Unter Putschisten, revisited
Ich lese immer noch von Sven Felix Kellerhoff: „Der Putsch: Hitlers erster Griff nach der Macht“ – Reminder: „Es ist die bis dahin größte Bedrohung für die Weimarer Republik: Mit roher Gewalt wagt Hitler von München aus den Umsturz – und scheitert. Die Demokratie hält stand. Sven Felix Kellerhoff richtet den Fokus auf bislang übersehene Zeugnisse und schildert die tatsächlichen Hintergründe des 8. und 9. November 1923.“
Ich bin erstaunt, wie wenig ich wusste. Am 18.12.2018 habe ich das Publikum mit ultraorthodoxsektiererschen Literaturhinweisen aus den 70-er Jahren belästigt über maoistische Klassenkämpfe in der Weimarer Republik. Das haben wir damals gelesen. Und noch Schlimmeres, was heute unter identischem Titel immer noch existiert – und das gleich mehrfach.
Das, was die DDR zum Thema zu bieten hatte, war nicht viel besser. Man kann stundenlang Lenin-Zitate daherbeten, dadurch wird der Quatsch nicht besser. „Die Massen sahen, dass der Sozialismus möglich ist.“ Nein, sahen sie nicht. „Im Herbst 1923 herrschte in Deutschland eine revolutionäre Situation.“ Nein, falsch.
Ich zitiere das nur, um zu beweisen, dass die ultraorthodoxe so genannte „Linke“ in Gestalt der Politsekten rein gar nichts aus der Geschichte gelernt hat, und das offenbar auch gar nicht will. Es kommen immer noch alberne Theorien, dass die anderen schuld waren, dass die Revolution nicht stattfand: die SPD, die KPD-Führung selbst oder die Arbeiter oder irgendetwas anderes. Vielleicht war es auch das Klima.
Richard Löwenthal hat die richtigen Punkte zur Sprache gebracht, was die SED nie erlaubt hätte: „Dagegen hatten Lenin und die Bolschewiki unter den ganz anderen Bedingungen ihres illegalen Kampfes gegen den Zarismus die These entwickelt, daß nur die straffste zentralistische Organisation, der Parteiaufbau von oben nach unten, die Bestellung der Funktionäre nicht durch Wahl, sondern durch Auswahl, die Auswahl auch der Mitglieder durch die Parteiführung – daß nur diese Form der Organisation geeignet sei, den revolutionären Erfolg zu verbürgen; und auf Grund dieser extrem anti-demokratischen, zentralistischen Organisationsform standen die demokratisch-revolutionären Minderheiten der mittel-und westeuropäischen Arbeiterbewegung den Bolschewiki mit einem gewissen Mißtrauen gegenüber. Das galt insbesondere wiederum für Rosa Luxemburg…“
Und: „Die ursprünglichen deutschen Kommunisten, die sich aus der „linksradikalen“ Richtung der Sozialdemokratie vor 1914 über die „Gruppe Internationale“ der ersten Kriegsjahre zum Spartakusbund unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht entwickelten, unterschieden sich in wesentlichen Punkten ihrer Auffassung und Praxis von den russischen Bolschewiki. Ganz wie die revolutionären Minderheiten in der Arbeiterbewegung anderer europäischer Länder vor dem ersten Weltkrieg hatten sie eigene Wurzeln und waren keineswegs als Anhängsel der Bolschewiki entstanden“.
Zwei Thesen dazu. Erstens: Mit Ernst Thälmann war die kommunistische Arbeiterbewegung zum Scheitern verurteilt. Zweitens: die verhängnisvolle Abhängigkeit, in die sich die KPD zur KPdSU begab, musste in einer Katastophe enden. Letzteres wird im Buch von Kellerhoff dokumentiert, obwohl das eher ein Nebenthema ist.
Stalin und seine Groupies waren überzeugt und der Meinung, dass ein bewaffneter Aufstand 1923 (!) in Deutschland zu erfolgen habe. Andere wurden nicht gefragt, und die deutsche Arbeiterklasse sowieso nicht.
