Von den Toten spartanisch erzählt

Winter

Jakub Schikaneder: Winter, 1883

De mortuis nil nisi bene – von den Toten darf man auch Schlechtes erzählen, aber auf gute Weise. So empfahl es Chilon von Sparta.

Nur wenige werden Herrn Ch. kennen. Ich habe ihn einmal auf dem U-Bahnhof Mehringdamm auf einer Bank gesehen, zusammengesunken, mit einer Flasche Billigfusel in der Hand. Dort hat er gelebt. Wenn er mich erkannt hätte, hätte er wohl laut geschimpft und die Faust drohend erhoben.

Herr Ch. war der unangenehmste Obdachlose, mit dem ich zu tun hatte. Bei den Ärzten, Pflegern und Schwestern des Krankenhauses, in dem ich arbeite, war er berüchtigt. Die meisten stöhnten auf und winkten ab, wenn die Feuerwehr ihn wieder einmal – fast täglich – auf einer Trage in die Rettungsstelle schoben, als angeblich hilflose Person. Herr Ch. gehörte zur Elite der Obdachlosen: Er wusste, wo er sich nur auf den Bürgersteig fallen lassen musste, damit die Passanten die Feuerwehr riefen. Meistens war das vor den Imbissbuden oberhalb des U-Bahnhofs, wo zahllose Touristen herumstehen. Das funktioniert immer: Eine Rettungsstelle darf niemanden abweisen, auch wenn die Person nur besoffen ist – es könnte ja auch etwas anders vorliegen.

Wenn Herr Ch., derangiert – wie immer nach Alkohol und Schmutz stinkend – auf der Trage den Eingang passierte, flankiert von zwei Feuerwehrleuten, brüllte er: „Ich will eine Decke!“ Wenn ich da stand – als „Bodyguard“ für das medizinische Personal, fügte er hinzu: „Scheiße! Arschloch! Fotze!“

Immer dasselbe Ritual: Sobald Herr Ch. im Warmen lag und auf eine Behandlung wartete, schimpfte er lauf, nannte die Krankenschwestern „Schlampen“, alle anderen, auch die Patienten, „Arschlöcher“, kurz gesagt: Er war unausstehlich, eine wahre Landplage. Jeder war froh, wenn Herr Ch. endlich seinen Rausch ausschlief und das Maul hielt. Wenn ich Dienst hatte, ging ich zu ihm, und er wusste, was dann kam: Ich sagte ihm: „Wenn Sie weiter das Personal beleidigen, werfe ich Sie hinaus.“ Früher glaubte er mir nicht, sondern beschimpfte mich wüst, bis ich ihn mehrfach gewaltsam, per Armhebel à la Krav-Maga, hinausschaffte. Damit war es nicht getan: Herr Ch. pöbelte draußen weiter, begab sich laut krakeelend, zur Haupthalle, same procedure, bis man ihn dort entfernte, kam wieder zurück usw.. Das konnte Stunden so gehen. Es gefiel ihm nicht, wie ich ihn behandelte, denn es tut weh, wenn man sich wehrt. Deswegen benahm sich Herr Ch. nach den ersten Malen – im Rahmen seiner Möglichkeiten – relativ zivilisiert, wenn ich in der Rettungsstelle Dienst hatte.

Man muss die Methoden des Überlebens, die Obachlose benutzen, als solche akzeptieren und die Sache sportlich sehen. Wenn die einen kennengelernt haben, stellen sie sich auch darauf ein. Ich duze auch niemanden. Jeder hat das Recht, höflich behandelt zu werden, auch der schlimmste Idiot.

In zwei Jahren habe ich Herrn Ch. einmal nüchtern erlebt. Das war vor ungefähr einem Monat. Herr Ch. hatte sich in der Rettungsstelle ausgeschlafen, wühlte sich von der dreckigen Trage, sammelte seine Plastiktüten ein. Ich sprach ihn an: „Sie kennen mich ja. Wenn Sie besoffen sind, dann sind Sie unerträglich und ich kriege dann schlechte Laune.“ Er lachte nur, ein freundliches, höfliches Lachen, und nickte. Die Schwestern erzählten, dass Herr Ch. ein gebildeter Mensch sei und sich nett unterhalten könne, wenn er nüchtern sei. Das war er nur fast nie.

Herr Ch. ist vor einer Woche in Kreuzberg auf der Straße erfroren.

Kommentare

6 Kommentare zu “Von den Toten spartanisch erzählt”

  1. Ahmed am Januar 14th, 2016 9:06 pm

    sehr schönes Porträt

  2. Ruedi am Januar 14th, 2016 9:07 pm

    Traurige Pointe ..
    .. wir schwitzen in Patagonien.

  3. ... der Trittbrettschreiber am Januar 14th, 2016 9:18 pm

    .. das ist eine traurige Geschichte. Ich stelle mir vor, wie der unausstehliche den freundlichen, höflichen Herrn Ch. doch noch besiegt hat. Es war ein Sieg der Kälte, die aus der Kälte in die Kälte führte. Erst der Tod machte diesem eisigen Reigen der Menschlichkeit ein Ende.

  4. EutinOH am Januar 14th, 2016 9:52 pm

    Ein Mensch ist tot

  5. andreas am Januar 15th, 2016 1:29 pm

    Sehr gut geschrieben, traurig in einer Riesenhauptstadt zu erfrieren. Ich warte ehrlich gesagt sowieso seit langem auf Geschichten aus dem Krankenhaus.
    http://eugenerichards.com/the-knife-and-gun-club

  6. David am Januar 16th, 2016 10:42 am

    Danke für Ihren Blogeintrag. Mit ihm haben Sie das Schicksal eines Menschen erfahrbar gemacht. Es bewegt mich.

Schreibe einen Kommentar