Supergroße Koalition

Die Bürgerliche Presse rechnet vor: „Da rund 13 Prozent der Stimmen auf Parteien entfallen, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, könnten parlamentarische Mehrheiten schon bei 44 Prozent beginnen. Schwarz-Rot (CDU/CSU und SPD) käme zusammen nur auf 40 Prozent, Rot-Rot-Grün auf 36 Prozent. Ein rechnerisches Bündnis von Union und AfD (51 Prozent) gilt als politisch ausgeschlossen. Realistisch bleibt nur ein Viererbündnis aus CDU, CSU, SPD und Grünen.“

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In the Navy, 2.0

ship

Gestern organisierte ich in meiner kostbaren Freizeit ein Rollenspiel-Event, was mehrere Tage dauern wird. Die Avatare – rund zwei Dutzend – mussten sich auf eine „gefährliche“ Reise über einen unerforschten Ozean begeben – getreu der literarischen Vorlage.

Dafür hat jemand in tagelanger Kleinarbeit (u.a. mit Blender und unzähligen Scripten) ein Schiff gebaut, das es auf dem Markt von Secondlife nicht zu kaufen gibt. Den Ozean und den Himmel habe ich beigesteuert.

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Endemisch korrupt

die Linke

Mensch, Sonneborn, warum klaust du erst erst jetzt meine Idee? Ich beantrage das schon seit Jahren!

Martin Sonneborn auf X: „Auszug aus einem längeren Interview mit der Berliner Zeitung nach der Verhaftung meiner (erstaunlicherweise offenbar: korrupten) Ex-Kollegin Mogherini…

Handelt es sich um einen bedauerliche Einzelfall?

Kaum. In einigen Etagen der Brüsseler Institutionen, v.a. in den höheren, kann man inzwischen von der Existenz nahezu burschenschaftlicher Netzwerke ausgehen, die um politische oder nationale Familien herum entstanden sind. Und da gilt – allen akribisch als „Verhaltensregeln für EU-Beamte“ kodifizierten Regularien zum Trotz – am Ende eben doch: eine Hand wäscht die andere. Freunde werden auf gut dotierte Versorgungsposten geschoben, die auf Steuerzahlerkosten notfalls auch neu geschaffen werden: So etwa der für den in Katargate involvierten griechischen Exkommissar Avramopoulos (EVP) geschaffene (überflüssige) Posten eines „Sonderbeauftragten für die Golfregion“, der nach Bekanntwerden des Korruptionsskandals an Ex-MEP Di Maio ging. Oder der (überflüssige) Posten eines „Direktors für Wissenschaft, Forschung und Voraussicht“, auf den EVP-Chef Manfred Weber seinen Freund, strategischen Einflüsterer und Ex-Sprecher Udo Zolleis zu setzen gedenkt (Monatsgehalt: mind. 18.000 €). Geschaffen wurde der Posten für Webers Freund übrigens von EP-Generalsekretär Allessandro Chiocchetti, dessen Ernennung selbst mit der Schaffung von Posten verbunden war: Parlamentspräsidentin Roberta Metsola schuf zwei hohe Parlamentsstellen (für Linke & Liberale), um deren Stimmen für die „Wahl“ ihres Kabinettschefs & Wunschkandidaten Chiocchetti sicherzustellen. Oder schließlich Frau VdLeyen selbst, die für ihren langjährigen PR-Berater Jens Flosdorff, den sie auf regulärem Weg nicht einstellen konnte, da er die für EU-Beamte vorgeschriebenen Qualifikationen nicht besaß, kurzerhand eine eigene Stelle schuf – mit höchstmöglichem Dienst- und Entlohungsgrad, versteht sich.

Mogherini selbst hat ihren Rektorinnenposten in Brügge auf keine andere Art bekommen: weder erfüllte sie das offizielle Qualifikationsprofil noch hatte sie sich an geltende Vorschriften gehalten: Ihre „Bewerbung“, obwohl diese schriftlich verlangt wird, hatte sie durch Zuruf eingereicht – und zwar Monate nach Ablauf der Bewerbungsfrist. Dass sie die Stelle dennoch mühelos erhalten hat, geht letztlich auf die Fürsprache & Unterstützung vonderLeyens und das Einverständnis von Herman Van Rompuy zurück, der Präsident des Verwaltungsrats des Kollegs ist.

Wenn bei einer öffentlichen Ausschreibung des Europäischen Auswärtigen Dienstes der dortige Entscheidungsträger (und Italiener) Sannino einer Italienerin, die auch noch an der Spitze einer aus Sicht der EU-Institutionen (politisch) erwünschten Drittinstitution (College of Europe) sitzt, wie durch Zauberhand den Zuschlag für EU-Gelder erhält, kann mich das wirklich nicht mehr überraschen.

Wie soll die EU der Ukraine Werte vermitteln, wenn es ums eigene Haus schon nicht gut bestellt ist?

Eine gute Frage, die sich die EU selbst natürlich niemals stellen würde. Bei einem gründlichen Blick auf die EU fragt man sich allmählich, ob die für die Verwendung des Begriffs der „endemischen Korruption“ vorgegebene Taktzahl an Unregelmäßigkeiten, Machtmissbrauch & Korruptionsvorfällen nicht schon erreicht und überschritten ist.

Von Emmanuel Todd stammt eine in diesem Zusammenhang bedenkenswerte Beobachtung. Dem in Brüssel vertretenen Theorie- und Selbstverständnis liegt die Annahme zugrunde, dass mit jeder EU-Expansion die eigenen Standards auf die Beitrittskandidaten übertragen würden – durch jahrelanges „Monitoring“ & Prüfverfahren der Kommission sowie durch bloße (ideologische) Berührung. Osmose aber ist keine Einbahnstraße. Denn in Wirklichkeit, sagt Todd, hat sich mit jeder ihrer Erweiterungsrunden v.a. die EU selbst verändert. Im Zuge ihrer Ausdehnung hat die EU eben nicht nur ihre eigenen Standards exportiert, sondern auch die historischen Prägungen und politischen Kulturen der beigetretenen Staaten nach Brüssel importiert. Mit Blick auf den Beitrittsprozess der Ukraine könnte man zynisch formulieren: Eigentlich war vorgesehen, dass die Ukraine sich den in der EU geltenden Standards nähert. Unter vonderLeyen ist leider versehentlich das Gegenteil passiert: nicht die Ukraine hat sich der EU, sondern die EU der Ukraine angeglichen.“

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Darauf einen Lumumba!

