Exekutiert Drogenhändler!

„Bei einem Gefecht mit Soldaten ist „Nacho“ Coronel erschossen worden. Er war einer der Anführer des mächtigen Sinaloa-Kartells. Ein wichtiger Erfolg für die Regierung“ lesen wir bei Spiegel Offline. Focus Offline nennt die Liquidation eine „Erfolgsmeldung“. N-TV formuliert: „gelang der Schlag gegen die organisierte Kriminalität“.

Wenn man jemanden erschießt, der mit illegalen Substanzen handelt, ist das also eine Erfolg versprechende Methode, den „Krieg gegen Drogen“ zu gewinnen und muss in deutschen Medien gefeiert werden? Lesen wir doch mal hier nach: „Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Repression harter Drogen durch Polizei und Gerichte kaum einen Effekt auf die Drogenproduktion hat. Ebenfalls konnten keine Hinweise darauf gefunden werden, dass eine Bekämpfung des Drogenangebots irgendeine positive Auswirkung auf die Beschaffungskriminalität hätte. Der Report berichtet, dass eine Angebotsreduktion, wenn sie denn signifikant wäre, letztlich nur die Preise steigen ließe mit der Folge, dass die Drogenkriminalität noch zunimmt, da die Süchtigen mehr für ihre Drogen zahlen müssen und den Drogenbaronen höhere Profite winken.“

Man erhält den Eindruck, dass die deutsche Mainstream-Journaille ein Gedächnis hat wie eine Drosophila. Es müsste sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass der „War on Drugs“, wie ihn die Vertreter der Prohibition 2.0 propagieren, nicht zu gewinnen ist. Wer auch nur ein Milligramm Verstand im Gehirn hat, dürfte die Exekution eines „Drogenbarons“ (wieso eigentlich „Baron“, Focus?) nicht als „Erfolg“ verbuchen – oder müsste die – zumindest einstweilige – Erschießung der Drogenhändler auch hierzulande fordern. Es ist auch kein „Schlag“ gegen die organisierte Kriminalität gelungen, weil der „Baron“ in nullkommanix durch seinen Nachfolger ersetzt werden wird.

Wie ich schon irgendwo und irgendwann sagte: Mainstream-Medien heisst, das gesunde Volksempfinden als Journalismus auszugeben und dumpf und unkritisch alles nachzuplappern, was andere auch schreiben.

Enten, dreifach gebraten und gewendet, revisited

Die geneigte Leserin und der geneigte Leser werden, ähnlich wie ich, bei der Lektüre dessen, was die Holz- und Mainstream-Medien zum Thema Internet absondern, fragen, ob man nicht stattdessen ganz etwas Anderes schreiben könnte, etwa: „Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσε“ oder etwa „ברוך אתה ה׳ אלהינו מלך העולם אשר קדשנו במצותיו וצונו על נטילת ידים“. Das würde sich besser anhören und genauso viel oder wenig aussagen – und man fühlte sich auch noch humanistisch-gebildet (Homer!) und moraltheologisch (Talmud!) besser nach der Lektüre… Oder vielleicht einen Psalm.

Was lasen wir vor einigen Tagen bei Spiegel Offline über „Cybercops“ aus Bayern, „die auf höchstem technischen Niveau operieren“? Die werden jetzt dort eingestellt. Der Grund: Die Bösen im Internet werden immer böser. „Die Spione hacken sich meist unbemerkt über sogenannte Trojaner in die Systeme auch kleiner und mittelständischer Unternehmen und saugen Daten ab. ‚Alle zwei Sekunden wird irgendwo auf der Welt eine Schadsoftware ins Netz gestellt‘, so der bayerische LKA-Präsident Peter Dahte.“

Nun, wenn das ein leibhaftiger Präsident sagt, dann muss es ja stimmen und alle Holzmedien müssen es unkritisch nachplappern, allen voran Spiegel Offline. Ich war bisher – offenbar irrig – der Meinung, die Aufgabe von Journalisten sei es, die Öffentlichkeit aufzuklären und hohle Sprechblasen aufzustechen und als das darzustellen, was sie sind – heiße Luft.

Man kurz nachgehakt: Die „Spione“ machen also immer öfter diese berühmt-berüchtigen „Online-Durchsuchungen“, an denen unsere auf höchstem Niveau operierenden Sicherheitskräfte so kläglich scheitern – und nicht nur, weil ihnen das vom Bundesverfassungsgericht ohnehin verboten worden ist? Und dann auch noch mit „Trojanern“? Kann mir mal jemand erklären, wie das zielgerichtet geht? Man schickt allen Mitarbeitern einer Firma eine – natürlich unverschlüsselte! – E-Mail mit einem Attachment, was sich an sämtlichen EDV-Experten vorbeihangelt und sich auch selbst installiert, weil ja bekanntlich alle Menschen mit Admin-Status online sind und auf alles klicken und alles installlieren, was nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist? Ganz nebenbei: Woher weiß der Dahte das mit den „alle zwei Sekunden“?

Ich sag euch was: Das ist genau so ein sinnfreies Gefasel und ein Lügenmärchen wie man es gewöhnlich vom Präsidenten Ziercke zur „Online-Durchsuchung“ kennt. Wenn ich nicht so unglaublich höflich wäre, würde ich Dahte einen Dummschwätzer nennen.

