Arbeiter und neue Kleinbürger

Lesebefehl: „Sollen sie doch zugrunde gehen – Sahra Wagenknecht und Katja Kipping repräsentieren gesellschaftliche Gruppen, die sich nichts mehr zu sagen haben.“

Ich war ganz begeistert, als ich den Artikel im „Neuen Deutschland“ las und suchte dann nach dem Namen des Autors – und wunderte mich nicht mehr. Etwas verschwurbelt geschrieben, aber genau die richtigen Fragen gestellt.

In den sozialen Medien schwappt der Hass der „linken“ Kleinbürger auf die Arbeiterklasse sowieso seit langem hoch. Das Proletariat wähle AfD, sei rassistisch, verweigere sich dem Gendersprech usw.. Tja. Und jetzt?

Kommentare

8 Kommentare zu “Arbeiter und neue Kleinbürger”

  1. kalo am Oktober 21st, 2017 2:34 pm

    Ich habe noch lebhafte Erinnerungen an zwei ehemalige Bekannte in und aus der DDR, die fleißige, halbwegs kritische und eigentlich undumme Aktivisten in der SED, dann in der PDS und heute vermutlich in der LINKEN waren und sind; zu DDR-Zeiten eifrige Studenten, heute etablierte Wissenschaftler. Von ihnen habe ich schon bald nach 1990 gehört, daß es für sie Menschen gab, die „lebensuntüchtig“ waren oder, schlimmer noch, sogar solche, denen man anmerkte, daß sie „ein Prolet“ seien, ganz ohne Humor gemeint.
    Es ist offenbar keine Spezialität der SPD, es wird wohl eine traurige soziologische Regel sein, daß diejenigen, die im ’sozialdemokratischen Zeitalter‘ als Nicht-Proletarier, als Vertreter des Angestellten-Typus in den sozialdemokratischen Parteien aktiv waren, spätestens in den 90er Jahren ihre Verachtung für die Arbeiterschaft auslebten, für welche die Parteien, denen sie anhingen, eigentlich Anerkennung erkämpfen wollten. Die alten Arbeiterparteien sind zwischen etwa 1960 und 1990 zu politischen Organisationen der Aufsteiger innerhalb des Kleinbürgertums (und sicher auch einiger Aufsteiger in das Kleinbürgertum) geworden, die jetzt, da die Reste der Arbeiterschaft von der Gesellschaft wieder abgeschrieben sind, sich eilig von der infektiösen Verwandtschaft distanzieren. Schließlich gehört es ja auch zur Mentalität der petits bourgeois, der middle class, immer rechtzeitig mit dem Trend zu gehen.

  2. kalo am Oktober 21st, 2017 3:03 pm

    Ich vermute übrigens, Willy Brandts Erklärung, keine SED-Mitglieder in die SPD aufnehmen zu wollen, ist die wichtigste Ursache dafür, daß es PDS und SED-PDS überhaupt gab. Andernfalls wäre die Mehrheit der SEDler in hellen Scharen in die SPD eingetreten. Sie waren 1989/90 längst bereit, von Lenin zu Bernstein zurückzukehren.

    Was ist eigentlich aus den LINKEN-Mitgliedern geworden, der über die WASG kamen? Alle wieder marginalisiert, wie ihr emblematischer Vertreter?

  3. ... der Trittbrettschreiber am Oktober 22nd, 2017 6:07 pm

    …was ist denn an der „Arbeiterschaft“ so bewundernswert? Das Hantieren mit Materie? Das Klotzen? Das Verachten von Kleckern. Die bergmännisch rußgeschwärzten Gesichter? Die Stammkneipen. Die Frauendiskriminierung. Das grölende Wochenende mit Fan-Schal und Dosenbier? Der Blaumannersatz, also das Schlabber-T-Shirt auf knielanger Cargo-Hose + Birkensocksandale, gepaart mit elektronischer Kippe? Der neue Duster? Das Mittags-Döner? Der Puffbesuch am Freitagabend. Der Elternabend ohne Widerstand? Das Eisbein im weißen Bademantel an der Sauna-Theke? Sicher ist es die lächelnde Selbstverleugnung, das unterwürfige Grinsen im Gespräch mit Vorgesetzten und das hämisch verächtliche frazzen im Kontakt mit Untergeordneten und Inhabern fremder Pässe.

  4. kalo am Oktober 22nd, 2017 9:19 pm

    Sieh an, da ist ja gleich der erste – der nicht soziologisch, nicht politisch-ökonomisch denken kann oder will und seine unbegriffenen, naiv anekdotisch genommenen Beobachtungen als Einsicht ansetzt.

  5. admin am Oktober 22nd, 2017 11:07 pm

    Ja, die Arbeiter können sich benehmen. Macht wer ihnen zum Vorwurf?

  6. ... der Trittbrettschreiber am Oktober 22nd, 2017 11:32 pm

    @kalo

    … um ebenfalls süffisant zurückschwurbeln zu dürfen, bitte ich um Erlaubnis, zu erwähnen, dass ein analytisch geschulter Zweitgeist* nicht immer als Geruchsfilter taugt, wenn einem die Gülle unseres Jahrhunderts bis zur Oberlippe steht. Luhmann hat leider versäumt, in seinem verzückten Ausruf „es kommuniziert“ auch negative olfaktorische Einflüsse auf unser modernes Komunikationsverhalten zu erwähnen.

    *
    der erste ist leider permantent damit beschäftigt, das Gleichgewicht während des Surfens auf der großen verunsichernden Welle der ‚liquid modernity’** wenn nicht zu stabilisieren, so doch wenigstens zu erlangen. Wie anders sollte das gehen, wenn nicht mit Hilfe des Vehikels Anekdote?

    **
    https://www.nzz.ch/feuilleton/zygmunt-bauman-gestorben-mit-ambivalenzen-leben-ld.138987

  7. andi am Oktober 26th, 2017 2:35 pm

    Man kann auch klassenunabhängig die Tendenz links immer stärker mit Identitätspolitik und den damit einhergehenden moralischen Rigorismus gleichzusetzen für fehlgeleitet halten. Dazu gehört das, was ein us-amerikanischer Blogger mit „critique drift“ bezeichnete, wofür der in Barons Artikel erwähnte Philosoph Seibert jüngst (in der taz war es, meine ich) ein gutes Beispiel ablieferte. Nach Seibert ist jede Selektion rassistisch. Eine Konsequenz solchen Unfugs wäre, dass der „Rassismus“ einer Gesangsschule schuld wäre, wenn jemand keine Gesangskarriere starten könne… Offenkundig ist die Kritik aus dem Ruder gedriftet und nicht mehr zielgenau.

  8. andi am Oktober 26th, 2017 5:14 pm

    „den damit einhergehenden“ bitte ersetzen durch „dem damit einhergehenden“

Schreibe einen Kommentar