Weimarer Republik, revisited

Weimarer Republik

Man muss der Wirtschaft die Fesseln abnehmen und ihr das Wirtschaften nach den ewig gültigen ökonomischen Gesetzen wieder freigeben, damit sie ihre Kräfte entfalten kann.“ (Brief deutscher Industrieller an Reichskanzler Heinrich Brüning, 1913)

Weimarer Republik – muss man darüber etwas wissen? Es geht um die Jahre 1918 bis 1933. Ich habe jede Menge Bücher darüber, aber keines, das mir wirklich gefällt und das mich zum Denken anregt. Entweder handelt es sich um primitive Propaganda im pseudo-religiösen stalinistischen Stil, oder um Versionen der offiziellen Geschichtslüge der alten Bundesrepublik, die erste Demokratie in Deutschland sei von „Links“ und „Rechts“ zerstört worden. Auch die Bücher aus der DDR zum Thema vertreten nur die Version der Partei zum Thema, die definitiv Unsinn ist.

Erst jetzt könnte man versuchen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, um zu erfahren, warum damals alles schief gegangen ist, und was man heute anders machen müsste.

Die Sieger schreiben aber auch die Geschichte in ihrem Sinn um. Deswegen wird man zwar jede Menge Filme, Dokumentationen und Reportagen über Hilter im deutschen TV sehen, aber keine einzige darüber, dass die deutsche Industrie fast ausnahmslose Hitler an die Macht bringen wollte, und das auch geschafft hat. Vieles von dem, was damals gesagt und getan wurde, wiederholt sich heute, sogar mit fast wortgleichen Phrasen. Deswegen ist es gefährlich, sich mit der Weimarer Republik zu befassen – man könnte auf „dumme“ Gedanken komme,

Ich empfehle das Buch Manfred Weißbeckers: „Weimarer Republik“, erschienen 2015 bei PapyRossa. Preis und „Leistung“ stehen in einem sehr günstigen Verhältnis. Man erfährt auf knapp 140 Seiten alles, was man wissen sollte. Da der Autor auch auf Fußnoten verzichte, kann man es in zwei Tagen bequem lesen. Man bekommt aber Lust auf mehr Informationen – was eben auch Sinn und Zweck eines guten Buches ist.

Weißbecker nimmt keine Rücksicht auf irgendjemanden und legt sich mit jeder „offiziellen“ Meinung an. Seine Thesen, die wegen der unbestrittenen Fakten kaum bestreitbar sind, werden aber im offiziellen Wissenschaftsbetrieb wegen der freiwilligen politischen Selbstkontrolle nicht erwähnt werden. Gute Wissenschaft, so wie ich sie mir vorstelle – und dazu so geschrieben, dass auch Laien es lesen können.

Der Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) (vergleichbar mit den heutigen „Arbeitgeberverbänden“) publizierte damals viele Schriften, die man als Lektüre in den Schulen empfehlen möchte. Alles, was man politisch durchsetzen wollte, war die Lohzne zu senken, das Streikrech zu beschneiden, „Zulassung von Überstunden und Akkordarbeit“, Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, „Beseitigung der Zwangsbewirtschaftung“ (darunter fielen heute z.B. der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn).

Die deutsche Wirtschaft müsse von allen unwirtschaftlichen Hemmungen befreit werden. Die Belastung der Wirtschaft durch Steuern sei auf ein unumgängliches Maß zurückzudämmen. Alle Unternehmen in öffentlicher Hand sollten künftig grundsätzlich in privatwirtschaftlicher Form betrieben werden. Zu reformieren sei das Sozialversicherungswesen, ebenso die Arbeitslosenversicherung. Aufzuheben seien die bestehende Schlichtungsverordnung und das, was die Industriellen als „Zwangslohnsystem“ bezeichneten. Sie meinten damit die Beseitigung der staatlichen ‚Zwaqngseinwirkung auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen und wandten sich auch gegen die Schiedssprüche bei Tarifauseiandersetzungen.“*

Das alles haben wir heute wieder, und das alles wird auch von Griechenland gefordert, um den europäischen Banken mit Steuergeldern zu helfen und diese zu alimentieren.

