Soziales Konformitätsverlangen oder: Ist Currywurst links?

currywurst

Nach der Regel der Distanzierung vom physiologisch Ursprünglichen (bzw. der ‚Reinheitsregel‘) gilt, daß mit wachsendem Druck der sozialen Situation auf die an ihr beteiligten Personen das soziale Konformitätsverlangen dahin tendiert, sich durch die Forderung nach strikter Kontrolle der körperlichen Funktionen auszudrücken.*

„Das Wort vegan geht auf den Engländer Donald Watson zurück, der 1944 die Vegan Society gründete, eine Abspaltung der englischen Vegetarian Society (Vegetarier-Gesellschaft).“ Über Donald Watson lesen wir: „Zu welchem Zweck die Schweine dienten, erkannte er, als er sah, wie eines geschlachtet wurde – was sein Leben grundlegend veränderte. (…) Außerdem lehnte er jeglichen Konsum von Alkohol, Zigaretten oder anderen Suchtmitteln strikt ab.“

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Veganismus ist eine Form der protestantischen Askese und politisch reaktionär, was viel über das Lebensgefühl der Pseudolinken hier in Deutschland aussagt, unter denen diese esoterische Religion zur Zeit grassiert.

„Askese“ ist ein komplizierter Begriff und natürlich nicht auf den Protestantismus beschränkt. Im Prinzip geht es um Magie: Man verzichtet auf etwas in dem Glauben, die Götter seien einem dann gewogen. Die Askese ist ethnologisch verwandt mit dem Opfer. Magisches Verhalten dient insbesondere dazu, eine Gruppe und ein soziales Milieu zu schaffen, dessen Mitglieder sich untereinander erkennen wollen, „ein Milieu, das (…) von anderen Milieus abgegrenzt und unterschieden werden soll. Streng genommen genügen eine einfache Haltung, ein Gemurmel, ein Wort, eine Geste oder ein Blick, um anzuzeigen, daß dieses Milieu vorliegt.“**

Es reicht also nicht, nur bestimmte Vorschriften zu beachten, was die Nahrung betrifft, sondern es geht um ein Lebensgefühl, das sich in jedem Detail der Attitude wiederspiegelt: Wer heutzutage vegan isst, mag auch Wursthaare, wird vermutlich kaum ein traditionelles Holzfällerhemd oder ein Kostüm tragen und weiß, was ein „Plenum“ (Latein!) ist.

Der Kapitalismus ist bekanntlich nicht in einer „Krise“, sondern die Krise ist ein Feature desselben: Die Armen sollen ärmer werden und die Reichen reicher, weil der tendenzielle (nicht der absolute!) Fall der Profitrate das Kapital in „konjunkturellen Schüben“ dazu zwingt, die Löhne zu senken, eine industrielle Reservearmee auf Vorrat zu halten, um das Proletariat zu disziplinieren, und sich neue Ressourcen und Märkte zu erobern, um die Profite zu garantieren.

Vegetarisch zu leben oder gar vegan, ist teuer. Die Armen können sich das gar nicht leisten. Ich meine nicht die relativ Armen in Deutschland, wo niemand verhungern muss, sondern die wirklich Armen in aller Welt, denen es nicht darum geht, die Nahrung als Teil der Attitude zu verstehen, mit der man ausdrücken will, gut zu sein, sondern die schlicht nichts zu fressen haben und sich sorgen müssen, dass sie nicht verhungern. Man isst das, was es gibt, weil man es sich nicht aussuchen kann. Um vegan zu essen, braucht man ein spezielles Geheimwissen, welche Nahrung woraus hergestellt ist. Bolivianische Bergleute kann man das nicht fragen – die essen eben Cuy und kauen Koka-Blätter.

Der Veganismus-Asketismus ist eine neue Form des Opium des Volkes, wie die Esoterik insgesamt: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist“.“ Man protestiert nicht gegen die Produktionsverhältnisse, sondern dagegen, wie Tiere behandelt werden, weil man sich Ersteres nicht traut.

Wer vegan isst, ist auch mit großer Wahrscheinlichkeit für „fairen“ Lohn und „fairen“ Handel, hat also von Ökonomie keine Ahnung.

Interessant ist es zu beobachten, dass dieser Lebenstil vor allem von Leuten gepflegt wird, die eben nicht arm sind, sondern priviligiert, von Studenten etwa, die besonders in Deutschland vorwiegend aus den bürgerlichen und sozial abgesicherten Schichten stammen. Diese Milieus haben etwas zu verlieren. Die Angst vor dem sozialen Abstieg führt bei denen eben nicht dazu, sich gegen die Verhältnisse zu empören, was auch dazu führen würde, dass sie ihre eigenen Privilegien verlören, sondern zum Zwang, sich innerhalb des Milieus konform zu verhalten. Wer meint, dass man sich an Regeln halten müsse, damit man auf der sicheren Seite sei, gehört weder der herrschenden Klasse an noch zu denen, die wirklich die Systemfrage stellen. Ich schrieb dazu 1998: Nur die Mittelschichten fordern von allen anderen, sich an Regeln zu halten, weil sie „Angst vor dem Absturz“ (Barbara Ehrenreich) haben. Wer aufsteigen will, muß die Werte der Gesellschaft verinnerlichen und sich selbst kontrollieren.

