Vorgestellte Anomalie
Ich habe gerade mit großem Vergnügen Benedict Andersons Buch Die Erfindung der Nation angefangen zu lesen. Dass ich das nicht kannte, war eine echte Bildungslücke. Der Witz daran ist, dass das Buch schon 1983 erschienen ist und trotzdem hochaktuell. Der Autor ist auch Simultanübersetzer für Indonesisch und hat daher eine ganz andere Perspektive als jemand, der sein ganzes Leben nicht aus Ostpreußen herausgekommen ist nur die europäische Sicht kennt.
Beim ersten Erscheinen der deutschen Ausgabe 1988 wurde Anderson vorgeworfen, dass seine Perspektive außereuropäisch und kulturanthropologisch sei. Heute macht gerade das den Reiz des Buches aus.
Full ack, Euer Ehren Amazon-Rezensent! Dazu kommt, dass Anderson marxistisch argumentiert, aber durch seine originelle Sichtweise dessen Grenzen bei diesem Thema aufzeigt.
„Der Beitrag von Karl Marx bestand in der grundlegenden Darstellung der historischen Ursprünge der modernen Welt wie in dem Gedanken, daß der Nationalismus eine historisch bedingte und darum auch historisch abzulösende – Epoche der Menschheitsgeschichte ist.“
Damit kann man natürlich nicht erklären, warum Staaten, die sich als „sozialistisch“ definierten, gegeneinander Krieg führten, wie Vietnam gegen Kambodscha oder China gegen Vietnam.
„Das so lange verkündete „Ende des Zeitalters des Nationalismus“ ist nicht im entferntesten in Sicht.“
Dazu kommt ein merkwürdiger Mangel an Theorie zum Thema. „So hat sich mir der Schluß aufgedrängt, daß man keine „wissenschaftliche Definition“ der Nation geben kann; das Phänomen existiert seit langem und wird es auch in Zukunft geben.“ (Hugh Seton-Watson 1977, S.5, zit. n. Anderson)
„Das Problem einer Theorie des Nationalismus steht für das große historische Versagen des Marxismus.“ (Tom Nairn: The Break-up of Britain, S 7. zit. n. ebd.)
„Genauer formuliert müßte man sagen, daß sich der Nationalismus als eine Anomalie des Marxismus erwiesen hat, weshalb man ihn großenteils vernachlässigte.“
Schon auf Seite 15 (weiter bin ich noch nicht) kommt ein entscheidender Satz: „In einem solchen anthropologischen Sinne schlage ich folgende Definition von Nation vor: Sie ist eine vorgestellt politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän.“
Vorgestellt – das heisst nichts anderes als imaginär, also nicht real nachprüfbar, weil willkürlich.
Kommentare
9 Kommentare zu “Vorgestellte Anomalie”
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„Nation“ als politisches Konzept gabs erst nach der frz Revolution. Vorher führten Könige Kabinettskriege, erst Napoleon führte Volkskriege.
https://www.youtube.com/watch?v=9AYyYehtHmU#17:00
Als vorpolitisches Konzept knüpft Nation an tierische Horde an als System von Familien.
Sofort stellt sich die Frage wer dazugehört. Deutsche, Juden, Ukrainer sind verspätete Nationenbildung und dann besonders virulent.
Nation erklärt nix sondern legitimiert Herrschaft.
Demokratie legitimiert mit „Volk“, Islam oder Hindutva mit Gott (den man zu kennen glaubt). Besser machts das nicht.
Zu Marx Zeiten waren Burschenschaftler noch revolutionär, was ist teutsch trieb die Grimms um und Engels sang gerne https://www.youtube.com/watch?v=lr1zXIsApcg
Napoleon führte keine Volkskriege, sondern Kriege im Auftrag der herrschenden Klasse.
„…eine historisch bedingte und darum auch historisch abzulösende…“
Dieser Schluss ist seltsam – die Kernspaltung ist auch historisch entstanden und wird nie wieder aus der Welt sein, solange Menschen sich ihr widmen, sei es forschend, zivil oder kriegerisch nutzend.
PS: Wird uns der Durst nach einem historisch bewaehrten kuehlen Hopfengetraenk JEVERlassen…hx?
Aufklärung hatte Gesellschaft rational geplant.
Heute funzt Politik mit weibischen Gefühlen.
Hassrede muß zensiert werden.
Nation macht Identität. Ich bin wichtig weil.
Mittelalter mit Maul halten & Arbeiten
war vergleichsweise einfach.
Die Affen haben sich im Wald der Symbole verlaufen.
Der Planet ist kaputtbar.
Vorgestellt, im Sinne von vorstellen/imaginieren. Oder auch im Sinne von davor stellen. Oder beides.
paddler
Was ist die Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis?
Letztlich ist klar das Volk und Nation ein Konzept der Herrschaftsklasse ist bzw. war. Denn diese werden heute erkennbar ausgetauscht, da diese Klasse ihren hegemonialen Einfluss auf überregionale Instrumente der Herrschaft übertragen hat, die ohne dieses Konzept auskommen.
Wer braucht schon eine Nation, wenn man die EU-Bürokratie hat, wer braucht schon eine Ideologie, wenn man die UN und ihre „nachhaltigen Ziele“ hat. Und noch schöner ist, dass man in diese Instrumente noch allerhand verpacken kann das von außen wie Herrschaftskritik wirkt und hat damit eine Menge an revolutionären Potential gebunden und man kann sogar glaubhaft machen, dass man hier einer Marxistischen Idee folgt und die historische Nation auslöst.
Dem Volk dürfte es egal sein, es folgt sowieso der aktuellen Doktrin, was bleibt ihm auch übrig.
@Mutant
Yes:
https://www.youtube.com/watch?v=llHhiiNnIjY
„Genauer formuliert müßte man sagen, daß sich der Nationalismus als eine Anomalie des Marxismus erwiesen hat, weshalb man ihn großenteils vernachlässigte.“
geht das auch etwas ausführlicher?
(mal abgesehen davon, dass ich immer noch auf Fortsetzung zur Genese des Kapitalismus warte… und warte… und warte…)
schon die Römer unterteilten in Nationes
aber – Nationalismus
also das Exklusive, Exkludierende
was mit einer angeblichen bestimmten Eigenart aka Identität einher geht
Wie verhielt es sich da im Mittelalter und der frühen Neuzeit?
Wenn die Hugenotten nach Preußen kamen, oder Slawen nach sonstwohin, oder Franzosen nach Süddeutschland
Wurden die dann auch misstrauisch als Fremde gemobbt? Gab es auch Pogrome und Anti-Stimmung?
Oder lief das damals tatsächlich friedlich(er) ab??
Du musst nicht mehr lange warten, ich habe den Parzinger seit vorgestern ganz durch… Für das nächste Kapitel wollte ich ursprünglich vier Bücher lesen. Drei habe ich rezipiert, aber das vierte ist auf Englisch und sehr dick. Vielleicht nehme ich das später zur Korrektur dessen, was ich mir zurechtgelegt habe.