Ober Ost oder: Pioniere der Kultur

kriegsland im Osten

Ich lese gerade ein interessantes Buch von Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten: Eroberung, Kolonialisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Ich wollte eigentlich nur den exakten Frontverlauf im Osten zwischen 1916 und 1918 wissen, weil es online nur sehr schlechte Karten gibt.

Der Hintergrund: Mein Großvater Peter Baumgart (1897-1979) ist während der russischen Revolution in Charkow (heute Charkiw) in der Ukraine zu Tode verurteilt worden, aus der Todeszelle geflohen und nach Deutschland geflüchtet. Darüber gibt es einen schriftlichen Bericht, der aber laut Aussage meiner Großmutter an einigen Stellen redaktionell bearbeitet worden ist – und nicht immer im Sinn dessen, was er ihr erzählt hat. Alle Details müssen also von mir überprüft werden – soweit wie möglich. Das ist in diesem Fall extrem schwierig, zumal ich versäumt habe, meinen Großvater danach zu fragen (worüber ich mich heute schrecklich ärgere).

Ich weiß weder, ob die Polizei des Zaren meinen Großvater (er hatte seinen Pass gefälscht) zum Tode verurteilt hatte oder die Bolschewiki. Das Jahr ist nicht überliefert. Die Zeitschiene:

Februar 1917 Februarrevolution in Russland, Abdankung des Zaren
Dezember 1917 Sowjetischer Angriff auf die Ukraine
26.12.1917 Sowjets erobern Charkiw
18.02.1918 Deutsche Truppen beginnen den Einmarsch in Sowjetrussland
18.04.1918 Deutsche Truppen besetzen Charkiw

Im Original des in der Familie überlieferten Berichts heißt es:

peter Baumgart

Ich vermute, dass er zusammen mit den deutschen Truppen auf deren Rückzug nach Deutschland (ins Ruhrgebiet) gelangte. Das kann ich nicht beweisen, aber angesichts der Tatsache, dass er mittellos war, auf der Flucht vor russischen Häschern und wegen der ungeheuren Entfernungen ist es kaum anders denkbar. Auch der Monat Mai passt.

Im oben genannten Buch habe ich, wie erwartet, eine aussagekräftige Karte gefunden. Ich wusste gar nicht, dass die deutsche Armee schon im 1. Weltkrieg bis an den Don gelangte.

1918 front russland

Der Autor Vejas Gabriel Liulevicius ist der beste Experte zum Thema. Schon der Prolog hat mich überrascht. Seine zentrale These: Die Ostfronterlebnisse von 1914 bis 1918 bildeten den unerläßlichen kulturellen und psychologischen Hintergrund für das, was sich später in diesem blutigen 20. Jahrhundert noch ereignen sollte; sie formten die dafür notwendige Einstellung. Liulevicius spricht von der annexionistischen Begeisterung der Deutschen.

In einer Rezension heisst es:
Vom Ostfronterlebnis des Ersten zum Vernichtungskrieg des Zweiten Weltkriegs? Dies ist, zugespitzt formuliert, die Frage, die Vejas Gabriel Liulevicius in seiner Studie über die deutsche Militärherrschaft in Osteuropa aufwirft. Bis heute konzentrieren sich Historiker zumeist auf die Westfront. Die Kämpfe im Osten werden dagegen wenig beachtet, und selbst der Siegfrieden von Brest-Litowsk ist weitgehend vergessen.

Da ist wieder typisch. Deutsche Historiker interessieren sich nicht für das Thema – außer natürlich Fritz Fischer, der hierzulande angefeindet wurde, im Ausland aber als der wichtigste deutsche Historiker des 20. Jahrhunderts galt. 1975 erschien dann von Norman Stone The Eastern Front 1914-1917 und danach nur noch kleinere Werke. Bis heute existiere, so Liulevicius, noch kein klares Bild, was die Geschehnisse im Osten bedeuteten.

Während sich die Soldaten an der Westfront im unerbittlichen Sperrfeuer der modernen, industriellen Kriegsmaschinen in die Schützengräben kauerten, waren die deutschen Soldaten im Osten mit einer feindlichen Natur konfrontiert, mit der anhaltenden Präsenz der Vergangenheit, mit einem Kriegsschauplatz, der von Tag zu Tag weniger modern schien, und mit den kulturellen Besonderheiten der sie umgebenden einheimischen Völker. Diese besondere Form der Kriegführung und die alltäglichen Aufgaben als Besatzer und als Vollstrecker der militärischen Utopie‚ die die Soldaten unter dem permanenten propagandistischen Sperrfeuer zur kulturellen Mission der Deutschen in Ober Ost zu realisieren hatten, hinterließen bei ihnen tiefe Spuren. Ein Leutnant faßte seine Erlebnisse an der Ostfront in einer Haßtirade zusammen, bei der die in seiner Erinnerung gespeicherten verstörenden Bilder aus ihm herausquellen. Es war, so schrieb er, “innerstes Rußland, ohne Abglanz mitteleuropäischer Kultur, Asien, Steppe, Sumpf, raumlose Unterwelt und eine gottverlassene Schlammwüste”. Paradoxerweise konnte eine so pauschale Ablehnung durchaus mit Kolonisierungsambitionen einhergehen, mit dem Bestreben, die “Unkultur” der eroberten Länder und Menschen zu überwinden. In einem anderen Bericht heißt es zum Beipiel, die deutschen Soldaten seien wahre “Pioniere der Kultur”: “So Wird der deutsche Soldat, bewußt oder unbewußt, ein Lehrmeister in Feindesland” mit dem Auftrag, Ordnung und Entwicklung zu bringen. Beide Sichtweisen entstanden im Kontext des Krieges aus dem Ostfronterlebnis. Selbst Während man ihn ausbeutete und Pläne zu seiner Umgestaltung vorbereitete, fürchtete man den Osten. Diese disparaten Perspektiven verschmelzen zu einem Bild vom Osten, das aus dem Fronterlebnis und den Realitäten, der Praxis und den Illusionen der deutschen Okkupationspolitik in Ober Ost hervorging.

