Ganz anders als bei uns

brief

Sucre, 1. Mai [1984, Bolivien, der Brief kam am 6.6.1984 an]
Liebe Eltern,

In Bolivien ist gerade Generalstreik, und das heißt, daß hier wirklich niemand arbeitet außer dem Markt, auch die Post nicht. Aller Wahrscheinlichkeit ist der Streik Montag zu Ende, und ich werde meine geschriebenen Briefe los. Wir reisen nun noch fröhlich beschwingt durch Bolivien, was uns immer mehr wie ein Traumland vorkommt, vorausgesetzt, man hat soviel Geld wie wir. Wir geben trotz Souvenirs und Schlemmerei nicht mehr als 10 DM am Tag aus.

Sucre

Heute am 1. Mai nach dem Frühstück auf dem Markt Parade der Gewerkschaften mit vielen Fahnen auf dem Hauptplatz, umsäumt von riesigen alten Bäumen, hohen Palmen und wunderschönen Kolonialhäusern, dazu „Kaiserwetter“.

Zwischendurch Salteñas, das sind mit Fleisch und Gemüse gefüllt Brötchen. Mittags Nudeln, Kartoffeln, Gemüse und Fleisch auf dem Markt, nachmittags Café mit „Banana-Split“-Eis und Bananensaft, Kaffee, dann Spazierengehen, abends Essen auf dem Markt, jetzt Bier trinken. Wir haben gerade ausgerechnet, daß wir trotzdem inklusive Hotel noch nicht 10 DM ausgegeben haben.

So gemütlich geht es nicht immer zu: Die Reise hierhin verlief z.B. ein wenig dramatisch. Abreise von Potosi in eisiger Kälte (es liegt 4100 m hoch), der letzte Bus, der vor dem Generalstreik noch fuhr. Nach 1 Stunde Buszusammenbruch, alle Fahrgäste klettern auf einen LKW, der in einem kleinen Ort steht und auch nach Sucre will, bis ca. 70 Leute drauf sind, alte Indio-Omas mit vielen Röcken, junge Männer, die Charango spielen (das sind winzige Gitarren, denen Klangkörper aus dem Panzer eines Gürteltiers gemacht worden ist).

Die Fahrt in endlosen Serpentinen an Schluchten vorbei, von 4100 auf 2500, die ganze kalte Nacht auf Schotterstrecke, höchstens 20 km im Stundendurchschnitt. Um Mitternacht kommen wir in Sucre an, latschen mit voller Ausrüstung (jeder 20 kg) durch die leeren Straßen von Unterkunft zu Unterkunft wie in Bethlehem. Es gibt kein Bett, es macht keiner auf oder es ist extrem teuer (das gibt es auch). Am Platz kaufen wir noch ein Brot bei einer in einer Ecke zusammengekauerten Indiofrau, und eine Stunde später haben wir endlich ein Bett.

Ich habe mich noch nie so gut gefühlt auf Reisen. Das liegt auch daran, dass B. und ich eine sehr ähnliche Art zu Reisen und des Reagierens auf die Dinge haben – ganz im Gegenteil zur letzten Reise. Außerdem gefällt uns Bolivien 10x besser als Peru, obwohl wir auch dort sehr interessante Dinge erlebt haben. Es gibt fast keinen Leerlauf. Jeder Tag bringt neue Ereignisse.

catavi

Vor einer Woche noch sind wir in der Größten Zinnmine Boliviens mit Grubenlampe und Gummistiefel durch eiskalte Stollen spaziert und haben mit den Bergleuten gequatscht. Ein paar Tage später nach einer halsbrecherischen Tour mit einem LKW quer durch’s Gebirge sind wir in einem winzigen Dort mit strohgedeckten Häusern, wo die Kinder erstaunt hinter uns herlaufen. Dann wieder LKW auf eisiger Pampa auf 5000 m Höhe, wo nur noch spärlich Gras wächst und Hunderte von Lamas mit bunten Schleifchen an den Ohren hinter uns herblicken. Seit 6 Wochen sind wir zum ersten Mal unter 3000 m Höhe.

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Die Salzwüste Boliviens, fotografiert im April 1984, vgl. 26.06.2020.

Das Extremste bisher war von Oruro aus 2 Tage und eine Nacht Richtung chilenische Grenze in die Salzwüste. Der LKW blieb so oft im Schlamm stecken, daß wir für die 160bkm 36 Stunden brauchten. Alle Fahrgäste, ca. 50, müssen bis zu den Knien im Schlamm schieben, schaufeln usw.. Dann, mit vollem Gepäck, am 3. Tag 17 km Fußmarsch in glühender Hitze, am 4. Tag Fußmarsch durch Sand und Salzwüste, 26 km mit diversen Flußüberquerungen zu Fuß.

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Eine Ansichtskarte aus Boliven (1984) von Chipaya. Die Dorfbewohner wollten nicht fotografiert werden; diesen Wunsch habe ich respektiert.

