Niña Campesina und anderes

nina
Postkarte aus Bolivien von einer meiner Ex-Loverinnen, 1984. „Niña Campesina“, Fotograf Tilo Avilés, Vilacayma (südlich von Cochabamba)

Nachmal zu der „Linken“ Lateinamerikas. Gestern hatte ich wenig Zeit und beließ es bei dem Satz: “ Die „Linke“ ist völlig hilflos und kümmert sich einen feuchten Kehricht um das, was die Leute umtreibt.“ Das Thema ist natürlich sehr kompliziert, und ich habe keine Patentlösungen.

„Die“ Linke gibt es natürlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten, zumindest in den Andenstaaten. Brasilien ist politisch ganz anders strukturiert, und die kleinen Länder wie Guyana oder Surinam passen ohnehin nicht in das Schema.

Hilfreich ist eine marxistische Klassenanalyse eingedenk der Tatsache, dass die Geschichte eine von Klassenkämpfen ist, die aber nur selten in reiner Form auftreten, sondern oft religiös oder anders kostümiert sind. Auch im Kapitalismus gibt es nicht nur idealtypisch Proletariat und Bourgeoisie. Es geht also darum, wer gegen wen und wer sich mit wem temporär verbündet.

Wir setzen voraus, dass in ganz Lateinamerika Kapitalismus herrscht – aber anders als in Westeuropa. Die Arbeiterklasse dominiert nirgendwo die politischen Konflikte. Die heftigsten Kämpfe gab es dann, wenn – wie beispielhaft in Bolivien – die „Linke“ sowohl proletarisch als auch „indigen“ war. Der Bergarbeiter in Bolivien waren – aus reiner Notwehr – perfekt organisiert und die einzige Klasse, die in der Lage war, den zahlreichen Diktatoren Widerstand zu leisten.

minero
Vgl. Cesar Lora, Isaac Camacha und die permanente Revolution, 31.11.2013

Alles, was sonst unter „indigen“ summiert wird und sich zeitweilig mit der städtischen traditionellen Linken verbündete, war fast immer kleinbäuerlich, wie zum Beispiel die klassische Klientel von Sendero Luminoso. Kleinbauern führen einen „reaktionären“ Abwehrkampf gegen Landraub, gegen Konzerne, gegen Zinsen, vom antiken Rom bis zum heutigen Indien. Kleinbauern waren während des chinesischen Bürgerkriegs die treibende Kraft, aber nicht die ideologische Avantgarde: Die Volkskommunen verwandelte sie später in Landarbeiter, so ähnlich wie die Kooperativen in Peru in den 80-er Jahren. Die „Linken“ machten also genau das, was der Kapitalismus auch plante, nur schneller.

Der Kapitalismus in Lateinamerika ist noch rückständig. Oft geht es nur darum, dass die herrschenden Klassen sich Land und Bodenschätze aneignen wollen – wie in Kolumbien und Venezuela oder Bolivien. Die „Linke“, wenn sie denn an der Macht war, verteilte die Güter nur anders, aber die Ökonomie blieb genauso wie vorher. Deswegen sind die gegenwärtigen Machthaber Venezuelas nicht „links“, auch wenn sie sich so geben. Natürlich muss jede herrschende Klasse, wenn sie nicht gerade die Diktatur als Herrschaftsform wählt, Zugeständnisse machen, um das Volk ruhig zu halten. Es kann also durchaus sein, dass eine „rechte“ Bewegung – also eine, die von den herrschenden Klassen sozial und politisch dominiert wird – klassische „linke“ Forderungen aufstellt. Das war bei der NSDAP auch nicht anders.

Das bedeutet: Eine radikale Transformation der Ökonomie – etwa Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien – ist in Lateinamerika nicht auf der Tagesordnung, weil es diese Industrien gar nicht gibt, nur Rohstoffe, Lithium in Bolivien, Öl in Venezuela und Ecuador.

In Kolumbien und Chile und im Norden Brasiliens ist die Migration (aus Venezuela) ein wichtiges Thema. Natürlich ist das weltweit ein „rechtes“ Thema, weil Verteilungskämpfe innerhalb der unterdrückten Klassen den Herrschenden in die Hände spielen. Wenn die „Linke“ aber dazu schweigt oder, wie in Deutschland, erwartet, dass „die da unten“ alle stillhalten, wenn ihnen von Einwanderern von dem wenigen, das sie haben, auch noch etwas weggenommen wird, dann wird sie kläglich scheitern.

