Seid allezeit fröhlich, esst Falten-Tintlinge und führt Bücher zu!
Was lassen wir heute weg? „Gaza-Clan terrorisiert Berlin und der Staat schaut zu.“ Die Qualitätsmedien berichten gar nicht, nur die Boulevard-Presse: „Die Behörde weiß nicht einmal, wie viele Menschen aus dem Gazastreifen seit dem Hamas-Massaker in Israel (7. Oktober 2023) nach Deutschland gekommen sind. Eine Antwort auf die BILD-Frage sei „nicht möglich, da eine solche statistische Erfassung nicht erfolgt“.“ Lassen wir weg. Wir schaffen das.
In USA ist es ja noch schlimmer. „The foxes aren’t just in the henhouse. The foxes are running the henhouse“. Das kommt hier erst noch. Wait a minute: Haben wir ja doch schon. Wir haben Ataman und die „Muslimfeindlichkeit“. Mit Ansage.
Eigentlich war ich gestern noch in Havelberg. Jeder Schritt ein Fotomotiv, wenn man einen ortskundigen Führer Guide hat, was für mich zutraf. Die beiden Herren auf dem Schild unten waren übrigens die Besitzer des Hauses, das jetzt meinem Freund Heinz gehört. Herr Schulze war im vorletzten Jahrhundert Geldverleiher. Mehr ist nicht herauszubekommen.
Das Schicksal deutscher Kleinstädte abseits der Städte ist klar: Immer mehr Gebäude stehen leer, kleine Läden schließen. Auf der Stadtinsel von Havelberg wohnen noch knapp 400 Leute. Die restlichen 6000 siedeln oben auf dem Hügel, oft in Neubauten, die zu Zeiten der DDR gebaut wurden. Havelberg hat noch eine Werft, und der Tourismus ist eine recht gute Einnahmequelle – nur im Sommer. Der Pferdemarkt mit seiner 1000-jährigen Tradition zieht bis zu 200.000 Besucher an, aber nicht das Publikum, das sich auf TikTok und Instagram herumtreibt. Alles andere geht den Bach runter. Sogar das Krankenhaus wurde abgewickelt
Ich wurde gefragt: Würdest du hier wohnen wollen (Konjunktiv II)? Wenn ich ein Haus mit Garten geschenkt bekäme, wenn ich schnelles Internet hätte? Selbst dann: nein. Für mich gibt es dort keine Arbeit. Und meine Rente würde nicht reichen.
Der etwas jüngere Anbau des Hauses, in dem ich wohnte und auf den das Publikum schon vor einigen Jahren kurz blicken durfte, wird ruinös bleiben. Stairway to heaven sozusagen. Dazu kommt eine Dekoration der Mauer, über die man philosophisch sinnieren könnte, aber vermutlich ohne prägnantes Ergebnis.
Aber jetzt die gute Nachricht: In den Ruinen wachsen Pilze, hier Schopf-Tintlinge, die, wie Heinz als gelernter Drucker und aktiver Kunstmaler weiß, zu Tinte verarbeitet werden können. Falls man ihn essen will, sollte man die Wernung beherzigen: „Der Schopf-Tintling enthält zwar das in Verbindung mit Alkohol giftige Coprin, allerdings beträgt der Anteil mit 26 mg pro kg Frischgewicht nur ein Fünftel des Anteils im Falten-Tintling; eine so geringe Menge, dass es zumeist nicht zum Coprinus-Syndrom kommt, selbst wenn Alkohol zusammen mit der Schopf-Tintlings-Mahlzeit konsumiert wird.“
Im Haus finden sich immer wieder Relikte, die erst freilegt werden müssen. Die Makulatur der ursprünglichen Tapeten wurde aus Zeitungen des Jahren 1881 gemacht.
Wir haben noch das Bernsteinzimmer. „Bereits 1716 tauschte der wenig kunstinteressierte König Friedrich Wilhelm I. [links] das Bernsteinzimmer beim russischen Zaren Peter I. [rechts] gegen groß gewachsene Soldaten.“ Das geschah in Havelberg. Daher die Figuren.
Was wir heute übrigens auch weglassen: Ein Lob auf den Abgeordneten Moritz Körner (FDP) im Europaparlament. Man sollte die Rede Frau Chebli vorspielen.
Kommen wir jetzt zum wiederholten Male zum Havelberger Dom. Man lernt dort in Kürze, was Protestantismus ist und was ihn kulturell vom Katholizismus unterscheidet.