Und jetzt zu etwas fast ganz Anderem. „Trojaner spioniert Kreditkarten und Bankdaten aus“ – „Datendiebstahl: Bundesbehörden warnen vor Banking-Trojaner“ – „Internet: BKA warnt vor Trojanern beim Online-Banking“. Undsoweiter. Die Süddeutsche im Original: „Die schädliche Software nistet sich meist beim Besuch einer infizierten Webseite auf dem Computer ein.“

Soso. Sie nistet sich. Man kann es auch ganz anders formulieren, dann wäre es gut, schön und wahr, käme aber ganz ohne die kulturpessimistische Attitude aus, dass das Pöhse überall im Internet lauere und dass man rein gar nichts machen könne ausser zu beten: „Die Nutzer eines bestimmen Betriebssystems, die keinen Gedanken an ihre Sicherheit verschwenden und ihren Browser so einstellen, wie es Bill Gates er gern hätte, und anderen Leuten erlauben, aktive Inhalte ungefragt auf ihren Rechner zu schaufeln, die laufen Gefahr, dass ihnen was passiert.“ Wenn man die Wahrheit schriebe und nicht dummes Zeug wie der Regenzauber „auf jedem Computer sollten außerdem ein aktuelles Virenschutzprogramm und eine Firewall installiert sein“, dann würden sich die Leute natürlich fragen: Muss ich jeden Tag in der Zeitung lesen, dass ich, wenn ich über die Straße gehe, vorher gucken muss, ob ein Auto kommt? Pfeifen, unkritische, wie man das in Bayern grammatikalisch zu sagen pflegt. Ich reg mich wieder auf.

Und jetzt zu etwas noch ganz Anderem. „Hackerangriff Wiederherstellung der KZ-Gedenkstätten-Websites läuft“. – „KZ-Gedenkstätte Rechtsextreme hacken Buchenwald-Website“. – „Neonazis: Internetseite der Gedenkstätte Buchenwald zerstört“. – „Websites von KZ-Gedenkstätten teilweise gelöscht“. – „Entsetzen über neue Dimension rechtsextremer Aktivitäten“. – „Neonazis manipulieren Buchenwald-Internetseite“.

Ich tu euch nicht den Gefallen. Nein, ich glaube nicht, was in den Medien geschwätzt wird. Ich bin ein kritischer und mündiger Bürger und mache mir selbst ein Bild.

Ich lese die Leserkommentare bei Heise zum Thema. „1. Wie können die was von einer Internetseite löschen? Hat da jemand schlampige CGI/PHP Skripte geschieben? 2. Haben die keine Backups?“ – „Das hier sagt ja wohl alles über die Kompetenz der Ersteller aus: ‚ Diese Website ist optimiert für Internet Explorer und Netscape Navigator ab Version 4. Die Vollversion benötigt das Flash-Plugin.‘ Über so einen Spruch bin ich lange nicht mehr gestolpert.“ (Gut, die Antwort: „Das ist ja auch eine Gedenkstätte“ ist ein bisschen zu zynisch.) „Was passiert ist, die Webmaster der Gedenk-Intenetseite haben beim Thema „IT-Sicherheit“ nicht aufgepasst, und ein paar rechtsradikal veranlagte „möchtegern-Hacker“ haben sie ge-defaced. Dadurch wurde keinerlei Erinnerung ausgelöscht (ausser vielleicht der Log Datei des Servers, wenn die Cracker nicht ganz komplett doof waren) (…) Aber dann solche Pressestatements, und es wird offenbar das die Betreiber des Museums nicht nur von IT-security, sondern vom Web schlechthin keine Ahnung haben. Also hört auf mit dem geheule, sucht lieber nach der Sicherheitslücke, stopft sie, dann setzt den Server neu auf und spielt das letzte Backup wieder ein.“ – „Netcraft Apache/1.3.28 Unix PHP/4.3.4 lief offenbar bis gestern dort. Man betreibt dort offenbar einen eigenen Server und hält sich am Motto ‚Never touch a running System‘. Man hätte jemand fragen sollen der sich mit so etwas auskennt. Oder gleich Webhosting bei einem seriösen Provider buchen (…) Das es kein Backup gibt ist ebenfalls nicht zu entschuld(ig)en. Mögen euch die Hacker treffen.“

Erstaunlich bescheuert berichtet Gulli.com: „Zugang zu den Servern konnten sich die Täter mittels eines Viruses verschaffen der vermutlich schon vor der Attacke eingeschleust wurde.“ Ein Virus?! „Hacker“ schleusen gezielt (!) einen „Virus“ ein?! Und wie machen die das? Dann sollten das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und das Bundeskriminalamt bei den angeblichen neonazistischen Hackern in die Lehre gehen, wie man „Viren“ unbemerkt und irgendwie einschleust, um anschließend einen Fernwartungs-Zugriff zu haben.

Ich habe keine zwei unabhängigen Quellen für die These, dass irgendwelche kackbraunen Kameraden die Website der Gedenkstätte Buchenwald zerstört hätten. Ich kann mir auch ganz etwas anderes vorstellen. Aber das sage ich besser nicht, ich reg mich schon genug auf.

Was sich der Leser merkt

Fefe erklärt, was Online-Journalismus ist. „Man muß genug Substanz dahinter haben, dass sich der geneigte Leser stundenlang gespannt durchklicken kann. Denn das merke ich mir als Leser. Und komme wieder.“

Ich hatte so etwas schon vor längerer Zeit in „Project Xanadu reloaded“ diskutiert. Das will aber keiner wissen. Die deutschen Holzmedien und das, was sich „online“ schimpft, aber in Wahrheit nur gedrucktes Papier auf dem Monitor ist, werden das nie begreifen. Die German Internet AngstTM spiegelt ja auch nur das wider, was in den Köpfen der Journaille vorgeht. Ich muss immer an die drei berühmten Affen denken: Nicht hören, sehen und sprechen wollen.