Lateinamerika macht es vor. Aber man sollte nicht erwarten, dass irgendjemand etwas daraus lernt. Die gehen alle unter oder werden irrelevant wie die Mapai, die in Israel sogar die Regierung stellte.

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Kommentare

10 Kommentare zu “Niña Campesina und anderes”

  1. Godwin am Dezember 17th, 2025 10:41 p.m.

    naja naja
    zumindest bemühst du dich etwas…

    „Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien – ist in Lateinamerika nicht auf der Tagesordnung“

    die Ölindustrie wurden doch verstaatlicht
    https://de.wikipedia.org/wiki/Petr%C3%B3leos_de_Venezuela
    und
    https://www.tagesspiegel.de/internationales/trumps-eskalation-gegenuber-venezuela-wenn-maduro-kein-ol-mehr-exportieren-kann-konnte-ihn-das-dort-treffen-wo-es-wirklich-wehtut-15060648.html

    oder Bolivien
    https://www.bpb.de/themen/mittel-suedamerika/lateinamerika/44650/verstaatlichungspolitik-in-bolivien/

    „Kleinbauern führen immer einen „reaktionären“ Abwehrkampf“
    reaktionär meint bei dir wohl „nicht linken“ Kampf.
    Es stellt sich nun die Frage – soll linke Politik zunächst den „reaktionären“ Abwehrkampf“ mitführen, also FÜR die Interessen der Landbevölkerung eintreten, um damit eine Basis weiterer Entwicklung zu ermöglichen?
    Oder soll sie – in die linke in ihrer Middle-Class-Überheblichkeit wie du argumentieren, dass das halt „reaktionär“ sei und damit an den Interessen der Landbevölkerung vorbei agieren, wie du es der linken ja ständig vorwirfst??

    „wenn ihnen von Einwanderern von dem wenigen, das sie haben, auch noch etwas weggenommen wird“

    Spielt eine vermeintlich Nationale Herkunft in Südamerika tatsächlich eine ähnliche Rolle wie in den USA oder Europa??
    Also denkt man da tatsächlich, dass einen von „Einwanderern“ was weggenommen wird??

    Aufgrund der Geschichte inkl. massiver Sklaverei, ist dort doch gefühlt jeder mit jedem verwandt und kulturell ist man sich auch ausgesprochen ähnlich.
    Auch wenn die Südamerikaner, die ich bisher getroffen habe, aus den eher oberen Schichten stammten – aber irgendwie war alles südlich von Mexico gewissermaßen Eins…
    zumal sich die Armen einerseits einen Kampf jeder gegen Jeden führen – gleichzeitig aber recht schnell „einigen“…
    https://www.youtube.com/watch?v=Ppp324vtM00

    Im Grunde bestätigst du Orwell – auch der feine Linke will seine Privilegien nicht mit anderen Teilen.
    Natürlich werden wir von allen Seiten bzgl. der Migranten belogen.
    Aber sind die Migranten als Menschen nun wirklich das Problem, oder ist es nicht doch viel mehr die völlig beschissene Politik, die bezüglich Integration, Bildung usw. seit Jahrzehnten betrieben wird?
    Bis in die Neuzeit hinein waren doch mobile Arbeitskräfte Gang und Gäbe in Europa.
    Hier kollidieren doch zwei Dinge – die Notwendigkeit mobiler Arbeitskräfte (daher der Kampf um Freizügigkeit)
    und die hinterwäldlerische Angst vor allem Fremden.

    „Die kooperativen Arbeitsassoziationen sind ein neues Ereignis in der Geschichte; […].
    Es ist möglich und selbst sehr wahrscheinlich, daß sie eines Tages die Grenzen der Gemeinden, Provinzen und selbst der gegenwärtigen Staaten überschreitend der ganzen menschlichen Gesellschaft eine neue Verfassung geben werden, indem dieselbe nicht mehr in Nationen, sondern in verschiedene industrielle Gruppen geteilt sein würde, nach den Bedürfnissen der Produktion und nicht nach denen der Politik organisiert.“

  2. juri nello am Dezember 17th, 2025 11:13 p.m.

    Es gibt sicher immer gute Gründe, Parteinamen falsch zu schreiben und das den Amis zu zuschustern. Aber diesmal war es eben nicht der DÄP von der NSÄ.

