Durchs wilde Arabistan

Ich hatte das schon mal in den achtziger Jahren mit einem Privatlehrer ein halbes Jahr lang versucht, habe aber alles vergessen. Das wichtigste arabische Wort السيارة kenne ich aber noch. Kommt in jedem Gespräch vor – in Berlin jedenfalls. Üben kann ich auch – die gefühlte Hälfte des Publikums im Krankenhaus spricht Arabisch.
By the way, liebe wohlwollende Leserin und lieber geneigter Leser: Schon mal etwas von Pir Kamek gehört? Ich wurde vor ein paar Tagen daran erinnert. Eine junge Frau mit blonden Locken kam als Patientin ins Krankenhaus. Sie sprach nur Kurdisch und ein wenig Arabisch, und sagte mir, als wir mit Händen und Füßen versuchten, uns verständlich zu machen: ‚Jesidi‚, und zeigte auf sich.
Dank Karl May und eingedenk der Tatsache, dass ich durchaus über die Weltläufte informiert bin, wusste ich, was sie meinte, obwohl sie das nicht zu erwarten schien, denn sie machte zusätzlich eine Handbewegung, als würden ihr die Augen verbunden, dann kreuzte sie die Hände, wohl um zu zeigen, dass sie gefesselt worden war. Es gruselte mich, und ich will gar nicht mehr darüber wissen.
Vorgestern war sie noch mal da, mit einer Kopfplatzwunde. Sie „wohnt“ mit ihrem Mann auf dem Tempelhofer Feld. Es ist zwar nicht meine Aufgabe, aber ich bin gern ausreichend informiert, um Risiken und Nebenwirkungen einschätzen zu können. Während die Frau in der Rettungsstelle behandelt wurde, versuchte ich mit dem Mann zu reden. Er verstand ausschließĺich Kurdisch, und Google Translator bietet das nicht an. Er hätte ja auch der Täter sein können, deswegen war ich vorsichtig.
Irgendwann mischte sich eine Deutschtürkin ein, die mir sagte, ihr Freund spräche Kurdisch. Sie holte ihn ans Handy, erzählte ihm auf Türkisch, was ich ihr auf Deutsch gesagt hatte, dann bekam der Jeside das Telefon und hörte sich alles auf Kurdisch an. Die verschiedenen kurdischen Dialekte unterscheiden sich zwar sehr voneinander – wie Deutsch und Niederländisch -, aber in diesem Fall kriegten wir das irgendwie hin. Es stellte sich heraus, dass die Frau oft in Ohnmacht fiel – also Verdacht auf Epilepsie oder etwas Neurologisches.
Ich teilte das dem behandelnden Chirurgen mit. Der startete das gesamte medizinische Check-Programm. Beim Schichtwechsel trat zufällig einer unser Arabisch sprechenden Ärzte seinen Dienst an. Der konnte sich mit der Frau dann auch unterhalten.
An meinem Arbeitsplatz geht es halt ein wenig Kosmopolitischer zu als anderswo. Burks gefällt das.
Von den Toten spartanisch erzählt

Jakub Schikaneder: Winter, 1883
De mortuis nil nisi bene – von den Toten darf man auch Schlechtes erzählen, aber auf gute Weise. So empfahl es Chilon von Sparta.
Nur wenige werden Herrn Ch. kennen. Ich habe ihn einmal auf dem U-Bahnhof Mehringdamm auf einer Bank gesehen, zusammengesunken, mit einer Flasche Billigfusel in der Hand. Dort hat er gelebt. Wenn er mich erkannt hätte, hätte er wohl laut geschimpft und die Faust drohend erhoben.
