Wg. Syrien

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Ich fühle mich zum Thema Syrien durch die Qualitätsmedien nicht ausreichend informiert.

Deshalb habe ich selbst ein wenig herumrecherchiert eingedenk der meistens völlig ausreichenden Fragen – wenn man die Antwort dazu hat -: Wo kommt die Kohle her? Wo geht die Kohle hin? (Matthew D. Rose) sowie: Cui bono? Und dann sucht man natürlich auch nach map natural resources Syria.

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Source: M. Izady/geocurrents.info

Einen syrischen Staat hat es in der Geschichte nie gegeben. Damaskus war zwar die Metropole der ersten imperialen Ordnung des Islam, der Umayyaden-Dynastie von 661 bis 750, aber das heutige Syrien ist eine Schöpfung der französischen Kolonialzeit. Damaskus wiederum war eine Entität für sich. Die französischen Kolonialherren haben in Syrien ein Gebilde konstruiert, aus dem nominal ein Nationalstaat hervorging, das aber jeder Substanz der staatlichen Institution des Nationalstaats entbehrt. Nationalstaaten im Nahen Osten sind ein europäisches Transplantat in einer fremden Umwelt. Meine eigene kulturelle Identität hat mit Syrien nichts zu tun. In Damaskus habe ich gelernt, mich als ein Schami, ein Damaszener, und nicht als ein Syrer zu definieren. Was ist dann Syrien überhaupt? (Bassam Tibi)

Ist Syrien ein „normaler“ kapitalistischer Staat wie Italien oder Frankreich?

Nein. Syrien ist vergleichbar mit Staaten wie Venezuela. Es gibt keine nennenswerte Industrie, wie sie sich Westeuropa oder Japan entwickelt hat, sondern nur Rohstoffe (Öl, Gas, Phosphate), die andere imperialistische Staaten auch haben wollen. Der Erlös wird unter die jeweiligen mehr oder weniger loyalen Peer Groups der herrschenden Klasse aufgeteilt.

Während der hoch entwickelte Kapitalismus immer faschistische Herrschaftsformen als Alternative hat, wenn das Kapital in Gefahr ist, die Kontrolle zu verlieren, gibt es in den „protokapitalistischen“ Staaten der so genannten Welt, insbesondere den arabischen Staaten, nur den Umsturz, wahlweise den Militärputsch (wenn keine der großen imperialistischen Mächte einmarschiert).

Im Unterschied zu Lateinamerika ist der vordere Orient (außer natürlich Israel) immer noch tribalistisch organisiert, das heißt: Die Loyalität gilt nicht der eigenen Klasse, sondern eine Gruppe, die sich nach irrationalen Kriterien organisiert: Nation, Religion, Sprache oder „Stamm“ (vgl. Karte oben). Die Nation entstand als Form der ideologischen Überhöhung der bürgerlichen Klassenherrschaft; Frankreich ist das klassische Beispiel. Arabische Nationen gibt es gar nicht, dazu kamen sie „zu spät“, auch wenn die deutsche Presse immer die Nation der „Palästinenser“ herbeischreiben und -zaubern will.

Man muss sich daher fragen: Warum ist das nicht in Großbritannien oder Deutschland so wie in den arabischen Staaten? Weil der voll ausgebildetete Kapitalismus Tribalismus (Bayern, Sachsen usw.) obsolet gemacht hat: Das Individuum wird vollends auf seine Existenz als Ware Arbeitskraft reduziert, alles andere ist Feuilleton, zwar möglich, aber letztlich entbehrlich (vgl. das Zitat Bassam Tibis).

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Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat sich (2018) an einer Art Klassenanalyse versucht, was ein völlig korrektes Vorgehen ist: „Die wichtigste Komponente der Bewegung bestand aus ökonomisch benachteiligten sunnitischen Landarbeitern zusammen mit städtischen Angestellten und selbstständigen Arbeitern, die die Last der neoliberalen Politik tragen mussten, vor allem seit der Machtübernahme durch Bashar al-Assad im Jahr 2000. Die Geographie der Revolten in Idlib, Dar’a und anderen mittelgroßen Städten sowie in anderen ländlichen Gegenden weist Muster auf, denn all diese Orte waren historische Hochburgen der Ba’th-Partei und profitierten von den Agrikulturreformen der 1960er-Jahre. (…) Im Jahr 2005 wurde die «soziale Marktwirtschaft» bei der zehnten Regionalkonferenz der Ba’ath-Partei als neue wirtschaftliche Strategie verabschiedet.“

Bashar al-Assad’s politische Herrschaft und Wirtschaftspolitik führten zu einer noch nie dagewesenen Verarmung der Gesellschaft und weiter wachsenden Wohlstandsgefällen. (Joseph Daher)

Das Regime der nationalistischen Baath-Partei hat sich also daran versucht, den ökonomischen Rückstand zur den großen Industriestaaten aufzuholen, ist aber naturgemäß gescheitert, ein Problem, das sich etwa in Indien kaum stellt (ein interessantes Problem, aber mit Indien kenne ich mich nicht aus), eher aber in Staaten wie Argentinien und Brasilien.

