SAIS Túpac Amaru, revisitado

[Reprint: Burks.de, 24.3.2011]

SAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac AmaruSAIS Túpac Amaru

Die fetten peruanischen Schafe auf dem untersten Foto haben im Jahr 1979 mein komplettes Weltbild über den Haufen geworfen – mit weitreichenden Konsequenzen; sogar der große Vorsitzende Mao Zedong musste in die Mülltonne. Aber der Reihe nach.

Ich stieg in Lima, der peruanischen Hauptstadt, in den Zug nach Huancayo, hoch in den Anden. Von einem Deutschen hatten wir gehört, es gebe dort irgendwo in der Bergen eine landwirtschaftliche Kooperative, die SAIS Túpac Amaru (La Sociedad Agrícola de Interés Social “Tùpac Amaru” Ltda.. Nº 1). Die Bahn war damals noch die höchste der Welt. „Im September 1892 konnte der erste Zug der Ferrocarril Central Andino von Lima nach Oroya befahren. Diese Bahnlinie war bis 2005 die höchste normalspurige Eisenbahnstrecke der Welt mit einem Scheitelpunkt bei 4781 m ü. NN bei La Galera.“ (Wikipedia). (Video)

Ich habe die Kooperative auf der Karte zunächst nicht wiedergefunden; der Name der Bahnstation mit der beeinduckenden geologischen Formation war mir entfallen. Nach einer kleinen Suche bin ich mir sicher, dass es Canchayllo war, in dessen Nähe die SAIS liegt, und die Bahnstation heisst Pachacayo (4. Bild von oben).

Die Kooperative bestand damals aus 17 Dörfern, die sich zusammengeschlossen hatten, vergleichbar der chinesischen Volkskommune. (Wie überall in den Anden war auch die Kooperative umzingelt von Ruinen aus der Inka-Zeit. Ich bin da auf dem Foto zu sehen.) Die linke Militärregierung Perus unter General Juan Velasco Alvarado startete 1969 eine Agrarreform. Der US-amerikanische Besitzer der großen Hazienda auf dem Gebiet der heutigen Genossenschaft war enteignet worden. (Vor dem Dorf standen noch einige kleine konfortable Häuser, in denen deutsche „Entwicklungshelfer“ gewohnt hatten, denen die Wohnungen der Bauern „zu primitiv“ gewesen waren und die sich zunächst eigene Häuser bauen ließen, die heute als Gästehäuser dienen.)

Die Agraringenieure der SAIS erzählten die Geschichte, und ich war selbstredend zunächst von dem Konzept begeistert, zumal die Schafe der Kooperative fetter als die der privaten Bauern (2. Bild von unten) waren, das Gras grüner, und auch landwirtschaftliche Maschinen gab es, die sich ein Kleinbauer im Hochland nie hätte leisten können. Die Bauern, rund 1000, die sich der Kooperative angeschlossen hatten, wurden zu Landarbeitern, die bezahlt wurden. In meinem Reisetagebuch habe ich notiert, dass ich eine Broschüre zu lesen bekam: „SAIS – Creation de la Revolution Peruana“. Eine linke Revolution, die Erfolge vorzeigen könnte – und alles schien ähnlich revolutionär wie in China – mein Weltbild wurde bestätigt. Was konnte also noch schiefgehen?
cooperative
Irgendwann merkte ich, dass die Ingenieure und offenbar auch die Bauern in zwei Lager gespalten waren – die einen gaben bereitwillig Auskunft, die anderen verweigerten jegliches Gespräch. Dann erzählte uns jemand, es habe vor kurzem eine Dorfbesetzung gegeben – von Bauern, die noch Besitztitel auf ihr Land hatten und das offenbar von der Kooperative zurückwollten. Hinter dieser Kampagne standen einige linke Organisationen und offenbar auch, so wurde gemunkelt, die Guerilla Sendero Luminoso. (Deren Anführer gingen erst 1980 in den Untergrund. Ich konnte zum Jahreswechsel 1979/80 noch offen mit deren Sympathisanten in Aycucho, der späteren Hochburg der Guerilla, diskutieren.)

Also wie war das jetzt? Eine linke Militärregierung enteignet die Gringos, macht eine Agrarreform und produziert besser und mehr und kollektiver – und die Revolutionäre sind dagegen?