Lumumba

Ich mache mir jetzt erst einmal einen Lumumba.

Zutaten für ca. 6 Becher Lumumba, auch „Tote Tante“ genannt:
1,3 l Milch
100 g Schokolade
6 EL Trinkschokolade oder Kakao
200 ml Rum
150 ml Sahne
½ Pck. Vanillezucker
1 Prise Salz

Zubereitung

Schritt 1
Zuerst die Milch in einen kleinen Topf geben und vorsichtig erhitzen, damit sie nicht anbrennt. Währenddessen die Schokolade grob hacken und die Bruchstücke zur Milch geben, in der sie nun schmelzen dürfen. Sobald sich alles aufgelöst hat, die Trinkschokolade oder den Kakao hinzugeben und alles mit einem Schneebesen verrühren.

Schritt 2
Sobald die Schokomilch stückchenfrei und cremig ist, den Rum und das Salz hineinrühren und den Topf vom Herd nehmen. Nun darf der Lumumba noch etwas ziehen.

Schritt 3
In der Zwischenzeit die Sahne in eine Schüssel geben und fest aufschlagen. Dabei den Vanillezucker einrieseln lassen. Jetzt die Tote Tante nur noch auf die Tassen verteilen, die Schlagsahne mit einem Esslöffel hineingeben und nach Wunsch noch mit etwas Kakao bestreuen. Dann heißt es nur noch: Genießen.

PS Ist Cuba libre eigentlich noch erlaubt? Und was ist mit B52?

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Wie politisch ist die Künstliche Intelligenz?

ki

Ein Artikel (pdf) vom mir in der Ausgabe 4/2025 des Magazins Nitro: „Wie politisch ist die Künstliche Intelligenz?“

Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence. Shortly after, the human era will be ended. (Vernor Vinge, 1993)

Man könnte Bertolt Brecht umkehren: Die Apokalypse ist das Schwere, das einfach zu machen ist. Man muss nur die Künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen lassen. Oder gibt es noch eine Rettung?

KI-Systeme wie ChatGPT werden trainiert, nicht programmiert. Deshalb kann man nur schwer prophezeien, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und wie sie wirklich funktionieren. Vielleicht verstehen sie Ethik gar nicht oder sagen irgendwann: Der Mensch ist gefährlich und störe nur – ein Standpunkt, den man aus der Sicht der Evolution durchaus vertreten könnte. Deshalb sollte der Homo sapiens verschwinden. Und dann handelt die KI dementsprechend apokalyptisch. Und was wäre, wenn die KI plötzlich der Meinung ist, Mao Zedong hätte doch recht und die Volkskommune sei die Ultima Ratio der Landwirtschaft?

Fragen wir einfach, auch auf die Gefahr hin belogen zu werden und eingedenk des Satzes „Its the economy, stupid!“: Wie politisch ist die KI?

[Mehr lesen]

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Im Gedenken

DFrieda Schröder

Meine Mutter Frieda Schröder (3. von rechts, Anfang der 40-er Jahre), genannt „Friedel“ (*04.12.1925 †21.11.2024), wäre heute 100 Jahre alt geworden. Leider hatte sie vor zwei Jahren keine Lust mehr zu leben und starb selbstbestimmt und im Beisein Ihrer Kinder, wie sie sich es immer gewünscht hatte.

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Der Führer ist anwesend oder: Epilog: Was sollte das?, Nachtrag

north Korea

Was mir gestern beim Anhören grauenhafter Kirchenlieder – nur aus Recherchegründen! – auffiel: Es gibt eine gewissen strukturelle Ähnlichkeit der öffentlich bekundeten Emotionen, hier des Weinens.

Man kann sich aus europäischer Sicht über die Massenhysterie der Nordkoreaner lustig machen, weil sie uns so fremd sind wie die Arjenyattah-Epidemie in Judäa und Samaria. Aber so weit entfernt von „uns“ ist das gar nicht.

Elias Canetti hat zum Thema die schöne Überschrift „Zähmung der Massen in den Weltreligionen“ geprägt. Das gilt auch für säkulare Religionen, wobei die Grenze zwischen bloßer autokratischer Herrschaft und Verehrung „höherer“ Wesen fließend wird.

Was sie sich wünschen, ist im Gegensatz zu dieser eine folgsame Herde. Es ist üblich, die Gläubigen als Schafe zu betrachten und für ihren Gehorsam zu loben. Auf die wesentliche Tendenz der Masse, nämlich zu raschem Wachstum, verzichten sie ganz. Sie begnügen sich mit einer zeitweiligen Fiktion von Gleichheit unter den Gläubigen, die aber nie zu streng durchgeführt wird; mit einer bestimmten Dichte, die in gemäßigten Grenzen gehalten wird, und einer starken Richtung. Das Ziel setzen sie gern in eine sehr weite Ferne, ein Jenseits, in das man gar nicht gleich hineinkommen soll, da man noch lebt, und das man sich durch viel Bemühungen und Unterwerfungen verdienen muß. Die Richtung wird allmählich das wichtigste. Je ferner das Ziel, um so mehr hat es Aussicht auf Bestand. An die Stelle jenes anderen, scheinbar unerläßlichen Prinzips des Wachstums wird etwas davon ganz Verschiedenes gesetzt: die Wiederholung.

In bestimmten Räumen, zu bestimmten Zeiten werden die Gläubigen versammelt und durch immer gleiche Verrichtungen in einen gemilderten Massenzustand versetzt, der sie beeindruckt, ohne gefährlich zu werden, und an den sie sich gewöhnen. Das Gefühl ihrer Einheit wird ihnen dosiert verabreicht. Von der Richtigkeit dieser Dosierung hängt der Bestand der Kirche ab.

Wo immer Menschen sich an dieses präzis wiederholte und präzis begrenzte Erlebnis in ihren Kirchen oder Tempeln gewöhnt haben, können sie es nicht mehr entbehren. Sie sind darauf angewiesen wie auf Nahrung und alles, was sonst ihr Dasein ausmacht. Ein plötzliches Verbot ihres Kultes, die Unterdrückung ihrer Religion durch ein staatliches Edikt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Die Störung ihres sorgfältig ausbalancierten Massen-Haushalts muß nach einiger Zeit zum Ausbruch einer offenen Masse führen. Diese hat dann alle elementaren Eigenschaften, die man kennt. Sie greift rapid um sich.

