und es ging über Fernschreiber und es gab Live-Schaltungen – diese schrecklichen Interviews da in Bremen werde ich nie vergessen. Das ist alles durch das Internet noch potenziert worden. Die Schnelligkeit ist potenziert worden, die laienhaften Journalistendarsteller haben sich zahllos erweitert. Es gibt die Leserreporter, die nur ihr Handy zu heben brauchen, um die Bilder zu machen und sofort zu senden. Das sind alles Geschichten, die mich nicht ruhig schlafen lassen, wenn ich daran denke, Gladbeck würde sich in irgendeiner Weise wiederholen. Ich traue nicht den Schwüren, dass sich so etwas journalistisch und publizistisch nicht wiederholen würde, um es mal kurz zu sagen.“

Tunnel aus Burma

Ich frage mich, welcher Sinn und welche pädagogisch wertvolle Botschaft sich hinter Artikeln verbergen, die sich mit der Zensur des Internet in anderen Ländern verbergen? Sollen sich die Rezipienten nur gruseln? Soll sie ein lähmendes Gefühl beschleichen; wie pöhse die Zensoren sind? Artikel wie in Spiegel „online“ über die Zensur in Burma sind sinnlos, wenn die Leserinnen und Leser nichts daraus lernen, zum Beispiel wie man Zensur umgeht. „Ein paar Handgriffe nur, eine Tunnel-Software wird aktiviert, ein Proxyserver in den USA angewählt, schon ist das Regime ausgetrickst.“ Versteht das jemand? Wenn es so einfach wäre mit der „Tunnel-Software„, warum fehlt das in den Berichten über China?

Wenn Spiegel „online“ die Leser ernst nähme, Online-Journalismus betriebe und nicht nur auf sich selbst verlinkte, wäre zum Beispiel ein Link auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel hilfreich, damit man sich darauf vorbereiten kann, wenn Schäuble und Genossen das hierzulande verwirklichen, wovon sie träumen. (Ja, der Satz ist zu lang, aber ich sitze in einem Ferienhaus in Jütland und will nicht allzu lange nachdenken, weil ich nur noch einen Tag Urlaub habe.)

Nur zur Erinnerung eine der zahlreichen Falschmeldungen zur so genannten „Online-Durchsuchung“, hier der Tagesspiegel: „Das Bundeskriminalamt (BKA) soll künftig mittels einer neuen Software die Daten von privaten Rechnern ausspionieren können. Das bestätigte das Bundesinnenministerium (BMI) dem Tagesspiegel auf Anfrage. Das System der sogenannten ‚Online-Durchsuchung‘ sei bereits in diesem Jahr mehrfach angewandt worden und sei Teil des 132 Millionen Euro schweren Sonderprogramms zur Stärkung der inneren Sicherheit. Die Ermittler sollen sich dabei auf richterliche Anordnung unbemerkt via Internet in die Computer von Privatpersonen einloggen können, gegen die ein Strafverfahren läuft.“ Zum Glück war das fast alles gelogen: Die „Online-Durchsuchung“ war mitnichten angewandt worden und ist auch nicht Teil des PSIS (Z5-007 300/120 (10.10.2006).

Wo ist der qualitative Unterschied zur Praxis in Burma? „Alle fünf Minuten müsste der Inhaber eines Internet-Cafés einen Screenshot all seiner Computer erstellen: ein Foto aller Seiten, die gerade geöffnet sind. Er müsste das alles speichern.“ Das ist noch nicht einmal so schlimm wie eine Spionagesoftware, die der Staat direkt auf den Rechnern von mehr oder minder Verdächtigen installiert. In Burma sind alle verdächtig, in Deutschland (noch) nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Keine Beugehaft gegen ehemalige RAF-Mitglieder

Ich weiß nicht, wieso deutsche Medien – wie z.B. Zeit online, die Netzeitung oder das ZDF – nicht in der Lage sind, die aktuelle Entscheidung des BGH zu verlinken. Ist das intellektuell zu anspruchsvoll? Traut man den Rezipienten das Lesen längerer Texte nicht zu? Gefährdet die Entscheidung das Publikum vielleicht sittlich? Ceterum censeo: Geht sterben, Holzmedien! Ich weine ihnen keine Träne nach, allein schon wegen der dummstolzen Belehrungsresistenz.

Google-Illiteraten und seriöse Journalisten

Peter Glaser (Blog Stuttgarter Zeitung): „Marco Dettweiler, ’seriöser Journalist'“ – „Kein Klischeeblogger, von denen ja bekanntlich alle hobbymäßig gegen richtige Journalisten anzustinken versuchen, könnte sich eine solche Mischung aus Arroganz, Ahnungslosigkeit und Gönnerhaftigkeit treffender ausdenken. Dettweiler ernennt sich sicherheitshalber selbst zum ’seriösen Journalisten‘, da er wohl ahnt, dass seine Darbietungen für einen Verdacht in diese Richtung nicht ausreichen – etwa die lustige Idee, die Anzahl der Treffer einer Google-Anfrage schon für eine Recherche oder ein Argument zu halten. (…) Ich nehme deshalb an, dass Marco Dettweiler bei FAZ.NET zum Üben noch eine eingeschränkte Google-Version mit Stützrädern benutzt.“ [via Telepolis]

Zum bei „seriösen“ Journalisten beliebten Textbaustein „Google wirft zu xy xy Treffer aus“ auch Jochen Wegner schon 2005: „Bauer Poppe und die Googleisierung“:

„Bleibt zu klären (…), wie viele Journalisten überhaupt in der Lage sind, die korrekte Zahl der Google-Treffer zu ermitteln. Wem der Unterschied zwischen der Sucheingabe
to be or not to be (1,6 Milliarden Treffer) und “to be or not to be” (400.000 Treffer)
nicht recht klar ist, der gehört zur großen Gruppe der Google-Illiteraten, die Jonathan Dube, Online-Kolumnist des Poynter Institute, bereits 2003 überall in den amerikanischen Medien enttarnte.“

Nachtrag: Vgl. Telepolis: „Die FAZ und das „Geistige Eigentum“

Was, bitte, ist die Wirklichkeit?

Jürgen Zacharias schreibt: „Balkan-Korrespondent Prömpers wähnt sich inzwischen schon bei der ‚Bild‘-Zeitung des Fernsehens‘ und verweist auf darauf, schon Anweisungen wie diese erhalten zu haben: ‚Mach mal was über die Wahl in Bulgarien – aber ohne die Politiker. Die kennt ja sowieso kein Mensch.‘ ARD-Sonderkorrespondent Thomas Marowski sagte, er müsse inzwischen häufig mit Redakteuren diskutieren, wie die Wirklichkeit sei. Die Redaktion würden ihm dann anderslautende Meldungen entgegenhalten. Das nehme inzwischen ‚erschreckende Ausmaße‘ an.“ [Zacharias‘ Quelle]

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