Alice in Borderland
Empfehlenswert – mit Abstrichen wegen der großen kulturellen Differenz: Alice in Borderland auf Netflix. (Ich bin erst am Ende der ersten Staffel angelangt, weil ich Filme nur zum Einschlafen ansehe, also jeweils eine halbe Stunde oder so… Nur sehr selten muss ich mich zwingen abzuschalten – das war das letzte Mal bei Yellowstone der Fall.)
Die Serie läuft schon ein paar Jahre. Die Algorithmen spülten sie mir aber erst jetzt zu.
Die gute Nachricht: Japanische Filme sind ohnehin immer um Klassen intelligenter als US-Produktionen, wie auch südkoreanische. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas Logisches in einem Film nicht verstanden hätte. Aber hier kommt irgendwann ein dialektisches Rätsel vor, das gelöst werden muss, weil sonst alle störben – und der Held ist dafür zuständig. Ich habe das nicht kapiert, zumal auch extremer Zeitdruck bestand.
Der Plot ist einfach und bekannt und ähnelt Squid Game. Eine Gruppe von Leuten ist aus unbekannten Gründen irgendwo eingesperrt und muss Aufgaben lösen, bei denen die meisten draufgehen. Das ist per default spannend, kann aber unendlich oft wiederholt werden. Eine Allegorie auf: Je ein Kapitalist schlägt viele tot?
Die „schlechte“ Nachricht: Die Reaktionen der Hauptdarsteller Kento Yamazaki und Tao Tsuchiya – auch auch die der anderen – sind manchmal so unverständlich und europäischem Verhalten fremd, dass man nicht versteht, warum die so sind und was das japanische Publikum dabei denkt.
Beispiel: Die äußerst attraktive Heldin liegt in einem winzigen Zelt, der Held draußen und wird von Moskitos und anderem Getier zerstochen. Sie bittet ihn hinein, beide sind nur leicht bekleidet und haben schon einiges gemeinsam hinter sich – aber nichts passiert. Sie liegen starr nebeneinander wie Ölgötzen. No sex please, we are Japanese?
Oder: Die beiden mussten sich trennen, um ihr Leben kämpfen und treffen sich unvermittelt in einer Menschenmasse wieder, laufen aufeinander zu. In jedem Ami – oder europäischen Film würden sie sich um den Hals fallen, weil man sogar sieht, wie sie sich freuen. Aber die Usagi (Tao Tsuchiya) in scharfen Hot Pants zieht sich erst mal das Hemd über den Oberkörper, obwohl ihr Badeanzug extrem züchtig ist, und beide bleiben voreinander stehen. Es fehlt nur noch, dass sie sich formell die Hände schüttelten und sich verbeugen. Spätestens hier wäre in Hollywood der erste Kuss angesagt. Vermutlich hat das damit zu tun, dass „öffentlich“ und „privat“ in Japan viel stärker getrennt ist. Ich weiß es nicht.
Auch das Agieren des Helden finde ich oft albern. Er ist ein richtiges weinerliches Weichei, den man schnell erschrecken kann und der – für unser Empfinden – emotional total überreagiert, so dramatisch und kitschig wie die Protagonisten in der Peking-Oper. Manchmal so langatmig wie ein Beziehungsgespräch, so dass ich auf Vorlauf gedrückt habe.
Die Heldin scheint im Film gleichaltrig zu sein, agiert aber in Relation zu ihm mehr – fast immer – als sexy MILF. Frauen und Männer mögen absolut klischeehaft wirken, sind aber de facto gleichberechtigt. Sie sehen auch ähnlich aus: Der Held wirkt androgyn und nicht klassisch „männlich“.
Spätestens in solchen Szenen wird deutlich, dass der Film eine Adaption des gleichnamigen Mangas (erschienen 2010-2016) bzw. Anime ist: Die Schauspieler handeln charakterlich „tiefgründig“ wie im Comic Strip. Die Japaner könnten das anders. Also muss es Absicht sein. So etwas kriegen eh nur die hin. Deutsche Comics in Serie (gibt es das überhaupt?), verfilmt auf Streaming-Portalen? Undenkbar oder nur für zwölfeinhalb Zuschauer gedacht.
– Manga sind japanische Comics oder Graphic Novels, die man liest (meist schwarz-weiß, von rechts nach links).
– Anime sind japanische Zeichentrickfilme oder -serien, die man anschaut (oft basierend auf Mangas, aber nicht immer).
👉 Kurz: Manga = Lesen 📖 | Anime = Schauen 🎬.
Was ist also der Sinn des Ganzen, neben normaler Action und Unterhaltung?
Was mir auch bei dem koreanischen Beyond the Bar auffiel: Die Moral wird dem Holzhammer eingebläut, so subtil, wie ich über Israel schreibe. Nach dem Motto: Der Held ist ein Gamer und Nichtsnutz, und während er um sein Leben kämpfen muss und das Blut herumspritzt, dämmert es ihm, dass er vielleicht doch nicht seine Zeit mit Computerspielen vergeuden sollte.
Das kommt so oft und so drastisch, dass man laut schreien möchte: Da wäre ich jetzt von allein nicht drauf gekommen!
Trotzdem: Gute blutrünstige Unterhaltung.
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