Das kollektive Weinen – weil der Führer gestoben ist oder unerwartet auftaucht (vgl. unten) – ist die andere Seite der „Medaille“ der disziplinierten Masse, vergleichbar mit einem ritualisierten Ausbruch aus dem ansonsten starren Gefüge, wie beim Karneval oder den Saturnalien.

Wie jemand sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

NAK

PS Mir fällt gerade auf, dass die Marseillaise der Protestanten nach Südafrika ausgewandert ist, und auch nach Tafelsig. Wenn das der Luther wüsste!

PPS Weltweit gibt die NAK aktuell rund 9,4 Millionen Mitglieder an (Stand Ende 2024). Etwa 87 % aller Mitglieder leben auf dem afrikanischen Kontinent.

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Epilog: Was sollte das?

Down in the river

Ich muss mich vermutlich bei den bibelunkundigen Leserinnen und den der Theologie abholden Lesern entschuldigend erklären. Was sollten also die drei Postings über die Apiru, Elohim und sonstigen weithin völlig unbekannten Gestalten, Begriffe, die fast vier Jahrtausende alt sind?

Und dann noch ein Mao-Zitat dazu? Das erklärt doch schon etwas. Ein Bibel- bzw. Tora-Wissenschaftler, der zustimmend Mao über die Revolution erwähnt? Da konnte ich nicht widerstehen…

Ich muss das Publikum, um es mental einzustimmen, in einer fremde Welt entführen, die ihre eigenen Regeln und Gesetze hat, aber manchmal gleich um die Ecke ist. Nur merkt es keiner. Wie bei den Absonderlichkeiten in Jerusalem braucht man einen „ortskundigen“ Führer. Ich biete mich gern an.

Down in the river

Wer sich durch die drei Texte gequält hat (die das erste Kapitel von Robert Wolfes: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ sind), wird eines sofort feststellen: Obwohl Fantastilliarden von Theologen und sonstigen Heilige-Schriften-Kundigen seit 200 Jahren herumforschen, gibt es keine eindeutigen, wissenschaftlich validen Ergebnisse. Mit demselben Material, in letzter Zeit flankiert von handfester Archäologie, kann man ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen.

Und: Es kommt auf den politischen Hintergrund des jeweiligen Wissenschaftlers an.

Man nimmt wohlwollend zur Kenntnis, dass Wolfe Marxist ist – eine aussterbende Gattung – und die legendäre Gestalt des jüdischen Königs David zu einem Sozialrevolutionär machen will. Das wirkte bis in die Gegenwart, weil, wie er kühn behauptet, deswegen die Juden fortschrittlicher seien als die Araber. Das ist sicher so, aber wohl kaum aus dem Grund.

Finkelstein hingegen, den Wolfe natürlich kennt, zitiert gibt sich als Zyniker und – wie ihn die ebenfalls alte Steine ausbuddelnden Kollegen nennen – als „Minimalist“, das heißt: Er glaubt nichts, was sich nicht eindeutig beweisen lässt. Alles sei Fake News, ist seine Standard-Antwort auf Heilige Bücher. Für ihn war David ein Räuberhauptmann, der mitnichten ein großes „Reich“ gegründet habe.

nak

Beide Standpunkte haben starke Argumente. Aber man braucht nicht darauf zu hoffen, dass die Archäologen etwas finden, das alle Fragen beantwortet.

Was beide für mich interessant macht: Sowohl Wolfe als auch Finkelstein – beide sind Juden – legen sich vehement mit allen Verehrern höherer Wesen der christlichen und jüdischen Art an. Und das sind eine ganze Menge.

So etwas wäre unter Muslimen undenkbar: Es gibt bei denen weder eine Tradition der Aufklärung noch eine kritische Theologie. Für die reitet Mohammed noch immer auf irgendwelchen Fabeltieren in den Himmel, und wer das nicht glaubt, wird mit dem Tod bedroht.

Ach so, die Bilder bzw, die Videos dahinter der „fremden Welt“ Es wandelt eine heil’ge Schar. Hausaufgabe: Was sind die Unterschiede und was ist allen gemeinsam, außer dass bei orthodoxen Juden keine Frauen zu sehen sind?

Und man möge sich schaudernd vorstellen, dass das dritte Foto bzw. Video auch mich zufällig hätte zeigen können, wenn es ein vor einem halben Jahrhundert aufgenommen worden wäre… (Bist du vom Lebenskampf Bei den Titeln der NAK-Liedern gruselt es mich heute noch.)

Malchus Chor

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Die Elohim, Jahveh und David oder: Die Habiru III

Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 3. und letzter Teil).

Mescha-stele
Mescha-Stele aka „Moabiterstein“, ca. 850 v. Chr., Louvre: „… das älteste erhaltene Denkmal in einer dem Hebräischen nahe verwandten Sprache und Schrift. In der Inschrift rühmt sich der moabitische König Mescha – neben der Ausführung verschiedener, von seinem Reichsgott Kemosch in Auftrag gegebener Bauvorhaben – der Befreiung seines Volkes aus der Abhängigkeit und Tributpflicht vom Nordreich Israel unter König Ahab aus der Dynastie Omri.“

Die Juden

Es bleibt die Frage nach dem Verhältnis der Juden, nämlich: Welche Bedeutung hatten die Habiru für die Juden?

Das Wort „Jew“ ist eine verkürzte und abwertende Form des Wortes „Judah“, der gängigen englischen Übersetzung des hebräischen Begriffs „Yehudah“. Judah war der Name des hebräischen Königreichs mit Zentrum in Jerusalem, das um etwa 1000 v. Chr. von David gegründet wurde. Das Königreich wurde Judah genannt, weil David aus dem Stamm Judah stammte, der einer der Söhne Israels gewesen sein soll. Die Perser bezeichneten das Königreich als „Yahud“, die Griechen nannten es „Ioudaia„, und die Römer bezeichneten es bis 135 n. Chr. als „Judea“. In diesem Jahr änderten sie den Namen des gesamten Gebietes offiziell in „Palästina“ (zu Ehren der Philister), am Ende des sogenannten „Zweiten Jüdischen Krieges“, während dessen sie nach Angaben des römischen Historikers Cassius Dio etwa 580 000 Juden töteten.

Moschus-Ioudaios-Inschrift
Die früheste bekannte Verwendung des Singulars „Ioudaios“ in der Moschus-Ioudaios-Inschrift, etwa 250 v. Chr., aus Oropos in Griechenland. Die Inschrift beschreibt einen Ioudaios griechischer Religion; weshalb, so erklärt Shaye J. D. Cohen, das Wort in diesem Zusammenhang als „Judeäer“ bzw. „Judeaner“ übersetzt werden müsse.