Wieder was gelernt.

Kommentare

7 Kommentare zu “Ober Ost oder: Pioniere der Kultur”

  1. multiplikato am August 3rd, 2020 3:08 pm

    hallo burks,
    diesmal bin ich begeistert. du hast deinen beruf als historiker, aus meiner sicht, diesmal richtig gut erfüllt. zum ersten weltkrieg kenne ich auch nur die ansichten der herrschenden und die meines opas.
    da hast du doch ein paar links, die ich gerne lese.

    dein kritiker multiplikato

  2. Rano64 am August 4th, 2020 8:55 am

    Einige deiner Fragen sind doch schon beantwortet: Die Häscher waren zaristisch, denn “dann brach die Revolution aus und er konnte sein Versteck verlassen”.

    Er kam im Mai kurz nach der Besetzung durch die Deutschen (im April) nach Deutschland. Der deutsche Rückzug war erst im November.

  3. admin am August 4th, 2020 4:44 pm

    “dann brach die Revolution aus und er konnte sein Versteck verlassen” – ich weiß eben nicht, ob er das wirklich gesagt hat oder ob das die Redaktion der (frommen) Zeitschrift, in der seine Geschichte erschienen ist, dazuerfunden hat.

  4. postgeschichtler am August 4th, 2020 6:56 pm

    Zur Zeitschiene: Die Oktober-Revolution 1917 wäre zu ergänzen. Auf dem Gebiet der Ukraine entstanden gleichzeitig eine von der Rada geführte Ukraine & eine sowjetsche, die von Russland untertützt wurde & schnell militärisch Oberhand bekam. Am 22.1.1918 erklärte sich die Rada-Ukraine für unabhängig & schloß am 9.2. einen Separatfrieden mit den Mittelmächten. Auf das Drängen der Rada intervenierten deutsche & KuK-Truppen, während der deut Vormarsch nördl der Ukraine mit dem Vertrag v Brest-Litowsk endete. Das sind 2 verschiedene Ereignisse. Deut Truppen waren 1918 auch in Georgien, Armenien & Aserbeidschan.

    Ein erster Überblick:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Ukrainian_War_of_Independence

    Zu Peter Baumgart: Er ist nicht auf dem Rückzug der deut Truppen nach D gelngt, der erst im 11.18 begnn und sich etliche Monate hinzog. 1918 kehrten z.B entlassene deut Kgf aus russ Gefangenschaft zurück (soweit sie im sowjet. Bereich waren), ebenso verschleppte deut Zivilinternierte sowie Volksdeutsche aus den ehemals russ Teilen von Polen, die man ab 1914 in das Innere Rußlands deportierte.

    Ich besitze eine Rückwanderersendung vom 31.3.18 aus dem Gebiet Ober-Ost nach Strassburg Elsass, auch eine Feldpostkarte der ’10.Kriegerkompanie’ aus Zgierz vom 1.6.18, für deut Soldaten aus russ. Kgfschaft.

    Peter Baumstark wird als ziviler Rückwanderer per Bahn nach D gelangt sein, mit Erlaubnis der zuständigen deut Militärbehörden und einem deut Fahrschein. Geld wird er dafür nicht gebraucht haben. In der Ukraine dürften im Frühjahr 1918 nur Militärzüge gefahren sein.

  5. admin am August 4th, 2020 8:50 pm

    @postgeschichtler: Danke, sehr interessant. Da mein Opa als angeblicher deutscher Spion verurteilt worden war, muss das also vermutlich VOR dem Friedensschluss der Rada mit den Mittelmächten gewesen sein. Er hat sich in dem falschen Pass jünger gemacht, um nicht zum Militär zu müssen. Das Todesurteil kann also auch schon 1916 gewesen sein, da war er 19 und hätte eingezogen werden können. Ich weiß aber nicht sicher , wann man zur russischen Armee der Zarenzeit eingezogen wurde.

  6. postgeschichtler am August 4th, 2020 9:39 pm

    In Friedenszeiten wurde man mit 21 einberufen, aber im Krieg kann das anders gewesen sein, Allerdings waren 14-18 die Verhältnisse ohnehin ganz anders.

    Hier ein sehr informativer Link zur Wehrpflicht der Rußlanddeutschen:

    https://enc.rusdeutsch.eu/articles/628

    Vor allem gegen Ende wird es sehr interessant. Mit einer Einerufung hätte er danach wohl nicht rechnen müssen. Aber der Spionagevorwurf paßt gut, da sein Heimatort 1915-18 von den Deutschen besetzt und er selbst deportiert worden war.

  7. Charkow : Burks' Blog – in dubio pro contra am August 7th, 2020 11:26 am

    […] oder kurz vorher zeigen. Besonders interessant ist das obige Gerichtsgebäude, in dem mein Peter Baumgart Großvater 1916 oder 1917 zum Tode verurteilt […]

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