Sehr interessant auf für mich sind die Abschnitte, in denen Weißbecker die Politik der KPD beschreibt. Die Parteiführung fuhr einen unverantwortlichen Schlingerkurs zwischen linkem Sektierertum, illusionärem Putschismus (der aus Moskau abgesegnet wurde), „Dilettantismus“ und sogar zeitweiliger verbaler Anpassung an die Propaganda der Nationalsozialismus („unser Führer“ ist besser als eurer, vgl. unten)

Ultralinken Kräften in der KPD gelang es, usprünglich demokratisch-kommunistische Vorstellungen beiseite zu schrieben und der KPD einen linksradikalen Kurs aufzuzwingen.“

Weimarer Republik

Da zu DDR-Zeiten die Partei immer recht hatte, konnte diese Zeit der deutschen Geschichte nie wissenschaftlich aufgearbeitet werden, auch nicht die zwiespältige Rolle Ernst Thälmanns, der ein Mann Stalins war. Oder kennt jemand noch Paul Levi? Quod erat demonstrandum.

Oder weiß jemand, dass die führenden Banker, Kapitalisten und Großgrundbesitzer Deutschlands sich schriftlich bei Hindenburg dafür einsetzten, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen? (Die Namen werden im Buch genannt.)

Ein Déjà vu hatte ich auch, als ich die Passagen über die Rolle der „Mittelschichten“ in der Weimarer Republik las, also das, was uns mit den Grünen bevorsteht, wenn sich der Klassenkampf die Krise in Deutschland weiter verschärft, was unvermeidbar ist.

Nicht alles kann und wird sich wiederholen. Aber die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser sollten sich ihre eigenen Gedanken machen.

* Weißbecker fasst eine Denkschrift des Reichsverbandes der Deutschen Industrie vom 2.8.1929 zusammen.

Kommentare

11 Kommentare zu “Weimarer Republik, revisited”

  1. Der Aufstand am Februar 21st, 2015 3:33 pm

    Die Nummer ist doch ganz einfach, gleich welcher Färbung der Parteien: Welche Fachqualifikation muß ein Minister eines Amtes vorweisen um dieses führen zu können? Einfache Frage, die Antwort ist genauso einfach. Und komme mir keiner mit Beratern, auch diese wollen kompetent ausgewählt werden.
    Das ist noch nicht ganz das fatale, aber die Wurzel dafür das sich in eben diesen Etagen eigentlich nur noch fachfremde Ellenbogenkrieger befinden. Die es nicht sind halten die Klappe und schwimmen mit.
    Das wird in diesem Zeitraum aus dem berichtet wird nicht anders gewesen sein wie heute.
    Und so nimmt das Übel seinen Lauf.

  2. Deckname: Ossi am Februar 21st, 2015 5:34 pm

    Zur „Roten Fahne“ hätte ich gern mal einen Quellennachweis bitte.
    Sieht mir zu sehr nach CopyPasta aus, vor allem wenn man etwas Ahnung vom Säzzereiwesen hat.

  3. hartmut am Februar 21st, 2015 6:24 pm

    Hallo burks,

    die öffiziöse geschrichtsschreibung der WR, die auch ich in der Schule brav auswendig zu lernen hate, beruht wesentlich auf Erdmanns Band im gebhardt (9te Auflage): http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Dietrich_Erdmann Dort bibliographische Angaben. Erdmann hat nicht nur die zweite staatstragende These vertreten, die Du richtig wiedergibst (rechts u n d links haben WR zerstört), sondern auch die erste: Ebert habe keine Wahl gehabt, da sonst der Bolschewismus gekommen wäre. Übrigens auch die „nullte“ (ich habe mich im letzten Sommer etwas umfangreicher damit auseinander gesetzt): Versailler kriegsschuldparagraph ganz falsch und ganz böse böse. Ohne Versailles kein Hitler… Das glaubt martin Walser heute noch.

