Vaterländische Geschichte und weibliche Handarbeiten
Das Abschlusszeugnis meiner Großmutter Elise Marie Klang vom 30.03.1920, geb 18.01.1906 in Holzwickede, gest. 27.11.1976 ebendort.
Ich meine eigentlich nicht, dass die Jugend immer dümmer und unwissender wird (außer ich habe gerade mal wieder mit einem unter 30 geredet), nur unpolitischer, was sich aber ändern kann. Wenn man sich vor Augen führt, was die vorhergehenden Generationen in der Schule lernten: „vaterländische Geschichte“ zum Beispiel. Was wussten die über die Welt – und vom wem? Fernsehen gab es noch nicht. Und nach welchen Kriterien bildeten sie sich eine politische Meinung?
Kein integrierter Stadtraum in Jerusalem
The Baltimore Sun hat extrem interessante Bilder von Jerusalem im Schnee, nicht wegen des Wetters, sondern wegen der Details, wie die dort leben – mal einmal nicht aus der touristischen Perspektive. Was hätten wohl grün angehauchte Stadtentwickler und -planer daraus gemacht, wenn man sie ließe? Erst einmal alles abgerissen vermutlich und dann jeden Stein „in den Stadtraum integriert„. Auch sind in Jerusalem keine „wichtigen stadtökologischen und stadtklimatischen Bausteine“ zu sehen. Jahwe sei Dank.
Surveillance

Für Berliner U-Bahn-KennerInnen: Wo steht diese Überwachungskamera?
Bock warnt vor Gärtner
„Verfassungsschutz warnt vor der NSA.“ Weitere Meldungen: „Bock warnt vor Gärtner“. – „Satan warnt vor Beelzebub.“ – „Verband der Einbrecher warnt davor, Türen nicht zu verschließen.“ – „Kirchen warnen vor Aberglauben und Esoterik.“
Wir basteln uns eine Pressemeldung über die Revolution oder: Die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit, ohne die Systemfrage zu stellen
„Der Aufstand in [bitte selbst ausfüllen] gerät ins Stocken, die Opposition um [bitte selbst ausfüllen] kämpft gegen viele Widerstände. Denn das Regime [bitte selbst ausfüllen] ist eng verbandelt mit den wirklich Mächtigen im Land: den einflussreichen Industriebaronen.“
So schreibt das ehemalige Nachrichtenmagazin und hat selbst die betreffenden Wörter eingefügt, die für die Ukraine gelten. Das ist natürlich sowohl falsch, weil es nur die halbe Wahrheit ist, als auch Deutsch des Grauens.
Denn der Mann trug etwas vor den Eiern: einen Tiefschutz. Diese Art und Weise, verkasematuckelt zu schwadronieren, ist das Gegenteil der Unsitte, in Nachrichten das scheinarbar Wichtigste nach vorn zu zerren, weil die Leserinnen und Leser sowieso gefühlt zu blöd sind, einen ganzen Satz zu rezipieren. Jetzt schieben sie das, was gesagt werden soll, an das Ende des Satzes, sie verstecken es sogar, damit die Leser möglichst lange auf der Seite bleiben.
Wenn schon, denn schon. Dann macht es wie Thomas Mann:
Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, „Maja“ mit Namen, wob; der Schöpfer jener starken Erzählung, die „Ein Elender“ überschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der leidenschaftlichen Abhandlung über „Geist und Kunst“, deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren.
Wir waren aber in bei der Ukraine. Ich könnte jetzt sogar noch ein weiteres Fass aufmachen und den Blog-Tag „Das Ministerium für Wahrheit informiert“ bedienen: „Kapitalist“ heißt jetzt „Industriebaron“, weil adlig schön und angenehm und guttenbergisch ist und klingt. Und man hat es geschafft, das kommunistische Wort „Kapitalist“ zu umgehen. Kai Dieckmann ist ab jetzt ein Boulevard-Baron.