  3. admin am Dezember 17th, 2025 11:31 p.m.

    Die Ölindustrie verwertet nur Rohstoffe. Verstaatlichung ist keine Vergesellschaftung.

  4. admin am Dezember 17th, 2025 11:37 p.m.

    Natürlich sind Bauern natürliche Verbündete der Linken, aber sie haben andere Interessen.

  5. blu_frisbee am Dezember 18th, 2025 12:35 a.m.

    Die Bourgeisie in Südamerika sind Nachfahren der
    ehemaligen Kolonialherren.
    guxtu https://nestormachno.alanier.at

    Venezuela leidet unter Ressourcenfluch.
    Die Raffinerien die venezolanisches Öl
    verarbeiten können stehen alle an der nordamerikanische Südküste (gehören Koch).
    Trump vertritt die Öllobby.

  6. Godwin am Dezember 18th, 2025 9:22 a.m.

    Du weichst aus.

    Die Frage lautet nach wie vor:
    Was tun?

    Steck doch mal ähnlich viel Aufwand in eine konstruktive Auseinandersetzung mit „linker Politik“ wie in deinen IsraelScheiß…

  7. nOby am Dezember 18th, 2025 6:50 p.m.

    admin am Dezember 17th, 2025 11:37 p.m.

    Natürlich sind Bauern natürliche Verbündete der Linken, aber sie haben andere Interessen.

    Nein, das hat Lenin erfunden und es den Bauern eingeredet. Danach kam Stalin und ließ die Bauern zum Wohle der Fabrikarbeiter verhungern oder gleich erschießen. Mao ging noch weiter, der glaubte, die Bewirtschaftung der Felder geht von alleine und beseit Zeitigte alle mit Erfahrung in der Bauerei.

    Bauern damals waren per se doof und dämlich. Mit denen hatte Lenin leichtes Spiel. Bei Mao war das anders. Dort war nur das Personal der Bauern doof und dämlich.

    In Venezuela läuft es heute ähnlich. Dort sind die Bauern ebenfalls doof und dämlich.

    In ’schland sieht das vollkommen anders aus. Federführende Bauern ohne Schulabschluß sind mittlerweile rar. Der heutige Bauer hat ein Diplom, manche einen Doktortitel. Ohne Computerberechnung und Wetterprognose rührt der keine Hand. Der heutige Bauer in ’schland ist der Feind der Linken und der Grünen. Der größte Bauer in ’schland ist die Dr. Oetker AG. Über 90% aller Zuschüsse der EU an die hiesige Agrarwissenschaft fließen in die Kasse von Oetker. Oetker ist so generös und kauf den Bauern das Land ab und läßt die dann das ehemals eigene Land kostenfrei bewirtschaften. Hätte das Lenin gewußt.

    Ein anderes Problem sind die reichen Arbeiter von VW. Die sind hier im Post allerdings kein Thema. Deswegen schreibe ich zu denen nichts.

    admin am Dezember 17th, 2025 11:31 p.m.

    Die Ölindustrie verwertet nur Rohstoffe. Verstaatlichung ist keine Vergesellschaftung.

    Das ist hohe marxistische Theorie. Verstaatlichung in der Ölindustrie läuft heute ganz anders. Das ist ein kaufmännisches Regelwerk das da abläuft. Ich nenne das „black rocken“. Die Bundesrepublik Deutschland und eine belgische Bank werden gerade ge„black rockt“. Die Feder führt „Unser Friedrich“.

    Nachmal zu der „Linken“ Lateinamerikas. Gestern hatte ich wenig Zeit und beließ es bei dem Satz: “ Die „Linke“ ist völlig hilflos und kümmert sich einen feuchten Kehricht um das, was die Leute umtreibt.“

    Was ist denn heute die Linke, wenn selbst CDU und CSU behaupten „wir sind Links.“ Die meinen damit wir stehen links der Mitte, aber das sagen die nicht direkt, weil wenn die behaupten wir stehen rechts der Mitte, dann wären die doch hinter der Brandmauer. Es ist aber bezeichnend was gerade in ’schland passiert.

