Zünftiger Saftsack
Liebe Kinder, heute machen wir – ungeachtet der dramatischen Weltläufte – eine Wortschatzübung. Ich wurde angeregt von der obigen Broschüre zu einer Dauerausstellung der Museen Burg Altena. Ich vermute, dass die Nachgeborenen viele Ausdrücke genauso wenig kennen wir „Weltläufte“. Im dortigen Museum hat man unter die sprachliche Beispiele auch jeweils das passende Objekt drapiert, was ich hier natürlich nicht kann. Wohlan!
Zünftig
Eine Zunft ist ab dem 13. Jahrhundert eine Art Berufsverband aka „ständische Körperschaft“, insbesondere für Handwerker. Die Zünfte legten Preise, Löhne, WErkzeuge, Arbeitszeiten und die Qualitätsstandards der Waren fest. Im entwickelten Kapitalismus ist so etwas natürlich obsolet. Hier gilt nur der Profit und nichts als der Profit, egal um welchen Preis. Qualitätsminderung der Waren erhöhen den Gewinn, wenn es der Kunde nicht merkt.
Heute bedeutet „zünftig“, wenn ich mit Freunden gemeinsam selbst gemachten Kartoffelsalat esse und guten Whisky trinke.
Verdreschen, Flegel
„Flegel“ ist ein romanisches Lehnwort (von latein. flagellum „Geißel“, „Peitsche“) und „vermutlich aus dem Römischen Reich in den germanischen Sprachraum gelangt.“ Dreschflegel benutzen die Bauern, um die Körner aus den Ähren des Getreides zu schlagen. Daher kommt „verdreschen“ für „verprügeln“
Durchschlagender Erfolg
Das wird jetzt schwierig. Im Original heißt es: „Die Durchschläge dienten zum Stellen der Hole für den Drahtzug. Hole waren die konischen Löcher in den Zieheisen, durch de der Draht mit Kraftaufwand in die Länge gezogen und verjüngt wurde. Da die Hole ihre genaue Abmessung wegen der Reibung mit dem Draht während des Ziehvorgangs einbüßten, mussten sie von Zeit zu Zeit mit Hammer und Durchschlag auf das erforderliche Maß gebracht werden.“
Da muss jetzt die KI ran:
„Durchschläge sind Werkzeuge – meist aus Metall –, mit denen man Löcher in eine bestimmte Form oder Größe bringt. In diesem Fall helfen sie, bestimmte Öffnungen (sogenannte „Hole“) zu formen oder wiederherzustellen.
Hole (Plural von „Hol“, ein alter technischer Begriff) sind kegelförmige (also wie ein Trichter geformte) Löcher in einem Werkzeug namens Zieheisen. Dieses Zieheisen wird verwendet, um Draht zu ziehen – das heißt, der Draht wird mit viel Kraft durch das Loch gezogen. Dabei wird er länger und dünner (also „verjüngt“).
Durch die Reibung (also die ständige Berührung und Bewegung des Drahtes im Loch) nutzen sich die Hole ab – sie werden also größer oder ungenau.
Um die Hole wieder in die richtige Form und Größe zu bringen, benutzte man Hammer und Durchschläge, um das Loch wieder „einzustellen“, also nachzubessern.“
Eine Sache hat einen „durchschlagenden Erfolg“, wenn sie besonders wirksam ist. Da fällt mir jetzt die israelische Luftwaffe ein.
Ellenlang
Die Elle ist die Länge eines Unterarmknochens, ganz einfach.
„Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, die ist zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.“ (Sacharja 5,2) Ganz schön groß also, die fliegende Schriftrolle. Vielleicht war es auch ein fliegender Teppich?
Sich verhaspeln
Die Haspel oder der Garnwickler brachte das beim Spinnen anfallende Garn in Strangform. Das funktionierte nicht immer perfekt. Gestern haben sich zum Bleistift die Seilzüge für das Ruderblatt meinen Kajaks verhaspelt. Vielleicht war ich es auch. Frage: Gibt es das Gegenteil, also enthaspeln? Jedenfalls habe ich das gemacht.