Für denselben Abend um 22 Uhr hatten Trotzki und Sinowjew die in Moskau anwesenden KPD-Spitzenfunktionäre einbestellt, darunter neben Brandler auch Ruth Fischer und Ernst Thälmann. Tatsächlich begann die Besprechung erst um 23.15 Uhr und schleppte sich zunächst mit Geschäftsordnungsfragen hin, einschließlich einer 20-minütigen Unterbrechung, um auf noch abwesende KPD-Vertreter zu warten, vor allem auf Fischers Lebensgefährten Arkadij Maslow, dessen Anwesenheit sie verlangte. Dann aber, vermutlich gegen Mitternacht, verkündete Sinowjew [den Stalin später hinrichten ließ] den deutschen Kommunisten, was das Politbüro Stunden zuvor beschlossen hatte: »Wir alle sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die revolutionäre Krise in Deutschland herangereift ist und dass jetzt die Frage des bewaffneten Aufstandes und entscheidenden Kampfes eine Tagesfrage geworden ist fast im buchstäblichen Sinne des Wortes.« Das Politbüro sei der Meinung, es genüge, »wenn alle objektiven Vorbedingungen herangereift sind«, eine Frist »zur Vorbereitung aller notwendigen Vorarbeiten« zu setzen. Dann teilte der als Chef der Komintern faktische Vorgesetzte den KPD-Funktionären mit: »Als eine solche provisorische Frist vorgesehen ist der 9. November.«
Das Protokoll verzeichnete weder Erstaunen noch Fragen und erst recht keinen Protest; lediglich Ruth Fischer merkte demnach an, sie kenne die »Thesen« des Politbüros zur Lage in Deutschland »nicht in vollem Umfang«. Sinowjew verlas daraufhin den Beschluss, doch zu einer Diskussion über den Befehl kam es offenbar nicht.
Sowohl der Hamburger Aufstand als auch alle anderen Versuche, eine Volksfront „gegen Rechts“ zu bilden, wie etwa in Thüringen, scheiterten kläglich und mit Ansage.

Aufruf der Aufständischen an die Einwohner von Schiffbek zur Teilnahme am Hamburger Aufstand – Foto aus dem Buch: Die bedrohte Stadtrepublik, Hamburg 1923
Die KI (Gemini) fasst recht gut zusammen, was man in der DDR mit dem Thema machte:
„Die zentrale These der SED-Geschichtsschreibung war, dass die Aufstände der 1920er Jahre scheitern mussten, weil die KPD zu diesem Zeitpunkt noch keine „Partei neuen Typs“ nach leninistischem Vorbild war.
Der Vorwurf des „Spontaneismus“: Den frühen KPD-Führern wurde vorgeworfen, von linksradikalen, „putschistischen“ oder spontaneistischen Strömungen beeinflusst gewesen zu sein. Es habe an einer straffen, zentralistischen Führung und einer klaren militärisch-strategischen Planung gefehlt.
Die SED-Historiker kritisierten (durchaus folgerichtig), dass die KPD-Führung in den Aufständen oft den Rückhalt in der breiten Arbeiterklasse und den Gewerkschaften unterschätzt hatte. Die Aufstände wurden im Nachhinein oft als heroische, aber isolierte Aktionen der Avantgarde gewertet.
Ein Kernelement der DDR-Meistererzählung war die fundamentale Schuldzuweisung an die SPD-Führung. In der offiziellen Geschichtsschreibung wurde argumentiert: Die Aufstände scheiterten primär daran, dass die „rechte SPD-Führung“ (Leute wie Friedrich Ebert oder Gustav Noske) gemeinsame Sache mit den reaktionären Kräften der Bourgeoisie und den Freikorps gemacht habe, um die Revolution zu verraten.
Kritik an KPD-Mitgliedern, die während der Weimarer Republik mit der SPD kooperieren wollten (die sogenannte „Rechte“ um Heinrich Brandler, dem KPD-Vorsitzenden während des versuchten „Deutschen Oktobers“ 1923), wurde in der DDR genutzt, um jegliche Abweichung von der harten Parteilinie zu brandmarken. Brandler wurde zum Sündenbock für das Scheitern von 1923 erklärt.
Die kritische Aufarbeitung in der DDR (manifestiert unter anderem im monumentalen, mehrbändigen Werk Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, das unter der Aufsicht von Walter Ulbricht entstand) verfolgte klare politische Ziele:
Das Scheitern der Weimarer KPD wurde als historischer Beweis dafür herangezogen, dass die Gründung der SED (durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946) und deren rigide, moskautreue Ausrichtung absolut notwendig waren, um den Sozialismus in Deutschland endlich siegreich zu machen.
