East Asia: The Modern Transformation I

East Asia

Vor einiger Zeit schon kaufte ich East Asia: The Modern Transformation (- das Buch war für einen 1000-seitigen Wälzer überraschend preiswert, und der Stempel „St. Mary’s College of Education, Falls Road, Belfast 12″ macht es exotisch).

Bevor ich mich an das hier schon mehrfach angekündigte Needham-Rätsel mache – das ein missing link sein könnte zwischen unserer Theorie einer möglichen „Abfolge“ von Gesellschaftsformationen bis hin zum (auf meiner To-Do-Liste stehenden) Sozialismus der chinesischen Art, wollte ich mich mehr über Asien informieren.

Das Buch ist offenbar ein Standardwerk, spiegelt aber – da schon 1965 erschienen – nicht die aktuelle Situation wider, insbesondere nicht die atemberaubende Entwicklung Chinas.

In „Die Kinder des Prometheus III“ (09.05.2025 hatte ich mich zum ersten Mal damit auseinandergesetzt: Warum haben die Staaten Europas – Portugal, Spanien, die Niederlande und schließlich Großbritannien – fast die gesamte Welt erobern können, während die Inder und Chinesen eine passive Rolle einnahmen und im frühen 20. Jahrhundert weit hinter der ökonomischen Entwicklung Europas hinterherhinkten? Wir müssen also noch einmal genauer hinsehen… Und: auch Vietnam und Laos nennen sich heute noch „sozialistisch“ (Kuba und Nordkorea sind nicht relevant für Vergleiche). Und was ist mit Südkorea und Taiwan?

(Da das Buch auf Englisch ist, musste ich mich ein bisschen zwingen, es endlich anfangen zu lesen. Meine Anmerkungen sind nur ein Exzerpt für mich selbst.)

Our own rather sceptical view is that the highest-level generalizations are likely to be the least useful in unterstanding history…

Das sehe ich naturgemäß als Marxist anders: Wenn es in der Historie keine ökonomischen Gesetze gäbe, dann kann man auch gleich darauf verzichten, die Abläufe verstehen zu wollen und begibt sich auf das Niveau Thomas Carlyles oder der Hermeneutik.

Und wer einwirft, es gebe einfach zu viele Variablen, insbesondere bei dem Mammut-Thema des obigen Buches, um die bestimmenden Konstanten – entweder der strukturellen oder der Marxschen Art – zu bestimmen, der soll warten, bis die künstliche Intelligenz alles erklärt, weil sie alles Relevante weiß. Aber was machten wir dann, wenn das Fazit wäre, der Kommunismus sei unvermeidbar?

A variety of concepts seem helpful in interpretation. One ist the concept of change within tradition (…) Yet the major traditional forms of thought of thought and action, once established, hat an inertial monumentum, a tendency to continue in accepted ways.

Das zweite Konzept besagt, dass man die Evolution der asiatischen Gesellschaften besser begreifen können, wenn man sich ansieht, wie sie jeweils auf den europäischen Impakt reagierten. Die Europäer waren den Asiaten beim ersten Kontakt technisch und militärisch haushoch überlegen (Schusswaffen, Marine). (Warum? Das genau ist die zentrale Frage des hier schon oft erwähnten Michael Mitterauers: Warum Europa?)

Interessant sind auch die „kommerziellen Motive“, die laut den Autoren die europäische Seefahrer antrieben: The rise of towns in medieval Europa, die growth of an independent merchant class and of commerce under law, all had their ancient background in the Greco-Roman trading civilization of the Mediterran.

Das ist vage und spekulativ formuliert. Präziser müsste man fragen: War das römische Reich konstitutiv für den schnelleren technischen Fortschritt des so genannten „Mittelalters“ in Nordwesteuropa, im Vergleich zu Asien? Meine Antwort war eher vorsichtig negativ, wenn man die Ökologie nicht berücksichtigt.

Die ersten neuzeitlichen Europäer, die sich bis nach Asien wagten, waren die Portugiesen. Portugal hatte über Spanien und Nordafrika Zugang zu arabischer Geographie, etwa zu den Werken von Muhammad al-Idrisi und Ibn Battūta. Arabische Seefahrer kannten seit Jahrhunderten die Handelswege des Indischen Ozeans.

Übersetzt aus dem Buch: Die Anführer waren Abenteurer, die jede Gelegenheit ergriffen, die sich ihnen bot. Sie folgten den alten Seehandelsrouten zu den etablierten Handelszentren. Da sie nur in sehr geringer Zahl auftraten, mussten sich die Portugiesen mit einheimischen asiatischen Herrschern und Fraktionen verbünden. Sie passten sich den örtlichen Verhältnissen an und verschafften sich Gewinn oder Macht mit allen verfügbaren Mitteln. Sie mischten sich in die Politik und die Kriege Burmas, Siams und anderer südostasiatischer Königreiche und Sultanate ein und traten dabei abwechselnd als Söldner oder als unabhängige Piraten auf.