Iss vegan, kontrolliere dich selbst freiwillig beherrsche dich, und tue Gutes! Gib den Armen etwas und kümmere dich um Flüchtlinge (aber nicht um Alte, die in Heimen dahinvegetieren oder um Obdachlose – die sind nicht sexy genug, um Mitleid zu erregen)!

vegan

*Mary Douglas: „Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur. Frankfurt am Main 1974, S. 3 – eines der interessantesten und klügsten Bücher, das ich besitze.
**Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie Band I: Theorie der Magie – soziale Morphologie, München 1978, S. 83

Miszellen im Klassenkampf

revolution

„Links sein heißt kein Vaterland haben, nicht um einen nationalen Standort in der Welt rangeln, sondern denen, die in diesem System das Sagen haben, die Pest an den Hals zu wünschen.“ (Thomas Ebermann)

Popular Resistance (USA): Die New York Times veröffentlicht keine Nachrichten, die die venezolanische Regierung in ein gutes Licht rücken.
The New York Times cracked open a window for a change and let a little truth into their pages when they published an editorial by Venezuelan President Nicolas Maduro, titled Venezuela: A Call for Peace. However, since then they have refused to print any favorable letters in solidarity with the country’s elected government. Rather, they have been printing attacks by such writers as House Foreign Affairs Chairman Ed Royce, Senator Marco Rubio and Julio Borges of the US funded opposition group Primero Justicia. We need to flood the New York Times, both to get our letters published and, if that fails, to illustrate their bias.

Dazu passt: Venezuela: When Corrections Are The Most Important News (…) It says something about overall media coverage of a subject when some of the most important news appears in the form of corrections.

Es wäre schön, wenn es in Deutschland eine Website wie Popular Resistance gäbe – hierzulande ist die Kritik der Medien eher unpolitisch.

By the way – heute auch eine gute Nachricht. Da hatte doch die Gewerkschaft ver.di einmal eine nette Idee im Klassenkampf (Flashmob!), und das Bundesverfassungsgericht hat nichts dagegen:
Die im Ausgangsverfahren beklagte Gewerkschaft veröffentlichte während eines Streiks im Einzelhandel im Jahr 2007 ein virtuelles Flugblatt mit der Frage „Hast Du Lust, Dich an Flashmob-Aktionen zu beteiligen?“, bat Interessierte um die Handy-Nummer, um diese per SMS zu informieren, wenn man gemeinsam „in einer bestreikten Filiale, in der Streikbrecher arbeiten, gezielt einkaufen gehen“ wolle, „z. B. so: Viele Menschen kaufen zur gleichen Zeit einen Pfennig-Artikel und blockieren damit für längere Zeit den Kassenbereich. Viele Menschen packen zur gleichen Zeit
ihre Einkaufswagen voll (bitte keine Frischware!!!) und lassen sie dann stehen.“ (…)
Der Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG ist nicht auf Streik und Aussperrung als die traditionell anerkannten Formen des Arbeitskampfs beschränkt. Die Wahl der Mittel, die die Koalitionen zur Erreichung ihrer koalitionsspezifischen Zwecke für geeignet halten, überlässt Art. 9 Abs. 3 GG grundsätzlich ihnen selbst.

Interessant und Comedy-reif ist die Idee des Klägers, des Handelsverbands Berlin-Brandenburg e.V. (HBB), der einer Gewerkschaft vorschreiben will, was sie im Klassenkamopf zu tun habe und was nicht. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

An die Nachgeborenen: Die deutschen Gewerkschaften haben zur Zeit der Berufsverbote und des sogenannten Radikalenerlasses (1972) massenweise kritische und linke Gwerkschaftler ausgeschlossen und praktizieren das teilweise heute noch, wenn die Betreffenden zu „links“ sind. Grundlage hierfür bilden Beschlüsse über „linksextremistische Gruppen“ von 1973 und 1976, die immer noch in Kraft sind. Die SPD hatte schon 1925 damit begonnen, Linke auszuschließen. Ihr könnt nicht sagen, ihr hättet es nicht gewusst.

Wer also den korrekten Begriff für soziale Kämpfe – „Klassenkampf“ – benutzt, wie ich, taucht im freiwillig selbstkontrollierten öffentlichen Diskurs nicht auf und darf auch nicht zitiert werden, weil dieses K-Wort – wie auch „Kommunismus“ – einen sofort ins sektiererische soziale Abseits stellt.

Wie so etwas funktioniert, finde ich immer wieder spannend, vor allem auch deshalb, weil sich die Akteure oft dessen gar nicht bewusst sind.