Die Zukunft in Syrien ist natürlich ein Bürgerkrieg. Das rührselige Gefasel in der bürgerlichen Presse („Freiheit!“) wird bald Makulatur sein. Die schwache Struktur der Gesellschaft hat für die herrschende Klasse nur die Diktatur oder eine sich als Demokratie tarnende Diktatur (wie in Ägypten) als Option.

Syrien ist einer der mittlerweile zahlreichen failed states an der Peripherie der imperialistischen Mächte und Staaten, und wird zerfleischt werden – die Frage ist nur, ob das auf Kosten der Staatlichkeit gehen wird. Die USA, die Russen und die Türken sind schon dabei, sich alles Wertvolle unter den Nagel zu reißen. Die Kurden, die ewigen Verlierer, werden auch dieses Mal zuschauen.

„Dass die Türken der Offensive nicht zugestimmt haben, bedeutet ja nicht, dass sie nichts davon gewusst haben“, sagt ein Beobachter. „Man kann ja auch zustimmen, indem man nicht Nein sagt.“ (Die bürgerliche Presse zitiert einen „Beobachter“…)

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Source: Intel Slava

Die Israelis machen, was zu erwarten war, genau das Richtige: „Israeli Air Force Shaldag special forces have captured Mount Hermon during their advance on the Golan Heights. The UNDP base, located at an altitude of 2,814 meters, has come under the control of the special forces. At the moment, the IDF advance on the Golan Heights is 14 km.“

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Quellen:

– Karten von Syrien: Perry-Castañeda Library
Map Collection – Syria maps https://maps.lib.utexas.edu/maps/syria.html

– Forat Suliman / Homam Khwanda /R.V. Ramana Murthy: An Analysis of the Syrian Economy in the Era of Military Conflict, 2011–2020: The Perspective of Government and Economics, 1923 https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2667319323000253?via%3Dihub

– The Energy Consulting Group – Management consultants for upstream oil and gas producers and service companies: Syrian Oil and Gas https://www.energy-cg.com/MiddleEast/Syria/Syria%20Oil%20and%20Gas%20Overview.html

– Bassam Tibi: „Falsche Tabus führen zu falscher Politik. Die wahren Fluchtursachen“: Analyse im Cicero (Februarausgabe 2017) https://www.bassamtibi.de/?p=3014

– Martin W. Lewis: Michael Izady’s Amazingly Detailed Map of Ethnicity in Syria (and the Syrian Armenians) https://www.geocurrents.info/blog/2014/10/26/michael-izadys-amazingly-detailed-map-ethnicity-syria-syrian-armenians/

– Joseph Daher: Syrien: Die sozialen Ursprünge des Aufstands (2019) https://www.rosalux.de/publikation/id/39149/syrien-die-sozialen-urspruenge-des-aufstands/

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Kommentare

8 Kommentare zu “Wg. Syrien”

  1. Sascha P. am Dezember 9th, 2024 3:07 a.m.

    Moin!
    Habe den starken Verdacht, daß die Syrer vom Regen in die Traufe kommen…

  2. Trebon am Dezember 9th, 2024 8:19 a.m.

    Vorher war da aber auch Bürgerkrieg und Israel hat es vorher auch nicht gegeben (mal ab von Gehirnverrenkungen irgendwelcher Groupies) und ist derzeit das tribalistischste Staatsgebilde von allen

    Natürlich machen die das richtige (Okkupation) was bei allen anderen ein widerrechtlicher Einmarsch wäre. So als Tätervolk kann man auch der Meinung sein das es besser sei Palästina (die nun wirklich gar nichts mit dem damit zu tun haben) wird zum gelobten Land als das es die eigenen Flächen trifft. Aber warum so offensichtlich?

  3. blu_frisbee am Dezember 9th, 2024 8:45 a.m.

    Das Regime der nationalistischen Baath-Partei hat sich also daran versucht, den ökonomischen Rückstand zur den großen Industriestaaten aufzuholen, ist aber naturgemäß gescheitert,
    ein Problem, das sich etwa in Indien kaum stellt (ein interessantes Problem, aber mit Indien kenne ich mich nicht aus), eher aber in Staaten wie Argentinien und Brasilien.

    Was hat die Natur damit zu tun? Ist das Essentialisierung? Bürgerliche Ideologie verklärt gesellschaftliche Phänomene (zB Eigentum) zur Natur. Die „regelbasierte Ordnung“ kömmt nicht aus Transzendentalien sondern von der Macht.
    https://schweigenistzustimmung.de/2024/12/08/syrien-herzen-durchbohrt-von-einem-pfeil/

    Wenn man von Indien nix weiß, wieso davon reden?

  4. ... der trittbrettschreiber am Dezember 9th, 2024 12:05 p.m.

    warum sollte sich eine diktatur als demokratie tarne – um mit wem bessere geschaefte zu machen…hx?