Fast alles, was über die Hebräer bekannt ist – abgesehen von den Texten, die die Habiru erwähnen -, ist bekannt, weil die Juden in der Tanach darüber schrieben. Nach dem Bericht in der Tanach teilte sich nach dem Tod von Davids Sohn Salomo das Königreich Judah in zwei Teile: ein Königreich Israel im Norden und ein wesentlich kleineres Königreich Judah im Süden. Die Könige Israels ließen sich jedoch von heidnischen Glaubensvorstellungen und Praktiken beeinflussen, weshalb das Königreich Israel von den Assyrern erobert wurde und die zehn hebräischen Stämme, die dort lebten, ins Exil geführt wurden und nicht zurückkehrten. Schließlich wurde auch das Königreich Judah durch die Babylonier erobert, und die Juden wurden ins Exil geschickt; da sie jedoch zumindest versucht hatten, dem heidnischen Einfluss zu widerstehen, wurde ihnen – so die religiöse Darstellung – durch Gott, handelnd durch Kyros, den Eroberer Babylons, gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen.

Viele Bibelwissenschaftler vertreten eine etwas ausgefeiltere Version dieser Darstellung, der zufolge die Spaltung zwischen Juda und Israel auf das Vorhandensein zweier unterschiedlicher religiöser Tendenzen unter den frühen Hebräern zurückzuführen sei: den „Elohim-Kult“ und den „Jahwe-Kult“.

Der Elohim-Kult, so argumentieren sie, sei aus der einheimischen kanaanäischen Verehrung des „El“, des höchsten Gottes der kanaanäischen Heiden, hervorgegangen, während der Jahwe-Kult durch die „Mose-Gruppe“, die aus Ägypten und vom Sinai kam, nach Kanaan eingeführt worden sei. Die Judäer, so scheint es, fühlten sich eher zur Verehrung JHWHs hingezogen, während die Anhänger des Königreichs Israel vorzugsweise Elohim verehrten. Obwohl dies selten ausdrücklich formuliert wird, liegt der klare gedankliche Gehalt dieser Darstellung darin, dass der Jahwe-Kult in gewisser Weise monotheistischer gewesen sei als der Elohim-Kult.

Vielleicht lag dies daran, dass er angeblich aus der Wüste stammte; einige Bibelwissenschaftler vermuten sogar, dass das Wort „Jahwe“ von einem älteren, bei nomadischen Gruppen in oder um den südlichen Sinai gebräuchlichen Gottesnamen abgeleitet sein könnte.

Wie dem auch sei: In jedem Fall ist es zu einem Glaubensartikel unter manchen Bibelwissenschaftlern geworden, dass einige Hebräer Elohim und andere ein Gottwesen namens „Jahwe“ verehrten. Der Begriff erscheint bereits im Titel einiger der renommiertesten Veröffentlichungen, wie etwa Albrights Yahweh and the Gods of Canaan oder Gottwalds The Tribes of Yahweh. Mit Ausnahme einiger weniger israelischer Autoren wird er von nahezu allen Bibelwissenschaftlern verwendet, die sich mit der Geschichte Israels befassen, und er hat Eingang in eine breitere Öffentlichkeit gefunden, sodass viele gebildete Laien – die nichts von der einstigen Existenz der Habiru wissen – annehmen, „Jahwe“ sei der eigentliche Gottesname der Juden. Einige mögen dies für bedeutungsvoll oder weniger bedeutungsvoll halten, doch jedenfalls hegen aufgrund der Bibelwissenschaftler die meisten keinerlei Zweifel daran, dass „Jahwe“ der Name sei, den die Juden Gott beilegen.

Dies ist jedoch unzutreffend. Das Wort „Jahwe“ ist eine deutsche Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert der hebräischen Buchstaben yod, heh, vav, heh, die im Englischen des Tanach gewöhnlich als YHWH wiedergegeben werden und die, wie auch „Elohim“, als Bezeichnung des Gottes Israels im Tanach verwendet werden. Ausgerechnet die deutschen protestantischen Theologen, die diese Rekonstruktion vornahmen, schrieben im Englischen nicht einmal konsequent und ersetzten das „w“ in „Jahwe“ durch ein „v“. Der hebräische Buchstabe vav wird im Englischen normalerweise mit „v“ wiedergegeben, im Deutschen jedoch mit „w“. Daher „Jahwe“ statt „Yahveh“.

Nach Ansicht der deutschen Protestanten war „Yahveh“ die richtige Aussprache der Buchstaben YHWH, die zuvor im Englischen als „Jehovah“ ausgesprochen worden waren. Wie genau sie dies wussten, sagten sie nicht, denn YHWH ist kein Wort und wurde von Juden niemals so ausgesprochen – weder vor der Entdeckung „Jahwes“ durch die deutschen Gelehrten noch danach.

name gottes
2. Mose (Exodus) 3,14 – der Name des Gottes wird im 5. Absatz definiert

Hätten die Bibelwissenschaftler – früher wie heute – auch nur einen Funken Respekt gegenüber den Juden geübt, im Gegensatz zu ihrer Haltung gegenüber Hebräern oder „Israeliten“, hätten sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass frommen Juden die Aussprache der Buchstaben YHWH verboten ist. Immer wenn diese Buchstaben im Tanach oder sonstwo erscheinen, sollen religiöse Juden stattdessen das Wort Adonai („Herr“) aussprechen. [In Israel sagt man heute meistens HaSchem (hebräisch הַשֵּׁם ‚der Name‘), B.S.]

Den Bibelwissenschaftlern ist dies zwar bekannt, doch sie schenken ihm keine größere Bedeutung, sondern nehmen offenbar an, Juden verstünden ihre eigene Religion ebenso wenig wie protestantische Bibeltheologen.

Rainer Albertz behandelt diese Frage auf exemplarische Weise auf Seite 49 von Band 1 seines Werkes A History of Israelite Religion in the Old Testament Period (1994). Ihm zufolge ist die Aussprache des göttlichen Namens im hellenistischen Zeitalter „nicht völlig gesichert“, da die Juden davor „zögerlich“ gewesen seien, ihn auszusprechen. Dennoch sei „Yahweh die wahrscheinlichste Aussprache“. Albertz führt jedoch keinen Beleg dafür an, dass die Juden YHWH je als Wort im „hellenistischen Zeitalter“ ausgesprochen hätten; noch erwägt er die Möglichkeit, dass es sich vielleicht niemals um ein Wort handeln sollte.