Herr Ch. war der unangenehmste Obdachlose, mit dem ich zu tun hatte. Bei den Ärzten, Pflegern und Schwestern des Krankenhauses, in dem ich arbeite, war er berüchtigt. Die meisten stöhnten auf und winkten ab, wenn die Feuerwehr ihn wieder einmal – fast täglich – auf einer Trage in die Rettungsstelle schoben, als angeblich hilflose Person. Herr Ch. gehörte zur Elite der Obdachlosen: Er wusste, wo er sich nur auf den Bürgersteig fallen lassen musste, damit die Passanten die Feuerwehr riefen. Meistens war das vor den Imbissbuden oberhalb des U-Bahnhofs, wo zahllose Touristen herumstehen. Das funktioniert immer: Eine Rettungsstelle darf niemanden abweisen, auch wenn die Person nur besoffen ist – es könnte ja auch etwas anders vorliegen.
Wenn Herr Ch., derangiert – wie immer nach Alkohol und Schmutz stinkend – auf der Trage den Eingang passierte, flankiert von zwei Feuerwehrleuten, brüllte er: „Ich will eine Decke!“ Wenn ich da stand – als „Bodyguard“ für das medizinische Personal, fügte er hinzu: „Scheiße! Arschloch! Fotze!“
Immer dasselbe Ritual: Sobald Herr Ch. im Warmen lag und auf eine Behandlung wartete, schimpfte er lauf, nannte die Krankenschwestern „Schlampen“, alle anderen, auch die Patienten, „Arschlöcher“, kurz gesagt: Er war unausstehlich, eine wahre Landplage. Jeder war froh, wenn Herr Ch. endlich seinen Rausch ausschlief und das Maul hielt. Wenn ich Dienst hatte, ging ich zu ihm, und er wusste, was dann kam: Ich sagte ihm: „Wenn Sie weiter das Personal beleidigen, werfe ich Sie hinaus.“ Früher glaubte er mir nicht, sondern beschimpfte mich wüst, bis ich ihn mehrfach gewaltsam, per Armhebel à la Krav-Maga, hinausschaffte. Damit war es nicht getan: Herr Ch. pöbelte draußen weiter, begab sich laut krakeelend, zur Haupthalle, same procedure, bis man ihn dort entfernte, kam wieder zurück usw.. Das konnte Stunden so gehen. Es gefiel ihm nicht, wie ich ihn behandelte, denn es tut weh, wenn man sich wehrt. Deswegen benahm sich Herr Ch. nach den ersten Malen – im Rahmen seiner Möglichkeiten – relativ zivilisiert, wenn ich in der Rettungsstelle Dienst hatte.
Man muss die Methoden des Überlebens, die Obachlose benutzen, als solche akzeptieren und die Sache sportlich sehen. Wenn die einen kennengelernt haben, stellen sie sich auch darauf ein. Ich duze auch niemanden. Jeder hat das Recht, höflich behandelt zu werden, auch der schlimmste Idiot.
In zwei Jahren habe ich Herrn Ch. einmal nüchtern erlebt. Das war vor ungefähr einem Monat. Herr Ch. hatte sich in der Rettungsstelle ausgeschlafen, wühlte sich von der dreckigen Trage, sammelte seine Plastiktüten ein. Ich sprach ihn an: „Sie kennen mich ja. Wenn Sie besoffen sind, dann sind Sie unerträglich und ich kriege dann schlechte Laune.“ Er lachte nur, ein freundliches, höfliches Lachen, und nickte. Die Schwestern erzählten, dass Herr Ch. ein gebildeter Mensch sei und sich nett unterhalten könne, wenn er nüchtern sei. Das war er nur fast nie.
Herr Ch. ist vor einer Woche in Kreuzberg auf der Straße erfroren.
Babylonien, revisited
Babylonien, revisited, 26.0: Dari, der Mann kam aus Afghanistan.
„Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ (Jean Jaurès (1859-1914)
Ich muss hier mal etwas sagen. Vermutlich sehe ich die Welt anders als die Masse derjenigen, die sich in den „sozialen“ Netzwerken und anderswo stundenlang über Einwanderer oder Menschen auslassen, die vor dem Krieg flüchten. Ich sehe die fast täglich, und ich habe ganz konkret mit denen zu tun, wenn ich im Krankenhaus arbeite. Ich kann über die kackbraunen Kameraden und die, die es noch werden wollen – wie der unsägliche Matussek – nur den Kopf schütteln. Ich weiß nicht, in welcher Welt die leben, jedenfalls nicht meiner.