Der deutsche Michel und die kultursensible Zensur

Vorabmeldung des Spiegel: „Mehr als 30 Jahre ist das Material alt, beim WDR lagert es immer noch im Giftschrank: Aufnahmen aus dem Film ‚Informationen aus dem Hinterland‚, die Undercover-Journalist Günter Wallraff in seiner Rolle als Hans Esser bei ‚Bild‘ zeigen. Für ein Porträt in der Reihe ‚NRWs Beste‚ über den heute 67-Jährigen waren Filmausschnitte verwendet worden. Kurz vor Ausstrahlung mussten jedoch Szenen, die Wallraff bei ‚Bild‘ zeigen, herausgeschnitten werden. Angeblich sei die Verwendung juristisch heikel. ‚Ein klarer Fall von Selbstzensur‘, kritisiert Wallraff. Zudem offenbar ohne Grund. Der von Wallraff angeschriebene Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner versicherte schriftlich, dass ’seitens der Axel Springer AG gegen den Film nie juristische Schritte unternommen oder auch nur angekündigt worden‘ seien. Im Gegenteil sei er ‚ein historisches Dokument‘.

Dazu passt eine Meldung der Nordwest-Zeitung online: „Ministerin will Medien Inhalte vorgeben. (…) Das Ministerium verlangt, dass die Medien schriftlich erklären sollen, dass sie künftig   über Sachverhalte und Herausforderungen beim Thema Integration verstärkt berichten und informieren;   dabei eine kultursensible Sprache anwenden;   die interkulturelle Öffnung fördern;   ihre interkulturelle Kompetenz verstärken und  Projekte hierfür initiieren und künftig journalistisch begleiten. Es dürfte in Deutschland bislang einzigartig sein, dass eine Landesregierung die Medien auf gemeinsame Inhalte verpflichten will und sogar die dabei zu wählende Sprache vorschreiben möchte.“

Was ist daran verwunderlich? Diese Ministerin ist von einem Herrn Christian Wulff berufen worden, der heute Bundespräsident ist. Passt doch wie Arsch auf Eimer. Die sollte sich gleich mit der bayerischen Justizministerin zusammentun. Gleich zu gleich gesellt sich gern. Zensur findet der Deutsche an sich immer gut, immerhin haben wir den Obrigkeitsstatt und den dazu passenden kriecherischen Untertanen erfunden. Nicht zufällig nannte das Ausland uns den „Deutschen Michel“ und setzte uns eine Schlafmütze auf. Feigheit und Denunziation sind Bürgertugenden und der Jugendschutzwart ein ehrenhafter Beruf.

Und keine Sorge: Deutsche Mainstream-Medien lassen bekanntlich auch Interviews „autorisieren“, damit ja kein böses Wort gedruckt und niemandem wehgetan wird. Die zensieren freiwillig und distanzieren sich nicht vom gut Gemeinten. Beispiel: Der stern finanziert Lichterkettenträger; auch die Zeit hat es versucht und sich dann leise weinend zurückgezogen.

Hanns Joachim Friedrichs‘ Statement verhallt immer noch ungehört: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Früher ging alles ruhiger zu

Nun gut. Ich reg mich nicht darüber auf, dass die Bundeskanzlerin den Unterschied zwischen Internet und World Wide Web nicht kennt. Damit ist sie nicht allein, sondern weiß soviel vom Netz aller Netze wie 99 Prozent der deutschen Bevölkerung. Jetzt aber im Originalton laut Heise: „Vor allem junge Menschen informierten sich ‚ausschließlich über das Internet‘ (…) Merkels Erinnerung an früher: ‚Es ging alles ruhiger zu. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen.'“

Man fragt sich natürlich, wer das, worüber und womit sich diese jungen Leute (wie ich) informieren, dort hineingestellt hat? Die Blogger? Oder prüfen und recherchieren die jungen Leute womöglich selbst nach, was sie in den Mainstream-Medien für Märchen und Falschinformationen vorgesetzt bekommen?

Und nun zu uns, Ossis! Dass es im Beitrittsgebiet früher „ruhiger“ zuging, das glaub ich gern! Es gab nicht nur manchmal kein Klopapier und keine Bananen, sonder auch die Teilchen sausten in ihren gar nicht vorhandenen Teilchenbeschleunigern ziemlich lautlos herum, so dass Physiker wie Frau Merkel sich ganz entspannt zurücklehnen konnten. Natürlich unterhielt man sich auch über weniger Themen: Es gab ja nur zwei Fernsehprogramme!

Wirklich zu dumm, dass es dieses Internet gibt. Ist ja kein Zufall, dass es nicht die Deutschen erfunden haben, sondern die US-Amerikaner. Das ist auch gut so. Wenn die Deutschen das Internet erfunden hätten, gäbe eine keine paketorientierte Datenübertragung sondern einen behördlich kontrollierten Zentralrechner, der Frontalunterricht machte – wie die Glotze eben. Man kann nicht zurücksenden. Und das ist wirklich sehr schade.

Der Kommentar in Zeit Online zum Thema hat mir gefallen.

Jamel rockt den Förster für fünf Euro

Ich muss die gutmeinenden und lichterkettentragenden LeserInnen jetzt enttäuschen. Es kommt wieder etwas, das dem bräsigen Medien-Mainstream entgegensteht. Der Ostseeblick Nienhagen berichtet über einen Ort mit „zweifelhaftem Ruf“, der „in die Schlagzeilen geraten“ sei. Jamel. Es ist etwas hängengeblieben, was genau, wissen wir nicht. Deutsche Medien stehen bekanntlich mit dem Internet auf Kriegsfuß und setzen keine Links. Dem kann ich abhelfen.