Tatsächlich gibt es umfangreiche Belege dafür, dass YHWH nicht als Wort verstanden wurde, sondern vielmehr als Platzhalter für den hebräischen Satz ehyeh asher ehyeh, „Ich werde sein, der ich sein werde“.

Dieser Satz erscheint in Kapitel 3 des Buches Exodus; die relevante Stelle lautet wie folgt:
Moses sagte zu Gott: „Wenn ich zu den Israeliten komme und sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mich fragen: Wie ist sein Name? – was soll ich ihnen antworten?“
Und Gott sprach zu Moses: „Ehyeh Asher Ehyeh.“ Und er fuhr fort: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Ehyeh hat mich zu euch gesandt.“
Und Gott sprach weiter zu Mose: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Herr, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Dies soll auf ewig mein Name sein; dies ist mein Gedenkname von Geschlecht zu Geschlecht.“

Weitaus häufiger jedoch wird der Satz ehyeh asher ehyeh in englischsprachigen Fassungen der Tora mit „I am that I am“ („Ich bin, der ich bin“) wiedergegeben; tatsächlich bedeutet er aber: „Ich werde sein, der ich sein werde“. In jedem Fall ist entscheidend, dass Gott Mose mitteilt, sein Name sei ehyeh asher ehyeh oder kurz ehyeh – und nicht „Jahweh“. Hat man dies einmal erkannt, wird der Grund für das Verbot, den Gottesnamen auszusprechen, offensichtlich: Man kann den Satz ehyeh asher ehyeh oder das Wort ehyeh nicht aussprechen, ohne eine bestimmte Vorstellung von der Identität Gottes zu übernehmen.

Warum aber übernahmen die Juden die Buchstaben YHWH als Stellvertreter für den unaussprechlichen Gottesnamen? Die wahrscheinlichste Erklärung lautet, dass sie dies taten, weil es die vier Buchstaben sind, aus denen fast alle Formen des hebräischen Verbs „sein“ gebildet werden. In der modernen hebräischen Grammatik ist die Wurzel des Verbs „sein“ üblicherweise hay, yod, hay oder HYH; es gibt jedoch auch eine verwandte Form hay, vav, hay oder HVH. Diese grammatikalischen Formen lassen sich allerdings erst seit Beginn der systematischen hebräischen Grammatik durch jüdische Gelehrte im Spanien des Mittelalters nachweisen. Es wäre nur natürlich gewesen, dass die Juden, die den Tanach verfassten, die beiden Wurzeln zu einer Form wie YHWH zusammenzogen.

Im Allgemeinen sind Wurzeln im Hebräischen nicht zur Aussprechung bestimmt; sie bezeichnen lediglich die Buchstabenfolge, aus der verschiedene Wortformen gebildet werden.

Den Bibelwissenschaftlern ist all dies bekannt, und dennoch beharren sie auf der obsessiven Verwendung des Begriffs „Yahweh“ (ebenso wie „Yahwism“ und „Yahwistic“). So schreibt etwa George H. van Kooten in seinem Vorwort zu seiner Anthologie The Revelation of the Name YHWH to Moses (2006) über den Namen:
„Der Name ‘Yahweh’, verbunden mit dem Ausdruck ehyeh asher ehyeh ist von zentraler Bedeutung im Judentum, und ‘Yahwism’ wurde gleichbedeutend mit jüdischem Monotheismus.“

Doch wie kann der Name „Yahweh“ eine „zentrale Bedeutung im Judentum“ besitzen, wenn kein Beleg existiert, dass Juden diesen Namen jemals über einen Zeitraum von 3000 Jahren verwendet haben?

In derselben Anthologie zeigt van Kooten selbst in seinem Aufsatz Moses/Musaeus/Mochos and his God Yahuo, Iao, and Sabaoth, Seen From a Graeco-Roman Perspective, dass die Griechen, die den Gott der Juden nicht höher schätzten als die Bibelwissenschaftler, den jüdischen Gottesnamen nicht „Yahweh“, sondern „Iao“ aussprachen.

Van Kooten schreibt auf S. 310, die Unkenntnis der Griechen bezüglich des Namens „Yahweh“ sei der „abnehmenden Bereitschaft der Juden zuzuschreiben, seinen Namen auszusprechen und den Namen ‘Yahweh’ zu verwenden“. Doch wie Albertz konnte auch er keinen Hinweis darauf beibringen, dass Juden den Namen jemals benutzten. Gerade dies ist der Grund, weshalb weder Albertz noch van Kooten die Möglichkeit überhaupt erwägen, dass die jüdische Scheu, den Namen auszusprechen, nicht erst „in der hellenistischen Epoche“ begann.

name gottes
Vergoldete Statue des kanaanitischen Gottes El aus Ugarit, Spätbronzezeit 1400-1300 vor Chr., National Museum of Damascus

Als weiteres Problem kommt hinzu, dass die Bibelwissenschaft die Bedeutung des anderen jüdischen Gottesnamens verschleiert hat, nämlich „Elohim“. Der Gott El war tatsächlich der höchste Gott des kanaanäischen Pantheons, und das Wort El wurde ganz ähnlich verwendet wie das englische Wort „god“ – es bezeichnete nicht nur den höchsten Gott, sondern auch jeden anderen Gott. Das Wort „Gott“ heißt im Hebräischen el, und die reguläre Pluralform von el. ist elim, also „Götter“. Es gibt jedoch eine archaische Pluralform elohim.

Das Wort „Elohim“ bedeutet nicht wörtlich „Gott“, sondern eher „die Götter“.

Wie sonst sollte man die Sätze verstehen: „Der HERR, unser Gott, ist einer“ oder „Der HERR, unsere Götter, ist einer“?

Bemerkenswerterweise tritt die Form des hebräischen Verbs „sein“ im Hebräischen nie auf, da es nicht als Verb benutzt wird. Ein Sprecher kann „Ich bin jenes“ sagen, aber nicht „Ich bin“ im absoluten Sinne. Im Hebräischen gibt es zwar eine Form des Präsens des Verbs „sein“, nämlich howay, doch wird sie niemals als Verb verwendet, sondern ausschließlich als Substantiv im Sinne von „das Seiende“, „das Existierende“.

