Miszellen zu Garamanten, Nabatäern, Makkabäern und Chandragupta Maurya

Die Welt um 100 vor unserer Zeitrechnung aka v. Chr.
Das Publikum ist an diesem Thema schuld. Es begann mit den Tuareg, und ich kam von von Höcksken auf Stöcksken, da ich große Wissenslücken meinerseits feststellte, je mehr ich suchte. (Jemand wies mich übrigens auf Fratzenbuch darauf hin, dass der Singular von Tuareg Targi sei.)
Die bis heute weit verbreitete arabische Volksetymologie: Tawariq (Einzahl: Tarqi), ‚das von Gott verlassene Volk‘, dient dazu, eine arabische Überlegenheit über die Tuareg auszudrücken. Grund dafür sind die liberalen religiösen Auffassungen der Tuareg, die von Vertretern einer strengen muslimischen Doktrin als verwerflich angesehen werden.
Der Name Tuareg hat sich seit der Kolonialzeit im deutschen, frankophonen und angloamerikanischen Sprachraum eingebürgert. Die Tuareg selbst bezeichnen sich nicht mit diesem Namen.
Die Tuareg sollen Nachkommen der altberberischen Garamanten sein. Wer weiß, was das ist? Bitte um Handzeichen! (By the way: Die Araber sind die Kolonisatoren Nordafrikas, die Berber die Indigenen.)
Und ist das so wichtig wie eine Mesh-Statue für Secondlife herstellen zu können? (Um einer zu erwartenden spöttischen Bemerkung des Fachpublikums zuvorzukommen: Die Antwort auf die Frage, warum „der“ das mache, lautet ähnlich wie die Antwort Julius Caesars auf die Frage, warum man eine Pontonbrücke über den Rhein baue und die dann wieder abreiße: „Weil wir es können.“)
Der weltgeschichtliche Horizont hilft (mir, sonst interessiert das eh niemanden) weiter (vgl. Karte oben). Vergesst alle Namen von Herrschern, Warlords und Daten von Schlachten. Muss man nicht wissen. Aber: Werft einen Blick auf die Produktionsverhältnisse. Der Homo sapiens hatte ab 10.000 vor Christus die Optionen:
► Agrargesellschaft mit Warlords, also eine Klassengesellschaft under construction. Das gilt für den gesamten fruchtbaren Halbmond und den Mittelmeerraum seit spätestens Göbekli Tepe.
► Reitervölker wie die hier schon lobend erwähnten Massageten und andere Nomaden.
► „Asiatische“ Produktionsweise, auch in Asien und Amerika: Wenn die Ökonomie es verlangt, entwickelt sich Herrschaft aus der Notwendigkeit, kollektives Wirtschaften zu organisieren, lehrbuchmäßig in der Hochkultur Ägyptens sowie in China, wo es darum ging, die Flüsse zu bändigen, um Landwirtschaft zu ermöglichen.

Petra, die bedeutendste Stadt der Nabatäer, im heutigen Jordanien
Eine sich entwickelnde Klassengesellschaft schafft sich durch die Kontrolle wichtiger Handelsrouten große Vorteile; das gilt für die Garamanten in Afrika, die den Transsaharahandel beherrschten als auch für die Nabatäer im Vorderen Orient. Um den Blickwinkel zu weiten: In einer vergleichbaren Situation waren die Chibchas im heutigen Kolumbien (Salz, Koka, Smaragde).
„In der neueren marxistischen Diskussion wird davon ausgegangen, dass sich Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise direkt aus der Urgesellschaft entwickelt haben. Sie sind universell verbreitet. Dagegen haben sich Sklavenhaltergesellschaften und feudale Gesellschaften nur in wenigen Regionen der Erde und unter ganz spezifischen Bedingungen entwickelt.“ (Wikipedia)
Letztere These ist nicht richtig (unter Vorbehalt): Es gibt keine Klassengesellschaft, die sich direkt aus tribalistisch organisierter Subsistenzwirtschaft entwickelte, die ohne Sklavenarbeit auskommt. Durch den zeitlichen Vorsprung Nordwesteuropas zur Entwicklung des Kapitalismus konnte dessen kolonialistische Form daher damit brüsten, in den „unterentwickelten“ Regionen der Welt die Sklaverei abgeschafft zu haben.
Wegen der Ökologie sind Nomaden in ganz Mittel- und Südamerika die große Ausnahme, vor allem auch auch, weil es weder Kamele noch Pferde gab. In Zentral- und Südasien war die Agrargesellschaft die vorherrschende Option (Reis statt Getreide), und die jeweilige herrschenden Klassen musste räuberische Reitervölker aus der „Nachbarschaft“ vor allem im Norden abwehren.
