Arbeitsam, blond und gewalttätig

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Das ist der letzte meiner Briefe aus Südamerika, den meine Mutter aufgehoben hatte. Aus Venezuela (1998) habe ich nur einen geschrieben.

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Das Hotel El Gran Duque gibt es noch in Quibor! Leider ist noch nicht einmal die Hauptverkehrsstraße von Google erfasst worden.

Quíbor, 28.1. [1998, südwestlich von Barquisimeto]

Liebe Eltern!
Venezuela ist leider teurer als ich dachte, ich darf nicht mehr als 20 Mark pro Tag ausgeben, und ein Hotel von der billigsten Sorte kostet schon mindestens 10 Mark. Aber es macht trotzdem Spaß. Ich bin braun wie ein Indianer, und wenn ich nicht etwas andere Kleidung trüge, würden mich alle für einen Einheimischen halten. So bin ich für die meisten ein etwas merkwürdig aussehender Großstädter, wahrscheinlich aus Caracas, wo die Verrückten alle wohnen.

Hier ist es geradezu brüllend heiß, an die 40 Grad am Mittag, und beim frischen Brise wie in Coro. Ein kleiner, quirliger Ort mit viel Rinderzucht, obwohl die Berge nicht bewaldet sind. Es sieht aus wie in der Steinwüste, aber es ist Trockenzeit, der nächste Regen fällt erst wieder im April.

Morgen werde ich hoffentlich das Datum des Rückflugs festlegen können, es ist billiger, von hier aus mit einem Lokalbus nach Barquisimeto [Vgl. „Im Tal der Frauen“, 05.03.2023] zu fahren als dort ein Hotel zu haben. Barquisimeto ist so groß wie Dortmund, ca. 1 Mio, demgleichen. [Wurde von 1552 von Juan de Villegas gegründet, der einer meine Protagonisten in „Die Konquistadoren“ ist.]

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Die Iglesia de la Virgen de Altagracia „La Caimana“ in Quibor an der Avenida Baudilio Lara, vgl. Iglesia de la Virgen de Altagracia „La Caimana“ 30.04.2023.

Ich hab schon einige Male mehr oder minder lustige Abenteuer hinter mir. Coro war ruhig, ich habe im Meer gebadet und den ersten Sonnenbrand nur sehr knapp vermieden. Dann bin ich bald eine Woche ca. 50 km nach Süden, ca. 1500 m hoch, angenehmes subtropisches Klima – um die 25 Grad. Dort gibt es nur einige kleine Bergdörfer, und es ist etwas schwer, dort wieder wegzukommen. Die Konquistadoren hatten ja damals indianische Träger.

sierra de San luis
In der Sierra de San Luis

Am Samstag bin ich – ohne Rucksack – ca. 10 km ins nächste Dorf marschiert, nur um festzustellen, daß dort der Hund begraben war und auch kein Auto zurückfuhr. Also mußte ich zu Fuß zurück. Am nächsten Tag hatte ich Blasen und konnte mich kaum bewegen. Die Hüfte schmerzt ein wenig, macht aber alles mit [es war drei Jahre nach meinem doppelten Hüftbruch]. Es kam aber noch viel härter: Am dritten Tag nahm mich der Wirt der Herberge ein Stück mit dem Auto mit. Dann bin ich getrampt, weil es keine Busse gab. Ein Rinderzüchter hielt an und nahm mich mit, zeigte mir aber alle Rinder auf seiner Hazienda, ich mußte gute Miene zum Spiel machen.

Nach etwa 100 km von einem kleinen Ort zum anderen] gelangte ich an den Südrand der Sierra de San Luis [aka Juan Crisóstomo Falcón National Park], nach Churuguara. Von dort fahren Sammeltaxis, und ich kam für 2 Mark wieder 30 km weit, und so fort, bis an einen gottverlassenen Ort, östlich von Santa Cruz de Bucaral. Da gab es nur ein paar Häuser und ein Posten der Polizei, die für die „Bewachung“ des Nationalparks zuständig ist. Die erklärten bereitwillig, der sei 9 km entfernt, ihnen sei aber das Benzin ausgegangen – ich müßte laufen oder umkehren. Es war grad 12 Uhr mittags und ich schon seit 5 Uhr auf den Beinen. Ich habe für die Strecke – mit Rucksack – mehr als vier Stunden gebraucht, in glühender Hitze.

Santa Cruz de Bucaral
Santa Cruz de Bucaral

Aber ich hab es geschafft! Zwischendurch gab es in den Bergen ein paar schreklich arme Bauern, die mir ein Glas lauwarmes Wasser spendierten. Der „Nationalpark“ ist eigentlich Urwald, am Eingang ist ein kleines Wasserwerk, das den Strom für die Ortschaften der Sierra liefert. Dort war ein einsamer Mechaniker, der sich sehr über den Gringo zu Fuß wunderte und der mir eine große Flasche eiskaltes Bergwasser spendierte. Dort ist ein unterirdischer Fluß, der eine 2 km lange Höhle in den Fels gewaschen hat. [Die Cuevas de Cuarzos – leider habe ich kein Foto, weil es schon fast dunkel war, als ich ankam.] Es war sehr eindrucksvoll. Ich hab dort übernachtet, und am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang kam ein kleiner Jeep, die Ablösung, und die haben mich gratis mitgenommen. Das ist das typische Gefühl: Hinten auf der Ladefläche (vgl. Foto unten), kurz nach Sonnenaufgang, und der Jeep rumpelt in Serpentinen einen Weg die Berge hinauf und hinunter, und eine grandiose Aussicht…

Parque nacional Cueva de la Quebrada del Toro
Auf einem Jeep durch den Parque nacional Cueva de la Quebrada del Toro.

