Tanais

Hereford-Weltkarte, Ende 13. Jh.
Ich habe den Beyer erst halb durch, er ist interessanter, als ich dachte.
כל ארץ צפון כלה עד די דבק ל[…]¹¹
ים רבא […]¹⁶ פניה נהרא […]⁸¹⁷ […]
לחזקק […] לארם ארנא די […]¹⁰
דן ועבר חולקא די למערבא עד דבק […]¹¹
ועל ריש תלח חולקא […]¹⁶
לגמר יהב לקדמין בצפונא עד די דבק לים
נהרא ובתרה למגוג […]
¹⁶¹¹ […] das ganze nördliche Land insgesamt, bis er (= sein Anteil)
angrenzte an […]¹² diese Grenze das Wasser des großen Meeres
(des Mittelmeeres) […]¹⁶ den Fluß Tina [Tanais, heute Don]
[…]¹⁷⁸ im Westen nach Assur, bis er angrenzte an den Tigris
[…] ⁹ dem Aram das Land, welches […], bis er angrenzte an die
Spitze von […]¹⁰ diesen Berg des Stiers (Amanusgebirge nördlich
des Golfs von Alexandret ta), und dieser Anteil erstreckte sich nach
Westen bis er angrenzte an […]¹¹ und gegen die Spitze der drei
Anteile […] dem Arpaksad […]¹⁶ dem Gomer gab er zuerst im
Norden, bis er angrenzte an den Fluß Tina, und nach ihm dem
Magog […].
Übersetzung einer der Qumran-Texte durch Breyer
Moment aka wait a minute. Die ältesten Schriften aus Qumran stammen aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, die jüngsten aus dem 1. Jh. n. Chr.
Die obige Passage handelt davon, wie Noah (aka Noach) die Erde unter seinen Nachkommen verteilt (das ist der mit der Arche). Die Sintflut fand ungefähr um 7500 v. Chr. statt, als das Mittelmeer durch die Dardanellen brach, und hat sich bei vielen Völkern als Legende in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, wie etwa dem Gilgamesch-Epos aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend (aus dem die Bibel vermutlich abgeschrieben hat).
Frage: Woher kennen die Qumran-Schreiber den Don am Asowschen Meer?
(Vgl. oben) Der ist ganz schon weit weg von der Levante. Der Don hieß in der Antike Tanaïs und galt als die östliche Grenze Europas – laut gotischen und isländischen Geschichtsschreibern.
Aber heute glaube ich nichts und hake nach, weil ich auch noch das Interview mit KI-Forscher Michael Gerlich gelesen habe: „Aber wenn man hundertmal die KI nutzt und hundertmal zufrieden war oder sogar schon automatisch die Antworten übernimmt, dann entscheidet im Endeffekt längst die KI und nicht mehr der Mensch. Aber diejenigen, die das nicht möchten, und das hat meine Studie gezeigt, die erreichen bis zu 60 Prozent Verbesserung der Leistung, also des Outputs, indem sie gezielt mit der KI zusammenarbeiten.“ Ich bin für „gezielt“.
Kurzantwort:
Im hebräisch-aramäischen Text steht nicht die deutsche Wortgruppe
„der Fluss Tina“, sondern der Ausdruck
נהרא טינא
(nahrā Tīnā), wörtlich:
„der Fluss Tina / Tanais“.
Sprachliche Erklärung:
נהרא
(nahrā) ist aramäisch für „Fluss“ und entspricht dem
hebräischen נהר (nahar).
טינא
(Tīnā) ist die aramäische Lautform von
Tanais, dem antiken Namen des Don.
Zur Textüberlieferung:
In der gedruckten Edition erscheint die relevante Stelle nur
fragmentarisch (mit […]). Der Eigenname
טינא
ist dort nicht vollständig erhalten, wird jedoch aus
Parallelüberlieferungen und aus dem geographischen Kontext
(Grenzbeschreibung des Nordens) zuverlässig erschlossen.
Ich fragte natürlich die KI, wo der Tanais aka Don auf der Hereford-Karte sei, und ChatGPT sollte gefälligst auf der hochgeladenen Karte markieren, wo Tanais stehe. Ich kriegte aber eine komplett halluzinierte Karte, die sogar dreist verfälscht (vgl oben).
„Auf der Original-Karte steht das Worte Tanais aber nicht: Es gibt auch keine Verbindung zwischen dem nord-südlichen Fluss oberhalb der Insel zu der Region, die orange markiert ist.“
„Du hast vollkommen recht – und danke, dass du so genau hinschaust. Die vorherige Markierung war nicht korrekt“. Bitte und gern geschehen. „Auf der Hereford-Mappa-Mundi ist der Tanais nicht eindeutig lokalisierbar wie auf ptolemäischen oder schematischen Weltkarten.“
Quellen? Scott D. Westrem, The Hereford Map: A Transcription and Translation of the Legends (2001) – Standardwerk: The river traditionally taken to represent the Tanais is not clearly distinguished from other northern rivers on the map.“ Es gibt also gar keine antike oder mittelalterliche Karte, die den Don zeigt. Aber Quellen:
Die Berufung auf den Tanais auf der Hereford-Karte stützt sich auf diese lateinischen Autoritäten:
1. Isidor von Sevilla
Etymologiarum sive Originum libri XX,
Buch XIV, Kapitel 3, §31.