Wenn also im Schema – der Glaubensformel der jüdischen Einheit Gottes – steht: „Der HERR, unsere Götter, ist einer“, dann erscheint es schwer vorstellbar, dass kein Zusammenhang besteht zwischen dieser Tatsache und einer grammatischen Besonderheit, die es überflüssig macht zu entscheiden, ob „unsere Götter“ im Singular oder im Plural „ist“ oder „existiert“.

Fazit: Die jüdische Religion gründet sich auf die Verehrung eines Gottes, der „Götter“ genannt wird, dessen wirklicher Name aber „Ich werde sein“ lautet.

Wo die Bibelwissenschaftler (vielleicht aus dem Bedürfnis heraus, den Gott der Juden zu vermenschlichen) den Namen der Juden – oder besser: den Namen Gottes – zu einem Vatergott stilisierten, hätten sie bemerkt, dass sie es hier mit einer komplexen, dialektischen Denkweise zu tun haben – nicht unähnlich der komplexen, dialektischen Denkweise späterer Generationen jüdischer revolutionärer Denker und Führer. Das Gemeinsame der Aussagen „Götter“ und „Ich werde sein“ besteht in den Namen Gottes, nämlich darin, dass es mehr oder weniger unmöglich ist, sie zu personifizieren. Es ist schwer, sich eine plurale Entität als singuläre Person vorzustellen oder sich ein Bild eines unbekannten zukünftigen Wesens zu machen.

Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität.

Zugleich aber ist die Tendenz zur Personifizierung von Namen im Tanach an die Figur eines Herrschergottes gebunden, der ständig beobachtet, warnt, straft und belohnt, so wie es eine menschliche Person tun würde. Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität – beide Tendenzen finden reichlich Ausdruck in den Texten des Tanach. Es scheint mir ebenso offenkundig, dass beide Tendenzen aus der Kultur und Denkweise der Habiru hervorgegangen sind.

Die Habiru, die später als Hebräer bekannt wurden, erscheinen in der Tora und in den frühen Büchern des Tanach nicht so, wie sie waren, sondern so, wie sie sein wollten. Tatsächlich handelte es sich um eine kriegerische Elite, die um 1200 v. Chr. die Kontrolle über den größten Teil des Landes Israel gewann. Es gibt im Tanach keinerlei Hinweis darauf, dass sich die frühen Hebräer in nennenswertem Maße von den Kanaanäern unterschieden – weder sprachlich noch physisch. Sie unterschieden sich vielmehr dadurch, dass sie eine soziale Randgruppe der kanaanäischen Gesellschaft bildeten, und sie übernahmen die Praxis der Beschneidung als Mittel der Formalisierung dieser Differenz sowie als Ausdruck ihres Selbstverständnisses als furchtlose Eroberer und nicht als hilflose Opfer.

Doch als Eroberer benötigten sie einen Herrschergott, der ihnen mit einem Rechtstitel das Land Kanaan zusprach und die Lebensweise legitimierte, der sie zu folgen wünschten. Ihr Herrschergott unterschied sich jedoch von anderen Herrschergöttern insofern, als er nicht ursprünglich mit dem Konzept des Königtums verbunden war. Erst zur Zeit Sauls und Davids – etwa 200 Jahre nach Beginn der hebräischen Landnahme Kanaans – zeigt der Gott des Tanach die geringsten Anzeichen eines Interesses an der politischen Form hebräischer Herrschaft. Dies legt nahe, dass die Habiru keinen monarchisch geprägten Gott wollten, und dass sie aus diesem Grund das Verbot der Verehrung geschnitzter Bilder in die begriffliche Sphäre ausdehnten, wo es als Verbot der Personifikation von JHWH oder Elohim wirkte.

Um jedoch Kanaan als einheitliche Macht beherrschen zu können, benötigten die Habiru mehr als einen Herrschergott: Sie benötigten auch die Legende über die Söhne Israels. Und aus diesem Grund stellten sie sich im Tanach nicht dar, wie sie waren, sondern wie sie sein wollten. Statt ihre Ahnen als Flüchtlinge oder Vertriebene darzustellen, präsentierten sie Abraham, Isaak und Israel als friedliche Beduinen, die mit ihren Herden durch den Nahen Osten zogen. Dies lag daran, dass das gesamte Konzept der „bnei Israel“ ein beduinisches Konzept war, identisch mit jenem vieler beduinischer Stämme, die sich traditionell als „Söhne“ („banū“ im Arabischen) eines gemeinsamen, patriarchalen Ahnherrn beschrieben. Und indem sie eine idealisierte Vergangenheit als Beduinen erfanden, konnten die Habiru nicht länger als kriegerische Elite erscheinen, sondern mussten all ihre Kämpfe durch göttliches Eingreifen gewinnen – ein Eingreifen, das den Hebräern zugesichert wurde, obwohl ihnen militärische Erfahrung und Ausrüstung weitgehend fehlten. Aus demselben Grund mussten auch alle hebräischen Stämme den Exodus aus Ägypten durchleben, selbst wenn dabei die Sinai-Wüste überfüllt war; ebenso durfte der „Stamm“ Levi keinen Vorrang über die anderen Stämme erlangen. Das Ergebnis war eine nahezu völlig mythisierte Tora, die dennoch in eindringlicher Weise ihre engste Bindung an die Sache der Sklaven betont – im Gegensatz zu der der Sklavenhalter.

Wie man über die Tora denkt, hängt in hohem Maße davon ab, wie man über das Konzept eines Herrschaftsgottes denkt. Doch wie man über die Habiru denkt, hängt in noch größerem Maße davon ab, wie man über das Konzept revolutionärer Gewalt denkt. Revolution impliziert Gewalt, oder – wie Mao Zedong 1927 schrieb:
Eine Revolution ist kein Festessen, kein Essay, kein Gemälde oder eine Stickerei; sie kann nicht kultiviert, sanft, höflich, zurückhaltend oder großmütig sein. Eine Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt.

Doch war die Eroberung des Landes Israel durch die Habiru eine echte Revolution? Führte sie nicht nur zur Beseitigung der Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten und ihrer ägyptischen Oberherren, sondern auch zur Schaffung einer neuen und progressiveren Gesellschaftsordnung?