Je mehr ich darüber nachdachte, um so komplizierter wurde das. Die Kooperative zahlte viel Steuern an den Staat; es war eigentlich ein kapitalistisches Unternehmen, das Profit machen musste. Den Bauern ging es ähnlich wie den vielen armen und landlosen preussischen Bauern, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin zogen und dort Proletarier wurden. Sie hatten nichts mehr, ausser ihrer Arbeitskraft, und die mussten sie auf dem Markt verkaufen, „geben“. (Der Arbeiter ist eigentlich der Arbeit“geber“, nicht der Kapitalist, der nimmt die Ware Arbeitskraft.)

Langer Rede kurzer Sinn: Später in Bolivien bekam ich noch mehr Informationen, wie man es auch hätte machen können. Dort griff die Linke auf kollektive Konzepte der landwirtschaftlichen Arbeit zurück, die eigentlich von den Inkas stammen, unter anderem etwas, das in Deutschland als Allmende bekannt ist. („Die Allmende ist jener Teil des Gemeindevermögens, der nicht unmittelbar im Interesse der ganzen Gemeinde zur Bestreitung derer Ausgaben verwandt wird, sondern an dem alle Gemeindemitglieder das Recht zur Nutzung haben.“)

„Links“ bedeutete also nicht, der Landbevölkerung irgendwelche superklugen Konzepte überzustülpen, ihnen gar zu „helfen“, weil Bauern bekanntlich blöd sind, oder zwangweise den gut gemeinten Staatskapitalismus einzuführen, der sich auch als „Sozialismus“ kostümieren kann wie in der DDR, sondern den Bauern zuerst einmal zuzuhören, was die eigentlich wollen. Die sind nämlich gar nicht blöd.

Jedenfalls waren die Schafe der peruanischen Kooperative der erste Schritt, der mich aus dem Politsektentum herausbrachte.

Kommentare

10 Kommentare zu “SAIS Túpac Amaru, revisitado”

  1. Messdienern am Juli 8th, 2018 8:53 pm

    …den Bauern/Lesern/Studenten/Frauen/Marginalisierten/Bonzen/Obdachlosen/Migranten zuerst einmal zuzuhören, was die eigentlich wollen….

  2. Martin Däniken am Juli 8th, 2018 11:18 pm

    Dieses Maß an /Zuhören/Empathie darf man grossen Theoretikern nicht anmaßen zuhaben von den Nachbetern erst recht nicht!
    Erst kommt die Theorie und dann die Realitätsanpassung durch Worte und Taten..

  3. andreas am Juli 9th, 2018 12:13 am

    Ich will Paddelbilder sehen, nix lernen.

  4. Wolf-Dieter Busch am Juli 9th, 2018 12:37 am

    Der Austritt aus den Politsekten kann aber nur ein erster Schritt sein. Als nächstes tritt bitte aus aus der Sekte der Antideutschen. Lieber spät als nie.

  5. admin am Juli 9th, 2018 1:56 am

    Ich bin nur Sympathisant ;-)

  6. Godwin am Juli 9th, 2018 11:16 am

    Eine Erfahrung, die man den meisten sog. Linken gönnen würde. Realitäts-Check und so…

    Passt iwie auch dazu
    http://www.taz.de/!5516398/

  7. Werwolf am Juli 9th, 2018 1:37 pm

    https://www.taz.de/!5516398/

    Wer Sternchen in Substantive schmuggelt, riskiert für nicht ganz dicht genommen zu werden oder wird nicht zu Ende gelesen.

  8. Martin Däniken am Juli 10th, 2018 2:37 am

    Irgenswann fallen einen die Gendersternsken garnicht mehr auf…entweder weil man sich daran gewöhnt hat oder weil es wichtigeres gibt….

    „Spalter,Spalter!“

  9. hans weigl am Juli 10th, 2018 12:32 pm

    bauern sind nicht blöd. deshalb brauchen die auch keinen betreuer, der ihnen zuhört, sondern regeln ihre geschäfte nach guter alter kapitalistenart. dumm gelaufen…

  10. Viehzeug beim Chillen : Burks' Blog am Juli 17th, 2018 11:38 pm

    […] hiesige Leser Andreas ist schuld: Ihr wolltet Paddelbilder sehen, nix lernen. Was also hat die obige Kuh auf den […]

Schreibe einen Kommentar