Vorratsdatenspeicherung vorerst gestoppt

Entscheidung des Gerichtshofes der Europäischen Union (pdf): „Der Gerichtshof erklärt die Richtlinie über die Vorratsspeicherung von Daten für ungültig. Sie beinhaltet einen Eingriff von großem Ausmaß und besonderer Schwere in die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens und auf den Schutz personenbezogener Daten, der sich nicht auf das absolut Notwendige beschränkt.“

Afrika ist überall oder: Kamikaze Economics and the EU’s leg breaker

ucraine

Bildquelle (Ausriss): „Royal United Services Institute for Defence and Security Studies

William K. Black in New Economic Perspectives (via Naked Capitalism) über „The Kamikaze Economics and Politics of Forcing Austerity on the Ukraine“:
„Unpopular austerity measures“ are, of course, among the best things Ukraine can do to aid Russia’s effort to „destabilize“ the Ukraine. (…) „So, our strategy is to play into Putin’s hands by inflicting austerity and turning the Ukraine into “a Western hell.“ Not to worry says our man in Kiev, because he’s sure that ten million ethnically-Russian citizens of Ukraine will gladly „pay the price of independence” to live in “a Western hell.“ That strategy seems suicidal.

Zentrale Aussage: „The IMF serves as the EU’s ‚leg breaker‘ for the Ukraine.“

Schon klar.

Sehr empfehlenswert und erhellend über das „Wer? Wen? Warum? ist das „Briefing Paper“ (pdf) vom „Royal United Services Institute for Defence and Security Studies“ (via Fefe) von Igor Sutyagin and Michael Clarke: „Ukraine Military Dispositions – The Military Ticks Up while the Clock Ticks Down“. Die Autoren analysieren, warum es eher wahrscheinlich ist, dass Russland bestrebt ist, die Ukraine aufzuspalten – wie es der Westen mit dem ehemaligen Jugoslawien gemacht hat. Es geht natürlich wie immer nur um die Ökononmie:

.. Russia’s Gazprom has taken control of all Ukraine’s off-shore oil and gas fields in the Sea of Azov. Previously, European companies had been promised licenses to operate in these areas, so Gazprom could face some legal challenges. Nevertheless, an eastern corridor into Crimea from the Russian homeland would cut Ukraine off from the Sea of Azov and make it part of Russian territory. The long-running dispute over the Kerch Strait would also be removed by such an annexation of territory.

Der Internationale Währungsfond möchte also sicherstellen, dass der Plan der neuen „Regierung“ der Ukraine gelingt, die Öl- und Gasvorkommen im Asowschen Meer an internationale Konzerne zu verscherbeln.

Ein weiterer Punkt ist, dass die russische Militärindustrie zu einen relevante Teil von Importen aus der Ukraine abhängt:
Some 30 per cent of Ukrainian military exports to Russia are unique and cannot currently be substituted by Russian production. Russia’s heavy intercontinental ballistic missiles (the SS-18 ICBMs) are designed and produced by the Yuzhmash combine in Dnepropetrovsk. SS-18s are regularly checked and maintained by Yuzhmash specialists. Two other strategic missile systems – the SS-25 (RT-2PM Topol) and the SS-19 (UR-100 NUTTKh) – are designed and produced by Russian-based enterprises, but use guidance systems designed and produced in Ukraine by the Kharkiv-based Khartron Scientific-Industrial Combine. The SS-18, SS-19 and SS-25 currently make up some 51 per cent of Russia’s overall strategic nuclear-weapons inventory and over 80 per cent of that of Russia’s Strategic Rocket Forces specifically. In addition, some 20 per cent of the natural uranium currently consumed by Russia’s nuclear industry, both for civilian and military purposes, comes from Zholti Vody in Ukraine.

Sehr hübsch auch die Pointe, dass der ukrainische Konzern Yushmash, vom dem die interballistischen Raketen Russlands hergestellt werden, im letzten Jahr einen Kooperationsvertrag mit der deutschen Firma Claas abgeschlossen hat – natürlich nur über „landwirtschaftliche“ Maschinen.

The Russian air force is also critically dependent on the Ukrainian defence industry.

Und so weiter. Es sieht also gar nicht so aus, dass die Ukraine so bleiben wird, wie sie ist. Dazu sind die Kapitalinteressen in Ost und West zu gegensätzlich. Ich tippe darauf, dass sich die Ukraine in eine Art Bosnien-Herzegowina verwandeln wird, die westlichen Teile als Marionette der westlichen „Märkte“, und die östlichen und südlichen Teile abhängig oder okkupiert von Russland, flankiert von einem Mafia-Staat Moldawien, nach dem Vorbild Albaniens. Weißrussland aka Belarus wird sich eh irgendwann wieder Russland anschließen.

To suggest these scenarios for the sake of capturing the production at these various plants would be a very nineteenth-century way of looking at a twenty-first century relationship.
However, even that cannot be ruled out in current circumstances.