Ich mag nicht über den Job als „Bodyguard“ im Krankenhaus schreiben, allein schon aus Gründen des Datenschutzes. Es würde mir auch niemand glauben, was dort täglich geschieht, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Man kann sich das gar nicht ausdenken.
Kleine Gesten erklären manchmal die Welt besser als langatmiges theoretisches Gefasel.
Ein junger Mann kam in die Rezeption. Er sprach nur Arabisch und ganz wenige Brocken Englisch und Deutsch. Um das Handgelenk hatte er ein Plastik-Armband (des LAGeSo?) mit einer Nummer. Keine Papiere, keinen Ausweis, noch nicht das grüne Papier, das Flüchtlinge bekommen, wenn sie registriert sind. Er schrieb seinen Namen auf einen Zettel, aber auf Arabisch, und das konnte niemand entziffern. Die Schwester in der Rezeption – übrigens eine Afrodeutsche – musste ihn deshalb wegschicken. Ich habe das natürlich gesehen und ihm mit Gesten klargemacht, dass er im Warteraum bleiben solle. Das Problem schien mir doch lösbar, da die Mehrheit der Wartenden oft ohnehin aus Deutschtürken und Arabisch sprechenden Kranken und deren Angehörigen besteht.
Exkurs zu Mehrheiten im Warteraum des Krankenhauses: „Türken“ (die in Kreuzberg sowieso alle Deutsch sprechen, außer den Alten) und Araber sind nur dann in der Mehrheit, wenn nicht gerade eine bosnische Großfamilie kommt, die, wenn eine Person krank ist, mindestens 30 Angehörige aufbietet, um dem Kranken gruppendynamisch beizustehen, was dann „Party“ im Warteraum bedeutet und für mich Stress, weil natürlich alle Kinder mitkommen, auch wenn es zwei Uhr morgens ist. Gegen Bosnier sind Roma ein Kinderspiel, und außerdem kennt mich die Roma-Satra schon, die hier immer auftaucht: Die Roma lebten vorher in Spanien, deshalb sprechen sie neben Romanes Spanisch, was ich wiederum verstehe. Sie seien vor dem unerträglichen Rassismus dort geflohen, sagte mir die so genannte mama principal – das ist die Frau, die bestimmt, was gemacht wird. Und wenn ich der sage, dass es zu laut sei im Warteraum – was es immer ist, wenn die Roma wieder mal da sind -, dann gibt sie einen Befehl und die Bande ist wieder ein paar Minuten ganz brav. Wenn ich das einem männlichen Roma sagte, passierte gar nichts, und ich müsste sehr laut werden, was ich zu vermeiden suche. Vielleicht würden Ethnologen, die sich mit Roma auskennen, das bestreiten, aber bei mir ist es so. Mir zeigen auch die kleinen Jungen stolz ihre teuren Armbanduhren, die nicht so aussehen, als hätten sie sich die gekauft. Vielleicht bin ich auch nicht der typische „Security“-Mann, mit dem Roma normalerweise zu tun haben.
Der junge Araber stand etwas ratlos herum, zog seinen schmuddeligen Pullover hoch und zeigte mir eine üble blutige Schwellung an seinem Bauch. Ich fragte die Wartenden, ob jemand Arabisch und Deutsch oder Englisch verstehe – das war aber ausnahmsweise nicht der Fall. Die Sache wurde vertrackt. Ein kranker Mann, der auf einer Trage drinnen auf seine Behandlung wartete, hörte, was ich sagte, und winkte mich heran: Er sei Türke, aber wenn es um Araber aus dem Irak nahe der türkischen Grenze gehe, dann können er den vermutlich verstehen. Er quälte sich von seiner Trage hoch, obwohl er das nicht hätte tun müssen, und humpelte mit mir in den Warteraum. Der junge Araber freute sich königlich, als ich mit einem Mann kam, in dem er wohl einen Dolmetscher vermutete. Aber leider funktionierte es nicht: Die beiden redeten aufeinander ein, aber verstanden sich nicht.
