Am verlorenen Berg

Monte Perdido
Pirineo Aragones – Monte Perdido. – Alt. 3.355m. Foto: Foto Peñarroya – Jaca

Heute noch etwas weit jenseits des Zeitgeschehens. Ich habe auf einem sehr abgelegenen Bücherregal ein paar Reiseführer über Spanien und die Pyrenäen entdeckt und erinnerte mich, dass ich da mal war – vermutlich 1987. Ich hatte keinen Fotoapparat dabei; Handy natürlich auch nicht, weil es das noch nicht gab. Ich musste ein paar Wochen allein in den Bergen herumwandern, weil ich – wie man heute so sagt – einfach den Kopf freibekommen wollte, vor allem wegen einer unglücklich ausgegangenen …ähem… ich bleibe lieber diskret, weil das Mädel die reizende Künstlerin, mit der ich damals in einer großen WG zusammenlebte, noch quicklebendig ist und ihr charmantes Lächeln behalten hat.

Ich habe auch noch eine Postkarte gefunden und einen Brief. Ich bin von Berlin aus mit einer Mitfahrgelegenheit über Frankreich – mit einer Übernachtung – nach Pamplona gefahren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich am Steuer saß, als wir die Pässe der westlichen Pyrenäen-Ausläufer überquerten und ich mir Rennen mit den einheimischen Autos lieferte.

reiseführer

8.9.[1987]
Liebe Eltern!
30 Grad im Schatten, seit einer Woche keine Wolke zu sehen – das ist fast zu heiß zum Wandern. Ich sitze auf einer Terrasse (gehört zu einem feudalen Campingplatz inklusive Dusche und Waschmaschine) mit einem kühlen Getränk und mache einen Tag Pause. Die Pyrenäen sind wunderschön, fast wie die Dolomiten – bis 2000 m bewaldet und dann schroff aufsteigende Felsen bis 3000.

Die ersten Tage (nach 2 Tagen in Pamplona mit einer tollen Altstadt und vielen Kneipen wie in Berlin) hatte ich mich in die Berge geschlagen zum trainieren. In einem Seitental wanderte ich von einem Dorf zum anderen – alle unbewohnt, weil von den Bewohnern aufgegeben – malerische Ruinen im Abendlicht, Totenstille, nur Grillen zirpen und ein plätschernder Bach – Wassermangel ist hier das größte Problem. [Die Route finde ich nicht mehr, es war südwestlich von Pamplona. Die Dorfruinen waren angeblich mozarabisch.]

Das Marschieren war anstrengend. mit Zelt wieder mein Gepäck 25 kg. Dann bin ich in den Nationalpark von Ordesa [Nationalpark Ordesa y Monte Perdido] – ein riesiger Canyon mit über 15km Länge und über 1000m tief.

Den bin ich raufgekraxelt und am nächsten Tag auf den Pass, den ihr am oberen Kreuzchen auf der Karte seht. Der Abstieg war, was die Aussicht angeht, atemberaubend; Ich könnte sogar das Maladetta-Massiv [gemeint ist der Pic de Maladeta] sehen, wohin ich erst in 3 Wochen will, ansonsten aber fürchterlich – Geröll und Gletscherfelder.

Das zweite Schneefeld nahm ich im Sturzflug auf dem Hinterteil, schließlich konnte ich mich mit einem Eispickel festhalte. Beim unteren Kreuzchen passierte es: Eine Kletterpassage, normaler Schwierigkeitsgrad, aber das blöde Zelt und der Rucksack sind einfach zu schwer für so etwas. Die letzten 10m bin ich hinuntergekracht – holterdipolter den Felsen lang auf das Schneefeld, was unter dem 2. Kreuzchen zu sehen ist – außer Hautabschürfungen und zerrissenen Riemen ist nix passiert.

Nach weiteren 3 Stunden Abstieg kam ich laut fluchend an einem kristallklaren Gletschersee an [Ibón Helado], umgeben von Wiesen und bunten Blumen. Dort habe ich alles geflickt, gerichtet und mich erholt – allerdings kamen mir nach 3 Tagen das Müsli und die guten Suppen von Knorr schon zu den Ohren raus.

Übermorgen werde ich zur nächsten Tour aufbrechen, weniger halsbrecherisch, aber anstrengender, weil 5 Tage – von Bielsa (wo ich morgen den Brief abwerfe) zu Fuß zum Maladetta [Maladeta] Massiv, von da aus zum anderen Nationalpark (Vall d’Aran, von da aus Anfang Oktober nach Barcelona, wo eine Freundin wohnt und wo ich auch B. treffe.