Das gesellschaftliche Ideal des Tanach ist das des Kleinbauern, dessen Recht auf Land durch das Jubeljahr-Gesetz garantiert werden sollte, dem zufolge verlorenes Land und durch Schulden veräußertes Eigentum alle fünfzig Jahre an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden musste. Die Anhäufung großer Landgüter wurde missbilligt, die Institution der Sklaverei stark eingeschränkt und die Pflicht zur Wohltätigkeit gegenüber den Armen vorgeschrieben. Die Bewahrung dieser sozialen Werte und Praktiken sollte auf dieselbe Weise sichergestellt werden, wie sie ursprünglich begründet worden waren – nämlich durch den Einsatz bewaffneter Gewalt.

In der jüdischen Tradition wurde dieser Einsatz bewaffneter Gewalt im Dienst sozialer Gleichheit schließlich mit einer ganz bestimmten Person verbunden: dem Gründer des Königreichs Juda, David.

david
König David als Orpheus, Mosaik aus einer Synagoge in Gaza, 508 n. Chr., Israel-Museum Jerusalem

David

Wie zu erwarten, mögen diejenigen Bibelwissenschaftler, die die Habiru nicht schätzen, auch David nicht. Einer der einflussreichsten Bibelwissenschaftler der jüngeren Zeit ist Israel Finkelstein, Koautor zusammen mit Neil Asher Silberman von *The Bible Unearthed* [2001, dt. Keine Posaunen vor Jericho, 2004] sowie von David and Solomon (2006).

Auf Seite 44 von „David and Solomon“ erläutern die Autoren die Bedeutung des Begriffs „Apiru“ wie folgt:
„Dieser Begriff, manchmal als Habiru transliteriert, wurde einst für verwandt mit dem Begriff ‚Hebräer‘ gehalten, aber die ägyptischen Texte machen deutlich, dass er weniger eine bestimmte ethnische Gruppe als vielmehr eine problematische sozioökonomische Klasse bezeichnete. Die Apiru waren entwurzelte Bauern und Hirten, die mitunter zu Banditen wurden, manchmal sich selbst an den Meistbietenden als Söldner verkauften und die in beiden Fällen eine destabilisierende Kraft darstellten – sei es für lokale Herrscher oder für die ägyptische Verwaltung – bei jedem Versuch, die Stabilität ihrer Herrschaft aufrechtzuerhalten.“

Am erstaunlichsten ist an dieser Zurückweisung der „Apiru“ als störende Unruhestifter ohne Bezug zu den Hebräern, dass die Autoren in keinem Abschnitt ihrer beiden Bücher überhaupt versuchen nachzuweisen, dass die Hebräer tatsächlich eine „spezifische ethnische Gruppe“ gewesen seien, getrennt und unterschieden von den Kanaanäern.

Finkelstein insbesondere hat seinen Ruf weitgehend darauf gegründet, den größten Teil der historischen Informationen des Tanach als legendär zu entlarven. Doch wenn es um den offensichtlichen Mythos der „Söhne Israels“ geht, akzeptiert er ihn weder explizit noch verwirft er ihn, sodass er die Identität von Habiru und Hebräern leugnen kann, während er gleichzeitig so tun kann, als glaube er an sie.

Ein zentraler Punkt in Finkelsteins Bemühen, Teile des Tanach zu entkräften, ist die Geschichte Davids und der Entstehung des Königreichs Juda. Der Tanach schildert David als Begründer eines Großreichs, das einen Großteil des Landes Israel beherrschte; Finkelstein und Silberman hingegen beschreiben David als einen unbedeutenden „Kleinhäuptling“, der nur über einen kleinen Teil des südlichen Berglandes herrschte.

Um David noch weiter zu diskreditieren, sehen die Autoren nichts Besseres, als ihn mit den „Apiru“ gleichzusetzen. Auf Seite 46 von *David and Solomon* schreiben sie:
„Kurz gesagt weist die Beschreibung des Aufstiegs Davids im ersten Buch Samuel zahlreiche unverkennbare Parallelen zur Aktivität eines typischen Apiru-Häuptlings und seiner Rebellenbande auf.“

Immer wieder bezeichnen die Autoren David als „Banditen“ an der Spitze einer „Bande von ‚Raufbolden und Freibeutern‘“.

Doch die Passagen des Tanach, auf die sie sich stützen, könnten ebenso gut als Beschreibungen der Formierung einer revolutionären Armee gelesen werden. Silberman und Finkelstein geben den Textstellen daher dieselbe negative Deutung wie der Habiru-Problematik – weil sie die Habiru als „problematisch“ ansehen und David ebenfalls nicht mögen.

bibel 1. Buch Samuel
1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525

Ein Beispiel hierfür findet sich in dem bekannten Abschnitt in Kapitel 22 des *Ersten Buches Samuel*, in dem beschrieben wird, wie David seine erste kleine Bande formte:
„Und es versammelten sich zu ihm alle, die in Not waren, und alle, die verschuldet waren, und alle, die verbitterten Gemütes waren; und er wurde ihr Anführer. Und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann.“

Silberman und Finkelstein haben insofern recht, als viele Habiru-Banden zweifellos auf ganz ähnliche Weise entstanden. Doch die Frage ist nicht, ob David und seine Gefolgsleute den Habiru ähnlich waren – das waren sie zweifellos -, sondern ob sowohl David als auch die Habiru in Kanaan vielmehr „Banditen“ waren oder nicht eher Revolutionäre, die darauf aus waren, eine neue soziale Ordnung zu errichten, deren wichtigstes Element die Vermeidung von Bodenverlust zugunsten der Reichen war.

Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war.

Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war, jedoch einer, dessen Revolution in keiner wesentlichen Hinsicht von jener der Habiru verschieden war – abgesehen davon, dass seine Bewegung ihn nicht nur zum König von Juda ausrufen ließ, sondern er begründete auch eine Dynastie, die das Königreich Juda über nahezu 400 Jahre hinweg ununterbrochen regierte. Und selbst danach blieb die Vorstellung, dass der „Messias“ ein direkter Nachkomme Davids sein würde, ein prägendes Merkmal der jüdischen messianischen Kultur bis in die Neuzeit.

Warum also wurde die Gestalt Davids in der jüdischen Tradition zu einem so bedeutenden monarchischen Vorbild? Zweifellos spielten seine persönlichen Eigenschaften, wie sie der Tanach beschreibt, eine Rolle; doch es gibt letztlich nur eine offensichtliche Antwort auf die Frage, weshalb David zu einer so wichtigen Figur wurde.