Im 21. Jahrhundert ist die altmodische imperialistische Art, Staaten zu erobern, um an deren Rohstoffe zu gelangen, nicht mehr opportun. Der US- und EU-Imperialismus haben es im Irak, in Libyen und Syrien vorgemacht, wie das heute geht: Man unterstützt lokale Terroristen oder „Rebellen“ mit Waffen, um die unerwünschte Regierung zu stürzen, um dann im geschaffenen und erwünschten Chaos mit den lokalen Warlords Deals abzuschließen. Afrika ist eben überall.

Tut mir leid, dass diese Fakten in den hiesigen Mainstream-Medien nicht so vorkommen und dass ich die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser mit ausländischen Texten quälen muss. Aber im „Handelsblatt“ oder in anderen Lobby-Publikationen der so genannten „Volkswirtschaftler“ erfährt man ja bekanntlich nichts über ökonomische Tatsachen und Kapitalinteressen.

Wir werden nicht vergessen – hoffentlich

krankenhaus am urban


Relax and do some yoga, Moscow tells sanctions-waving US leaders

Novosti: Der russische Vize-Außenminister Sergey Ryabkov gibt Ratschläge an hyperventilierende US-amerikanische Politiker:

„What can we advise our American colleagues to do? Spend more time outdoors, do some yoga, have healthy food, probably, watch more comedy series on TV. That would be better than working yourselves and others up, knowing that the train is already departed and that no tantrums, crying and hysterics can help,“ he added.

Die englische Überschrift „waving US-Leaders“ macht die Sätze noch cooler, als sie eh schon sind. Schön ist auch die Zusammenfassung im Guardian:
Ryabkov accuses Americans of ‚childish tantrums‘ after they responded to crisis with sanctions. (…) „The situation is turning into a joke when, for example, meetings between meteorologists are cancelled,“ said Ryabkov.

Muahahahaha.


Ein Reaktionär mit guter Frisur

Portal america21.de: „In der Europäischen Union wächst der Widerstand gegen die aggressive Haltung deutscher Diplomaten gegen die linksgerichtete Regierung von Venezuela. Nach vertraulichen EU-Dokumenten, die amerika21.de vorliegen, sind deutsche Diplomaten in Fachgremien des Europäischen Rates mit dem Versuch gescheitert, politische Sanktionen gegen das südamerikanische Land zu erlassen.“

Das dortige Außenministerium hatte sich laut diplomatischen Quellen bereits vor Wochen bei Außenminister Frank-Walter Steinmeier über den deutschen Botschafter Walter Lindner beschwert. Nach Ansicht des venezolanischen Außenamtes hatte der gebürtige Münchner in Interviews mit den regierungskritischen Tageszeitungen El Nacional und El Universal Vergleiche zwischen der aktuellen Lage in Venezuela und dem NSDAP-Regime gezogen.

Bei solchem diplomatischen Personal muss man sich im Ausland manchmal schämen, ein Deutscher zu sein. Man sieht: Auch Menschen mit guter Frisur können Reaktionäre sein.

Soziale Verwerfungen

Guter, aber leider linkfreier Artikel in der taz über die Interessen der EU in der Ukraine und wer davon profitierte oder nicht:

Janukowitschs „Partei der Regionen“ bestehe „weitestgehend aus den Arbeitnehmern im produzierenden Gewerbe“. Diese seien zunächst am stärksten von den sozialen Einschnitten betroffen, die mit den EU-Reformvorgaben verbunden seien. Die EU empfehle unter anderem, 29 Kohlegruben bis 2016 zu schließen, es werde in der Folge zu „sozialen Verwerfungen“ kommen. Diese würden noch dadurch verschärft, dass – anders als für EU-Beitrittskandidaten – keine EU-Finanzhilfen zur Abfederung bereit stehen. Der als besonders leistungsfähig geltenden ukrainischen Landwirtschaft wiederum werde „nur in sehr beschränktem Umfang Zugang zum europäischen Binnenmarkt“ gewährt.

Jetzt wissen wir, was Klitschko und Konsorten wollen.

Der Artikel der taz fußt auf einem Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung vom August 2011. Warum wird dieses Gutachten nicht verlinkt, oder ist das ein Geheimwissen, dass die Autorin Ulrike Winckelmann nicht mit uns teilen möchte? Ich habe zwar eine Übersicht über vergleichbare Gutachten gefunden, von der Friedrich-Ebert-Stiftung (pdf) gibt es aber nur eines von diesem Jahr: „The future of EU-Ukraine relations : four scenarios / Scenario Team EU-Ukraine 2030“ – Berlin 2014. Oder liegt der Fehler bei der taz?