In meinem Artikel Project Xanadu, reloaded hatte ich geschrieben:

„Kompliziert sind Themen, in denen die im Netz vorhandenen Quellen mehr verraten als die Personen, die genannt werden, vielleicht wollen. Interessante – und für das Niveau der Recherchen bezeichnende – Beispiele waren die Artikel über Neonazis im mecklenburgischen Ort Jamel. Die Schweriner Volkszeitung berichtete schon am 14.10.2003, die Frankfurter Rundschau am 06.11.2003, die taz am 17.10.2003 („Abgebrannte Häuser, aufgespießte Hühner, Wehrsportübungen“), die Jungle World am 05.11.2003, die Süddeutsche am 07.11.2003; Spiegel online holte das Thema am 16.08.2007 zum Teil wortgleich wieder hervor („Abgefackelte Häuser, aufgespießte Haustiere, vertriebene Neubürger“), ohne die vorherigen Artikel mit einem Wort zu erwähnen. Im zweiten Teil des Artikels wir der Musiker Horst Lohmeyer genannt, der mit seiner Familie in Jamel wohnt. Lohmeyer wirbt online für seinen Forsthof – der Link sollte in einem Artikel daher nicht fehlen. Man kann sich das Anwesen von oben per Google Maps ansehen. Der Spiegel-Autor hat vermutlich nicht danach gesucht, sonst hätte er schon während der Recherche mit dem Interview-Partner diskutieren müssen, wieviel an privaten Informationen der von sich preisgeben wollte. Im Vergleich aller online auffindbarer Artikel zum Thema wird auch die Praxis fragwürdig, Namen nicht zu nennen: Spiegel Online schreibt „Sven K., 30, Abrissunternehmer, polizeibekannter Neonazi.“ Dass der Mann Sven Krüger heißt, findet man mit wenigen Mausklicks.“

Eine der vielen Fragen zu der Berichterstattung über Jamel ist: Warum schreibt Spiegel Offline vier (!) Jahre, nachdem Jamel schon durchgehechelt wurde, noch einmal fast das Gleiche – natürlich ohne auch nur einen einzigen Link zu setzen?

Tut mir leid. Gut gemeint ist bei mir nicht automatisch gut. Hupen und Wäscheleine spannen gegen Rechts wirken nicht. Zentrale Frage wie gewohnt: Wo kommt die Kohle her und wo geht sie hin? Grundfinanzierung vom Fonds Soziokultur. („Auf die Auswertung und Dokumentation der Ergebnisse und Erfahrungen wird besonderer Wert gelegt.“ Schicken die die Liedtexte ein?) Und fünf Euro Eintritt. Dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Ein Traum wird wahr

Der Journalist Steffen Seibert wird Regierungssprecher. Da die Verehrung höherer Wesen der ultrakonservativen Form durch die Person des Bundespräsidenten quasi persönlich abgesegnet wird, passt auch Seibert wie der Arsch auf Eimer: „Er ist evangelisch getauft, konvertierte jedoch später zur katholischen Kirche.“

Roger Boyes, Deutschland-Korrespondent der Londoner Times, formulierte das so: “Die Berliner Republik kanalisiert ihre Informationen über Hintergrundgespräche und Stammtische, über informelle Netzwerke, über Vereinbarungen zwischen einzelnen Politikern und einzelnen Verlagsgruppen. Der Traum vieler deutscher Journalisten scheint immer noch darin zu bestehen, eines Tages selbst Politiker, Pressesprecher oder Redenschreiber zu werden. Der Traum jedes britischen journalisten besteht darin, einen nichtsnutzigen Politiker um seinen Job zu bringen.” (In: Berliner Journalisten 3/2005)

Die sich selbst verstärkende faktenfreie Ente, lau aufgewärmt

ente

„700.000 Euro für eine Ente“ schrieb ich am 25.05.2010 in diesem kleinen onlinedurchsuchungshoaxfeindlichen Blog. Gestern wärmten der Heise-Newsticker („CDU/CSU und SPD halten an heimlichen Online-Durchsuchungen fest“) und die taz („BKA hält sich zurück“) [was für ein dämlicher Titel!] die wohl bekannte Ente wieder auf.

Die beiden Artikel enthalten keine Informationen – sie geben nur das sinnfreie Gefasel einiger Politiker zum Thema der real gar nicht existierenden „Online-Durchsuchung“ wieder. „Gerade beim internationalen Terrorismus beobachten wir zunehmend, dass sich Personen modernster Technologien bedienen, um nicht entdeckt zu werden.“ Modernste Technologien – was könnte damit gemeint sein? Terroristen nutzen das Internet? Der Satz wäre ja sinnvoll, weil für unsere Sprechblasen-Absonderer das Internet ultramodern ist (weil ihnen erst gestern ein persönlicher Referent davon erzählt hat).

„Die Rechtsextremen haben die moderne Technik entdeckt“, raunte Focus 1993. Das ist der Stand der Diskussion: Man häufe ein paar Komparative um ein vermeintliches Bedrohungsszenario, drapiere es mit kulturpessimistischer Attitude („es wird alles immer schlimmer“) und deutschtypischer Hysterie („die Bösen werden immer öfter immer böser“) und tröpfele noch ein wenig Eigenwerbung drauf („der Verfassungsschutz mahn, warnt und ist besorgt“).

Aber ich schweife ab. Mich regen die „Kritiker“ genau so auf: „Der verdeckte Zugriff auf Festplatten sei ‚überflüssig‘ und richte ‚bürgerrechtlichen Flurschaden‘ an, da er nicht einmal an einen festen Tatverdacht geknüpft sei.“ Bevor ich auch nur ein Wort weiterlese, möchte ich wissen: Wie soll der so genannte „verdeckte“ Zugriff auf „Festplatten“ bewerkstelligt werden? Warum, verdammt noch mal, taucht diese doch nicht ganz unwesentliche Frage weder bei Stefan Krempl noch bei dem einschlägig bekannten Dampfplauderer und Nebelkerzenwerfer Christian Rath von der taz auf? Weil die Zahnpasta schon aus der Tube ist und nicht wieder hinein könnte, selbst wenn sie wollte? Wozu habe ich eigentlich das Buch geschrieben? Liest der Rath seine eigene Zeitung nicht?

