Politische Ökonomie des Populismus
„Es gilt das Anna-Karenina-Prinzip: Jede Politische Ökonomie ist auf ihre ganz eigene Art unglücklich.“
Hier also etwas über das überaus empfehlenswerte Buch Büchlein Philip Manows Die politische Ökonomie des Populismus.
Ein hellsichtiges, äußerst inspirierendes Buch; in seiner analytischen Kühle auch weit entfernt von dem hysterischen Ton, der die Debattenbeiträge von
rechts wie links sonst häufig prägt. (Jens Balzer, Deutschlandfunk Kultur)
Nur knapp 200 Seiten, aber äußerst prägnant geschrieben. Wenn man den wissenschaftlichen, also statistischen Teil weglässt, geht es um weniger als 100 Seiten Text, der die wesentlichen Aussagen enthält. Beiden Rezensenten kann ich nur zustimmen. Es gibt nichts Vergleichbares, wenn es um das Thema geht.
Wer an den Wahlabenden dieses Jahres nicht entgeistert auf die Glotze starren will, sollte dieses schmale, analytisch klare und erfreulich polemische Buch vorher lesen. (Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung)
Ganz unter uns: Philip Manow ist – so vermute ich es – heimlicher „Marxist“, gibt es aber nicht zu, weil der Verlag das Manuskript dann wahrscheinlich nicht gedruckt hätte. Sogar wenn er Marx nie gelesen hat, was unwahrscheinlich ist, argumentiert der Autor „marxistisch“. Er sucht nach den ökonomischen Ursachen politischer Ideen. Jawohl, das funktioniert bei „Populismus“ – mit überraschenden Ergebnissen.
Philip Manow erklärt den Aufstieg „populistischer“ Bewegungen vor allem mit zwei Folgen der Globalisierung: dem internationalen Handel und der Migration. Beides verändert die Wirtschaft und die Lebensbedingungen vieler Menschen. Manche profitieren davon, andere fühlen sich benachteiligt oder bedroht. [„Globalisierung“ heisst: voll entwickelter Kapitalismus jenseits nationaler Grenzen.]
Manow unterscheidet zwischen Menschen, die zum Arbeiten in ein anderes Land kommen, und solchen, die vor Krieg oder Verfolgung fliehen. Wie die Bevölkerung darauf reagiert, hängt auch davon ab, wie die Wirtschaft und der Sozialstaat des jeweiligen Landes funktionieren.
Für Europa unterscheidet Manow vier grundlegende Modelle:
➜ Nordeuropa (Skandinavien): Ein starker Sozialstaat mit umfangreicher sozialer Absicherung.
➜ Westeuropa (einschließlich Großbritannien): Wirtschaftssysteme, in denen Sozialversicherungen, der Arbeitsmarkt und private Unternehmen eine wichtige Rolle spielen.
➜ Südeuropa (etwa Italien, Spanien und Griechenland): Länder, in denen persönliche Beziehungen und politische Netzwerke bei der Verteilung staatlicher Leistungen häufig eine größere Rolle spielen.
➜ Osteuropa: Ehemals sozialistische Länder, deren Wirtschaft sich nach 1989 grundlegend verändert hat.
Manows Kerngedanke: Populismus – sei er „rechts“ oder „links“ – habe nicht überall dieselben Ursachen. Je nachdem, wie die Wirtschaft eines Landes organisiert ist und wer durch Globalisierung und Migration gewinnt oder verliert, entstehen unterschiedliche Formen des politischen Protests. Die politischen Ökonomien des Südens und des Nordens seien „in geradezu entgegengesetzter Weise durch die Globalisierung verletzbar“. Deshalb sei der Populismus zum Beispiel in Schweden nicht ohne Weiteres mit dem in Italien oder Polen vergleichbar.
„Migration wird dort zum Problem, wo der Wohlfahrtsstaat großzügig und zugänglich ist.“
Das seien gleichzeitig die Länder, denen der ungehinderte Warenverkehr und die Öffnung des Außenhandels wenig Probleme bereite. Der Populismus dort ist „rechts“, weil er sich primär gegen die Einwanderung in das jeweilige Sozialsystem wendet (wie in Deutschland).
Diejenigen Länder des südlichen Europas, deren Ökonomie weniger auf Export, sondern mehr auf Binnennachfrage fußt, haben in der Regel einen geringeren Wohlfahrtsstaat, der für Migranten auch kaum zugänglich ist. Dort ist der Populismus „links“, wendet sich gegen die Auswüchse des Kapitalismus.
Manow führt natürlich zahlreiche Statistiken und Beispiele an, die mich überzeugt haben. (Im ersten Teil zerlegt er genüßlich viele und gängige Theorien, was „Populismus“ sei – das habe ich hier weggelassen, ist aber sogar unterhaltsam, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und sich mit jedem – immer schön höflich – anlegt.)
„Eindeutig und sehr ausgeprägt ist der Befund, dass Insider [die schon im Land sind] in den nördlichen Politischen Ökonomen rechtspopulistisch wählen, während Insider wie Outsider [Einwanderer] in den Politischen Ökonomien Südeuropas Linkspopulismus ihre Stimme geben.“
Für Deutschland gilt: AfD-Wähler artikulieren eine Kombination aus den für sie wichtigsten politischen Problemen „Migration“ und „soziale Gerechtigkeit“.
Rezepte für oder gegen etwas verkneift Manow sich. Und das ist für einen Analytiker auch gut so.
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