Die Seevölkern in der späten Bronzezeit verkörpern ökonomisch entweder Nomaden auf dem Wasser oder expandierende agrarische Subsistenzwirtschaften, die durch Raubzüge eine Art ursprüngliche Akkumulation forcieren (wie später die Spanier mit dem Silber Südamerikas).
► Agrargesellschaft als Republik mit Sklaven: Griechenland und das alte Rom scheinen mir eine historische Ausnahme zu sein. Mir ist kein vergleichbares Herrschaftsmodell aus Asien oder Afrika bekannt.

Karte der Nachfolgestaaten der Diadochen im Jahr 188 v. Chr. Bis 167 v. Chr., dem Beginn des Aufstands der Makkabäer, war das antigonidische Makedonienreich größtenteils von der Römischen Republik erobert worden. Das Königreich Pergamon, direkt an der Grenze zum Seleukidenreich gelegen, war ein enger Verbündeter Roms. Rhodos wurde 164 v. Chr. ein ständiger Verbündeter der Römer.
Was ich eigentlich sagen wollte: Die obige Karte macht es einem leichter, ein halbes Jahrtausend Weltgeschichte in wenigen Sätzen zusammenzufassen dergestalt, dass man sich das Wesentliche merken kann.
Antikes Griechenland. Alexander der Große marschiert mit seinem Heer über Baktrien fast fast Indien und gründet Nikaia, eine Stadt am linken Ufer des Hydaspes, des heutigen Jhelum im Punjab in Pakistan. Seine Nachfolger gründen das Seleukidenreich.
Das wird nach und nach vom Römischen Reich erobert und geschluckt. Jetzt sind wir schon in historisch bekannten Gefilden. Im Süden – von Ägypten aus – herrschen die Ptolemäer, ebenfalls Nachfolger des alexandrinischen Herrschaftsgebiets (vgl. Karte oben). Auch das Reich der Ptolemäer wird nach und nach vom Römischen Reich eingenommen.
Pointe: Genau dazwischen (geografisch) liegt das heutige Israel, das damals gar keinen säkularen Herrscher hatte.
Es ist umstritten, dass der Aufstand im so genannten Palästina primar gegen die Seleukiden ging. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es sich um einen Klassenkampf handelte zwischen den herrschenden religiösen Funktionären und sozialen Aufsteigern. Letztlich darum, wer die Steuern und das Geld bekam.
Uns fehlen noch die Inder.
Zur Zeit des Alexanderreiches bereiste der Geschichtsschreiber und Geograph Megasthenes Indien. „Die Forschung geht in der Regel davon aus, dass Megasthenes im Auftrag des Seleukidenherrschers Seleukos I. Nikator unterwegs war. Wenn dies zutrifft, ist die Gesandtschaft nicht vor 305 v. Chr. zu datieren, denn in diesem Jahr kam es zu einem friedlichen Ausgleich zwischen Seleukos und Sandrokottos.“
Letzterer ist Chandragupta Maurya, der Herrscher über das Maurya-Reich, das zeitlich ungefähr parallel zur alten römischen Republik entstand.
Man kann sich fragen, warum das Maurya-Reich nicht eine ähnliche Entwicklung nahm wie Rom? „Bemerkenswert an Megasthenes Bericht ist die Aussage, dass alles Land dem König gehöre. So müssen die Bauern dem König einen Pachtzins für ihr Land sowie ein Viertel ihres Ertrags an die Staatskasse zahlen.“
Da haben wir die „Asiatische Produktionsweise“ ganz idealtypisch.
Kommentare
6 Kommentare zu “Miszellen zu Garamanten, Nabatäern, Makkabäern und Chandragupta Maurya”
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Oha! Ein Plädoyer für die Stände?
Was noch fehlt ist, warum man nie aufschrieb, was die Naturvölker dazu so zu sagen hatten, bevor man sie ausrottete. So wegen der Landwirtschaft & so. Damit heute WordPress funktioniert.
ich verstehe eher nicht, worauf du aktuell hinaus willst…
Blick in die Andere Richtung – die Zukunft
https://www.spiegel.de/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz-killt-ki-den-kapitalismus-a-56ab0493-30a5-45e2-a2fc-226357d1de60
m.E. eher nicht so, wie Marx es sich dachte…
Eine Bauernrepublik wie das alte Rom ist offensichtlich effizienter, was die ökonomische Entwicklung angeht, als wenn alles Land dem „Staat“ gehört… Irgendetwas in der Art.