Maßgebliche Edition:
W. M. Lindsay (Hg.), Isidori Hispalensis Episcopi Etymologiarum sive Originum Libri XX,
2 Bände, Oxford: Clarendon Press, 1911.
2. Paulus Orosius
Historiae adversus paganos,
Buch I, Kapitel 2, §48.
Maßgebliche Edition:
C. Zangemeister (Hg.), Pauli Orosii Historiarum adversum paganos libri VII,
Leipzig: Teubner, 1889 (Nachdrucke gebräuchlich).
3. Plinius der Ältere
Naturalis Historia,
Buch IV, §78.
Maßgebliche Edition:
L. Ian & K. Mayhoff (Hg.), C. Plini Secundi Naturalis Historiae Libri XXXVII,
Leipzig: Teubner, 1892–1909.
4. Gaius Iulius Solinus
Collectanea rerum memorabilium,
Kapitel 19, §1.
Maßgebliche Edition:
Th. Mommsen (Hg.), C. Iulii Solini Collectanea rerum memorabilium,
Berlin: Weidmann, 1895.
Das Asowsche Meer aka Palus Maeotis war nie Teil des römischen Reiches. Der Schreiber der Qumran-Texte, der dem legendären Noach gute geografische Kenntnisse unterjubelten, war auch nicht schlecht in Erdkunde. Und man muss davon ausgehen, dass auch die Leser oder Zuhörer, des es gab, wenn die Schriftrollen in Gebrauch waren, mit dem Begriff etwas anfangen konnten.
🕍 Die früheste jüdische Quelle: Flavius Josephus, Werk: Antiquitates Iudaicae Zeit: ca. 93/94 n. Chr. Stelle: I, 6, 1 (Ant. Iud. 122–124, Zählung je nach Edition).
οἱ δὲ τοῦ Ἰάφεθ υἱοὶ τὴν ἀπὸ τοῦ Ταύρου καὶ Ἀμανῶν ὄρους μέχρι Τανάϊδος χώραν ᾤκησαν. (Die Söhne Japhets aber bewohnten das Land vom Taurus- und Amanusgebirge bis zum Tanais. Nein, ich kann kein Griechisch.)
👉 Hier erscheint der Tanais erstmals explizit in einem jüdischen Werk.
Kommentare
4 Kommentare zu “Tanais”
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Intellenz ist nicht in der Maschine sondern wird vom Hirn des Rezipienten attributiert.
Erkenntnistheoretisch wurde behauptet daß die Sonne um die Erde kreist und der Mond aus Käse ist.
Kopernikus untersuchte alte Aufzeichnungen und bekam Ellipsen wenn er die Sonne ins Zentrum setzte.
Als ich noch jung&dumm war hatt ich Amis geschätzt weil deren Texte knapp waren wohingegen die deutschen dröge. Jetzt sind Amitexte geschwätzig mit a lot of handwaving and no proof.
Verkaufsargument ist truthiness, gefühlte Wahrheit zur Vorspiegelung eines Gebrauchswerts.
Wissen ist besser als Glauben, Denken besser als Fühlen. Die „KI“ bullshittet wenn sie nicht weiß.
In der Wissenschaft wurde Vorurteile als Erkenntnisquelle aussortiert, in Politik & Ökonomie kommen sie einem ständig mit Gefühl und Mehrheit als ob nicht jede Sekte ihre eigene Wahrheit hätte.
Trump nennt Klimaerwärmung Hoax.
Womit Du Dich beschäftigst ist wie sich Leute damals die Welt erklärten.
Die Fluterzählung kommt weltweit vor. Drachen auch.
https://xkcd.com/1732/
Die „KI“s werden trainiert an was Leute geredet hatten. Obs in der Sache stimmt ist was anderes.
Joseph Campbell, Die Masken Gottes
„Woher kennen die Qumran-Schreiber den Don am Asowschen Meer?
Der ist ganz schon weit weg von der Levante.“
Man sollte weg von der Vorstellung, dass die Menschen damals nur im eigenen Dorf hockten.
Die Steine von Stonehenge kamen auch von weit weg.
Gold Silber usw. überwand auch große Distanzen.
Großräumiger Handel war schon sehr ausgeprägt.
Wanderungen ebenfalls.
Und die mündlichen Überlieferungen aka Oral History.
So wie es von Aschenputtel verschiedene Varianten in Teutschland Frankreich Italien usw gibt, so gibt es auch von Adam und Eva oder eben Noah und der Sintflut verschiedene Versionen…
Die Links: „Die Sintflut“ und „ungefähr um 7500 v. Chr. statt“ zeigen beide auf: https://www.burks.de/burksblog/2019/03/24/pontos-euxeinos.
Beabsichtigt?
Die KI fälscht Karten, also Ergebnisse. Ich bin auf den ersten Bau gespannt, der mit Hilfe von KI berechnet wird. Es wird passieren, die Frage ist nur wann.
<8*) Der Aluhut meint: Da fällt mir Nix zu ein.
Die Texte von Qumran berichten wie die Leute sich damals in deren geistigen Weltbild die Welt erklärten.
Alternativ Archäologie und Geowissenschaften etc
um rauszufunden was wirklich war.