Filipe de Brito e Nicote
Filipe de Brito e Nicote als König auf einem Elefanten (Bild der japanischen Nambankunst)

Als die Siamesen [heute Thailand] 1548 bei Ayutthaya die birmanischen Invasoren zurückschlugen, kämpften beispielsweise portugiesische Söldner auf beiden Seiten. Ein Abenteurer namens Felipe de Brito wurde für vierzehn Jahre (1599–1613) Herrscher in Süd-Burma. Andere errichteten befestigte Stützpunkte an der Nordostküste Indiens und betrieben bis in die 1660er Jahre Sklavenhandel, indem sie Einheimische gefangen nahmen und verkauften.

Als Portugal die Herrschaft der spanischen Krone akzeptierte, war die portugiesische Expansion bereits erschöpft. Als Portugal 1640 wieder unabhängig wurde, war seine Macht im Osten bereits von den zielstrebigeren und besser organisierten Niederländern und Briten überflügelt worden.

Der Text zeichnet laut ChatGPT „insgesamt ein recht nüchternes Bild der frühen portugiesischen Expansion in Asien: weniger als staatlich geplantes Imperium, sondern zunächst als Netzwerk von Händlern, Abenteurern, Söldnern und gelegentlich Piraten, die lokale Machtkämpfe für eigene Zwecke nutzten.“

Ich bin noch ganz am Anfang der Lektüre und traue der KI auch nicht zu, auf genau das zu achten, was mich interessiert. Hier aber eine Zusammenfassung I(die auch zeigt, dass die Autoren Edwin O. Reischauer, John King Fairbank und Albert M. Craig bei China – obzwar hoch qualifizier – total daneben lagen).

„Das Buch East Asia: The Modern Transformation verfolgt die Geschichte Ostasiens vom Auftreten der Europäer im 16. Jahrhundert bis in die 1960-er Jahre. Das eigentliche „Fazit“ wird nicht in einem einzigen Schlusssatz formuliert, sondern ergibt sich aus der gesamten Argumentation des Werkes.

Zentrale Schlussfolgerung des Buches

Die Autoren vertreten die These, dass die moderne Geschichte Ostasiens von einer gewaltigen Herausforderung geprägt wurde: Wie konnten die alten Zivilisationen Ostasiens auf die militärische, wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit des Westens (!) reagieren, ohne ihre eigene Identität vollständig zu verlieren?

Nach Ansicht der Autoren hing der Erfolg eines Landes davon ab, wie gut es westliche Technik, Institutionen und Organisationsformen übernehmen und zugleich an die eigenen Traditionen anpassen konnte.

Japan wird als das erfolgreichste Beispiel dargestellt:

schnelle Modernisierung seit der Meiji-Zeit,
Übernahme westlicher Technologie,
Aufbau eines modernen Staates,
Industrialisierung,
Aufstieg zur Großmacht.

Allerdings führte dieser Erfolg (?) auch zu Imperialismus und Krieg, was 1945 in einer Katastrophe endete. Danach gelang Japan ein zweiter Aufstieg als Wirtschaftsmacht.

China erscheint im Buch als der große Verlierer des 19. Jahrhunderts:
innere Krisen,
kolonialer Druck,
langsame Reformen,
Zusammenbruch des Kaiserreiches,
Bürgerkrieg und Revolution.

Die kommunistische Revolution wird nicht nur als ideologisches Ereignis, sondern als Versuch verstanden, China wieder politisch zu einen und zu modernisieren.

Korea und die Staaten Südostasiens werden als Gesellschaften beschrieben, die zwischen kolonialem Einfluss, nationaler Selbstbehauptung und Modernisierung ihren eigenen Weg suchten. Auch hier wird die Begegnung mit dem Westen als entscheidender Wendepunkt dargestellt.

Wenn man die Kernaussage des Buches in wenigen Sätzen zusammenfasst, lautet sie ungefähr:

Die moderne Geschichte Ostasiens ist die Geschichte der Anpassung alter Zivilisationen an eine von Europa und später den USA geprägte Weltordnung. Die Gesellschaften, denen es gelang, fremde Technik und Institutionen mit ihren eigenen Traditionen zu verbinden, waren erfolgreicher als jene, die sich dem Wandel widersetzten oder zu spät reformierten. Die Zukunft Ostasiens liegt weder in der bloßen Nachahmung des Westens noch in der Rückkehr zur Vergangenheit, sondern in einer eigenständigen Synthese von Tradition und Moderne.

Interessant ist dabei, dass Fairbank, Reischauer und Craig bereits 1965 schrieben – also bevor der wirtschaftliche Aufstieg Südkoreas, Taiwans und vor allem Chinas sichtbar wurde [und noch vor der Chinesischen Kulturrevolution!]. Rückblickend wirkt ihre Grundthese erstaunlich vorausschauend: Ostasien modernisierte sich nicht durch „Verwestlichung“, sondern durch die Verbindung westlicher Methoden mit eigenen kulturellen und politischen Traditionen.“

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