Ich versuche noch inzwischen, mal ein Kärtchen loszuwerden – aber die bewohnten Orte sind erstens selten und zweitens so teuer wie bei uns (Essen 20 Mark).
Bis bald und Gruß Burkhard

Heute kann ich die Tour zum Teil nachvollziehen. Ich bin erst – von Süden aus – zum Refugio de Góriz – Ordesa (2200 m) marschiert und dann nordwestlich über den Pass am Soum de Ramond vorbei hinunter ins Tal, wo ich mein Zelt aufschlug, bis zum Refugio de Pineta, wo ich am nächsten Tag übernachtete. Auf der Karte des Alpenvereins ist der kleine See gut zu erkennen. Auch die Gletscherfelder sind noch da; sie waren damals aber ausgedehnter, und es war schon Spätherbst.

Der Plan, zum Pico de la Maladeta zu Wandern, zerschlug sich, weil es schon vor Bielsa anfing, heftig zu schneien. Ich bin daher von Bielsa nach Süden getrampt. Ein freundlicher Autofahrer setzte mich irgendwann an einem Stausee ab, wo der erwähnte Campingplatz war. Dann bin ich nach Graus – an die großartige Altstadt kann ich mich noch erinnern. Und von dort aus über Lleida nach Barcelona – wieder getrampt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich irgendwann in einem trockenen Flussbett unter einer Brücke geschlafen habe – vermutlich am im Tal des Llobregat in der Nähe der abtei Montserrat, weil ich mir die noch angesehen habe.

Es wäre witzig, würde ich die Tour noch einmal machen, aber dieses Mal mit Fotos. Ich zweifele aber, ob ich heute noch so fit wäre, in zwei oder drei Tagen die höchsten Pässe der Pyrenäen zu Fuß überqueren zu können.

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Kommentare

2 Kommentare zu “Am verlorenen Berg”

  1. Godwin am Januar 11th, 2026 6:16 p.m.

    „Visual Communication & Cultural Studies“
    fällt das bei dir nicht unter die Kategorie „nutzloses Wissen“?

    alleine durch die Berge wandern…
    so so…
    naja – es waren auch andere Zeiten damals…

    Manchmal denke ich auch, dieses oder jenes nochmal sehen (Israel z.B.) wäre schon cool.
    Aber einen ersten Eindruck bekommt man eben kein zweites Mal.
    Ich bin mir auch unsicher, ob mir die jeweiligen Veränderungen sonderlich gefallen würden.
    Was einst hinterwäldlerische Provinz war, wurde wohlmöglich schon vom Tourismus überrannt…
    Wo einst die Mega-Party war, ist evtl. seit 10 Jahren Lost Place (der natürlich auch schon entdeckt und besudelt wurde)…

    Dann doch lieber den Rest der Welt angucken. gibt noch soooo viel…

  2. nOby am Januar 12th, 2026 12:15 p.m.

    Abgelegene Bücherregale? 😻

    Ich wage es jetzt einfach und stelle eine Frage. Du hast eine weiße Mao Büste im Bücherregal stehen. Die schaut Dir bei Deiner täglichen Arbeit am Schreibtisch zu. Wer Mao im Regal hat, der besitzt womöglich eine Stalin Büste und kann mir eine Frage beantworten.

    Warum sehen sehr viele Stalin Büsten aus wie eine Karrikatur? Jetzt gibt es in Russland eine Büsten Neuauflage. Die sehen im Ergebnis noch komischer aus. Das Gesicht sieht aus wie jemand direkt nach einem facelifting. Woran liegt das? Hat keiner der Künstler den Stalin jemals selber gesehen und warum hat Stalin zu Lebzeiten diese Büsten nicht verboten? Stalin Büsten sind übriges spottbillig. Bei vielen ist das Porto höher als der Preis der Büste.

    Ohne Adolf geht es leider nicht. Von dem gibt es ebenfalls Büsten, die sehen tatsächlich aus wie das Original. Weil die damals nur von einer Firma produziert worden sind gehe ich davon aus das der Künstler Hitler die persönlich abgenommen hat. Mit diesen Büsten konnten wirklich alle Käufer zufrieden sein und sich die hinstellen ohne das es peinlich war. Aber Achtung, bei einer Hausdurchsuchung werden die in ’schland grundsätzlich beschlagnahmt.

    Was ist das nur für eine blöde Sitte ein Foto zu veröffentlichen und das Gesicht von Hitler mit einem weißen Punkt unkenntlich zu machen. Was soll das?

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