    Auch unter den etablierten gibt es inzwischen zwei Bücher zu Weimar, die sicherlich zu gemäßigt sind, aber nicht schlecht. Zumindest werden die schlimmsten Geschichtslügen abgewiesen: Ursula Büttners Standardwerk (gabs vor kurzem bei der bpb) und Detlef Lehnert (Reclam). Insbesondere Lehntert mit wünschenswert eindeutiger haltzung zu den Freikorps („Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarzweißrotes band/Die Brigade Erhardt werden wir genannt“ – beim Abrücken nach Kapp-Putsch schnell noch mal in die Menge reingehalten, viele Tote, eine der schlimmsten Terroranschläge der deutschen Geschichte jenseits von 33-45, weiß heute keine Sau mehr; Lehnert erwähnts und schilderts ausführlich)

    Der Weißbecker ist bestellt.

  4. flurdab am Februar 21st, 2015 8:44 pm

    Danke schön!

  5. Ahmed am Februar 21st, 2015 11:28 pm

    Wenn sich die deutsche Linke von ein paar zentralen Lebenslügen trennt, ist doch der ganze historische Analogie-Zauber gar nicht mehr notwendig und man hat die Widerstandskraft, die man braucht. Leider klappt nicht einmal die Faschismus-Analyse, wie man an der religiösen Verzerrung und Instrumentalisierung des „NSU“ sehen kann. So doof, wie sich die deutsche Linke beim Staatsterrorismus gebärdet, kann man doch gar nicht sein.

  6. admin am Februar 22nd, 2015 4:44 am

    @ossi: Ist abgedruckt in http://www.amazon.de/Geschichte-Kommunistischen-Deutschlands-Materialien-Dokumenten/dp/B0000BIHOR

    hrsg. vom Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim Zentralkomittee der SED, Dietz Verlag Berlin 1954

    Nr. 213 v. 12.9.1930

    Das Original: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1930-09-12/24352111/

  7. Lazarus09 am Februar 22nd, 2015 10:44 am

    Oder weiß jemand, dass die führenden Banker, Kapitalisten

    http://goo.gl/JQzJD8 Geheimtreffen vom 20. Februar 1933, ueber diese auch heute noch so beliebten „Geheimtreffen“ in Weimar 2.0 hab‘ ich schon vor Jahren geschrieben ..Egal ob Hurebock-Module, Leiharbeit, ESM oder TTIP …

  8. ...der Trittbrettschreiber am Februar 22nd, 2015 11:14 am

    heute hätten sie einen riss am knie

    http://www.gentlemansgazette.com/de/stresemann-anzug/

    und die e-zigarette.

    den schal nicht vergessen!

  9. Dirk am Februar 22nd, 2015 3:51 pm

    Möchte nur darauf hinweisen, dass der „pseudo-religöse stalinistische Stil“ in der DDR nicht in Stein gemeißelt war. Spätestens seit Ende der 70er Jahre setzte ein „Tauwetter“ in der Geschichtswissenschaft ein und viele Ereignisse sowie Personen wurden danach wesentlich differenzierter betrachtet. Während meines Studiums wurden sehr wohl die Fehler Thälmanns und der KPD benannt und diskutiert, auch ein Paul Levi war mir von daher durchaus geläufig.

  10. Messdiener am Februar 22nd, 2015 5:43 pm

    Hi Burki,
    ich kann schon verstehen, dass du als braver Kirchgänger uns die Beteiligung der Pfaffen verschweigen wolltest.

    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43951/1.html

  11. Impulse für die Kleinbourgeoisie und andere Nachtwächter : Burks' Blog am Dezember 12th, 2016 4:22 pm

    […] bestimmten – reaktionären – Strömung des Kapitals, die es auch schon ähnlich in der Weimarer Republik gab (vgl. Karsten Heinz […]

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