Zeit online klärt übrigens einigermaßen auf, wer warum in der Ukraine für oder gegen was ist. Das Proletariat ist gegen „den Westen“, weil dann die meisten Kohlenbergwerke im Osten des Landes geschlossen würden. Es geht also gar nicht um eine „Revolution“ in der Ukraine, sondern um einen Kampf, wer etwas vom zukünftig Kuchen abbekommt. Klitschko ist auch ein Reaktionär und zudem ein Steigbügelhalter des EU-Imperialismus. (Schöner und sehr altertümlich klingender Satz.) Die Systemfrage stellt niemand. Das wäre eine Revolution.
Tabledance und Schopenhauer
Ein schönes Weihnachtsmärchen gab es vor ein paar Tagen beim Kiezneurotiker. Lesenwert.
Sexuelle Belästigung und das Recht auf Asyl
Thomas Wiegold (via Zeit online): „Die Bundeswehr sucht Soldaten, die dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bei der Bearbeitung von Asylanträgen helfen. Genauer: Freiwillige Reservisten, die durch ihre militärische Ausbildung für die Unterstützung des Bundesamtes in der Lage sind – bis zum Abnehmen von Fingerabdrücken.“
Ganz entzückend ist übrigend Wikipedia:
Eine tatsächlich missbräuchliche Verwendung des Asylantragsrechts, etwa durch falsche oder unvollständige Angaben oder Vorlage falscher Dokumente im behördlichen Asylverfahren (siehe auch: Identitätsfeststellung im Asylrecht) steht den öffentlichen Interessen entgegen, zumal sie die Kosten von Gemeinde und Staat erhöht und tendenziell der Ausländerfeindlichkeit und der Entstehung krimineller Strukturen Vorschub leisten kann.
Diese „Logik“ ist doch universell verwendbar:
Eine tatsächlich missbräuchliche Verwendung des Rechts der Frauen, sexuell aufreizende Kleidung zu tragen, etwa Miniröcke, Hot Pants oder Oberbekleidung, die die Konturen der Brüste durchscheinen lassen (siehe auch: sittenwidriges Verhalten) steht den öffentlichen Interessen entgegen, zumal sie die Kosten von Gemeinde und Staat erhöht und tendenziell sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen Vorschub leisten kann.
Onkel Toms Hütte, revisited
Gizmodo.com (via Fefe): „The Emoya Luxury Hotel and Spa near Bloemfontein, South Africa offers Shanty Town, a dozen shacks made from scrap wood and corrugated metal that it thinks is the perfect setting for your next corporate retreat or wedding anniversary.“
Es handelt sich um „a Fake Slum for Luxury Tourists Who Don’t Want to See Real Poverty“, ein Disneyland der ganz anderen Art also („Long-drop effect toilets“). So was kann man sich gar nicht ausdenken.
Wäre aber eine schöne Geschäftsidee für Deutschland: Man müsste Suppenküchen und Jobcenter für Touristen aus Übersee bauen, die dann deutsche Armut besichtigen und vielleicht dort übernachten könnten. Aber bitte keinen realen Armen, sondern Schauspieler. Und im Winter nicht ohne Fußbodenheizung.
Lieber nicht reingehen

Ökonomisierte Gesundheit
„Die Zahnärzte sind zunehmend in eine Unternehmerrolle gedrängt worden, weil das gesamte Gesundheitssystem durch politische Weichenstellungen zunehmend ökonomisiert wurde.“ (Wolfgang Eßer, Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), laut Spiegel online)
Die hier mitlesenden wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser können das natürlich angemessen interpretieren. Man muss nur die Märkte lassen, dann werden alle glücklich. Am unglücklichsten sind Kranke natürlich da, wo es keinen Markt im Gesundheitssystem gibt.
Jetzt kommt der Defi
Mehr bei Wikipedia über den automatisierten externen Defibrillator.
