Es geht um eine Systemfrage

Heute nur Positives – eine weitgehend unbeachtete Meldung: Die Rhein-Neckar-Zeitung (u.a.) berichten über eine Entscheidung des Landgerichts Tübingen, die es den Kommunen weiterhin erlaubt, Krankenhäuser zu subventionieren. Bravo! (Hallo, Dr. Harald B.!)
Die Lokalzeitung sieht das ganz richtig: „Es geht um eine Systemfrage: Bleiben die Kliniken mehrheitlich in der Hand des Staats oder übernehmen profitorientierte Konzerne das Zepter? Seit Jahren schon steigt die Zahl der von privaten Unternehmen betriebenen Kliniken. Doch die Privaten fühlen sich benachteiligt: Denn während jede zweite bis dritte öffentliche Klinik regelmäßig Zuschüsse aus Steuermitteln bekommt, müssen private Betreiber ohne solche Finanzspritzen auskommen. (…) Die Klage sei ein Versuch, das Gesundheitswesen immer stärker zu kommerzialisieren,…“
Ein schwerer Schlag für die Anhänger der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM). „Für die Richter ging es allein um die juristische Frage, ob Krankenhäuser ganz normale Wirtschaftsbetriebe sind oder nicht. Nach Überzeugung der Richter sind sie das nicht. Kliniken seien vielmehr ein Teil der staatlichen Daseinsvorsorge – deshalb müsse der Staat sie auch nicht den Kräften des freien Marktes überlassen.“
Nochmal bravo, bravo, bravo. (Übrigens ein Thema, das die „Netzgemeinde“ nicht interessiert. Aber: It’s the economy, stupid!)
Ich wünsche allen wohlwollenden Leserinnen und geneigten Lesern schöne Festtage!
Hier wächst zusammen, was zusammengehört

Anti Anti-Prostitution
Der Supreme Court of Canada hat alle Gesetze gegen Prostitution einstimmig für null und nichtig erklärt. (via Fefe)
The court struck down all three prostitution-related prohibitions – against keeping a brothel, living on the avails of prostitution and street soliciting – as violations of the constitutional guarantee to life, liberty and security of the person.
Was nun, Alice Schwarzer und andere reaktionäre LichterkettenträgerInnen?
Platz der Luftbrücke
Morgens um halb acht…
Suedananflug, Kommunismus, Terror, Pornografie
Wieso erinnet mich die allgegenwärtige Prüderie und Terror-Hysterie (via Fefe) an die McCarthy-Ära in den USA? (Deshalb hat damals Stefan Heym die USA verlassen, obwohl er US-Bürger war.)
Es wäre die Aufgabe von Soziologen und Völkerkundlern herauszufinden und zu erforschen, wann eine Gesellschaft und warum beginnt, kollektive exorzitische Reinigungsrituale gegen das vermeintlich Böse (Kommunismus, Terror, Pornografie) zu vollziehen.
Rechnen und Raumlehre
Das Abschlusszeugnis (1915) meines Großvaters (Vater meines Vaters) Hugo Reinhold Schröder, Bergmann, geb. 07.01.1902 in Mittenwalde (Klein Dombrowo, nördlich von Elsendorf im Kreis Thorn), gest. 26.4.1992 in Unna.
Ich habe 1982, als ich durch Polen und das ehemalige Westpreußen gewandert bin, das Gebäude der ehemalien Volksschule von Mittenwalde fotografiert, ich finde es nur gerade nicht.
Ich musste überlegen: Was ist denn der Unterschied zwischen „Rechnen“ und „Raumlehre“ und warum gab es getrennte Zensuren dafür?
Vaterländische Geschichte und weibliche Handarbeiten
Das Abschlusszeugnis meiner Großmutter Elise Marie Klang vom 30.03.1920, geb 18.01.1906 in Holzwickede, gest. 27.11.1976 ebendort.
Ich meine eigentlich nicht, dass die Jugend immer dümmer und unwissender wird (außer ich habe gerade mal wieder mit einem unter 30 geredet), nur unpolitischer, was sich aber ändern kann. Wenn man sich vor Augen führt, was die vorhergehenden Generationen in der Schule lernten: „vaterländische Geschichte“ zum Beispiel. Was wussten die über die Welt – und vom wem? Fernsehen gab es noch nicht. Und nach welchen Kriterien bildeten sie sich eine politische Meinung?
Kein integrierter Stadtraum in Jerusalem
The Baltimore Sun hat extrem interessante Bilder von Jerusalem im Schnee, nicht wegen des Wetters, sondern wegen der Details, wie die dort leben – mal einmal nicht aus der touristischen Perspektive. Was hätten wohl grün angehauchte Stadtentwickler und -planer daraus gemacht, wenn man sie ließe? Erst einmal alles abgerissen vermutlich und dann jeden Stein „in den Stadtraum integriert„. Auch sind in Jerusalem keine „wichtigen stadtökologischen und stadtklimatischen Bausteine“ zu sehen. Jahwe sei Dank.
Surveillance