Dann mischte sich ein weiterer Mann ein, der allein im Warteraum saß. Der sprach zwar kein Wort Deutsch, aber auch Arabisch. Jetzt hatte der junge Mann einen Ansprechpartner. Nur konnte ich weder den einen noch den anderen verstehen. Der Türke aber kam mit dem älteren Araber irgendwie radebrechend klar. Es stellt sich heraus, das der ältere Araber aus Syrien stammte, was bedeutete, dass der junge Araber kein Syrer war.
Mittlerweile waren irgendwie alle Leute im Warteraum – rund zwei Dutzend – am Thema interessiert und beobachteten uns gespannt. Ich sagte dem Türken, er solle dem älteren Araber klarmachen, dass ich von dem jüngeren Araber dessen Namen und Geburtsdatum und Nationalität brauchte, sonst weigerte sich die Krankenhaus-Bürokratie, in Gang zu kommen. Mit der LAGeSo-Nummer allein ginge das nicht. Es half aber alles nichts, obwohl mittlerweile vier Personen mit Händen und Füßen gestikulierten.
Neben uns saß ein junges französisches Paar: Die Frau war verletzt und wartete wie alle anderen. Sie sprachen schlechtes Englisch, und ich kann Französisch zwar verstehen, aber keinen geraden Satz herausbringen. Die Frau begann plötzlich, auf den jungen Araber einzureden. Es stellte sich heraus, dass sie zwar nicht Arabisch aktiv sprechen konnte, aber ein wenig verstehen. Als ich das den Anwesenden berichtete, lächelten einige, auch welche, die sich gar nicht beteiligt hatten. Ich hoffe, ich kann verständlich machen, was ich meine.
Die Sache lief dann so ab: Der junge Araber schrieb etwas auf einen Zettel, den ich organisiert hatte, und die Französin transkribierte es. Und ein halbes Dutzend Leute guckte ihr dabei über die Schulter und gab Ratschläge. Des Rätsels Lösung: Der junge Araber stammte aus Tripolis in Libyen, war 1992 geboren und auf dem „üblichen“ Weg nach Deutschland gekommen. Jetzt hatte ich auch seinen Namen. Den Zettel gab ich der diensthabenden Schwester, und alles nahm seinen bürokratisch-ordnungsgemäßen Gang.
Ich brachte dann eine Flasche Mineralwasser und Pappbecher in den Warteraum. Der Türke legte mir seinen Arm um die Schulter, während er das Mineralwasser trank, auch, weil er vor Schmerzen kaum stehen konnte, der ältere Araber „prostete“ mir mit dem Pappbecher zu, der Libyer und die Französin redeten immer noch lebhaft aufeinander ein.
Ceterum censeo: Ich hoffe, ich konnte verständlich machen, was ich meine.
Ich vergaß zu erwähnen: Im Warteraum saßen auch drei Thailänderinnen und eine Tamilin. Der Afghane war schon in Behandlung, und der junge Afrikaner mit frauenfreundlichem Rasta-Look, der Mandinka und perfekt Deutsch sprach, war schon gegangen. Der einzige Mann, der mich total und über Stunden nervte, war ein älterer Albaner, der alle fünf Minuten fragte, ob er nicht zu seinem Verwandten hineingehen könne, weil der kein Wort Deutsch spreche und außerdem Analphabet sei.
Vorgestern musste ich einem jungen Mann, der sich mit psychotrophen Substanzen abgefüllt hatte, gleich zwei Messer wegnehmen, bevor er damit spielen konnte. Eines davon hatte er im Schuh versteckt. Und heute Nacht meinte ein etwas betrunkener, aber sehr kräftiger Herr, er müsse auf einen älteren Polizisten einprügeln, der ihn zum Ornithologen Psychiater der Rettungstelle bringen wollte. Ich hatte es irgendwie geahnt, stand daneben und hatte Gelegenheit, die Grundtechniken des Krav Maga zu demonstrieren. Der Job ist manchmal ganz interessant.