Im Dormitorium oder: Modernes Theater, zu Protokoll gegeben

Neusprech.org: „2012 beschloss der Bundestag dann, seine Geschäftsordnung zu ändern und legte fest, dass im Parlament nicht unbedingt gesprochen werden muss. Kein Problem, lautet ein Argument der Befürworter, gesprochen und verhandelt werde ja in den Ausschüssen und in den Fraktionssitzungen. Wenn Gesetze ins Plenum kämen, seien sie sowieso längst beschlossen, die Reden dort also nur eine Form modernen Theaters, das man schadlos sparen könne.“

Eine Marionette seiner Oligarchen

Die Titanic schreibt an Jared Leto, der etwas über Unterdrückung in der Ukraine faselte: „Gründen Sie doch mit dem Boxer Mike Tyson eine politische Partei, und besetzen Sie dann den Platz vor dem Weißen Haus. Falls Sie noch Rechtsextreme brauchen, um Ihrer Bewegung die nötige Schlagkraft zu verleihen: Angesichts der Hautfarbe des derzeit regierenden US-Präsidenten sollte es nicht allzu schwer sein, den Ku-Klux-Klan für eine Mitarbeit zu gewinnen. Und dann randalieren und demonstrieren Sie einfach los. Bis sich der Präsident nach Kanada abgesetzt hat. Gründe für den Aufstand gibt es genug, schließlich ist auch Barack Obama nur eine Marionette seiner Oligarchen.“

Soldiers Inc.

computerspiel

Das Bundesverteidigungsministerium hat ein Facebook-Game zum Ukraine-Konflikt entwickeln lassen. Das Spiel nennt sich Soldiers Inc., weil es auch ein internationales Publikum ansprechen will.

Das Verteidungsministerium sieht den Beginn einer grundlegenden strategischen Debatte über die Konsequenzen für die Nato aus dem neuen Konflikt mit Russland. Vor allem junge Leute sollten spielerisch an die Themen „NATO“ und „Ukraine-Konflikt“ herungeführt werde, so eine Sprecherin Ursula Gertrud von der Leyens. Man dürfe nicht immer die unselige Vergangenheit zitieren, um aktuelle Probleme bewältigen zu können. Die Märkte würden es begrüßen, wenn auch in Teilen der ehemaligen Sowjetunion jetzt Freiheit und Wohlstand einziehen würden. Das aber müsse mit einem robusten Mandat durchgesetzt werden.

Das Facebook-Spiel sei eine gute Möglichkeit, weil man viele Leute erreiche, die sich gar nicht mehr informierten. Das sei auch die wichtigste Zielgruppe.

Eine Übersetzung in kyrillisch sei in Vorbereitung, hieß es in Sicherheitskreisen.

Im BKA-Sumpf

Die FAZ über die Versuche des BKA, dessen eigene Kindepornografie-Affäre zu vertuschen und zu entsorgen: „Es gibt, über Fraktionsgrenzen hinweg, Abgeordnete, die nicht an so viele Zufälle glauben wollen. (…) Wir haben dem Bundeskriminalamt Fragen zu all diesen Merkwürdigkeiten gestellt. Der Pressesprecher lehnte es ab, sie zu beantworten.“ Lesenswert.

Verstärkte Routineoperationen im Bündnisgebiet

Bundeswehr in der Ukraine

Deutsche Soldaten bei Routineoperationen im Bündnisgebiet bei Lwiw (Lemberg)

„Nach längeren internen Debatten hat sich die Bundesregierung nach Informationen des SPIEGEL bereiterklärt, die osteuropäischen Mitgliedstaaten der Nato militärisch zu unterstützen. Deutschland werde sich, wo immer es sinnvoll sei, an verstärkten Routineoperationen im Bündnisgebiet beteiligen, heißt es aus dem Umfeld von Außenminister Frank-Walter Steinmeier.“

Bundeswehr in der Ukraine

Deutsche Soldaten werden insbesondere von Anhängern der Partei „Svoboda“ in der Ukraine herzlich begrüßt.

„Die Bundeswehr könne die Partner dort stärker unterstützen, wenn dies politisch so entschieden werde, sagt eine Sprecherin von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Geprüft würden etwa zusätzliche Awacs-Aufklärungsflüge über Rumänien und Polen sowie eine Beteiligung an einem Nato-Marinemanöver in der Ostsee.“

Bundeswehr in Baltikum

Deutsche Kradmelder bei einem Manöver im Baltikum.

„Das deutsche Außenministerium sieht nach SPIEGEL-Informationen nun den Beginn einer grundlegenden strategischen Debatte über die Konsequenzen für die Nato aus dem neuen Konflikt mit Russland.“

Lebenszeichen oder: Ein Recht auf eine zweite Chance

„DAß eine produktion möglich ist, in der wenigstens über Banken und Großkonzerne nicht länger privatkapitalistisch verfügt werden konnte, daran hörte ich nicht auf zu glauben (…). Ich hielt fest an dem, was ich bei meinem Lehrer (..) gelernt hatte. Nämlich daß der dialektische Materialismus die Natur der Dinge selbst, beziehungsweise ihre Zusammenhänge, allein nicht erklärt. Er ist nur ein Modell, ein Arbeitsmodell, das wir uns machen, um gewisser Phänomene und Zumutungen Herr zu werden; wie die Religionen es waren, die Kirche, der Kapitalismus, das Dezimalsystem, die Kausalität. Aber eben als solches hat der Sozialismus ein Recht auf eine zweite Chance, Bedenkt man, wie viele andere Modelle immer wieder scheiterten und noch heute scheitern und trotz ihrer ungeheuren Opferzahlen immer wieder ins Geschäft gebracht wurden und werden.