Krempl und Rath, hier diese Rezension weiterlesen: „Als nächstes zeigen die Autoren, dass es sich bei der Online-Durchsuchung um ein sich selbst verstärkendes Phänomen handelt, das aus unklaren Definitionen darüber herrührte, was mit der Online-Durchsuchung eigentlich gemeint sein soll. Gepaart mit dem Mythos des allmächtigen Hackers schaukelte sich die Darstellung der Online-Durchsuchung in den Medien zu immer größeren Horrorszenarien auf, die man letztlich als nahezu faktenfrei bezeichnen kann. Die einzig gesicherten Fakten waren nur die Berichte in den Medien, nicht deren Inhalt. Aus der vielleicht noch anfangs verwendeten konjunktiven Form ‚könnte‘ wurden dann konkrete Forderungen von Politikern. Journalisten stellten suggestive Fragen, ob es denn solche Fälle nicht schon längst gegeben habe, und weil man nicht genau wusste, was mit ‚Online-Durchsuchung‘ gemeint ist (oder was man selbst darunter versteht) und man es mit anderen Verfahren vermischte/verwechselte, ergab sich das Bild, dass schon seit langem dieses Verfahren ohne Rechtsgrundlage abgelaufen ist. Dies Alles, gepaart mit dem fehlenden Sachverstand, führte zu dem schon genannten ‚Medien-Hype‘. Beim Lesen dieses Teils des Buches kommt man aus dem Staunen über diese Vorgänge nicht heraus. Steht es so schlecht um den Journalismus in Deutschland?“

Ich zitiere mich selbst: „In Wahrheit hat es eine „Online-Durchsuchung“ oder gar den „Bundestrojaner“, der seit geraumer Zeit durch die Medien geistert und sogar einen eigenen Eintrag bei Wikipedia bekommen hat, nie gegeben – und es wird ihn auch nie geben. Er ist ein Hoax und beruht auf dem mangelnden Sachverstand eines Oberstaatsanwaltes, jeweils einer Falschmeldung der taz und der Süddeutschen und der Tatsache, dass alle deutschen Medien, ohne die Fakten zu recherchieren, voneinander abgeschrieben haben. Nach dem Prinzip ‚Stille Post‘ steht am Ende der Berichterstattung dann der ‚behördliche‘ Hacker, vom dem am Anfang nie die Rede war.“

Ceterum censeo: Der Kaiser ist nackt! Es gibt keine ‚Bundestrojaner‘!

Betrug am Leser

Was sind das doch für Feiglinge bei Zeit Online! „Am vergangenen Donnerstag saß Oliver Bierhoff vor dem Restaurant des Mannschaftshotels in Südafrika. Es sollte eines dieser vielen WM-Interviews werden. Es wurde eines, dessen Veröffentlichung der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und er selbst im Nachhinein untersagten. Es hätte zu viel – ‚inhaltlich und sprachlich‘ – geändert werden müssen, lautete eine Begründung des Pressesprechers.“

Seit wann hat irgendjemand ein Recht darauf, ein Interview autorisieren zu lassen? Sind wir hier im realen Sozialismus?

Vor sieben Jahren veröffentlichte Telepolis einen Artikel zum Thema: „Neun bundesdeutsche Tageszeitungen wehren sich mit einer Aktion gegen zunehmend restriktiv gehandhabte Interview-Autorisierungen, Besserungen sind wohl nicht zu erwarten“. Die taze nannte die typisch deutsche Unsitte der Autorisierung „Betrug am Leser“. Zu Recht. Geändert hat sich nichts.

Als ich noch Chefredakteur des Medienmagazins Berliner Journalisten war, habe ich es schlicht verboten, Interviews autorisieren zu lassen. Wer nicht druckreif reden kann, sollte das Maul halten. Man kann auch glasklar zwischen einem Hintergrundgespräch, vom den nichts publiziert wird, und dem eigentlichen Interview trennen.

„Zu den Regeln, auf die Politiker bei Presse-Interviews pochen, gehört die nachträgliche Autorisierung des Gesprächs“, schrieb taz. Wer hat denn die Regeln aufgestellt? Niemand. Es war die Feigheit der deutschen Journaille – und ist sie immer noch. Kein Journalist im angelsächsischen Sprachraum würde so etwas tun. Wenn hierzulange keiner mitmachte, könnte sich kein Politiker oder Pseudo-Promi erlauben, zu herumzuzicken wie jetzt Bierhoff. Selbst schuld. Die heuchlerische Attitude von Zeit Online entlarvt sich selbst.

Fragen an die Medien-Redakteure der Berliner Zeitung und der taz

Die Berliner Zeitung lässt sich von Gegnern des venezolanischen Präsidenten Chavez instrumentalisieren und publiziert einen Text, der schon am 28.05. fast identisch in der tazzu lesen war. Aus einer Journalisten-Mailingliste: „Der Medienredakteur der taz hatte danach mächtig zu tun, seine aufgebrachten Leser in den Blogs zu beruhigen. Da ging es selbst für taz-Verhältnisse derbe ab.“ Die Kommentare der taz-LeserInnen sind lesenwerter als die Propaganda-Artikel der taz und der Berliner Zeitung von heute. Hier ein paar Zitate:

„Ein Fernsehsender mit Sitz in Miami, der sich mit den Putschisten gegen Chavez solidarisierte, der bekam Schwierigkeiten? Und eine Regierung, die eine mediale Vorherrschaft anstrebt? Es gibt ja sogar Länder, in denen Regierungssprecher zu Intendanten werden, wie beim BR. Man stelle sich vor, deutsche Regierungskontrolle über Rundfunkräte wäre Vorbild für Venezuela! Empörend.“