Berliner Alltag: Mordkommission ermittelt
Dazu die Polizeimeldung vom 28.08. „Gestern Nachmittag kam ein Mann nach einer Auseinandersetzung in Kreuzberg mit lebensbedrohlichen Verletzungen in eine Klinik. Nach bisherigen Erkenntnissen soll es zwischen dem 44-Jährigen und einem anderem Mann gegen 15.40 Uhr an der Alexandrinen- Ecke Oranienstraße einen Streit gegeben haben. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung erlitt der 44-Jährige Stichverletzungen und kam dann in ein Krankenhaus. Nach einer Operation ist der Zustand des Verletzten stabil. Am Ort wurde der mutmaßliche Angreifer (…) vorläufig festgenommen“.
Der Fahrer des Autos hat dem Opfer übrigens das Leben gerettet: Wenn der den schwer verletzten Mann nicht sofort – und ohne Verkehrsregeln zu beachten – in ein Krankenhaus gefahren hätte, wäre der verblutet.
Wir wollen doch nur helfen
WDR: „Wir wollen doch nur helfen“.
Sendung vom 25.02.2015: „Randale im Wartebereich der Notaufnahme des Universitätsklinikums Bergmannsheil in Bochum. Ein betrunkener Mann pöbelt rum und verspritzt sein Getränk auf Tischen, Stühlen und auf andere Wartende. Antje Schmidt, die Dienstälteste und erfahrenste Krankenschwester in dieser Nacht, versucht den Mann zu beruhigen.“
Kommt mir irgendwie bekannt vor, auch das T-Shirt des Mannes auf dem Bild. Nur geht es in dem Krankenhaus, in dem ich manchmal nachts als Security Guard arbeite, noch wesentlich härter zu.
Miscellanouser Spaziergang
Nach vier 12-Stunden-Nachtschichten in meinem anstrengenden Dritt|zweit|erstWie-auch-immer-Job fühlte ich mich beim Frühstück ein wenig platt. Aber es ist gut, die Realität immer wieder kennenzulernen, das einfache und auch weniger einfache Volk, das sich für viele Themen, die die abgehobene „Netzgemeinde“ permanent abhandelt, nicht wirklich interessiert, weil man andere und oft existenzielle Sorgen hat. Its the economy, stupid, as usual. Nothing else. Der Rest ist nur Feuilleton.
Freie Zeit ist ein Privileg, das man erst wirklich zu schätzen weiß, wenn man sie oft nicht hat.
Ich arbeite rund 180 Stunden monatlich als Security und mindestens noch mal genausoviel in meinem anderen Beruf, auch und vor allem an den Wochenenden. Ein Monat hat rund 720 Stunden, 240 Stunden Schlaf plus 360 Stunden Arbeit, da bleiben durchschnittlich vier Stunden am Tag für Einkaufen, Essen, Nichtstun, meine Hobbies pflegen wie Bloggen, Kampfsport, Joggen (zur Zeit leider sporadisch), Second Life, lesen (was andere schreiben), Kultur, Freunde, Online-Schach, Weiterbildung (das fucking manual von Calibre zum Beispiel). Zum Glück bin ich Single, ich wüßte gar nicht, wie ich das managen sollte (obwohl ich aus Prinzip ohnehin keine „Beziehungsgespräche“ führe).
Auch ein Spaziergang bei denkbar bescheidenem (Regen, Wind, Kälte) Wetter über den Richardplatz kann angenehm sein. Man sieht hie und da Details, die zum Denken anregen.
