Wer hängt hier wen ab?

Quelle: Tagesschau, von mir modifiziert
Vielleicht ist die Kunst des Rechnens in manchen Redaktionen nicht so verbreitet. Die Tagesschau verkündet: „Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben die Grünen mit Ministerpräsident Kretschmann laut ARD-Vorwahlumfrage gute Chancen, stärkste Kraft zu werden. Sie könnten demnach bei 32 Prozent landen – und damit vor der CDU. In Sachsen-Anhalt würde die AfD drittstärkste Partei.“
Ja und? Die Grünen hängen in Baden-Württemberg die CDU ab? Darum geht es nicht. Jeder Statistiker weiß, dass sich das Wahlverhalten der Deutschen seit Jahrzehnten kaum geändert hat. Das wird auch so bleiben.
Die Süddeutsche schrieb schon 2013 ganz richtig: „Je prekärer die Lebensverhältnisse, desto eher bleibt jemand der Wahl fern. Das ist vielleicht nicht so erstaunlich – aber auf jeden Fall erschreckend.“ Nein, das ist mitnichten erschreckend, sondern beweist nur, dass die Linken (nicht nur die Partei „Die Linke“) nicht in der Lage sind, den Protest gegen die Risiken und Nebenwirkungen des Kapitalismus, wie auch immer er sich ausdrückt, auch nur annähernd aufzugreifen und in die richtige Richtung – die Systemfrage – zu lenken. Die Linke ist schlicht unfähig – das merkt man nicht nur an der abgehobenen und bürokratischen Sprache ihrer Vertreter.
Wenn man sich die Statistik ansieht, wir schnell klar, dass sich der „bürgerliche“ und rechte Block vergrößert hat. Die SPD ist keine linke Partei, könnte aber von der Linken teilweise instrumentalisiert werden (genau so, wie sie jetzt von Merkel instrumentalisiert wird), weil sie keine Arbeiterpartei mehr ist, sondern eine des dienenden Kleinbürgertums (aka Angestellten), das sein Fähnlein seit der Weimarer Republik immer nach dem jeweiligen Wind richtet. Tsipras, ein typischer Sozialdemokrat, lässt grüßen (alles versprechen und nichts halten).
Aktuell sehe ich 43 Prozent für CDU, FDP und AfD in Baden-Württemberg, 45 Prozent für Grüne und SPD. Denkbar knapp also, wenn man die Unschärfe der Hochrechnungen dazunimmt. Die Grünen haben gar keine Mehrheit, und ich vermute, das ist auch das Kalkül Merkels gewesen. Nicht die Partei mit den meisten Stimmen stellt den Ministerpräsidenten, sondern die rechnerische Majorität.
Ähnlich in Rheinland-Pfalz: CDU, AfD und FDP 50 Prozent, SPD und Grüne haben keine Aussicht auf eine Mehrheit, selbst wenn die FDP umschwenkte oder die Linke in den Landtag käme.
Linke, SPD und Grüne zusammen sind in Sachsen-Anhalt chancenlos. Die CDU kann sich bequem aussuchen, wer sich ihren Forderungen beugt. Sie könnte sogar eine Minderheitsregierung mit der FDP bilden und gelassen abwarten, ob sie die fehlenden Stimmen von der Volkswirtschaftler-Sekte AfD oder von der SPD bekäme.
Der gefühlte Schwenk Merkels nach „links“ in der Flüchtlingsfrage ist nur kühles Kalkül; dass die FDP wieder nach oben treibt wie Abschaum auf Abwassser, ist so gewollt. Dass sie am rechten Rand nicht punkten kann, ist Merkel sowieso egal. Es geht um numerische Mehrheiten für den Machterhalt im Sinne der herrschenden Klasse (die bekanntlich eine industrielle Reservearmee braucht, um die Löhne zu drücken), nicht um Moral oder Inhalte.
Sorry, ich bin Machiavellist, aber meistens liege ich damit richtig.
Kommentare
15 Kommentare zu “Wer hängt hier wen ab?”
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„Sorry, ich bin Machiavellist, aber meistens liege ich damit richtig.“
;-)…. Machiavellismus ist im Liegen nicht zu stemmen – sorry.
Tyrannen müssen ohne Pause tyrannisieren, um nicht selbst tyrannisiert zu werden. Ganz so wie mit dem Journalisten, der aus Versehen über sich selbst berichtet, au weia. All diese Hass-Mails in Folge.
Ich liebe diese Statistiken. Hier sind es also 96% der Wähler, die Ergebnisse liefern.
Übrigens sind 50% aller Ehepaare Frauen.
Danke,Susi.
Ich liebe Statistiken auch,noch mehr dieses Bemühen menschlisches Verhalten danach zubeurteilen.Was ja auch sehr menschlich ist,dummerweise.
Was aber kluge Menschen sehr gut und lange beschäftigen kann!