Etwas durchhecheln
Ein Hechel ist ein Werkzeug, um Flachs zu bearbeiten. Wikipedia: „Die Hechel ist ein kammartiges, aus spitzen Drähten gefertigtes landwirtschaftliches Gerät, durch das verschiedene Naturfasern wie Flachs- und Hanffasern, Jute, Kokosfasern u. a. zum Reinigen (Hecheln, Rupfen, Ausziehen; – früher auch Reffen) gezogen werden. Das Wort leitet sich vom selben Wortstamm wie der Haken ab, was auf die zum Kämmen der Fasern angebrachten Haken hindeutet.“
Heute bedeutet etwas durchhecheln eher über jemanden herziehen.
Unter die Haube bringen
Verheiratete Frauen trugen eine Haube, am Hochzeitstag wurde die zu ersten Mal aufgesetzt. (Das kenne ich aus Chiapas in Mexiko: Man kann an der Kopfbedeckung erkennen, ob jemand vergeben ist oder nicht. Das erleichtert die Anmache.) Das Original des Museums behauptet: „Auch nach germanischer Sitte durfte die verheiratetet Frau das Haar nicht mehr lose tragen“. Das bezweifele ich sehr, zumal es „die“ Germanen gar nicht gab, noch nicht einmal nach deren eigenem Selbstverständnis. Sogar die KI pflichtet mir bei:
„Die These, dass verheiratete Frauen „nach germanischer Sitte“ ihr Haar nicht mehr offen tragen durften, stammt vor allem aus einer Mischung von antik-römischen Berichten, archäologischen Funden und späteren Rekonstruktionen germanischer Kultur im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Eine eindeutige Primärquelle aus der germanischen Zeit selbst gibt es nicht, da die Germanen keine eigenen schriftlichen Überlieferungen hinterlassen haben.“
Tacitus schreibt in der Germania„: „Die Ehe wird dort streng gehalten; […] Niemand verlacht die Sittenzucht, und eheliche Untreue kommt selten vor.“ Wenn das nicht mal eine romantische Verklärung ist, um den eigenen dekadenten Mitbürgern den moralischen Spiegel vorzuhalten! Aber wir schweifen ab.
In Harnisch bringen
Braucht man nicht erklären. Aber: „brauchen“ verlangt IMHO nicht das „zu“. So habe ich es im Germanistik-Studium gelernt. Die KI widerspricht mir hier: „Die Form „ich brauche es nicht tun“ ist grammatikalisch nicht mehr standardsprachlich und wirkt archaisch oder umgangssprachlich – sie ist aber historisch interessant.“ – „Früher konnte „brauchen“ wie ein Modalverb benutzt werden – also ohne „zu“. Diese Form war im 18. und 19. Jahrhundert häufiger, z. B. bei Goethe oder Schiller.“
Dann also archaisch Goethe und Schiller und nicht dieses neumoderne Zeug.

Blick aus dem Bergfried („dicker Turm2) der Burg Altena.
Türmen gehen
Der Bergfried war der älteste Teil einer jeden Burg. Da dort oft auch die Gefangenen untergebracht wurden, ist der Ausdruck „türmen gehen“ entstanden – wenn sich jemand schnell davonmacht.
Jemanden unterjochen
Das Joch war (!) ein Geschirr zum Anspannen von Zugtieren. Man kennt „ein Joch abschütteln“. „Seit dem Hochmittelalter wurde das Joch durch die Einführung des Kumt (oben im Bild) überall verdrängt, wo ausreichend Kapital vorhanden und die Leistungsfähigkeit des Gespanns von Bedeutung war.“
Im Zaum halten
„Man muss die Araber im Zaum halten.“ Muss nicht erklärt werden.
Etwas auf dem Kerbholz haben
Das wusste ich nicht: „Das Kerbholz war ein Holzstab, welcher der Länge nach gespalten wurde. In die beiden zusammenhängenden Hälften schnitten zwei Parteien – Gläubiger und Schuldner oder Auftraggeber und Auftragnehmer – die gleiche Anzahl Kerben ein. Die Parteien kontrollierten die durch die Kerben festgelegten Vereinbarungen, indem sie die Kerbholzhälften aneinanderfügten und miteinander verglichen. Das Kerbholz war vor der Einführung schriftlicher Rechnungslegung das wichtigste Gerät zr Aufzeichnung von Lieferungen und Arbeitsleistungen.“
Eine Lanze brechen / Von der Pike auf
Der gemeine Soldat „diente“ mit der Pike, also einem Spieß, und „arbeitete“ sich dann „von der Pike auf“ Stufe um Stufe in der militärischen Hierarchie empor.