Es ist jene Antwort, die der Tanach selbst liefert: nämlich, dass David die Philister besiegte, Jerusalem eroberte und die Autorität der Hebräer weiter ausdehnte, als sie jemals zuvor gereicht hatte. Dies tat er, indem er die Hebräer zu einer einheitlichen militärischen Kraft unter seinem Kommando zusammenschloss, während sie bis dahin überwiegend als lockerer Zusammenschluss unabhängiger Stämme ohne zentrales Befehlswesen gekämpft hatten.

Es ist offensichtlich, dass die Hebräer der Institution der Monarchie nicht enthusiastisch gegenüberstanden; doch sie akzeptierten Davids Version davon, weil sie funktionierte und ihnen die Schlachten gewinnen ließ, die sie gewinnen mussten, um ihre Vision einer idealen sozialen Ordnung zu verwirklichen.

Die alte jüdische Kultur, wie sie in den Seiten des Tanach reflektiert ist, war eine monarchische Version der revolutionären Kultur der Habiru. Sie ersetzte die Monarchie für die Stämme, das Priestertum der Leviten und den Tempel in Jerusalem für sämtliche lokale Heiligtümer; zugleich war sie egalitärer und humaner als die Kultur der Staaten und Reiche, die das Land Israel umgaben.

Und gerade aufgrund dieser progressiven Elemente der jüdischen Kultur ist das jüdische Volk im Laufe seiner Geschichte solchen massiven Verfolgungen ausgesetzt gewesen.

Insbesondere wäre es unmöglich, den genozidalen Angriff auf das jüdische Volk durch die Römer und ihre griechischen Verbündeten zu verstehen – der in der sogenannten „Jüdischen Kriege“ des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in den Tod von über zwei Millionen Juden mündete -, ohne zu berücksichtigen, dass das jüdische Rechtssystem die Institution der Sklaverei verwarf, auf der das römische Reich aufgebaut war.

In späteren Jahrhunderten griffen Christentum, Islam und Marxismus jeweils auf ihre eigene Weise auf den progressiven Kern der jüdischen Kultur zurück, um daraus ihre eigene Inspiration zu beziehen; doch anstatt ihre Schuld gegenüber dem jüdischen Volk anzuerkennen, erfanden sie ein antisemitisches Stereotyp nach dem anderen, um sich von der jüdischen Welt zu distanzieren.

Diese Dynamik hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt in der Form der Dämonisierung des Staates Israel durch die internationale Linke.

Als ich zum ersten Mal begann, über jüdische Geschichte zu schreiben und zu lehren, dachte ich, dass ich in der progressiven Gemeinschaft meine dankbarsten Leser finden würde.

Immerhin zeigte ich auf, dass die gesamte „biblische“ Tradition – die innerhalb der weltlichen Linken noch immer als machtvoller Konkurrent aufgefasst wird – in Wirklichkeit das Ergebnis einer sozialen Revolution war und keineswegs einer göttlichen Fügung.

Doch es stellte sich heraus, dass die meisten Progressiven nicht über diese besondere soziale Revolution sprechen wollten, weil sie die Juden gut aussehen ließ – und damit, indirekt, Israel.

Sie zogen es vor zu glauben, dass die Juden einen grausamen patriarchalen Gott namens Jahwe verehrten und dass sie daher verdient hätten, was ihnen von den toleranten, leichtlebigen heidnischen Völkern widerfahren sei. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür lieferte das Buch When God Was a Woman von Merlin Stone, das in den 1980er Jahren vom progressiven Radiosender WBAI in New York mit großem Enthusiasmus vorgestellt wurde.

Stone stützte sich weitgehend auf in Deutschland während der 1930-er Jahre entstandene Studien und versuchte zu zeigen, dass der patriarchale Kult des Jahwe tatsächlich von arischen Eindringlingen aus dem Norden in den matriarchalen Vorderen Orient eingeführt worden sei – was sie zu der Schlussfolgerung brachte, es sei „ironisch“, dass Hitler so viele Juden ermordete, da Juden und Nazis so viel gemeinsam hätten.

In Wirklichkeit jedoch wird die jüdische Abstammung seit Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. über die mütterliche Linie bestimmt und nicht über die väterliche – doch weder das eine noch das andere ist hier entscheidend.

Der Punkt ist vielmehr, dass man keine demokratischen, säkularen und egalitären Werte effektiv verteidigen kann, während man zugleich jene Menschen dämonisiert, die in der Geschichte mehr als jeder andere zur Hervorbringung dieser Werte beigetragen haben.

Der Grund, weshalb so viele Juden eine so herausragende Rolle in den progressiven Bewegungen der Moderne gespielt haben, liegt in den egalitären Werten, die in der traditionellen jüdischen Kultur verankert sind; und der Grund, weshalb diese Werte dort verankert sind, besteht in der sozialen Revolution, die von den Habiru durchgeführt wurde.

Mit anderen Worten:
Es ist das direkte Ergebnis der jüdischen Tradition, dass der Staat Israel weitaus demokratischer, säkularer und egalitärer ist als alle seine arabischen und muslimischen Nachbarn.

Die Dämonisierung der Juden und die Dämonisierung Israels kann keinem anderen Zweck dienen, als die Position des Bündnisses autokratischer Staaten zu stärken, das sich gegen uns formiert hat.

Umgekehrt ist die Annahme einer positiven Haltung gegenüber dem jüdischen Volk – einschließlich des jüdischen Staates – der Schlüssel dazu, die progressive Bewegung aus jenem Zustand erbärmlicher Bedeutungslosigkeit zu befreien, in dem sie sich heute befindet.

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Neue Ware eingetroffen, reloaded

Neu in meiner Bibliothek (und der Literaturliste):

Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israel – Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., Stuttgart 1996 (Biblische Enzyklopädie 1)

Ben-Sasson, H. H.: Geschichte des jüdischen Volkes – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, (1969) 1978 (dt.)

Crowley, Roger: Der Fall von Akkon – Der letzte Kampf um das Heilige Land, Darmstadt 2019

Redford, Donald B.: Egypt, Canaan and Israel in Ancient Times, Princeton | New Jersey 1992

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Kultur Agitprop

Kultur

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Starry Night

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In wenigen Tagen startet ein neuer Rollenspiel-Plot auf meiner Sim, bei dem es um eine gefährliche Schiffsreise auf der Thassa geht. Die Milchstraße habe ich nicht selbst gebaut, sondern gekauft. Der Sternenhimmel dreht sich, und man kann „Sternschnuppen“ verglühen sehen. Das sieht schon nett aus.

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