Ich dachte: Es ist egal, wenn der Kapitalismus uns nach Art einen dritten Kriegs ein drittes Mal an die Wand fährt. Du wirst es nicht mehr erleben. Aber wir wurden immer weniger. (…)

’89 gaben die letzten Kommunisten, die von Hitler und Stalin am leben gelassen worden waren, ihr Experiment rechtzeitig auf. Jetzt irgendwann und nicht erst nach dem Dritten Weltkrieg würde sich die Chance ergeben, es noch einnmal und besser, damit zu versuchen. Und ein drittes Mal. Vielleicht in hundert Jahren. Daß der Kapitalismus, wenn er sich aus den ihm verdankten Massengräbern wieder erhob, immer nur wieder zum gleichen Ende kam, ungeheurer Reichtum auf der einen, wachsende Armut und Hungerlöhne auf der anderen Seite, und das selbst in den reichsten Ländern, daß sie’s am Ende doch noch begriffen, die armen Leut.'“
(Hermann Peter Piwitt: Lebenszeichen mit 14 Nothelfern, Wallstein-Verlag)

Teufelspakt für die Ukraine

Sehr interessanter Artikel bei Zeit online über die Ukraine: „Schon in den Weltkriegen setzte sich Deutschland für die Unabhängigkeit des Landes ein. Das macht Russland misstrauisch.“

Kanzlerin schließt Krieg mit Russland nicht aus

Spiegel online: „Die Kanzlerin bekräftigte, dass keine militärische Lösung des Konflikts mit Russland angestrebt werde. Allerdings bestehe eine Beistandsverpflichtung gegenüber den osteuropäischen Mitgliedstaaten der Nato. ‚Das ist eine Selbstverständlichkeit‘, sagte sie.“

Das Szenario für einen 3. Weltkrieg

NATO

Karte (Ausriss): NATO

Natürlich sind diejenigen, die über Krieg und Frieden bestimmen, heute nicht klüger oder dümmer als 1914. Man muss sich von der naiven Idee veabschieden, die Welt entwickelere sich zum Besseren, somit steige auch der Intelligenzquotient der handelnden Personen oder gar deren Fähigkeit, rational zu denken. Es kann also durchaus sein, dass wir in etwas hineinschliddern, das niemand gewollt hat. Das war vor dem 1. Weltkrieg nicht anders.

28. Juni 1914
In Sarajevo werden der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau von serbischen Nationalisten ermordet. Im Verlauf der folgenden Wochen („Juli-Krise“) verschärft sich der regionale Konflikt zur europäischen Krise.

28. Juni 2015
In Zagreb wird der kroatische Präsident Josipović und seine Ehefrau von serbischen Nationalisten ermordet. Im Verlauf der folgenden Wochen („Juli-Krise“) verschärft sich der regionale Konflikt zur europäischen Krise.

Das Kapital handelt heute – im Gegensatz zu 1914 – weitgehend international. Der Nationalstaat ist keine Option mehr, um sinkende Profite zu kompensieren, indem Ressourcen militärisch erobert werden. Die Strategie der internationalen Konzerne heute sieht so aus, dass die Staaten an der Peripherie des Einflussgebietes der EU und der NATO destabilisiert werden, indem separatistische (Libyen: Kyrenaika) oder terroristische Gruppen (Syrien) unterstützt werden, damit die staatliche Gewalt zusammenbricht und die Konzerne unter dem militärischen „Schutz“ der NATO direkten Zugriff bekomen und ungehindert schalten und walten können (Zentralafrika, Irak).

Moral spielt natürlich nie eine Rolle; die neo-imperialistischen Mächte nehmen auch in Kauf, dass sich ein Land in Einflussgebiete von Warlords aufspaltet und eine korrupte Marionettenregierung nur als Aushangeschild firmiert, um eine Regierung zu simulieren (Afghanistan).

NATO

In ein paar Jahren wird die Ukraine wesentlich kleiner sein als heute, das Donezbecken wird sich entweder abgespalten haben oder unter direktem russischen Einfluss stehen. Das gilt auch für das ökonomisch irrelevante Transnistrien.

Der nächste Präsident der Ukraine wird Pjotr Poroschenko heißen. Die Russen wissen das, denn das dumme Volk in den Nachfolgestaaten der aufgelösten Sowjetunion wählt immer noch die Oligarchen, weil sie sich erhoffen, dass die sich mit dem freien Markt(TM), der Reichtum und Glück für alle verheißt, am besten auskennen.