Am Abend das Ziel, ein winziges Dorf [Chipaya] mit einzigartigen Indianern. Die Frauen haben braune Umhänge, tragen ihre Haar in Dutzenden von geflochtenen Zöpfen, die Männer haben helle Baumwollhemden [an] wie ein Kleid, mit bunten Gürteln und Zipfelmützen. Die Häuser sind rund wie ein Kral in Afrika. Das Dorf spricht als einziges eine fast ausgestorbene Sprache, Pokina [gemeint ist Puquina nach Selbstauskunft der Bewohner, was aber vermutlich falsch ist, da mal dort dort Uru-Chipaya spricht], die älter ist als die der Inkas,

Wir sitzen erschöpft neben dem riesigen Backofen und warten auf das erste Brot, trinken braunes Wasser aus dem einzigen Brunnen des Dorfes. Der Bürgermeister erklärt uns, zum Glück auf Spanisch, wir könnten auf der der Erde [gemeint ist der Fußboden] im Büro des Dorfes schlafen, für’s fotografieren müßten wir bezahlen und überhaupt seinen Fremde nicht sehr erwünscht. Wir verzichten auf Fotos und marschieren am nächsten Tag 15 km wieder zurück, bis uns ein Indio sagt, daß ein LKW von einem Hof abfährt, den wir auch erwischen.

Wieder eine Nacht bei tollem Sternenhimmel, aber eisiger Kälte. Wir werden total durchgeschüttelt und außerdem sitzen wir auf Säcken mit toten Schafen, deren Knochen uns pikesen – außerdem der Geruch…

Am nächsten Morgen um 10 Ankunft in einem Dorf in der Zivilisation, wo es einen Bus nach Oruro gibt. Vorher kann ich schon nicht mehr weiter, und B. muß einen Teil von meinen Sachen tragen. Vorher, beim ersten Tagesmarsch, konnte B. die letzten paar km nur heulend und stoplernd.

Oruro
Oruro, fotografiert 31.01.1979, vgl. heute

Jetzt: Wir kommen in Oruro an (so groß wie Unna [1984], ein Bett, ein Restaurant, ein heiße Suppe. Allein das Gefühl beim ersten Schluck war’s fast schon wert. Ich habe ein wenig abgenommen, aber fühle, wie sich jeden Tag Energie und innere Ruhe auftanken. Außerdem fühle ich eine körperliche Spannkraft wie schon seit langem nicht mehr – trotz diverser Verdauungsprobleme. Die Tannacomp sind schon fast alle.

Übermorgen werden wir von hier in ein Dorf mit einem riesigen Markt [Tarabuco] fahren. Wenn ihr uns jetzt sehen könntet: Ich habe weite dunkle indianische Hosen an, die von einem breiten bunten Gürtel zusammengehalten wird, einen Pullover aus purem Alpaca (10 DM in Peru!), Opas Hut mit buntem Bändchen – genau wie die Männer hier! – und eine bunte indianische Decke um. Außerdem sind wir braungebrannt – aber bei euch fängt der Sommer ja auch an.

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Altstadt von Ĺa Paz, Bolivien, fotografiert 1984, mit ChatGPT verbessert, vgl. das Original 20.10.2020

Dann geht es von Dorf zu Dorf über Cochabamba wieder zurück nach La Paz, wo wir ein Paket mit Souvenirs losschicken werden. Von da auch 6 Wochen Richtung Norden in den Urwald, wo es endlich knallig heiß sein wird.

Mitte Juni werden wir die Grenze nach Peru überschreiten und nach Cusco fahren. Von dort auf, je nach Zeit und Geld, irgendwann nach Lima, wie, wissen wir noch nicht.

Was uns fehlt, sind die Kneipen in Berlin, Rotkohl, Sauerkraut, Kartoffelsalat, Blumenkohl, Buttercreme… Leider erwartet mich ja allerhand in Berlin: Wohnungssuche, vielleicht existiert die Knesebeckstraßenwohnung [ich wohne in der Charlottenburger Knesebeckstraße von 1977 bis 1984] nicht [mehr], und meine Sachen sind auf meine Freunde verteilt. Vielleicht gibt es einen Prozeß gegen die geräumten Bewohner der Bülowstraße, wo ich auch dabei war [ich wurde bei der Räumung festgenommen, das Verfahren wurde später eingestellt], vielleicht habe H,. und A. schon eine Wohnung gefunden. Die erste und letzte Post kriegen wir ja erst in 6-7 Wochen in Cusco.

Nun ja, es geht uns blendend und ich könnte länger bleiben als geplant. Heute feiern wir die Hälfte [von sechs Monaten Reise] […] Seit mehreren Wochen auch das erste Bier. Hoffentlich gibt es nicht doch noch einen Putsch. Oder einen Generalstreik, der unbegrenzt dauert! Die Arbeiter schmeißen hier mit Steinen, und kein Bus wagt es zu fahren, ganz anders als bei uns.

Bis bald und Grüße Burkhard

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