Vom Hellweg zum Hixterwald

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Wenn man in den Kleinstädten im Ruhrpott herumwandert, ist es gar nicht anders als in Dörfern Südamerikas: Wo keine Touristen hinkommen, nimmt man von jedem, der zu Fuß unterwegs ist, an, er sei Einheimischer und wohne da. Ich hatte mich entschieden, die schlappen sechs Kilometer von Unna nach Holzwickede zu laufen, eingedenk der Tatsache, dass ich in Lateinamerika mit einem 20 Kilo schweren Rucksack unterwegs war und selbst bei 15 Kilometern Fußmarsch bei 35 Grad im Schatten nur mit den Achseln gezuckt habe.

Als ich an einer Trinkhalle (so heißen Kioske hier) vorbeikam, am Ende der Massener Straße in Unna, grüßte mich ein alter Mann freundlich und nickte mir zu. Das würde mir in Berlin bei Unbekannten eben nicht passieren, in touristenfreien Dörfern Perus oder Boliviens sehr wohl.

Ich marschierte also auf der alten Römerstraße Hellweg, die später die Reichs- bzw. Bundesstraße 1 wurde. Zwischen Unna und Holzwickede ist nur noch ein Fußweg neben der neuen Straße entlag des Hügelkammes erhalten, der am Flughafen Dortmund verschwindet. Natürlich war ich allein, niemand läuft dort zu Fuß. Die alte Salzstraße wird schon 5000 Jahre genutzt, sogar Ptolemäus erwähnt sie. Was mag da alles vorgefallen sein? Ich habe mir eine römische Legion vorgestellt und mittelalterliche Kutschen, die mit der Steigung ihre Mühe gehabt haben werden.

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Nicht nur die turmhohen Pappeln sind verschwunden, die den Hellweg einst säumten und sogar von den Dörfern Hengsen und Opherdicke aus zu sehen waren, auch die alte Kolonie südlich des Hellwegs, eine Reihe von Bergarbeiterhäuschen, die in meiner Kindheit noch existieren. Ich wurde immer davor gewarnt, dort zu spielen, weil die Leute, die dort wohnten, keinen guten Ruf hatte. Nur eine Handvoll alter Häuser duckt sich im Schatten des Flughafens, der heute alles niederwalzt.

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Die Nordstraße (oben) war das Revier meiner Kindheit,freifunk im Haus Nummer 2 wurde ich geboren, Ich ließ es mir heute nicht nehmen, in der Bäckerei gegenüber, die früher Schopp hieß, Rast zu machen.

„Freies WLAN“ stand an der Tür, hurra! Ein Vorposten der Zivilisation! Das ist bei der Kette „Bäckerei Grobe“ offenbar Standard, wie man mir sagte. Deshalb kommt sie gleich zwei Mal vor. Und auch der Inhaber des Hotspots nebenan ist nicht von gestern.

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Das „eigentliche“ Holzwickede beginnt südlich der Bahn, und Völkerkundler würden sich für die herzliche Abneigung zwischen „Südseitlern“ und „Nordseitlern“ interessieren, die niemand zugibt, aber in der oral history sehr wohl vorkommt. Das Gasthaus „Zum Adler“ hinter der ersten Kurve ist eines der imposantesten Häuser der Gründerzeit und bietet heute ganz kosmopolitisch japanische, chinesische und mongolische (!) Küche an. Indisch hätten sie eigentlich auch noch dazunehmen können.

So eine 10000-Seelen-Gemeinde hat nur eine „richtige“ Hauptstraße, aber ihr Zweck wird heute verfehlt. Händler und Handwerker sind kaum noch da, Häuser stehen leer, und Rechtsanwälte und vergleichbare Dienstleister machen sich breit. Nur das Rathaus (oben) ist eine Augenweide.

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Ja, der Lünschermannsweg (unten) an der ehemaligen Hengser Straße. Ein Foto ist Pflicht, wie schon wie hier (Oktober 2014), hier (24.10.2014), hier (Juli 2012) und hier (März 2012) und hier (November 2011) und hier (Juli 2011). Und auch der Hixterwald.

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Kommentare

6 Kommentare zu “Vom Hellweg zum Hixterwald”

  1. Christian Lucks am Oktober 22nd, 2015 10:22 pm

    Holzwickede ist bekannt für die Emscherquelle.

    Sollte man gesehen haben. Parallel zur Escher gibt es einen ausgebauten Emscherradweg den man natürlich auch per pedes erkunden kann

  2. admin am Oktober 23rd, 2015 9:40 am
  3. andreas am Oktober 23rd, 2015 1:11 pm

    Trinkhallen entstanden aus anderen Gründen als Kioske, deren Ursprung in islamischen Ländern ist.

  4. Andreas Heidemann am Oktober 26th, 2015 11:51 am

    Was die Geschichte des Hellwegs angeht, möchte ich hier mal korrigierend eingreifen: Die alte Provinzialstraße, die später zur B1 wurde, ist nicht auf der Trasse des alten Hellwegs entstanden, sondern einige hundert Meter südlich davon. Und wieder etwas südlich davon ist noch später die Autobahntrasse hinzugekommen.

    Noch heute sind am alten Hellweg die Raststationen sichtbar, die die beschwerlichen Tagesetappen zu Fuß, mit Eseln, Ochsen- und Pferdekarren markieren: Unna, Werl, Soest, Gesecke, Salzkotten, Paderborn, im schön gesetzten Abstand sind die größeren Stationen im Abstand für den Troß des Königs. Körne, Wambel, Asseln, Brackel, Wickede, Massen markieren z. B. auf der Strecke von Dortmund nach Unna die Stationen für die langsameren Handelsreisenden. Wunderbar zu sehen z.B. auf der alten topografischen Karte des Jahres 1839 (http://www.geschichtswerkstatt-holzwickede.de/fileadmin/Archivgut/Karten/gekachelt/1839%20-%20TK25-4411/index.html).
    Auf dieser Karte ist dann auch gut zu sehen, wie die Strecke der Provinzialstraße / B1 vom Hellweg nach Süden verschwenkt. Die „Köln – Berliner Straße“ verlässt nach Unna die alte Hellwegtrasse (die nach Dortmund weiterführt) und schwenkt nach Süden, Richtung Hagen, Fernziel Köln. Das Rheinland war preußisch.

  5. admin am Oktober 26th, 2015 8:13 pm

    @andreas: vielleicht sind die doch oben auf dem Hang entlanggezogen, und die Raststationen waren unten, wie heute eine Ausfahrt zu einem „Autohof“ auf der Autobahn :-)

  6. Der Bäcker mit dem Freifunk, revisited : Burks' Blog am Oktober 18th, 2016 3:57 pm

    […] im Vorjahr: Freies WLAN und Kuchen beim Bäckermeiser Grobe (in meiner Kindheit: Schopp) in der Nordstrasse. […]

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