Unna: Evangelischer Porno, Kiesinger und der Scotch Club (1)

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Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
in Unna, im Wirtshaus, erwärmen.

Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
die Augen sanft wie Mondschein.

Ich habe das Gedicht einer blonden Kellnerin gezeigt, die mir hier in Unna auf dem Markt ein Bier einschenkte, aber sie kannte Heinrich Heine nicht und auch nicht sein „Deutschland – ein Wintermärchen“. Das Wirtshaus, im dem Heine damals einkehrte, steht hier noch (das Wetter war heute bescheiden, Foto folgt in den nächsten Tagen).

In Unna bin ich zum Gymnasium gegangen. Damals haben wir gar nicht bemerkt, dass auf einem der ältesten Fachwerkhäuser am Markt (Nr. 10) ein Mönch zu sehen ist, der es mit einer Nonne treibt. Das Haus stammt aus dem 16. Jahrhundert – die Anhänger der Reformation in Unna wollten sich über den „sittenlosen“ Katholizismus lustig machen. Ich wundere mich, dass nicht irgendein schmallippiger Jugendschutzwart fordert, die Schnitzerei zu entfernen. Jugendschutz.net – übernehmen sie!

Unna ist ein hübsches Städtchen mit einem mittelalterlichen Stadtkern und Resten einer Stadtmauer. Leider haben die 70-er Jahre allerhand Verwüstungen angerichtet, als man Altes abriss anstatt es zu restaurieren. Die heutige auf der zentralen Bahnhofstrasse (früher: Viehstrasse) angesiedelte Kleinbourgeoisie hat auch keinen besseren Geschmack. Es ist zum Weinen, und die Werbung ist wahr: Beton – es kommt drauf an, was man draus macht. Eben.

Nur wenige Unnaer werden sich erinnern, welche politische Bewandnis es mit dem Balkon über dem Juwelierladen hat (Ecke Morgenstrasse). Dort oben stand 1969 der damalige Kanzler Kurt Georg Kiesinger und faselte etwas von der roten Gefahr. Unten standen ein paar hundert wohlwollende Bürgerinnen und geneigte Bürger und jubelten ihm zu. Alle? Nicht alle. Drei böse Buben vom Pestalozzi-Gymnasium Unna standen auch dort und verweigerten sich dem Konsens. Einer davon war ich, der zweite war der, bei dem ich gerade wohne, und der dritte im Bunde war ein Polizistensohn, der sogar ein selbst gemaltes Transparent hochhielt. Darauf stand: „Hallo PG“ (für Parteigenosse). Kiesinger war in der NSDAP gewesen, und das fand man in Deutschland damals nicht ehrenrührig. Auf einem anderen Balkon stand unser Französisch-Lehrer, ein CDU-Mitglied, und guckte gaaaanz böse.

By the way: Das Gebäude meiner alten Schule PGU steht noch, samt der Skulptur, die allgemein „Hohler Zahn“ genannt wurde. Das neue PGU ist jetzt in einem Gebäude daneben. Zum Ehemaligen-Treffen laden die mich nie ein. Das mag gar nicht an böser Absicht liegen; vermutlich ist der Abitur-Jahrgang 1971 einfach zu lang her und man hat die Namen nicht digitalisiert. Genau das sagte man mir bei meiner Heimatzeitung Hellweger Anzeiger, als ich zaghaft fragte, ob meine ersten journalistischen Versuche damals als Jugendredakteur erhalten geblieben wären.

Das Foto ganz unten zeigt eine Sehenswürdigkeit für Schüler, die in den 68-ern in Unna lebten. Damals hieß das Etablissement „Scotch Club“ und war eine winzige Diskothek, in der man Mädchen kennenlernen konnte. Das Ambiente erinnert mich ein wenig an „Last Exit Sossenheim“ von Clodwig Poth.

Morgen bin ich in Holzwickede.

Kommentare

5 Kommentare zu “Unna: Evangelischer Porno, Kiesinger und der Scotch Club (1)”

  1. Sebastian am Juli 27th, 2011 8:43 pm

    Ein sehr schöner Text. Vielen Dank! Mir schwebt etwas ähnliches für meine Heimat- und – sozusagen – ihre Nachbarstadt Dortmund vor. Der Clodwig Poth-Vergleich lässt sich im Grunde auf das gesamte Ruhrgebiet beziehen(zählen sich die Unnaraner eigentlich dazu?).

  2. admin am Juli 27th, 2011 10:14 pm

    Unna ist die östlichste Stadt des Ruhrgebiets.

  3. KD am Juli 29th, 2011 9:38 am

    Vielen Dank für den interessanten Reisebericht!

  4. jürgen am Mai 25th, 2014 3:40 pm

    Ja, ich bin bis zu meinem 14. Lebensjahr auch auf das PGU gegangen. Also von der Klasse 5 bis 8 .
    Es war eine tolle Zeit.
    Ich wohnte in Holzwickede.
    1980 habe ich Abi gemacht am KMG in Friedrichshafen.

  5. Nächtens : Burks' Blog am Oktober 20th, 2017 10:31 pm

    […] gesagt: Mein Hotel ist zwar nicht billig, aber im Gegensatz zu früher gibt es jetzt hier schnelles (!) unzensiertes (!) Internet. Dafür zahle ich gern ein paar Euronen […]

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