  5. Godwin am Dezember 9th, 2024 4:46 p.m.

    „Nationalstaaten im Nahen Osten sind ein europäisches Transplantat in einer fremden Umwelt.“

    obligatorische Frage:
    Gilt das auch für Israel?

    btw – vor ca. 25 Jahren setzte sich Tibi mit der Frage „Was ist deutsch?“ auseinander.
    Damals argumentierte er noch sehr wohl mit (s)einer syrischen Identität…

    Die eingangs aufgeworfene frag „Wo kommt die Kohle her? Wo geht die Kohle hin?“ wird aber nicht beantwortet.
    Für den Pöbel gibt es ein paar Bilder von den Sportwagen aus dem Fuhrpark und ein paar Plünderer.
    Oh sehet, die Kohle geht vom Unterdrücker zu den Unterdrückten…
    balbla

    Syrien noch Stammeskultur, also nicht entwickelter Kapitalismus (aka Rückständig), dann aber Gefasel vom Neo-Liberalismus (der ja m.E. ein gewisses Entwicklungsstadium erst einmal voraussetzt).
    Ja was denn nun?

    Und – noch wichtiger
    Ist das jetzt „Gut“, dass der Kapitalismus hier den Menschen noch nicht „vollends auf seine Existenz als Ware Arbeitskraft reduziert“ hat??
    Welche Möglichkeiten ergäben sich (zumindest theoretisch) daraus?

    Wer will denn nun was in dem Gebiet?

    Werden die Kurden den ihnen lange versprochenen eigenen Staat haben wollen?
    Könnte das gar im Interesse der Türkei sein, die so die türkischen Kurden über die Grenze schieben und mal ohne Genozid los werden könnte??

    Wen unterstützen jetzt die Russen?
    Wen unterstützen jetzt die Amis – und wie lange?
    Was wird der Iran mit seiner bisherigen Spielwiese machen?

    Wie weit wird Israel seine „SicherheitsZone of Interest“ ausdehnen?

    Welche Rohstoffe lagern wo?

    und werden die Teutschen Ambitionen, die einst geflüchteten Syrer*innen für teures Geld zurück zu fliegen, durch den neuen Bürgerkrieg samt neuer Flüchti-Welle konterkariert?

  6. Detlef am Dezember 9th, 2024 10:34 p.m.

    @blu_frisbee:
    Der Podcast ist ja doch nur das schon zigmal gehörte Narrativ des Westens zu Syrien.
    Syria: A Battle Lost Amid a Wider War
    Wer in Syrien welche Interessen hat

  7. nOby am Dezember 10th, 2024 2:12 p.m.

    Burks, Du schreibst einen elendig langen Text über Syrien. Warum tust Du Dir das an?

    Syrien ist für mich nur noch Unterhaltung. Das ist wie wenn ich bei ARTE das „journal“ sehe. Deren Moderatorinnen sind übrigens alle sehr sehr glücklich über den syrischen Machtwechsel. Genauso die von DIE ZEIT.

    Putinfreund Assad weg, das ist ein Fest zum Ausschlachten für die hiesigen Journalisten. Andererseits setzt sich jetzt der Islamische Staat dort fest. Wie blöd. Was nun? Mit Gaddafi, Hussein und Assad gab es allen Unkenrufen zum Trotz mehr Stabilität in diesen Regionen. Kein Regimewechsel hat bisher funktioniert. Und jetzt gibt es hier Spezialisten, die finden das soooo gut. Die freuen sich, wenn Dschihadisten in Syrien regieren und zeigen auf Assad als den Verursacher dieses Platt machen’s, der seiner alawitisch-christlichen Bande den Reichtum genauso in den Hintern schieben wollte, wie Putin den Reichtum seines Landes an seine Oligarchen verteilt. Es wird nicht gesagt, aber es entsteht der Eindruck einer friedlichen Revolution. Die Wortwahl Aktivisten und Rebellen vermittelt, das sind die Guten, die bringen Demokratie und Freiheit, also alles total friedlich und harmlos. Und die bei ARTE sprechen von Befreiung. Die finden es gut, wenn ein weiterer islamischer Staat entsteht. Unfassbar!

    Sicher können bald die von Unsererdemokratie aufgenommenen Kriegsflüchtlinge aus Syrien zurück in ihre Heimat. Unsere sunitischen Gäste haben mit Assad den Krieg angefangen, sind vor dem bösen Assad geflohen und jetzt erhalten sie Unterstützung von denen, die geblieben sind, um Assad zu stürzen. Alles ist gut. Absolut krank sowas. Wir erinnern uns: In Syrien gab es vor der „Revolution“ Religionsfreiheit, für jeden Schulbildung und medizinische Versorgung. Kommt jetzt in Syrien das Bürgergeld?

  8. admin am Dezember 10th, 2024 5:14 p.m.

    Ich schreibe nur für mich. ;-) Ich wollte Bescheid wissen. Wer wen? usw.

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