    „Unserem Friedrich Merz“ dem Linken und seine linken politischen Helfer scheint der finanzielle Kollaps des Bundeshaushalt oder dem der EU völlig egal zu sein. Er versprach vor der Wahl den soliden Haushalt und nimmt stattdessen Schulden auf und begründet das mit der sich veränderten Situation im Tagesgeschäft. Dann interessiert auch nicht, so meine Erfahrung, ob Bürger für diese Summen irgendwann aufkommen müssen. Who cares. Es scheint mir, als steht das Wohl eine Investmentfirma aus den USA weit über dem Wohl eines Staatsvolkes, alles bizarr gedeckt durch Wertegelaber und Doppel- bzw. Pseudomoral und in Europa vermutlich einmalig, örtlich gesteuert durch eine Regierung.

    Ist das linke ’schland eigentlich im Sinkflug oder im Sturzflug?

  8. nOby am Dezember 18th, 2025 7:20 p.m.

    Nachschlag:

    Das mit den Indigenen erwähnst Du, die seien gut organisiert.

    Ja, ich verstehe Dich. Mangels Arbeiter nimmt der Marxist jetzt die Indigenen.

    Nein, die sind nicht gut organisiert im Sinne von Klassenkampf und Arbeiterrecht. Nur Exoten unter denen wissen überhaupt wer Lenin war oder Stalin oder Mao. Selbst den Che kennen nur die wenigsten.

    1. Auf jeden Indigenen, der sein Maul aufreißt, springt irgendwann eine ausländische Hilfsorganisation an. Das kann denen die sich gerne als Machthaber sehen wollen, ganz schnell zum Stolperstein werden lassen. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen z.B. die Machthaber in Haiti. Aber in Südamerika kann sich keiner deren Verhalten leisten. Das macht auch die Bevölkerung zumindest in den Städten nicht mit.

    2. 60 bis 70% der Kampftruppen dieser Länder bestehen aus Indigenen oder Bastarden. Wenn die ihre Verträge erfüllt haben, dann können die in der Regel tatsächlich kämpfen und sind keine Maulhelden wie die Bediensteten in europäischen Armeen und wechseln mangels Arbeitsgelegenheiten einfach die Seiten.

    3. Was bei uns die Clans sind, das sind in Südamerika die Drogenkartelle. Das sind Staaten im Staat. Deren Vollstrecker und Arbeiter sind oft Indigene. Von daher geht der Kampf gegen einen Machthaber oder ein anderes Kartell quasi fließend ineinander über. Du magst das als Klassenkampf interpretieren. Tatsächlich kämpft eine Armee gegen eine andere Armee um die Macht bzw. der eigenen Interessen. In Wirklichkeit sind das alles Verbrecher. Es gibt dort kein Recht. Jeder ist sich selbst der Nächste. Eine Ausnahme bilden die Privatarmeen der Ölgesellschaften oder ähnlich große Unternehmen der Privatwirtschaft in diesen Ländern. Aber selbst bei denen bestimmt derjenige über das Recht, der die Rechnung bezahlt.

  9. blu_frisbee am Dezember 18th, 2025 9:00 p.m.

    Geld ist Wette auf Gebrauchswert.
    Kredit ist Wette auf mehr Geld.
    >99% vom Geld sind Wetten,
    ein instabiles Kartenhaus.
    https://www.lrb.co.uk/the-paper/v46/n17/john-lanchester/for-every-winner-a-loser
    https://pluralistic.net/2025/12/18/self-licking-ice-cream-cone/
    https://www.youtube.com/watch?v=3hG4X5iTK8M

    Geld ist keine Sache
    sondern Verhältnis zwischen Personen.
    Eigentum ist nicht natürlich sondern Gewalt.

  10. blu_frisbee am Dezember 19th, 2025 12:35 a.m.

    Staatsverschuldung ist Popanz.
    Wer vor Staatsverschuldung Angst hat sollte
    erst recht Angst vor Kapitalismus haben.
    https://www.youtube.com/watch?v=9IleGQVWnC8

    Menschen sterben, ihre Schulden mit ihnen.
    Das selbe gilt für Firmen.
    Staaten können nicht sterben.
    Zuletzt bleibt dem Staat Währungsreform.

    Sämtliche kapitalistischen Unternehmungen
    laufen auf Kredit. Auch Staaten.
    Kapitalismus ohne Kredit gibts nicht.
    Wer soll den Plunder kaufen, woher kommt Profit?
    Krypto & KI sind letzter Versuch eines Ponzi.

    Die Indigenen erinnern noch Gemeinwirtschaft.
    Die wohlfeilen Preise kapitalistischer Waren
    verdeutlichen den stummen Zwang zur Arbeit.

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