Für Berliner U-Bahn-KennerInnen: Wo steht diese Überwachungskamera?
Bock warnt vor Gärtner
„Verfassungsschutz warnt vor der NSA.“ Weitere Meldungen: „Bock warnt vor Gärtner“. – „Satan warnt vor Beelzebub.“ – „Verband der Einbrecher warnt davor, Türen nicht zu verschließen.“ – „Kirchen warnen vor Aberglauben und Esoterik.“
Wir basteln uns eine Pressemeldung über die Revolution oder: Die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit, ohne die Systemfrage zu stellen
„Der Aufstand in [bitte selbst ausfüllen] gerät ins Stocken, die Opposition um [bitte selbst ausfüllen] kämpft gegen viele Widerstände. Denn das Regime [bitte selbst ausfüllen] ist eng verbandelt mit den wirklich Mächtigen im Land: den einflussreichen Industriebaronen.“
So schreibt das ehemalige Nachrichtenmagazin und hat selbst die betreffenden Wörter eingefügt, die für die Ukraine gelten. Das ist natürlich sowohl falsch, weil es nur die halbe Wahrheit ist, als auch Deutsch des Grauens.
Denn der Mann trug etwas vor den Eiern: einen Tiefschutz. Diese Art und Weise, verkasematuckelt zu schwadronieren, ist das Gegenteil der Unsitte, in Nachrichten das scheinarbar Wichtigste nach vorn zu zerren, weil die Leserinnen und Leser sowieso gefühlt zu blöd sind, einen ganzen Satz zu rezipieren. Jetzt schieben sie das, was gesagt werden soll, an das Ende des Satzes, sie verstecken es sogar, damit die Leser möglichst lange auf der Seite bleiben.
Wenn schon, denn schon. Dann macht es wie Thomas Mann:
Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, „Maja“ mit Namen, wob; der Schöpfer jener starken Erzählung, die „Ein Elender“ überschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der leidenschaftlichen Abhandlung über „Geist und Kunst“, deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren.
Wir waren aber in bei der Ukraine. Ich könnte jetzt sogar noch ein weiteres Fass aufmachen und den Blog-Tag „Das Ministerium für Wahrheit informiert“ bedienen: „Kapitalist“ heißt jetzt „Industriebaron“, weil adlig schön und angenehm und guttenbergisch ist und klingt. Und man hat es geschafft, das kommunistische Wort „Kapitalist“ zu umgehen. Kai Dieckmann ist ab jetzt ein Boulevard-Baron.
Zeit online klärt übrigens einigermaßen auf, wer warum in der Ukraine für oder gegen was ist. Das Proletariat ist gegen „den Westen“, weil dann die meisten Kohlenbergwerke im Osten des Landes geschlossen würden. Es geht also gar nicht um eine „Revolution“ in der Ukraine, sondern um einen Kampf, wer etwas vom zukünftig Kuchen abbekommt. Klitschko ist auch ein Reaktionär und zudem ein Steigbügelhalter des EU-Imperialismus. (Schöner und sehr altertümlich klingender Satz.) Die Systemfrage stellt niemand. Das wäre eine Revolution.
Tabledance und Schopenhauer
Ein schönes Weihnachtsmärchen gab es vor ein paar Tagen beim Kiezneurotiker. Lesenwert.
Sexuelle Belästigung und das Recht auf Asyl
Thomas Wiegold (via Zeit online): „Die Bundeswehr sucht Soldaten, die dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bei der Bearbeitung von Asylanträgen helfen. Genauer: Freiwillige Reservisten, die durch ihre militärische Ausbildung für die Unterstützung des Bundesamtes in der Lage sind – bis zum Abnehmen von Fingerabdrücken.“