Lunte riechen
Nicht schwierig für die, die noch mit Vorderladern schießen. Die Lunte ist einfach eine Zündschnur. Genauso simpel ist
Sein Pulver verschießen / Nicht einen Schuss Pulver wert sein
Den Löffel abgeben
Der Löffel war das elementare Esswrkzeug der Bauern. Die ernährten sich vorwiegend von Brei. Der Löffel war individueller Besitz und wurde nach Gebrauch an das Löffelbrett an der Wand gehängt. „Starb man, gab man den Löffel an einen Erben.“
Warten auf den St. Nimmerleinstag
Wusste ich ebenfalls nicht: „Zur Zeit der Reformation stellt man in Predigtparodien Bibelstellen mit dem Wort und Begriff nemo (lat. niemand) zusammen, um so die Existenz eines Heiigen namens „Nemo“ zu beweisen. Hieraus entstand der „St. Nimmerlein“, der aber im Heiligenkanon nicht vorkam. Der „St. Nimmerleinstag“ ist also eine Ausrede und ein faules Versprechen. Auf diesen Tag warten man vergeblich.“
Ein Pastor darf über alles reden, nur nicht über 15 Minuten
Neben der Kanzel (habe ich nicht fotografiert) stand oft eine Sanduhr, die eine Stunde in vier Viertel aufteilte – jedes Glas läuft 15 Minuten. Die Prediger sollten ermahnt werden, die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer nicht zu überschätzen. So etwas brauchte man heute an Universitäten für Studenten auch (und für Blogger, da das lesende Publikum sich nicht länger als 20 Minuten konzentrieren kann, har har).
Ins Visier nehmen
Schon klar: Die Rittersleut hatten, war erst der Helm auf dem Kopf, ein eingeschränktes Blickfeld wie ein Journalist der öffentlich-rechtlichen Anstalten.
Sein Licht unter den Scheffel stellen
„Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“ (Evangelium des Matthäus 5,15)
Hinter Schloss und Riegel
Dorthin gehören alle [bitte selbst ausfüllen].
Keinen Deut wert sein
Der Deut war früher die kleinste Währungseinheit in Holland, Geldern und Kleve.
Etwas auf die Goldwaage legen
Das Publikum legte die pöbelnde Worte des Bloggers auf die Goldwaage.
Über die Wupper gehen
Schwierig. Die Wupper (ein Fluss) „bildete in weiten Teilen die Landesgrenze zwischen der zu Preußen gehörenden Grafschaft Mark [zum Beispiel Dortmund und Unna] und dem Herzogtum Berg. Um sich der preußischen Militärpflicht zu entziehen, gingen viele märkische Männer im 18. Jahrhundert ins benachbarte bergische Ausland.“ Aber: der Begriff hat sich heute ins Gegenteil verkehrt, in der Ökonomie bedeutet er „Konkurs gehen“.
ChatGPT hat eine ganz andere Theorie: „Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Herkunft dieser Redewendung:
Gefängnis-Theorie (historisch):
In Elberfeld (heute ein Stadtteil von Wuppertal) lag das Gerichtsgebäude auf der einen Seite der Wupper, das Gefängnis auf der anderen Seite. Wer verurteilt wurde, musste über die Wupper gehen, um seine Strafe anzutreten.
Hinrichtungs-Theorie:
In früheren Zeiten sollen Hinrichtungsstätten in der Nähe der Wupper gelegen haben, sodass Verurteilte über den Fluss geführt wurden – sprich: ihrem Tod entgegen.“
Saftsack
Zu diesem Thema halluziniert die KI dummes Zeug: „Im älteren medizinischen Sprachgebrauch standen „Säfte“ (wie Blut, Galle, Schleim usw.) für Lebensenergie und körperliches Gleichgewicht (Humoralpathologie).
