Lady Di and Sir Robert

LichterketteVielleicht liegt es daran, dass mir Fußball nichts bedeutet. Aber ich kann mir nicht helfen: Die Massenhysterie um den Torwart Robert Enke erinnert mich stark an den irrationalen Trauerwahn beim Tod Lady Dianas. Die Massen versammeln sich wieder einmal um Feuer in der Nacht.

Stichworte bei SpOn: „eine in der deutschen Sport-Historie einmalige Trauerfeier… nahmen zügig, aber ohne Hektik und in angemessener Form ihre Plätze ein. ertönte aus Lautsprechern rund um das Stadion Musik… Zeremonie zum Andenken… Der katholische Pfarrer Heinrich Plochg spricht… “ Die Massen ordnen sich freiwillig und in angemessener Form, jedes Element der Masse fühlt gleich und hält womöglich etwas Brennendes in den Händen – woran muss ich jetzt denken – an Theweleit? sorry, ich gehe jeder deutscher Masse aus dem Weg, die von einem Pfaffen angeführt wird. Vielleicht lebe ich im falschen Land.

Die KollegInnen im JoNet diskutierten durchaus darüber: „Schienenselbstmorde und das öffentliche Ausweiden“. Nur kommt das in der Öffentlichkeit kauman und vor: „Bezeichnenderweise kommt keiner von der durchgeknallten ‚Selbstmord‘-Journaille auf die Idee, den Herrn Doktor einmal nach der (postmortalen) Schweigepflicht zu fragen. “ – Der (Frei-)Tod auch eines prominenten Sportlers ist eine intime private Angelegenheit, die die Öffentlichkeit (über die Meldung der blossen Tatsache hinaus) schlicht nichts angeht. Ein Mensch hat von seinem ultimativen Freiheitsrecht Gebrauch gemacht, selbst und endgültig über sein Leben zu verfügen. Das darf er und dafür schuldet er jedenfalls über seine Familie hinaus einer schamlosen sensationsgeilen „Öffentlichkeit“ keine Rechenschaft, schon gar nicht posthum.“

Der Tagesspiegel schreibt klar und angenehm: „Nach dem Tod von Robert Enke übernimmt das Fernsehen die Trauerarbeit, als sei das der Auftrag des Fernsehens. Auf dem Bildschirm sind Tränen und echte Anteilnahme zu sehen. Das Maß geht verloren.“ Der Blogger Michalis Pantelouris: „Nummer Eins lebt – Eines der unwürdigsten Manöver der Massenmedien wird immer dann exerziert, wenn betretenes Schweigen in Worte zu fassen ist.“

Das ist nur die Hälfte der Kritik. Viel spannender ist die urdeutsche Form der Massenhysterie: der Fackelzug, das Zusammenrotten der Massen unter der Anleitung eines Verehrers höherer Wesen (war Enke überhaupt religiös?)

Ich bloggte vor fünf Jahren über den „Fackelzug oder dessen mit Gutmenschentum kompatible Version – eine Lichterkette. Aus protestantisch-theologischer Sicht sind das Synonyme. Die Fackelkette oder der Lichterzug befriedigen zwei Bedürfnisse: Im Dunkeln wirkt Licht romantisch, also unpolitisch, anheimelnd. Und Feuer verbrennt etwas, sonst wäre es kein Feuer (…) Die Fackelkette oder der Lichterzug verhalten sich zur Hexenverbrennung wie Onanie zu Geschlechtsverkehr. Im ersteren Fall ist das jeweils Andere, das Objekt der Begierde, nicht vorhanden, deshalb führt die Tat zwar zu einem Ende, bleibt aber irgendwie unbefriedigend..Hinter der rituellen Symbolik des Feuers steckt natürlich primitive Magie: wenn man das Böse nicht mehr sieht, muss es auch verschwunden sein.“

Der Fackelzug oder die Lichterkette wirken also wie eine Art kollektiven Exorzismus – man vertreibt symbolisch die bösen Dämonen, die einem Angst machen – die Angst, es könnte einen selbst treffen. Das erklärt dann auch, warum so viele mitmachen.

Ein vor mir sehr geschätzter Kollege schrieb im JoNet: „Bei Selbstmorden hatten wir eigentlich, so meine ich mich zu erinnern, die Regel, nicht auf Details einzugehen. Offenbar irre ich mich in diesem Punkt oder ich habe eine Fortsetzungsfolge der Weiterbildung verpasst. Gerade bei psychischen Problemen können weitere, anonym lebende Betroffene durch solche Reportagen zur Nachahmung getriggert werden.“

Kommentare

One Kommentar zu “Lady Di and Sir Robert”

  1. djo am November 16th, 2009 1:12 am

    Besser kann keine Inszenierung sein: am Volkstrauertag eine Live-Trauerfeier zur Andacht des Nationalgoalies, nachdem dieser als tragischer Antiheld an seinen nur allzu menschlichen Schwächen zerbrochen ist…

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