Eine deutsche Strasse – Spüren Sie den Beat
Berlin-Adlershof, Dörpfeldstraße
Sheep protecting the Fish

Bio-Company
Über die Geschäftsgebaren der „Bio-Company“, bei der die neuen grünen Mittelschichten gern einkaufen, erfährt man etwas auf Initiative Solidarische Stadt. Ich konnte den Laden noch nie leiden: Mit „bio“ lockt man zwar den Leuten das Geld aus der Tasche, ansonsten sind das aber ganz normale Kapitalisten mit der dazugehörigen Moral.
Krass verpixelte Bäume und die ehemalige wahre SPD
Eine Frage an die HistorikerInnen: Nach welchem Franz Neumann sind denn dieser Platz und die U-Bahn-Station benannt? Beim deutschen Wikipedia finde ich nichts darüber; im englischen Wikipedia immerhin: „politicians convinced the BVG to put the name of a famous SPD chairman inside.“ Da sollte sich mal jemand dransetzen und das ergänzen.
Update während des Schreibens: Es war der Vorsitzender der Berliner SPD. Wieso ist der „famous“?
Im Januar 1934 schwer von der Gestapo misshandelt, machte man ihm vor dem Kammergericht Mitte Juli jenes Jahres den Prozess wegen des „hochverräterischen Unternehmens, es unternommen zu haben, den organisatorischen Zusammenhalt der SPD aufrechtzuerhalten“. In der schriftlichen Begründung des Urteils (eineinhalb Jahre Gefängnis) hieß es, Neumann habe unter anderem seine Genossen in der Siedlung „Freie Scholle“ über Zustände und Personen im Konzentrationslager Oranienburg aufgeklärt. Der Gefängniszeit folgte die übliche Polizeiaufsicht. Nach der Freilassung arbeitete er wieder als Metallarbeiter.
Das waren noch Sozialdemokraten und Charaktere. Solche SPD-Mitglieder gibt es nicht mehr. Die heutigen Pappnasen sollten sich schämen.
Frontside and Backside
Gesehen in Berlin-Buckow.
Jeder wird für alles genommen bei der CDU Berlin

Lichtenrade
Wenn man mit dem Bus durch den Berliner Stadtteil Lichtenrade fährt, bekommt man ein Gefühl dafür, wo die so genannte „Netzgemeinde“ und ähnliche sozialen Biotope nicht wohnt. Kein Proletariat, oder nur das gehobene oder verrentete, Herr und Frau Jedermann eben. Alte Mittelaschichten. Hier ist es nicht chic, sondern nur solide, kleinbürgerlich, aber nicht arm – oder nur in den Neubaublocks. Das Einfamilienhaus per default, ein Niveau höher als die Datsche.
Ich war zwischen den 70-ern und 90-ern Taxiunternehmer und -farher und kenne im Westteil Berlins eigentlich jede Straße. Als ich heute aber die Buslinie 172 nehmen musste, kannte ich die meisten Straßennamen gar nicht mehr. Zersiedelte Pampa eben. Um das zu mögen, muss man wohl hier geboren worden sein. Der Bahnhof sieht immer noch so aus wie in den 70-er Jahren, als sei die Zeit stehengeblieben.
Entartete Rechtsakte
Spiegel online: „‚So moralisch unhaltbar die Verfolgung ‚entarteter Kunst‘ auch gewesen ist, aus juristischer Sicht kann keine Restitution verlangt werden‘, schreibt der Rechtsexperte Carl-Heinz Heuer. Beschlagnahmungen aus Museen und der Verkauf der Werke waren demnach trotz aller Verwerflichkeit Rechtsakte. Denn der NS-Regime war Eigentümer der Kunstschätze deutscher Museen und konnte laut Heuer frei darüber entscheiden, was damit geschehen sollte.“
Sehr magere, fast nackte Modelle
Sorry, ich konnte bei der naheliegenden Überschrift nicht widerstehen…













































