Stalinismen
Noch einige Textpassagen aus Margarete Buber-Neumanns: Von Potsdam nach Moskau. Situationen eines Irrwegs. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der glaubt, durch Bücher, die damals in der DDR erschienen, irgendetwas Wahres über die Geschichte der Arbeiterbewegung zu erfahren. Und erst die dortige Thälmann-Verehrung! Unfassbar, wenn man das mit den Fakten vergleicht. Das letzte Jahrhundert müsste von der „Linken“ komplett neu aufgearbeitet werden. Aber das wird nicht geschehen.
Zu Ernst Thälmann: „Schon im Laufe eines Satzes ging ihm häufig der Faden verloren, oder er unterließ es einfach, einen begonnenen Gedankengang zu Ende zu führen. Dafür aber sprach er um so lauter und mischte Hamburger Platt und Hochdeutsch beliebig durcheinander. Zwei Jahre lang traf ich Ernst Thälmann bei den verschiedensten Gelegenheiten, er kam auch in unsere Wohnung, aber ich erlebte kein einziges Mal, daß so etwas wie ein Gespräch mit ihm zustande kam. Thälmann schien immer der Meinung zu sein, er sei den Anwesenden, wenn es auch nur zwei oder drei Leute waren, eine politisch tiefschürfende Betrachtung schuldig, genau das, wozu er ganz und gar unfähig war. »Teddys« Stilblüten waren für die Intelligenz der Partei ein gefundenes Fressen; manche von ihnen mögen lediglich gut erfunden worden sein, einige aber beruhen sicher auf echten Aussprüchen Thälmanns. »Wie ein totgeborenes Kind, das sich im Sande verlief….«, »… in der Stunde des Augenblicks!« und »Die Straßenbahner stehen mit dem einen Bein im Grab, mit dem anderen nagen sie am Hungertuch.« Worauf aus dem Publikum der Zuruf kam: »Und wer klingelt!?« Oder jene besonders oft zitierte Formulierung: »Man muß die Frauen mit den eigens dazu geschaffenen Organen bearbeiten.«“
Zu Stalin: „Heute, nach über fünf Jahrzehnten, ist es möglich, die Haltung Stalins in einer anderen Perspektive zu sehen, nämlich als logische Folge seines politischen Programms, das er bereits seit Ende der zwanziger Jahre in die Tat umzusetzen versuchte. Lenin hatte nach dem Sieg der Bolschewiki fest mit der Revolution in Deutschland gerechnet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil seines Glaubens an den Internationalismus. Ein Gelingen des sozialistischen Aufbaus in Sowjetrußland setzte, nach Lenins Meinung, siegreiche Revolutionen in anderen europäischen Ländern voraus. Nach Lenins Tod kamen seinem Nachfolger Stalin sehr bald Zweifel an der Richtigkeit und den Siegeschancen des Internationalismus. Schon Ende der zwanziger Jahre propagierte er deshalb den Aufbau des Sozialismus im eigenen Land.
Nach 1930 aber begrub Stalin alle Hoffnungen auf Internationalismus und Weltrevolution im alten bolschewistischen Sinne und ersetzte sie durch einen handfesten russischen Nationalismus und imperialistische Expansionspläne. Revolutionen in den Nachbarländern sollten von nun ab mit Hilfe der Roten Armee durchgeführt werden. Mit dieser neuen außenpolitischen Konzeption, die nichts mehr mit dem ursprünglichen kommunistischen Programm der Bolschewiki zu tun hatte, änderte sich auch Stalins Deutschlandpolitik. An die Stelle der Leninschen Hoffnung auf die deutsche Revolution trat Stalins Bemühen, eine solche Revolution zu verhindern. Seinen imperialistischen Zwecken war ein nationalistisches Deutschland dienlicher als ein kommunistisches. Deshalb tat er alles, um eine vereinigte kommunistisch-sozialdemokratische Aktion unmöglich zu machen, und ging sogar dazu über, der KPD gemeinsame Aktionen mit den Nazis zu befehlen, während er sie zur gleichen Zeit zu immer heftigerer Opposition gegen die SPD antrieb. Stalin dürfte ein sozialistisch-kommunistisches Deutschland gefürchtet haben. Da er annahm, daß die Kommunisten dann an die Macht kämen, fürchtete er, daß dann die Sektion der Komintern um der industriellen Stärke Deutschlands willen der sowjetrussischen Vormachtstellung gefährlich werden könnte.
So tat er ab 1931 alles, um die Kampfkraft der KPD systematisch zu schwächen und auf diese Weise eine kommunistische Revolution zu verhindern. Stalins Sprachrohr Manuilski versuchte, dieser Politik ein gleisnerisches Mäntelchen umzuhängen, indem er im Januar 1932 sagte, daß der Nationalsozialismus als eine Art Vorspann für die proletarische Diktatur anzusehen sei, da er die SPD und die Gewerkschaften zertrümmere. Danach würden sich die Massen der Arbeiter der Führung der KPD anvertrauen. Auch nach 1933 verfolgte Stalin weiterhin zielbewußt seinen Plan, durch ein Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland seine expansiven Absichten zu verwirklichen.
Krivitsky, der Leiter des Militärischen Nachrichtendienstes der Sowjets für Westeuropa, schrieb in seinem Buch »Ich war in Stalins Dienst«, das er nach seinem Absprung im Jahre 1940 verfaßte, daß Stalin ihm den Befehl gegeben habe, trotz Hitlers Antikomintern die Kontakte mit Deutschland ständig aufrechtzuerhalten. Erst 1939 bot sich Stalin dann die ersehnte Gelegenheit. Er schloß den berüchtigten Pakt mit Hitler ab, teilte sich mit den Nazis in Polen und hielt der deutschen Wehrmacht den Rücken frei, damit sie den Westen überrennen könne. Er hoffte, in der Zwischenzeit »den Sozialismus in Ruhe aufgebaut zu haben«, so daß er schließlich als lachender Dritter durch Revolutionen mit Hilfe der Roten Armee das durch den Krieg geschwächte Westeuropa der erträumten großrussischen Reiche eingliedern könne.“
Kommentare
5 Kommentare zu “Stalinismen”
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Wie konnte Thälmann überhaupt so eine zentrale Person werden?
Spricht generell nicht für die linken Linken der damaligen Zeit…
Spekulation:
Was wäre aus Russland ohne Stalin geworden?
Darüber gibt es ein gutes Buch, das hier schon besprochen wurde: „Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman: Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution“ von Bini Adamczak.
Bei Stalins Expansionsplänen muss ich stets an die Suworow-Bücher denken. Ja, ich weiß, dass der Autor umstritten ist. Aber beim Thema „Stalins verhinderter Erstschlag“ kommen mir einige Schilderungen meines Großvaters in den Sinn. In einigen seiner Feldpostbriefe schilderte er ebenfalls die für einen Angriff in Grenznähe lagernden Munitionsvorräte usw. Schade, die arme Sau ist nach Stalingrad in der Gefangenschaft verhungert.
Leseempfehlung zum Thema: https://www.amazon.de/war-Stalins-Krieg-Eroberung-Ostasiens/dp/380611286X
„Darüber gibt es ein gutes Buch“ – wie ernst soll denn das gemeint sein?
Den Schinken hab ich durchgeackert und kam zur gegenteiligen Ansicht. Der Bini träumt gern sehr laut …
Wenn schon Berkman, dann seine eigenen Sätze in „Der bolschewistische Mythos – Tagebuch aus der russischen Revolution“.