Dafür hab ich mir dann für die 200 km nach Barquisimeto ein Sammeltaxi gegönnt, einen uralten amerikanischen Straßenkreuzer, in den sich 6 Personen quetschen, kostete 10 DM. Direkt auf der Brücke am Rio Tocuyo, die Grenze zwischen den venezolanischen Bundesstaaten Falcón und Lara, hatten wir eine Panne. So kann ich an meinem Foto des Rio Tocuyo, den meine Konquistadoren damals auf Flößen überquert haben. Nachdem sich ein halbes Dutzend Autos versammelt hatten, aber keiner weiter wußte, wurden wir abgeschleppt. Und irgendwie haben sie das Auto dann repariert, und wir erreichten den chaotischen Busbahnhof von Barquisimeto.

rio tocuyo
Die Brücke über den Rio Tocuyo, vgl. „Am Rio Tocuyo“ 05.05.2023

Und da ich mich recht gut an die Sitten und Gebräuche gewöhnt habe, kriegte ich sofort einen Lokalbus nach Quíbor, wo ich jetzt bin. Ich lasse meine Sachen waschen, war heute morgen bei einem der drei Schustern, der mir gratis ein Stückchen Sohle angeklebt hat – für eine halbstündige Unterhaltung als Gegenleistung. Der örtliche anthropologische Museum, das mich interessiert hätte, war völlig leer, bis auf ein einziges Bild einer Grabstätte. Ich hatte nach dem langen Tag gestern gut geschlafen: das Hotel ist zwar das billigste am Ort, hat aber eine gute Matratze. Dafür liegt es erstens an der Hauptverkehrsstraße, mein Fenster geht zur Tankstelle hinaus, und zweitens gewann leider gestern die einheimische Baseball-Mannschaft gegen die von Caracas. Baseball ist so verbreitet wie Fußball in Deutschland, und es gab die ganze Nacht einen Autokorso, und die Leute tanzten auf der Straße. Das ist eben Lateinamerika…

venezuela map
Ausschnitt aus der Karte Venezuelas, die ich damals benutzt habe. Meine Reiseroute 1998 folgte zunächst der Route der Konquistadoren im 16. Jahrhundert, soweit das möglich war. Südlich von Barinas bin ich dann nach Osten abgebogen.

Heute bin ich mit einem klapprigen Lokalbus in einen kleinen Ort gefahren und habe mir eine Hängematte gekauft, die leider nicht biller als 50 DM zu kriegen war. Sie ist das Geld wert das sind aber drei Tagessätze [meines Reisebudgets]… Ich hatte dafür ein paar interessante Unterhaltungen über die Geschichte der Gegend hier, und dabei gibt es einen Ort, in dem viele Leute blond sind und blaue Augen haben und der seit dem 16. Jahrhundert existiert – da fahre ich übermorgen hin.

hamaca
Meine Hängematte stammt aus Tintorero bei Quibor im venezolanischen Bundesstaat Lara. Das Mädel war im Verhandeln eisenhart und gefiel mir außerordentlich. Die Hängematten werden von einer Kooperative hergestellt und verkauft, und man hat dort Festpreise, was extrem un-südamerikanisch ist.

Ansonsten geht es mir blendend, der Gürtel läßt sich schon zwei Löcher enger schnallen.

Gruß Burkhard

buchtitel

Nachtrag:

In Quibor sprach es sich schnell herum, dass ich an der Geschichte des Ortes interessiert war. Irgendwann klopfte jemand an der Tür und sagte mir, er solle mich zu Dr. Tarquino Barreto führen, der ein Buch dazu geschrieben habe. Dessen Haus war grandios, eine Villa mit Atrium und kühlem Steinparkett, auf dem Katzen herumspazierten. Nachdem klar war, was ich wollte, schenkte er mir seine beiden Bücher.

buchauszug

LEGENDEN:

Das Geheimnis hütet ihr Geheimnis über die Ursprünge der Gründung von Quíbor; allein die von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Generation zu Generation weitergegebene Überlieferung hat die Legende bewahrt – denn anders kann man etwas, das nicht bewiesen werden kann, nicht nennen -, wonach eines Tages um die Mitte des 16. Jahrhunderts die deutschen Konquistadoren im Namen der Welser ihre Lager auf dem Land der Cuiba-Indianer, am Fuße der Serranía de Cubiro, aufschlugen, und zwar an dem Ort, den heute Buenavista de Cuara einnimmt, fünf Kilometer südlich der heutigen Ortschaft; dort blieb Lope Montalvo de Lugo mit einer Kompanie deutscher Soldaten zurück.

Wahrheit oder Legende? Sicher ist nur, dass in Cuara der Keim einer ethnologisch von den übrigen Bevölkerungsgruppen des Bundesstaates Lara verschiedenen Rasse zurückblieb: einer starken, arbeitsamen und genialen Rasse von gewalttätigem Charakter, mit großen und blonden Männern und Frauen, blauen Augen und einer ausgeprägten Ähnlichkeit mit der deutschen Rasse.

Dem Buch habe ich meine Romanfigur Lope Montalvo de Lugo entnommen.

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