„Es wäre interessant zu wissen, was geschehen würde, wenn in Deutschland ein Rundfunksender dazu aufrufen würde, die Regierung zu stürzen oder z.B. unterstellen würde, dass die Regierung mit der ETA zusammen arbeitet.“

„In Deutschland verbietet die Regierung übrigens auch Fernsehsender: Den kurdischen Kanal „Roj TV“ zum Beispiel, obwohl der nicht einmal gegen die deutsche Regierung sendet, sondern gegen die türkische.“

„Viele private Medien ihrerseits unterstützten 2002 offen die Putschisten, die Chávez für 48 Stunden aus seinem Amt entfernten. Auch RCTV.“

„Ich möchte mal sehen was hier passieren würde, wenn die privaten Fernsehsender offen einen Putsch unterstützen und während auf den Straßen die Panzer auffahren im TV 24 Stunden am Tag Rosamunde Pilcher zeigen würden. Wenn das schief ginge – so wie in Venezuela – wären Pro7 und Konsorten aber ganz schnell dicht und die Verantwortlichen hinter Gittern. Und das zurecht.“

Wo kommt die Kohle her und wo geht sie hin?

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Welt Offline (keine Links, grottendämliches HTML): „Der von der Europäischen Union beschlossene Euro-Rettungsschirm ist ein grober Verstoß sowohl gegen das deutsche Grundgesetz als auch gegen EU-Recht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Centrums für Europäische Politik (CEP).“ (Bei der CEP funktioniert noch nicht mal der Link zu deren eigenen Pressemappe – Generation Internet-Ausdrucker eben.)

Wenn Welt Offline einen journalistischen Anspruch hätte, dann würden sie uns ein wenig mehr über die Hintergründe des CEP verraten. Ich denke immer an den wichtigsten Satz, den ich in meiner journalistischen Karriere jemals gehört habe. Er stammt vom Kollegen Mathew D. Rose, der mir sagte: „Bei einer Geschichte muss man nur zwei Fragen stellen und beantworten, um alles hinreichend erklären zu können: ‚Wo kommt die Kohle her und wo geht sie hin?'“ Die Welt stellt die Frage beim CEP noch nicht einmal.

Das Deutschlandradio hat ein Interview mit Thiemo-Marcell Jeck geführt, dem Autor des Gutachtens (könnte man verlinken, Welt Offline!). Die Badische Zeitung ist etwas seriöser: „Einige von Deutschlands wichtigsten Think Tanks haben ihre Wurzeln in Freiburg, seit vier Jahren auch das Centrum für Europäische Politik (CEP). Acht Wissenschaftler versuchen von hier aus, Einfluss auf die europäische Gesetzgebung zu nehmen. Der Jüngste von ihnen ist der Jurist Thiemo-Marcell Jeck (31).“

„BZ: Sie sind ein marktwirtschaftlich ausgerichtetes Institut. Wo sehen Sie in Ihrer Arbeit die Abgrenzung zum Lobbyismus?
Jeck: Wir sind nicht von fremden Interessen gesteuert und keinem Rechenschaft schuldig. Wir vertreten unsere eigenen Ansichten und machen das transparent. Auch wenn wir eine klare marktwirtschaftliche Ausrichtung haben, sind wir von keiner Partei oder Interessengruppe abhängig.“

Ich frage in Bezug auf das CEP noch einmal: Wer bezahlt dieses Institut? Wo kommt die Kohle her?

Ich weiß, wo ich im Herbst anrufen werde

Annalist zitiert Focus offline: „Analog zum Aussteigerprogramm für Rechtsextreme plant das Bundesinnenministerium nach FOCUS-Informationen ein Angebot für Aktivisten aus der linken Szene“. „Die Hotline für Linksradikale wird im Herbst freigeschaltet.“

Tut mir leid. Dazu fällt mir jetzt gar nichts mehr ein. Wie verblödet muss man eigentlich sein – nein: nicht, um so etwas anzubieten, sondern wie verblödet muss man sein, um darüber unkritisch zu berichten und sich von der Agitprop unseres Inlandsgeheimdienstes einspannen und instrumentalisieren zu lassen? Die Schlapphüte brauchen niemanden beim Focus zu kaufen, die machen das alle freiwillig.

Vor zwölf Jahren schrieb Telepolis: „Und Focus-Chefredakteur Helmut Markwort verteidigte seine Mitarbeiter im ARD-Kulturreport damit, daß Journalisten nie zur Quelle für Nachrichtendienste werden, aber wohl Quellen aus den Diensten verwenden dürfen. (…) Nicht nur Konkurrenzdruck, sondern der hierzulande verbreitete Gesinnungsjournalismus haben den Nachrichtendiensten einen fruchtbaren Boden bereitet.“ Das sollten die sich bei Focus Offline mal auf der Zunge zergehen lassen.

Hotlines für „Aussteiger“ sind kontraproduktiv.Ich habe darüber meherer Bücher geschrieben. Vor acht Jahren interviewte mich die taz:

„Aussteigerprogramme suggerieren, dass es Randgruppen gibt, die nach dem Schema innen/außen funktionieren. Die da drinnen, wir hier draußen. Und die Programme suggerieren auch, dass es schwierig sei, aus diesen Gruppen auszusteigen. Das bestreite ich. (…) Jugendliche Mitläufer steigen oft aus, indem sie sich ins Privatleben zurückziehen. Ihre Meinung ändert sich nur marginal. Aber wie kann etwa Exit die politische Überzeugung von Neonazis ändern? Solange kein politisches Konzept vorliegt, betreuen sie die Leute wie bei der klassischen akzeptierenden Sozialarbeit. Das ist unpolitisch, und es gibt weder klare Konzepte, noch sind die Mitarbeiter qualifiziert. (…) Weder das Programm noch den Verfassungsschutz nehme ich ernst. Fakten, die die angeblichen Erfolge der Aussteigerprogramme des VS belegen, hat noch niemand gesehen. Man nennt eine dubiose Zahl von 170 Leuten, mit denen man prima telefoniert habe. Telefonieren kann ich auch. Der Verfassungsschutz ist in der Szene kein Ansprechpartner. Wer sich bei der Behörde meldet, weiß nicht, ob das nicht am nächsten Tag jeder zweite V-Mann weitererzählt. (…) Außerdem suggerieren die Programme der Bevölkerung, die Neonazis seien das Problem. In Wahrheit sind sie nur ein Symptom. Warum fordert man nicht, wenn man gegen Antisemitismus vorgehen will, ein Aussteigerprogramm für Möllemann? Das Geld, das Aussteigerprogramme verbrauchen, sollte man besser in Projekte stecken, die gezielt und politisch gegen rassistische Vorurteile angehen. Das meiste Geld geht doch in die Außendarstellung. Man will einen Markt bedienen, auf dem man mit der sinnfreien Zeichenfolge ‚gegen rechts‘ Geld verdienen kann.“

Das gilt auch für den Verfassungsschutz. Ceterum censeo: ersatzlos abwickeln.

Zeitungsmarkt in Berlin

Zeitungsmarkt Berlin

Interessante Analyse von meedia.de über den Holzmedien-Markt in Berlin: „Boulevardblatt B.Z. führt den Markt mit werktäglich verkauften 150.889 Exemplaren weiterhin relativ klar an. (…) Auf den Rängen 4 und 5 folgen Der Tagesspiegel mit 111.217 Verkäufen, sowie der Berliner Kurier mit 85.378. Der Tagesspiegel verlor im Vergleich zu 2008 nur 6,3% und kommt der Berliner Morgenpost damit gefährlich nahe. Bei gleichbleibender Tendenz dürfte Der Tagesspiegel in der nächsten Verbreitungsanalyse in zwei Jahren den dritten Platz erobert haben. Der Berliner Kurier ist unter den fünf Berliner Blättern hingegen der größte prozentuale Verlierer,… (…) So werden in der Hauptstadt insgesamt nur etwa 760.000 Zeitungen pro Werktag abgesetzt. Auf den ersten Blick ist das zwar durchaus eine stolze Zahl, doch auf die Einwohnerzahl von 3,398 Mio. umgerechnet werden pro 100 Einwohner nur 22 Zeitungen verkauft. Für einen solch umkämpften Markt eine geringe Zahl.“

Die Arroganz des Wissens

Christian Wulff beklagt im Deutschlandfunk, dass er wegen des Internets keinen Wissensvorsprung mehr habe vor dem Rest der Welt.

„Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen.“

Dirk Gehlen schreibt: „Nicht nur im Stil sagt dieser Satz einiges über den neuen Präsidenten, auch inhaltlich ist diese Aussage bemerkenswert. Wulff findet es also schwer, gelassen zu bleiben, wenn eine Information ihm nicht vorab zugespielt wird.“

Medialer Charaktermangel

Lesebefehl: Interview mit Tom Schimmeck über „Macht und Ohnmacht der Medien“ in Telepolis, Teil 1: „Worunter wir gerade in den Chefetagen am meisten leiden, ist Charaktermangel“ und den zweiten Teil „Recherche wird bestraft“, der alsbald erscheinen wird.

„Verdummung ist nicht immer nur ein Kollateralschaden des kommerziellen Kalküls.“ Sehr schöner Satz.

Abscheuliche Freitagsblogger

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Ich habe mich auf der Website des Freitag umgesehen. Das ist die Wochenzeitung mit Ost-Wurzeln, die Jakob Augstein gehört. Beim Freitag kann man sich als Blogger registrieren und dann unter deren Logo gleich loslegen. Man hofft wohl auf eine Art Schwarmverhalten, wofür der Deutsche ohnehin empfänglich ist.

Das gewohnt linkfreie Holzmedium FAZ hat sich darüber ironisch geäußert: „Auch über Politik wird beim ‚Freitag‘ diskutiert. Sogar versprengte Liberale schreiben mit“. Man riecht den Willen der bezahlten FAZ-Schreiberlinge, ein Schild aufstellen zu wollen: „Ab hier Qualitätsjournalsismus – wir werden schließlich dafür bezahlt!“

Dumm für den Freitag, dass ich „Allgemeine Geschäftbedingungen“ lese. Im Kleingedruckten finden man oft die wahren Absichten, die sich hinter dem einlullenden Werbe-Gefasel verbergen. Der Deutsche kann seinen Hang zur unkontrollierten Zensur natürlich nicht ablegen, auch wenn er ein „versprenger Liberaler“ ist oder gar ein nicht versprenger Linker. Was lesen wir also beim Freitag? „3.2 Insbesondere verpflichtet sich der Nutzer, keine Inhalte zu verfassen oder zu verbreiten, die rassistisch, beleidigend, obszön, vulgär, sexuell orientiert, abscheulich oder bedrohlich sind oder sonst gegen ein Gesetz verstoßen würden.“

„Sexuell orientiert, abscheulich oder bedrohlich“. Aha. No sex please, we are Ossis and Protestants? Abscheulich hat etwas mit „Scheu“ zu tun und kann auch „verwerflich“ bedeuten. Da haben wir wieder den deutschen Tugendwächter und Jugenschutzblockwart, der überall mit zusammengekniffenen Lippen lauert, wo es etwas zu melden, denunzieren, durchführen und verbieten gäbe, der aber beim Freitag vermutlich genau so wenig Honorar bekommt wie die Blogger. Bedrohlich? Ein Journalist, der keine Artikel schreibt, die für irgendwelche Schelme oder Bösewichter bedrohlich sind, hat seinen Beruf verfehlt.