Merksatz eins: Die very important persons hatten zwar ihre eigenen, vom gemeinen Volk abgetrennten Sitze, die waren aber mit Eselköpfen verziert dergestalt, dass diese auf die Großkopfeten mahnend herunterblickten und sie erinnerten, dass sie sich der Tugenden der Maze und Diomuoti befleißigen sollten. Dazu braucht man aber Selbstbeherrschung, die man in Mitteleuropa über Jahrhunderte mühsam üben musste (im Gegensatz zum arabischen Raum, wo es so etwas gar nicht gibt).
Merksatz zwei: Lest und studiert die Worte des Vorsitzenden Sentenzen, die man unter der Orgel erkennt! Seid allezeit fröhlich! Wie soll das gehen? Ist das Romulanisch? Sie werden fröhlich gemacht – Widerstand ist zwecklos? Ja, genau so. Wir erinnern uns an Egon Flaigs hervorragendes und originelles Buch „Ritualisierte Politik – Zeichen, Gesten und Herrschaft im Alten Rom“. Schon die römischen Kaiser zwangen die Untertanen, bei bestimmten Anlässen in der Öffentlichkeit einen bestimmten Gesichtsausdruck zu zeigen, manchmal sogar bei Androhung der Todesstrafe im Falle, dass dieses nicht geschah (vgl. insbesondere S. 120ff: „Eine Taxonomie von Gesten und das Problem der Emotionen“).
Im Protestantismus ist der gewollte Frohsinn auf die „Öffentlichkeit“ bezogen, also vor allem auf die Gemeinde. Man trägt die Konflikte nicht aus, sondern unterdrückt sie permanent (daher braucht es auch keine Beichte, weil wie Marx richtig sagte [Luther] „hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat“). Wieso nur in der Gemeinde? Im Siegerland, wo sich die protestantischen calvinistischen Sekten gegenseitig auf die Füße treten, heißen die Orte zwar „Freudenberg“, aber die Menschen gehen, wie man dort spottet, „zum Lachen in den Keller“. Das Leben ist bekanntlich ein Jammertal, und der Mensch sollte immer nur arbeiten, weil das höhere Wesen es so will. Zum Lachen, Chillen und für Parties ist keine Zeit mehr. Aber wir schweifen ab…
Wir sind immer noch in Havelberg, wo uns Spaziergängern am Bischofsberg einer der beiden Wartburgs von Manne entgegenkommt, einem ehemaligen Stadtrat und Offizier bei einem verruchten Dienst. Die „138“ auf dem Nummerschild weisen auf den 13.8.1961 hin, was nur der weiß, der ihn kennt und mit dem er redet, was wir ausgiebig taten. (Nochmal: Ein jüdischer chilenischer Maler, ein ehemaliger Maoist, ein Westberliner [sic] Drucker und Studentenbewegter der ersten Stunde und ein ehemaliger Stasi-Offizier treffen sich. Worüber reden die?)
Die Buchhandlung ist auch geschlossen. Dafür gibt es jetzt das Kulturprojekt Stadtinsel, natürlich deutschtümlich als Verein organisiert. In der Buchstation ist ein sozialer „Treffpunkt, an dem gespendete Bücher entgegengenommen und neuen Lesern zugeführt werden.“ (Bücher den Lesern zuführen! Jawoll!)
Heinz bloggt übrigens täglich mit einer Schreibmaschine, hat aber natürlich nur wenige Leser – eigentlich nur einen. Vielleicht sollte ich das auch tun.
Morgen noch mehr… Auch Israel lassen wir heute weg.
Kommentare
3 Kommentare zu “Seid allezeit fröhlich, esst Falten-Tintlinge und führt Bücher zu!”
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„…hat aber natürlich nur wenige Leser – eigentlich nur einen. Vielleicht sollte ich das auch tun.“
Diesen Luxus wirst Du, lieber Burks Dir nicht leisten können. Die Erwartungen Deiner selbst generierten, nicht nur altersbedingt geneigten Lesendenschaft sind Ressourcen, die Du nicht brach liegen lassen solltest..hx.
PS: …oder so ähnlich, önokomisch
Die ‚langen Kerls‘ waren in der Zeit der Vorderlader militärisch vorteilhaft.
Calvinistenkirchen sind schmucklos kahl.
Dagegen der baierische Barock! Asamkirche.
Übrigens gabs auch Unterschiede im Wahlverhalten der NSDAP zwischen Katholen und Evangelen.
Hallo Burks,
das ist ein toller Bericht. Der gehört in die Top 10 Deiner Posts auf Burksblog.
Das „kommunistisches“ Smartphone liefert dazu qualitativ sehr gute Fotos und Deine Auswahl paßt zum Bericht.