Die Berichte über die Aufstände (insbesondere der Hamburger Aufstand unter Ernst Thälmann) wurden stark romantisiert. Thälmann wurde als fehlerfreier Held inszeniert, während strategische Fehler der KPD-Führung der „Brandler-Clique““oder dem „Trotzkismus“ zugeschrieben wurden. Die Kritik diente also der Disziplinierung der eigenen Kader.“
Also Fake News vom Feinsten und keine Geschichtswissenschaft. Von der heutigen so genannten „Linken“ kommt gar nichts. Ganz im Gegenteil: Die ist auf dem Weg zum völkischen Nationalismus („Volk der Palästinenser“). Daher noch ein Zitat von Kellerhoff, was sich seitdem nicht geändert hat und heute wieder aktuell ist:
»In Autenhausen wurde heute Nacht bei einer jüdischen Familie eingebrochen. Die Leute wurden stark misshandelt und anscheinend verschleppt, die Zimmereinrichtung durcheinandergeworfen, das Zimmer weist zahlreiche Blutspuren auf.« Die Bevölkerung befinde sich in großer Aufregung, meldete die kommunale Polizei und fügte hinzu: »Täter sind bekannt«. Ähnliches geschah in Sesslach mit zwei jüdischen Brüdern, über die »mindestens 15 Personen hergefallen« waren. Die beiden wurden misshandelt, entführt und offenbar nach Zahlung eines Lösegeldes freigelassen. Als die Polizei mit ihnen sprechen wollte, waren sie mit ihren Frauen verschwunden: »Man weiß nicht, wo sie sich befinden.«* Vorkommnisse wie diese gab es zwar nicht nur in Oberfranken, doch dort schaukelte sich die Stimmung der Milizen besonders auf.
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* Die Information stammt aus der Akte K 3/1927 im Staatsarchiv Bamberg, Blatt 36b und Blatt 40.
Kommentare
7 Kommentare zu “Unter Putschisten, revisited”
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„rein gar nichts aus der Geschichte gelernt hat, und das offenbar auch gar nicht will“.
Um Welt zu verstehen macht sich Mensch ein Bild.
Leider wird oft Gefühl mit Verstand und Beifall mit Diagnose verwechselt. Und leider wird oft eigenes Verständnis als allgemein unterstellt.
Geschichte lehrt nix, andere lernen was anderes.
Merz zB will das Wirtschwunder seiner Jugend herbei regieren. Er glaubt Sozialstaat wäre Sachzwang und Mathe statt politischer Kompromiss.
Dazu paßt seine Person nicht zu seiner Rolle.
Er scheitert und merkts nicht sondern hält die anderen für blöd, man müßt es besser erklären.
Nutzt halt nix wenn man falsch erklärt.
Niethammer würde ich nun nicht als „ultraorthodoxsektierersch“ abtun.
(lese gerade, dass er letztes Jahr verstarb)
2018 schienst du das Werk ja noch über den Klee zu loben…
verstehe ich es nur falsch, oder änderst du mit jedem zweiten buch deine Meinung?
Die zwei Thesen sind ja eher Binsenweisheiten.
Man weiß ja, wie es ausging…
Den Einfluss Stalins beschriebt ja auch Orwell in seinen Katalonien-Schriften
die Bolschewiki hatten einen entscheidenden Vorteil – den auch Luxemburg anerkannte:
die hatten (im Gegensatz zum Burgfrieden der Verräter-Sozn) die Revolution gemacht, als sie möglich wurde.
Damit waren sie auf einmal eine real existierende Referenz
Thälmann – welche Rolle spielte er eigentlich wirklich?
Stalin machte keine Anstalten ihn aus Buchenwald herauszuholen. Offensichtlich war er dort nützlicher.
Hitler ließ ihn als eine der letzten sinnlosen Amtshandlungen noch erschießen.
muss ja auch Gründe gehabt haben…
der große Herbert Wehner war mindestens ebenso ein „ans-Messer-Lieferer“ wie Pieck, Ulbricht und alle anderen, die Moskau überlebten
zur sog. Linken vermag ich – als Reminiszenz auf Niethammer – beizutragen:
ich erinnere mich noch gut an die endlosen Diskussionen und Debatten bzgl. des Parteiprogramms:
Punkt 1: Woher wir kommen, wer wir sind
da wurde/wird ein weiter historischer Bogen geschlagen, der aber reines Alibi ist.
Ein leeres Zeichen, wie Baudrillard sagen würde.
der einzige brauchbare Bezug zur Geschichte der „linken“ war, dass es diese Geschichte irgendwie tatsächlich gab – aber wie die genau aussah und was davon tatsächlich als positiv angesehen werden könnte – oouh – meilenweiter Dissens
eigentlich war fast allen Personen, fast alles irgendwie peinlich…
In der Moderne verwiesen Zeichen auf Dinge.