Ein „Saftsack“ könnte daher im übertragenen Sinn jemand sein, der zu viele oder falsche Körpersäfte hat, also ein kranker oder unausgeglichener Mensch.“
Alles Quatsch. „Vor 1780 zog man den Tabakrauch unmittelbar aus der Brennkammer durch den Rauchkanal. Danach wurde zunächst bei Porzellanpfeifen der Saftsack eingeführt, der anfangs kugelförmig war und zwischen Pfeifenkopf und Rauchkanal gesteckt wurde. Später war der Saftsack als bauchige Ausformung in dern Pfeifenkopf integriert. Da „Pfeife“ bereits als Schimpfwort eingesetzt wurde, galt dies erst recht für „Saftsack“.
Einen Zacken zulegen
Das Kochgeschirr wurde an einem Haken am Kamin befestigt und ins Feuer gehängt. „durch die Wahl der Zackenhöhe konnte die Kochtemperatur und die Dauer des Garvorgangs reguliert werden. Legte man „einen Zacken zu“, wurde es heißer.
Kommentare
8 Kommentare zu “Zünftiger Saftsack”
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„Es wird geschehn, es wird geschehn,
die Zeit ist nicht mehr fern!
da werden all die hohen Herrn
gehangen an die Latern“
(die feuchten Träume des Bibi N. vertont von Frank Rennicke)
„Haben die Iraner schon einen Amerikaner getötet? Nein. Solange sie das nicht tun, reden wir nicht einmal darüber, die politische Führung anzugreifen“
(Zitat des Tages von D. „auch-ein-blindes-Huhn-findet-mal-ein Korn“ Trump)
„Türmen gehen“
Die Erklärung erscheint mir nicht ganz schlüssig(von abschließen, unter Dach und Fach bringen, in trockenen Tüchern haben, geliked und mit der Entertaste bestätigt).
Wenn jemand „türmen geht“, entfernt er sich doch nicht vom Turm sonder geht dorthin – z.B. um Ausschau zu halten und besondere Vorkommnisse zu melden.
Die lagernden Landsknechte, die zockend um das Lagerfeuer JEVERsoffen nach dem Kameraden Hildeward fragten, erhielten dann die Antwort „der ist türmen gegangen“, will heißen, er hat die Wache, die Ausschau dort ganz oben übernommen…hx.
Die moderne Parallele zum Viertelstundenglas des Pfarrers gibt es im Formatradio. Dort gilt: „Sag, was Du willst, aber nicht über 3:20!”
@Andre Dreilich,
… das wird von den Neusprech Redaktionen heute als „snackable content“ bezeichnet.
Ok, ich fange an und muß es schreiben.
Meine aktuellen Fehlleistungen vom Tag:
Erstmals in der Geschichte „Unseredemokratie“ ™ fand am Sonntag, 15. Juni 2025, ein Nationaler Veteranentag statt. Der soll ein großer Erfolg gewesen sein (Paywall!). Das habe ich bei denen von der JF gelesen. Dieser Feiertag scheint bei denen von den Haltungsjournalisten nicht sonderlich populär zu sein. Ich kannte den überhaupt nicht.
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Wir bleiben beim Thema.
Dann feiern wir in „Unseredemokratie“ ™ den LGBT Pride Monat oder Pride Month genannt. Der Juni wird seit Jahrzehnten (Achtung, sehr langer ausschweifender Text!) als Pride Month ausgerufen, das schreiben die vom „Faktenfinder“. Deswegen die gehissten bunten Flaggen vor den Kreishäusern, Rathäusern und manchen Parteizentralen. Scheint bei denen von den Haltungsjournalisten ebenfalls nicht sonderlich populär zu sein. Höre ich auch zum ersten Mal.
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Wir bleiben immer noch beim Thema.
Ebenfalls lese ich bei denen vom „Faktenfinder“, dass wir aktuell den „Stolzmonat“ feiern. Der wird seit 2023 ebenfalls im Juni abgehalten und ist ein „. OK, ich gebe es zu, den kannte ich ebenfalls nicht.
Schöne Auflistung, aber da fehlt noch „etwas auf die hohe Kante legen“
Unter „durchhecheln“ verstehe ich eher, etwas flüchtig oder in großer Eile durcharbeiten.
Der Sankt-Nimmerleinstag ist am 32. Oktember 😊
@Woogie
Dann habe ich in meinem Leben schon die eine oder andere Dame durchgehechelt ;-)