Warum zum Teufel sollte ich übrigens in eine Buchhandlung gehen, die im Schaufenster „Gendermedizin“ und „Vegan to go“ anbietet? Da krieg ich ja spontan die Krätze. Dann doch lieber Amazon, obwohl ich natürlich weiß, dass dort ein heftiger Klassenkampf tobt, bei dem meine Sympathien eindeutig sind. (Sehr geehrte Gewerkschafts-FunktionärInn*%&§$en: Wer das Kapital auffordert, „fair“ zu sein, kann auch gleich „faire“ Löhne und Preise fordern oder „faire“ Folter oder sonst irgendeinen hanebüchenen Quatsch. Marx hätte euch ordentlich und zu Recht durchgeprügelt.)
Jetzt muss ich noch eine Steuererklärung machen, Wäsche waschen, mehrere Rechnungen schreiben, eine komplizierte Oberfläche für ein Objekt in Second Life herstellen, das ich jemandem einem Avatar versprochen hatte, das Abendessen kochen (verflixt, ich bin gefühlt gerade erst aufgestanden und es ist schon wieder dunkel), nachschauen, warum auf einem meiner Rechner ein PGP-Key nicht gefunden wird, mich mit dem Android-Dateisystem so vertraut machen, dass ich EDS praktikabel benutzen und endlich ein Tutorial für E-Mail-Verschlüsselung auf Android-Smartphones und Tablets schreiben kann. Ich höre jetzt besser auf zu bloggen, sonst komme ich zu nichts mehr…
The world is letting Israel get away with it again
Larry Derfner (+972): „The assault on Gaza has hurt this country’s image, and it doesn’t care. (…) If I may mangle Ben-Gurion’s famous dictum, it doesn’t matter what the goyim say, it matters what the goyim do, and the goyim are doing nothing. Even now, after this month-long horror show in Gaza, which isn’t over.
And since the goyim – along with the liberal Jews who are appalled by Israel’s actions – are doing nothing, meaning they’re not punishing or penalizing Israel in any manner, not holding it in any way accountable for what it has done to Gaza and its people, then Israel indeed has no reason to care what the goyim or liberal Jews say.“
Well said.
Ich fuhr gestern mit meinem Fahrrad die Sonnenallee entlang. Da war ein Mann, dessen Fahrrad über und über mit „Palästina“-Flaggen behängt war, und hinten hatte er ein großes Foto von Arafat befestigt. Stolz posierte er vor Kindern am Straßenrand, die ihn fotografierten. Ich hielt direkt neben ihm, rief lauf „Hey!“, so dass er mich erstaunt anblickte, und zeigte ihm sehr deutlich den Mittelfinger meiner rechten Hand. Das gab ein großes Geheule. Leider hat er mich nicht attackiert, dann hätte ich einen Grund gehabt, mich zu wehren. Ich war direkt in der Stimmung.
Übrigens: Ich bin gestern im Krankenhaus zwei Mal von Arabisch sprechenden Mitbürgern angegriffen worden (aber nicht aus politischen Gründen). Und das ging für die auch nicht gut aus. Meine Stimmung hält also an.
Not in der Notaufnahme
Lesenswerter Artikel auf Zeit online (inklusive der Kommentare): „Immer wieder werden in deutschen Krankenhäusern schwere Leiden nicht oder zu spät erkannt. Eine Gruppe von Ärzten schlägt Reformen vor – doch die werden abgeblockt“.
Ceterum censeo: Das Gesundheitssystem muss zu großen Teilen verstaatlicht werden. Auf Kosten der Kranken darf kein Profit gemacht werden. In Kuba funktioniert das besser als hier: „Die Gesundheit der Bevölkerung lässt sich die kubanische Regierung nach wie vor etwas kosten – rund 13 Prozent des kubanischen Staatshaushaltes fließen in diesen Sektor.“
Ein Leserkommentar auf Zeit online: „Das Prinzip eines Facharztes Notfallmedizin ist in allen angloamerikanischen und nahezu allen kontinentaleuropäischen Ländern (ausser den deutschsprachigen und wenigen Exoten) etabliert und funktioniert prima.“
Dazu passt auch ein älterer Artikel: „Behandlungsfehler kosten in Deutschland fünfmal so viele Menschen das Leben wie Verkehrsunfälle, nämlich 19.000. Jedes Jahr.“
Und nun alle zusammen: Für das Wachstum!