In der Postmoderne verweisen Zeichen auf Zeichen.
zu Niethammer:
Das Werk dokumentiert und analysiert rund vierhundert lebensgeschichtliche Interviews mit Menschen aus dem Ruhrgebiet, vor allem mit Arbeitern und Arbeiterinnen, einfachen Angestellten und unteren Rängen der NS-Hierarchie, die zwischen 1930 und 1960 gelebt haben. Methodisch geht es um die Erinnerung und Verarbeitung von Faschismus und Krieg sowie die Bedeutung dieser Erfahrungen als Vorgeschichte der Nachkriegszeit. Ziel ist die Rekonstruktion einer „Erfahrung des Volkes“ in nachfaschistischen Ländern
wenn noch Transkripte oder Aufzeichnungen der Interviews existieren, wäre das doch nun was für KI-Gestützte Auswertung
Woher kommt dieser Fetisch auf den Arbeiter bei den Linken?
Der Arbeiter hat gar kein Interesse an der Kontrolle der Produktionsmittel, der will Feierabend nach 8 Arbeitsstunden und nicht erst lange rumdiskutieren ob der Surplus lieber in die Modernisierung der Produktionsmittel oder den Aufbau eines antifaschistischen Schutzwalles gesteckt werden soll.
Im Zweifelsfall sind die Arbeiter für ein Ferienhaus in Spanien und einen dicken Daimler mit viel PS statt internationaler Solidarität.
Nein, eine Linke Politik kann nicht mit dem Arbeiter sondern nur gegen den Arbeiter durchgesetzt werden.
Auch nach der Revolution muß es weiterhin Menschen an den Fließbändern und anderen Produktionsmitteln geben die den Überfluss erwirtschaften den die Linke dann umverteilt, und zwar ohne das diese Menschen sich erdreisten bei der Verteilung mitreden zu wollen.
Deswegen ist es sinnvoll das sich die Linke auf andere Gruppe konzentriert: Muslime, LBGQT+ und andere Gruppen die von dieser ekelhaften weissen
deutschen Mehrheitsgesellschaft unterdrückt und diskriminiert werden.
Im Iran gelang es einen Bündniss aus Linken und Islamisten das faschistische Regime des Shahs zu stürzen und eine bessere Gesellschaft aufzubauen, das ist dank der Zuwanderung inzwischen auch in Deutschland möglich.
Dafür muß die Linke mehr auf die Bedürfnisse der muslimischen Deutschen eingehen: leichtere Einbürgerung, leichter Einwanderung für die Ehefrauen von Muslimen, Beseitigung von Diskriminierungen wie dem Kopftuchverbot für Lehrer, Richter und andere Beamte, Familienförderung auch bei mehreren Ehefrauen, ect, ect.
Nur so kann der Traum von einem gerechteren Deutschland auch umgesetzt werden!
Die Annahme, dass sich Geschichte übertragen lasse, ist fatal. Geschichten hingegen schon.
Blicken wir auf den gestrigen Tag. Ja, der liegt weiter zurück als 1923. Ich lese Putsch! Das Wort Putsch fehlt noch im Zusammenhang mit der AfD. Was haben wir bisher:
AfD = Machtübernahme.
CDU = Regierungsübernahme.
Schulungen für Parteikader Mit Akademie-Netzwerk bereitet AfD die Machtübernahme vor.
Hier wird durch den FOCUS der AfD quasi Einzigartigkeit vorgeworfen. Demnach gibt es diese Akademien weder bei der CDU, noch bei den Grünen und schon gar nicht bei der SPD.
Ist die AfD bereits Eigentümer der Goebbels Villa und den Gebäuden der angrenzenden Kaderschmiede der FJ? Ich denke davon hätte ich gehört, denn das wird zwangsläufig zu unerwünschten Situationen führen.
Mich wundert das die Gebäude noch niemand abfackelte.
***
Noch ein Machtwechsel.
Sachsen-Anhalt-MP im Talk Atalay zerlegt Schulzes AfD-Aussage: „Realitätsverweigerung”.
Die AfD liegt aktuell in den Umfragen bei 42%. Einen Machtwechsel sehe ich nicht. Es wird alles im Sinne von „unsere Demokratie“ ™ aka „Unsere Pfründe“, weitergehen.