Es wird noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis eine neue sozialistische Idee überhaupt dort – und auch in Deutschland – als ökonomische Alternative denkbar ist.

Daher geht Russland jetzt schon gegen Poroschenko vor. Sein Süßwarenkonzern erwirtschaftet 40 Prozent des Umsatzen in Russland, daher muss er sich nach neuen Optionen umsehen. Und das wird selbstredend ein EU-Beitritt der Rest-Ukraine sein.

Die üblichen Verdächtigen stehen schon Geld bei Fuß, der Internationale Währungsfond wird eine neue Regierung so unter die Arme greifen, dass „die Märkte“ für das Kapital geöffnet werden. Die Risiken und Nebenwirkungen geistern schon heute durch die Mainstrem-Medien: „Ukraine plant Massenentlassungen und will Renten streichen“. Nein, nicht die milliardenschweren Oligarchen werden enteignet, sondern das Volk. Das kennt man – Kapitalismus at its best. Wen kümmert’s.

Sollte Russland aber mehr als das Donezbecken annektieren wollen, wäre das sicher ein Kriegsgrund, da wichtige Konzerne der Ukraine schon dem westlichen Kapital gehören, UkrTelekom zum Beispiel der österreichischen „Heuschrecke“ EPIC Invest. Beim Eigentum hört der Spaß auf.

Die Lautsprecher des Kapitals haben sich schon einschlägig geäußert – vor und nach dem Sturz Viktor Janukowitschs -, was sie mit der Ukraine planen: „Sollte die künftige Führung in Kiew das von Janukowitsch auf Eis gelegte Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen, könnte sich die Ukraine nach Ansicht von Experten als Drehscheibe zwischen Russland und der EU etablieren“. Die FAZ, das gefühlte Zentrakorgan der westlichen Kapitalinteressen, tönte schon ganz deutlich: „Die Ukraine gehört in die Nato“. Der Autor dieses Propaganda-Artikels, Thomas Gutschker, hat sich hinreichend qualifiziert: Er war „Redaktionssoldat bei der Bundeswehr“. Das nennt man „embedded journalism“ im Interesse des Imperialismus.

Ich vermute aber, dass ein 3. Weltkrieg oder ein regionaler militärischer Konflikt nicht wegen der Ukraine ausbrechen würde, sondern – wie gehabt – auf dem Balkan. Serbien orientiert sich traditionell nach Russland, und hat auch sonst keine Verbündeten mehr. Die Berliner Zeitung berichtete schon 1995: „Auf der Rückseite einer Speisekarte hat der kroatische Präsident Franjo Tudjman nach einem Bericht der Londoner „Times“ den Staat Bosnien-Herzegowina zwischen Kroaten und Serben aufgeteilt. Schon im 2. Weltkrieg war der Unabhängige Staat Kroatien ein Vasall Hitler-Deutschlands und „umfasste die heutigen Länder Kroatien und Bosnien-Herzegowina sowie kleinere Teile Serbiens.“

Da geht noch was.

Operation Barbarossa, reloaded

Timoschenko

Bildquelle: FishInWater/Wikipedia

Novosti (via Fefe): „‚Ich würde all meine Beziehungen geltend machen und die ganze Welt erheben lassen, damit von Russland nur ausgebrannter Boden übrig bleibt‘, sagte Timoschenko in einer am Montag bei YouTube veröffentlichten zweiminütigen Aufnahme. Timoschenko selbst bestätigte auf ihrer Twitter-Seite die Echtheit des Gesprächs, dessen Mitschnitt auch auf dem Internetportal vesti.ru abrufbar ist.“

Ukraine, disputed

Ukraine

Screenshot: Karte der Ukraine in der deutschen Wikipedia-Version (links) und in der russischen Wikipedia (rechts

Ich bin gespannt, wann und ob in deutschen Schulbüchern und Atlanten die Krim wieder als russisch eingezeichnet wird. Bei Wikipedia sieht man schon, wie das aussehen wird. Es könnte so gar sein, dass in Zukunft Gebietsansprüche eines Staates gegen den anderes es mehr und mehr unmöglich machen, überhaupt eine Karte herzustlelen, auf die sich alle einigen können. Ich kann mich daran erinnern, dass noch in meiner Schulzeit in jedem Atlas Königsberg als deutsch bezeichnet wurde oder „zur Zeit unter sowjetischer Verwaltung“ (vgl. unten).

Zu der Strategie des gegenwärtigen Imperialismus gehört es auch, zentral regierte Staaten der Peripherie zu zerschlagen oder so zu destabiliseren, dass der Zugriff der internationalen Konzerne und des „westlichen“ Kapitals garantiert ist. Im Irak, in Lybien und in den zentralafrikanischen Staaten scheint die Taktik aufgegangen zu sein, in Syrien noch nicht. Der direkte Einmarsch von Truppen wie in Afghanistan, für den in der Vergangenheit die USA zuständig war, wird ersetzt dadurch, das lokale Warlords und terroristische Gruppen mit Waffen ausgestattet werden, um eine Regierung zu stürzen, wenn diese entweder selbst korrupt und undemokratisch ist (wie in der Ukraine) oder es sich mit den „westlichen Werten“ aka dem Profitinteresse des Kapitals verscherzt hat.