Screenshot: Meine Gor-Sim Tancred’s Landing in Second Life, die mit dem Thema des Postings unten rein gar nichts zu tun hat.
Ich wollte eigentlich über das Gefasel der Frau Christine Lagarde etwas schreiben und über die Tatsache, dass sich Journalisten zu bloßen Pressesprechern von Lobbyisten und Pressure-Groups degradieren, wenn sie nur das unkritisch wiederkäuen, was ihnen in den Mund gelegt wird.
Ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, ist wieder einmal Spiegel online: „‚Eine hartnäckig niedrige Inflation kann dem Wachstum schwer schaden‘, sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Freitag in Paris. Auch trage sie dazu bei, dass die Schuldenlast noch schwerer wiege.“
Ja und? Ist das wahr oder nicht oder wisst ihr es nicht? Man hat den Eindruck, dass, fällt der Begriff „Wachstum“, sofort der Kopf zum Gebet abgenommen wird: Freier Markt(TM) unser, der du bist im Kapitalismus unser aller Gott usw..
Lagarde ist Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Bei Wikipedia lesen wir über den IWF und das Wachstum: „Dem IWF wird vorgeworfen, durch die an die Kreditvergabe geknüpften Bedingungen in vielen Ländern die bestehenden Sozialsysteme zu zerstören. Für Kritiker gelten ‚die geforderten Sparprogramme und Einschnitte in Sozialprogramme […] für die Menschen in Entwicklungsländern [als] unzumutbar und [seien zudem] für das Wachstum schädlich.'“
Aha?! Und? Können deutsche Journalisten vielleicht auch selbst denken? Nein? Quod erat demonstrandum.
Spiegel online schließt mit den „wunderbaren“ Worten: „Die französische Wirtschaft kämpft derzeit mit Wachstumsproblemen“. Leider kann ich nicht wirklich sagen, wer das verbrochen hat; ein Kandidat für den Wanderpokal „Lautsprecher des Kapitals“ wäre diese Person auf jeden Fall.
Pfui, das ist kein Journalismus, sondern schlicht ekelhaft.
Kommt ein Mann in die Rettungsstelle
Junger Mann, Spießerfrisur, künstlich durchgewuschelt, schicker Mantel, Hände vor dem Bauch, schreit mit schwerzverzerrtem Gesicht: „Aua! Aua!“, wirft sich auf eine Trage, schreit noch lauter.
Diagnose Security: Vielleicht Notfall, sollte Warteschlange umgehen können. Vielleicht Blinddarmdurchbruch? Medizinisches Personal muss sofort her.
Ärztin läuft herbei, fragt: „Wo tut es Ihnen denn weh?“
Mann, Hände immer noch vor dem Bauch: „Das tut doch nichts zur Sache!“
Diagnose Arzt (Triage): „Hat nix.“ Diagnose Unfallchirurg: „Hat nix.“ Diagnose Internist: „Hat nix.“ Diagnose Psychiater: „Hat was.“
Uroburos
Bei Artikeln wie dem über die supergeheime und ultraböse Spionage-Software Uruboros, die auch noch von Lobbyisten geschrieben werden, muss man natürlich die Fakten überprüfen. Im Original-Report finden sich dann Sätze wie: „During this 2008 campaign, a USB stick was deliberately ‚lost‘ in the parking lot of the United States Department of Defense. This USB stick contained malicious code and infected the military’s network. (…) In an article published by Reuters, in 2011, the journalist mentioned that “U.S. government strongly suspects that the original attack was crafted by Russian Intelligence.“
Wenn sich „Sicherheitsexperten“ schon auf Journalisten („Old worm won’t die after 2008 attack on military“) berufen, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Die These, die gefundene Software sei „russisch“ und das könne man beweisen, halte ich für bestenfalls für Blödsinn. Das riecht doch sehr stark nach geheimdienstlicher Desinformation.