Das mit den Sklaven stimmt so nicht. Mal sehen was Gemini dazu sagt:
1. Asien: Die Mahajanapadas in Indien (ca. 600–300 v. Chr.)Lange vor dem Römischen Reich existierten im antiken Indien hochentwickelte, nicht-monarchische Staaten.Das Modell: Staaten wie Vajji (oder Vrijji) und Malla wurden als Ganas oder Sanghas bezeichnet. Sie waren oligarchische Republiken.Die Struktur: Die Macht lag nicht bei einem König, sondern bei einer Versammlung von Herrschern (Raja), die sich regelmäßig trafen, um Gesetze und Kriege zu beschließen.Wirtschaft & Gesellschaft: Es waren reine Agrargesellschaften. Die Feldarbeit wurde stark von unfreien Arbeitern und Schuldsklaven (Dasa) getragen.2. Afrika: Die Republik von Karthago (ca. 814–146 v. Chr.)Karthago lag im heutigen Tunesien (Nordafrika) und war phänomenal mächtig.Das Modell: Nach dem Sturz der Monarchie entwickelte sich Karthago zu einer hochentwickelten Republik. Aristoteles lobte ihre Verfassung als eine der besten der Antike.Die Struktur: Es gab ein gewähltes Gremium (das Suffix), einen Senat („Rat der 100“) und eine Volksversammlung.Wirtschaft & Gesellschaft: Karthago war eine Supermacht des Agrarhandels. Der gigantische Reichtum basierte auf riesigen landwirtschaftlichen Plantagen in Nordafrika, die durch den massenhaften Einsatz von Sklaven bewirtschaftet wurden.3. Afrika: Vorkoloniale Republiken (z.B. das Igbo-Land)In Westafrika gab es dezentrale Gesellschaften ohne zentralen Monarchen.Das Modell: Die Igbo-Kultur (im heutigen Nigeria) organisierte sich über Jahrhunderte hinweg republikanisch-demokratisch.Die Struktur: Entscheidungen wurden in Räten von Ältesten, betitelten Männern (Ozo) und Dorfversammlungen getroffen.Wirtschaft & Gesellschaft: Sie lebten von der Landwirtschaft (Yamswurzel-Anbau). Auch hier existierten Formen von Sklaverei, insbesondere das Osu-System (rituelle Unterdrückung) und traditionelle Kriegsgefangenschaft.Direkter Vergleich der HerrschaftsmodelleRegionAntiker Staat / KulturPolitisches SystemRolle der SklavereiNordafrikaKarthagoRepublik (Oligarchie)Massenhafte PlantagensklavereiSüdasienVajji / Malla (Indien)Republik (Gana Sangha)Schuldsklaverei & unfreie ArbeiterWestafrikaIgbo-GesellschaftDezentrale RatsrepublikHaussklaverei & Osu-StatussystemFazit: Griechenland und Rom waren keine „historische Ausnahme“. Das Modell einer agrarischen Republik mit unfreier Arbeit (Sklaverei) entstand überall auf der Welt dort, wo städtische Zentren wuchsen, man aber die Macht nicht in die Hände eines einzelnen Königs legen wollte.
Interessant. https://www.barbarusbooks.de/2017/06/05/die-mahajanapadas-die-entstehung-der-ersten-gro%C3%9Freiche-im-alten-indien/
Die Mahajanapadas waren die Vorläufer des erwähnten Maurya-Reichs.
Das bedeutet: Republikanische Sklavenhaltergesellschaft und APW sind gleichwertige Optionen, sobald sich die tribalistische „Urgesellschaft“ in eine Klassengesellschaft verwandelt.
Einwand: Die Ökonomie des Römischen Reiches hat sich nicht prinzipiell verändert, als die herrschende Klasse die Republik spätestens seit Augustus abschaffte. In Indien war das aber anders, wenn es stimmt, dass das Maurya-Reich eine klassische APW war.
„fensichtlich effizienter, was die ökonomische Entwicklung angeht, als wenn alles Land dem „Staat“ gehört“
ist das nicht die grundlegende Überlegung des (Wirtschafts-)Liberalismus – weg vom Allmende, alles in Private Hand…??
was spuckt die KI noch so aus:
Als der Seidenstraßen-Handel durch die europäische Schifffahrt wegbrach, fehlte den zentralasiatischen Staaten das Geld, um diese Infrastruktur (Kanäle, Oasen) zu pflegen. Die Region fiel in eine ökonomische Stagnation. Da es keine freie Arbeiterklasse und kein privates Kapital gab, konnte sich dort kein Kapitalismus aus sich selbst heraus entwickeln. Die Region blieb in einem vor-industriellen Zustand gefangen, bis sie im 19. Jahrhundert Russland gewaltsam kolonisiert wurde.