Es glaubt doch nicht jemand im Ernst, dass Russland die Krim wieder an irgendwen herausrücken wird? Eine japanische Redensart lautet: Was man nicht verhindern kann, kann man auch gleich begrüßen. Ich wette aber, dass die Krim in deutschen Medien noch sehr lange „ukrainisch“ sein wird, so lange, wie Königsberg „unter sowjetischer Verwaltung“ war, und insbesondere dann, wenn deutsche Truppen im Rahmen eines NATO-Mandats wieder nach Charkow und Stalingrad vorrücken die Handelswege an Dnister und Dnepr schützen. Unsere so genannte „Verteidigungsministerin“ hat sich ja schon einschlägig geäußert.

ostpreussen

Screenshot: Putzger: Historischer Weltatlas, 1963

Klassenkampf, literarisch gesehen, oder: Der Feind im Inneren

klassenkampf

Neu in meiner Bibliothek: David Peace: „GB84“ bei Liebeskind.

Wikipedia: „This is a fictional portrayal of the year of the UK miners‘ strike (1984–1985). It describes the insidious workings of the British government and MI5, the coalfield battles, the struggle for influence in government and the dwindling powers of the National Union of Mineworkers. The book was awarded the James Tait Black Memorial Prize for literature in 2005.“

(Tut mir leid, die deutschen Wikipedia-Artikel zum Thema „Klassenkampf“ sind meistens unpolitisch und treffen auch nicht den Kern der Sache. Allein die Tatsache, dass der Begriff „Klassenkampf“ offenbar nicht vorkommen darf, sagt schon genug aus. Der Deutsche wird eben mit der antikommunistischen Schere im Kopf schon geboren – die muss später erst duch das Lesen von Burks‘ Blog operativ entfernt werden.)

Euan Ferguson hat das Buch im Observer rezensiert:
His research has been scrupulous, comprehensive, awesome. Working from cuttings libraries in Japan, where he now lives, he has painstakingly reconstructed the ways in which the strike was provoked and fought and broken. (…) We learn, or we remember, how the strike was provoked: how the 1983 election majority gave the Tory government carte blanche to change the country in any way it decided

Sukhdev Sandhu schreibt im Telegraph:
GB84 is a horrible novel. Dark to the point of being dystopic. Joyless and unremittingly nasty. A bloated profanosaurus that seems even longer than its 460 pages, it is obscene, almost entirely lacking in humour, and repetitive to the point that most readers‘ eyes will glaze over. (…) He wants us to feel the era viscerally as much as to understand it intellectually. Reportage soon gives way to jeremiads. There’s barely a comma in the whole book. Each sentence is like a jab between the eyes. We search in vain for someone with whom we can identify, but it’s almost impossible.

Ich glaube, das Buch wird mir gefallen. „Jeder Satz ein Stoß in die Augen.“ Har har. Dass es überhaupt solche Bücher gibt und dass es sie nicht in Deutschland gibt, beweist wieder einmal den jämmerlichen Zustand der deutschen Literatur, die die Arbeiterklasse und den Klassenkampf total ignoriert und sich stattdessen mit den Befindlichkeiten der Mittelklasse beschäftigt.

Das Buch sollte eigentlich auch Pflichtlektüre eines jeden deutschen Gewerkschaftlers sein; die sind aber vermutlich zu sehr mit ihren „Tarifpartnern“ beschäftigt. „Wilde Streiks“ und Klassenkampf sind bei deutsche Gewerkschaftsfunktionären so populär wie Kinderpornografie.

Auf meiner Einkaufsliste für den nächsten Monat steht Rafael Chirbes: „Am Ufer„. Chirbes hatte ich hier schon zitiert: „Die Lektüre von Marx hat mir geholfen zu begreifen, was jede Gesellschaft am meisten bewegt. Um ein guter Schriftsteller zu sein, sollte man sich einen Standpunkt erarbeitet haben. Ich bin, trotz aller Verbrechen, die in Marx‘ Namen verübt wurden, Marxist und Materialist. In einer Zeit, in der die Religion den meisten Leuten egal ist, in der es keine Ideale mehr gibt, bleibt einem keine andere Wahl.“

Ein deutscher Schriftsteller, der so etwas öffentlich zu sagen wagte, würde hierzulande sofort geächtet und vom Feuilleton ignoriert. Genau so funktioniert die Schere im Kopf. Ich nenne das freiwillige Selbstkontrolle Zensur. Die funktioniert viel effektiver als Zensur seitens der Obrigkeit.

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