Ganz entzückend ist übrigend Wikipedia:
Eine tatsächlich missbräuchliche Verwendung des Asylantragsrechts, etwa durch falsche oder unvollständige Angaben oder Vorlage falscher Dokumente im behördlichen Asylverfahren (siehe auch: Identitätsfeststellung im Asylrecht) steht den öffentlichen Interessen entgegen, zumal sie die Kosten von Gemeinde und Staat erhöht und tendenziell der Ausländerfeindlichkeit und der Entstehung krimineller Strukturen Vorschub leisten kann.
Diese „Logik“ ist doch universell verwendbar:
Eine tatsächlich missbräuchliche Verwendung des Rechts der Frauen, sexuell aufreizende Kleidung zu tragen, etwa Miniröcke, Hot Pants oder Oberbekleidung, die die Konturen der Brüste durchscheinen lassen (siehe auch: sittenwidriges Verhalten) steht den öffentlichen Interessen entgegen, zumal sie die Kosten von Gemeinde und Staat erhöht und tendenziell sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen Vorschub leisten kann.
Onkel Toms Hütte, revisited
Gizmodo.com (via Fefe): „The Emoya Luxury Hotel and Spa near Bloemfontein, South Africa offers Shanty Town, a dozen shacks made from scrap wood and corrugated metal that it thinks is the perfect setting for your next corporate retreat or wedding anniversary.“
Es handelt sich um „a Fake Slum for Luxury Tourists Who Don’t Want to See Real Poverty“, ein Disneyland der ganz anderen Art also („Long-drop effect toilets“). So was kann man sich gar nicht ausdenken.
Wäre aber eine schöne Geschäftsidee für Deutschland: Man müsste Suppenküchen und Jobcenter für Touristen aus Übersee bauen, die dann deutsche Armut besichtigen und vielleicht dort übernachten könnten. Aber bitte keinen realen Armen, sondern Schauspieler. Und im Winter nicht ohne Fußbodenheizung.
Lieber nicht reingehen

Ökonomisierte Gesundheit
„Die Zahnärzte sind zunehmend in eine Unternehmerrolle gedrängt worden, weil das gesamte Gesundheitssystem durch politische Weichenstellungen zunehmend ökonomisiert wurde.“ (Wolfgang Eßer, Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), laut Spiegel online)
Die hier mitlesenden wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser können das natürlich angemessen interpretieren. Man muss nur die Märkte lassen, dann werden alle glücklich. Am unglücklichsten sind Kranke natürlich da, wo es keinen Markt im Gesundheitssystem gibt.
Jetzt kommt der Defi
Mehr bei Wikipedia über den automatisierten externen Defibrillator.
Eine deutsche Strasse – Spüren Sie den Beat
Berlin-Adlershof, Dörpfeldstraße
Sheep protecting the Fish

Bio-Company
Über die Geschäftsgebaren der „Bio-Company“, bei der die neuen grünen Mittelschichten gern einkaufen, erfährt man etwas auf Initiative Solidarische Stadt. Ich konnte den Laden noch nie leiden: Mit „bio“ lockt man zwar den Leuten das Geld aus der Tasche, ansonsten sind das aber ganz normale Kapitalisten mit der dazugehörigen Moral.








