Mindestlohn und PPP [Update]

Foto: Burks (Titel eines Wachbuchs)
Ich habe mich mal umgesehen, ob es Blogs gibt, die sich mit der Situation der Arbeitenden in der Sicherheitswirtschaft befassen – aus deren Sicht. Zum Thema relevante Beitrage habe ich nur auf dem offenbar Polizei-nahen Cop2Cop gefunden. Aber ansonsten – ausser ein paar verstreuten Infos beim DGB und bei ver.di: Fehlanzeige.
Dabei ist das Thema pädagogisch wertvoll, um die Strategie und Taktik des Kapitals – hier meistens die der Kleinbourgeoisie, also des so genannten Mittel“stands“ – zu erläutern, was den Lohn angeht. Der Lohn sind die Kosten der Ware Arbeitskraft, also das, was die Arbeiter auf dem Markt verkaufen. (Sie sind also eigentlich die „Arbeitgeber“.)
Zur Info: Die Zahl der Beschäftigten und der Umsatz im Sicherheitsgewerbe steigen. Es gibt – laut FAZ – rund 4000 Unternehmen und 183.000 Beschäftigte. Je nach Ländern gelten unterschiedliche Mindestlöhne; Unternehmen, die in den neuen Bundesländern ihren Stammsitz haben, aber in Berlin ihre Dienste anbieten, sind also klar im Vorteil. Wenn das der freie Markt(TM) wüsste!
Erst ab Mai 2011 gibt es überhaupt einen allgemeinen Mindestlohn im Sicherheitsgewerbe – 7,50 pro Stunde im . Warum ist also die Kleinbourgeoisie dafür? Noch vor wenigen Jahren wurden Stundenlöhne von rund fünf Euro gezahlt, das ist im Monatsdurchschnitt fast weniger als der Regelsatz von Hartz IV.
Ein Unternehmensvertreter hat das hübsch gesagt: Die Anzeichen verdichteten sich, dass „besonders polnische Firmen“ ab Mai 2011 das Lohngefälle ausnutzen und massiv auf den deutschen Markt drängen würden.
Da Angebote mit dem niedrigsten Preis in der Regel den Zuschlag bekommen und effektive Kontrollen fehlen, werden künftig fragwürdige ausländische Dienstleister die Situation erheblich verschärfen.(…) Zahlreiche Sicherheitsfirmen stünden bereits in den Startlöchern, um auf dem deutschen Markt aktiv zu werden. Bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von rund drei Euro rechnen sie sich gute Chancen aus, deutsche Unternehmen zu verdrängen.
Daher weht der Wind. Nun muss man wissen, dass im Wachgewerbe nicht nur unglaublich niedrige Löhne gezahlt werden, sondern dass die Unternehmen noch ganz andere Tricks auf Lager haben: Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 12 Stunden; oft werden nur elf abgerechnet, weil Pausen nicht bezahlt werden.
Warum „boomt“ das Sicherheitsgewerbe überhaupt? Mir war das nicht wirklich klar, bevor ich mich mit einem ver.di-Gewerkschaftssekretär unterhalten habe. Die Polizei und Städte und Gemeinden müssen ihre Gebäude bewachen, die dort Beschäftigen bekommen aber den Tariflohn für den öffentlichen Dienst. Das ist denen zu teuer, also wird alles „outgesourct“. Private Sicherheistfirmen bewachen jetzt Rathäuser und Polizeiwachen und Schulen. Dafür hat sich die Neusprech-Abteilung den Begriff „Public-Private Partnership“ ausgedacht. Es geht also darum die Löhne zu drücken. Das beschreibt man am besten mit einem Begriff, der positiv klingt: „Partnerschaft“. Böse Menschen wie ich würden eher von einer öffentlich-privaten Komplizenschaft reden. Oder die Unternehmen treten aus den entsprechenden Verbänden aus – dann können sie zahlen, was sie wollen.
[Update] Spiegel online: „Wenn die Stunde 80 Minuten hat“.



