Ich habe mich natürlich sofort auf die Suche nach etwas sexuell Orientiertem, Abscheulichen und Bedrohlichem gemacht. Der obige Screenshot zeigt die antiquarische Ausgabe des Aufklärungsbuches „Zeig mal“, das 1974 erschienen ist. Bei Wikipedia heisst es: „In dem Buch wird durch anschauliche Bilder die neugierige erwachende kindliche Sexualität gezeigt. Als Begleittexte dienen die Kommentare der fotografierten Kinder. Das Buch erlangte bei seinem Erscheinen hohe Anerkennung, wurde mehrfach von den Art Directors Clubs Deutschlands und der USA ausgezeichnet und unter anderem von Pro Familia und Organen der evangelischen Kirche empfohlen. Bis 1995 erschienen mehrere zum Teil erweiterte Auflagen, von 1988 an unter dem Titel Zeig mal mehr! Das Buch wurde in sieben Sprachen übersetzt und weltweit in nahezu einer Million Exemplaren verkauft.“

Nach der geistig-moralisichen Wende Helmut Kohl sah das plötzlich anders aus: „Nachdem 1996 die Junge Union Wuppertal und das Jugendamt Frankfurt am Main voneinander unabhängig erneute Indizierungsanträge gestellt hatten und die Zeit in einem Artikel Will McBride der Förderung von Kindersexualität bezichtigte, ließ der Autor selbst sein Werk vom Markt nehmen.“ O tempora o mores!

Heute würden Zensursula und Konsorten gleich von Kinderpornografie reden. Und wer über den Fall bloggt, darf das keineswegs beim Freitag tun, denn das Thema ist „sexuell orientiert, abscheulich und bedrohlich“ – weil man für Aufklärung heute schnell in den Knast kommen kann.

Online-Journalismus einmal anders

Online-Journalismus

[Via Fefe]

Böller zu Massenvernichtungswaffen

Die taz hat recherchiert und eine Chronologie der Medienberichterstattung (aka Totalitarismus-Agitprop) über die Detonation eines Böllers auf einer Berliner Demo erstellt. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Lesebefehl!

Flasche halb voll oder: Gut, dass es noch Reiche gibt

Stoppschild für Raubkopierer

Da wollte die WELT wieder der FAZ ähneln: Wenn jeder Fünfte reich ist, dann ist jeder Wievielte arm? Und dass die Reichen reicher werden, liegt daran, dass die Armen ärmer werden? Da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen. So dahingeschlampt kann deutscher „Online“-Journalismus sein. Am besten, wir verbieten dazu auch noch die Kommentare. Das Volk könnte auf dumme Gedanken kommen. Es reicht aus, wenn wir die selbst haben.

Polizei bespitzelt sich selbst

Hier ist die Spitze des Eisbergs und wie es hinter den Kulissen der Polizei wirklich aussieht. Der Tagesspiegel berichtet hier („Neue Merkwürdigkeiten in der Polizeiaffäre in Sachsen-Anhalt“ und hier („Nächster Akt in Dessauer Polizeiaffäre“), Spiegel Offline hier („Polizeidirektion spähte eigene Beamte aus“). Da sieht man, was die tun, wenn keiner hinguckt – was tun die gar mit den Daten anderer?

Hintergrund: Der Leitende Polizeidirektor Hans-Christoph Glombitza wollte seine Staatsschutzabteilung im Kampf gegen Rechtsextremisten ausbremsen. Spiegel Offline: „Die hohe Zahl von Ermittlungsverfahren schade dem ‚Ansehen unseres Landes‘. Darüber sei ’niemand glücklich‘.“ Und irgendjemand hatte dennoch mit der Presse geredet.

Der Tagesspiegel: „Die Direktionsspitze ließ im Frühjahr 2007 eine Sicherungskopie sämtlicher Daten ziehen, die vom 23. Februar bis zum 11. Mai auf dem Zentralserver gespeichert waren. Damit waren die Daten von 1100 Beamten, auch private E-Mails, ohne Wissen der Betroffenen und des Personalrats auf unabsehbare Zeit in der Hand der Führung der Direktion. Und das, obwohl nur drei Beamte der Abteilung Staatsschutz im Verdacht standen, sie hätten bei der Presse geplaudert.“

Spiegel Offline: „Unter den betroffenen Datensätzen waren dabei nicht nur die Verbindungsdaten dienstlicher E-Mails und Dokumente, die jeder Beamte, für die Hausspitze zugänglich, in der „Ablagemappe“ auf dem Server gespeichert hatte, sondern auch private Speicher, die sogenannten Heimserver. Sie hatten jeweils eine Umfang von 50 Megabyte und dienten passwortgeschützt der Aufbewahrung von privaten Fotos, Schreiben und E-Mails.“

Das schauen wir uns mal genauer an. Was lehrt uns das? Die Polizei verschlüsselt ihre E-Mails nicht, sondern schreibt nur elektronische Postkarten. Die „Hausspitze“ schnüffelt allen hinterher und kann sogar die privaten Daten überprüfen. Die Polizei ist auch nicht in der Lage, ihre eigene Vorratsdatenspeicherung zu umgehen. Der Tagesspiegel kann seinen Informanten auch nicht anbieten, anonym zu kommunizieren, um die interne Schnüffelei zu verhindern – etwa durch eine PrivacyBox. Die leben also alle noch im Zeitalter der Internetausdrucker.

Manchmal geschehen Dinge, die kann man sich gar nicht ausdenken. Wie dämlich muss man eigentlich sein, um sich auch noch bei einer solch schmierigen Affäre erwischen zu lassen?

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