Die Vorstellung, FDP und AfD in einen gemeinsamen „bürgerlichen“ oder „rechten“ Block zu stellen, halte ich für unsinnig. Die Schnittmenge sind ein paar Deutschnationale, jemand wie Höcke hätte in den 60er- oder 70er-Jahren bei der FDP sein können, 1980 schon nicht mehr… Lucke und seine Kapitalfraktion ist auch weg. Man hüte sich vor einer vorschnellen Klassifikation der AfD, ich meine, es wird am Ende eine deutschnationale Partei daraus, ohne erkennbares Wirtschaftsprogramm, aber mit erkennbarer Feindseligkeit gegen das Großkapital. – Nicht umsonst frisst die AfD der Linken die Wähler weg und nicht der FDP.
Die AfD ist genau so „gegen“ das Großkapital wie die NSDAP.
@ admin Ja, natürlich. Das heisst aber nicht, dass die AfD den Linken damit nicht die Stimmen wegfrisst, so traurig das auch sein mag.
Die AfD oder auch andere Parteien als durch den Orbit fressende Grapper, die all die am Wegesrand oder an den Wänsten von anderen politischen Großklumpen klebenden Stimmen wegfressen. Interessant. Wie wäre es umgekehrt. AfD und Konsorten lechts und rinks sind einfach mehr oder weniger übelriechende Gärkäse, auf die sich politkulinarisch verirrte aber leider Eiweiß suchende hungernde Wählerheerden stürzen, weil das Mana in der Ödnis vertrocknet ist. Ich bin ein Fan von Metaphorik aber wenn Meinungsbildungsinstitutionen als politisch technokratische Feindbilder performed werden, schreie ich laut „Hurz“ o.ä.
Naja, die AfD als „Volkswirtschaftler-Sekte“ ist nicht ganz up to date. Aber dass die den „Linken“ was abjagen, ist ja eine speziell sostdeutsche Erscheinung – ob das auch für den Westen gilt, wird sich erst jetzt zeigen. Aber: Wer im Osten PDS bzw. PdL wählte, machte das nicht immer, weil er „links“ war. Nach 1990 hatte die damalige PDS ja eine Doppelfunktion: Besetzung der ganz links stehenden Stühle im Bundestag UND einzige Partei, die im Wesentlichen von Ossis geführt und gewählt wurde,. Sie „integrierte“ die (vermeintlichen oder tatsächlichen) Wendeverlierer sozusagen in die Bundespolitik, vertrat zumindest verbal deren Interessen. Diese Doppelrolle konnte (und wollte?) sie nach dem Beitritt der Lafontainisten nicht mehr wahrnehmen. Die Ost-Nostalgiker wurden nun von der AfD umworben, denn die DDR war ja nahezu ausländerfrei – und piefig. Mir hat ein brandenburgischer Dorfbürgermeister von der PDS mal erklärt, warum seiner Meinung nach Grüne im Osten gescheitert seien: „Die holen die ganze Multikulti-Ausländerbande ins Land, und die nehmen unseren Werktätigen dann die Arbeitsplätze weg.“ Genau solche Leute sind die Schnittmenge zwischen AfD und „Linken.“ Und die Fans des „starken Mannes“ Putin (Ex-KGB!) natürlich auch.
@ Trittbrettschreiber
Mach das…
@der Trittbrettschreiber:
Deine kulinarische Beschreibung von Parteien hat was erfrischendes,weil sonst mit Ausscheidungsproduktassoziationen(gell schönes Wort) gearbeitet wird..und deren Unaus“weich“lichkeit
Der AfD-Burger demnächst bei..
Den MacMeth ohne künstliche Inhaltsstoffe oder nur mit ebensolchen gibt es dann auch..
Inspirierend!
@Ahmed
…mmmpfh, mmmpf – sorry, mit vollem Mund unmöglich.
@Martin Däniken
… danke für die nächste Stufe der Produkt- und vor allem Meinungsverarbeitung. Für König Lear emphähle ich Dixi statt Thron:
https://www.google.de/search?q=dixi+klo&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjSwZS8iKnLAhXkK5oKHWqPDbEQsAQIPQ&biw=1600&bih=791
@ Trittbrettschreiber
Du alter Trotzkist :)
@Ahmet
Ja, der Trotz. Je kleiner er wird, umso mehr er nachlässt, desto mehr Konturen bekommt die Kiste.
Ja, die Tage, das Leben…
http://www.fridakahlo.org/self-portrait-with-cropped-hair.jsp
…von wegen:
ES GIBT EIN JEVER VOR DER NOT.
http://www.jever.de/
@Trittbrettschreiber:
Schon Mexiko gebucht?! ;-)
Mit einer solchen Linkspartei wunderts nicht
https://www.youtube.com/watch?v=0_2iTuq6RWY