Zusammenschnurrendes Narrativ

amazonas

Auf dem Amazonas (Brasilien 1983), durch das Fenster der „Toilette“ des Schiffes aufgenommen, Symbolbild für den Klassenstandpunkt deutscher Journalisten

Der Tagesspiegel referiert eine Polit-Show über die industrielle Resservearmee und wie Löhne zu drücken seien:
Klar ist: Heil wie die gesamte SPD will sich nicht drücken, nur in der Offensive kann die Partei dieses „Trauma“, wie es Robert Habeck, der Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, richtig charakterisierte, überwinden. Davon ist die Partei, davon ist die Gesellschaft sehr, sehr weit entfernt.

Kommt in mein geplantes Lehrbuch als Beispiel für schlechtes, falsches und schlampiges Deutsch. Wie viele Fehler finden die Leserinnen und Leser? Und was ist – aus journalistischer Sicht – zusätzlich noch falsch?

By the way, lieber Kollege Huber:
Die anderen bevorzugen Empörung, wie auch anders, wo im gesellschaftlichen Narrativ Hartz IV auf die Schlagwörter von Schikane und Sanktion zusammengeschnurrt ist.

Wer Narrativ sagt, meint sich damit für’s Feuilleton qualifiziert zu haben. Das Narrativ, was auch immer das für eine Substanz sei, schnurrt, womöglich wie eine Katze und auch noch zusammen? Wie darf ich mir das vorstellen?

… verurteilte die Linken-Politikerin und ehemalige Arbeitsvermittlerin Inge Hannemann das Fordern-und-Fördern-Konzept als Mittel zur Stigmatisierung, Angstmache und Ursache einer überkommen geglaubten Klasssengesellschaft.

Gut und richtig ist es, die Ungisierung der linken Sprache (Hau wech den Nominalstil!) zu karikieren. Ein linker Funktionär kann bekanntlich keinen einzigen Satz ohne ein Wort sagen, das mit -ung endet.

Mein Tipp, damit das Volk derartige Textbausteine versteht: Zuerst kommt der Name (Inge Hannemann), dann kommt, was die Person tut (am besten mit Tuwörtern beschreiben), dann erst und nur als Option Titel, Details aus der Biografie. Also nicht: begrüßte der Staatsratsvorsitzende und des Generalsekretärs der SED (usw.) Erich Honecker, der auch Vollmitglied des Politbüros und Sekretär des ZK für Sicherheitsfragen war, den Genossen Jedermann aufs Herzlichste, sondern: Erich Honecker begrüßte den Genossen Jedermann. Wie ihr alle wisst, ist Erich Honecker usw…

Jetzt aber: „einer überkommen geglaubten Klasssengesellschaft“? Wer sagt das? Heil? Huber? Hannemann? Oder wünscht sich der Autor, dass es keine Klassengesellschaft gebe? Oder wird das Hannemann unterschoben, also suggeriert, sie habe sich mit dem Kapitalismus weltanschaulich versöhnt? Das kommt davon, wenn man mit dem Fall, den die indirekte Rede verlangt, nicht klarkommt.

Fragen über Fragen…

Kommentare

7 Kommentare zu “Zusammenschnurrendes Narrativ”

  1. tom am April 9th, 2018 2:51 pm

    Auch Burks hat sich neulich der Mühe unterzogen, sich durch einen Text zu quälen, anstatt es direkt, schnörkellos und ohne VorbereitUNG oder einleitende Wörter einfach nur zu tun (sich durch den Text quälen).
    Ich dagegen lese Burkssche Texte meist gern und quallos.
    Das Narrativ scheint mir ein Muskel zu sein, da selbiger, wenn ihm vorn oder hinten der Spannung verursachende Halt fehlt, zum Schnurren (dem zusammigen nämlich, nicht dem der Katze) neigt.

  2. ... der Trittbrettschreiber am April 9th, 2018 6:36 pm

    Exkremente jedeweden Aggregatszustands (organisch, verbal, spirituell) haben nicht immer eine standardisierte Konsistenz. Wer mir allerdings unterstellt, zu wissen, wer Erich H. war um mir dann zu erklären wer er denn nun war, setzt ein solches ein, wie ein Versicherungsverkäufer oder eine pädagogische Hilfskraft aus EU-Landschaften, in denen es nicht einmal als Düngemittel eingesetzt würde. Ich neige ja dazu, alles was sämig und flutschend den Eingang meiner o.g. Verdauungsebenen entert (Pommes mit Majo, tagespolitische Plattitüden aber auch nicht mehr ganz so arg nach zersetzt werden stinkende linguistische Verschwörungsnarrative) nicht immer spontan abzuweisen. In diesem Fall jedoch muss ich, obwohl ich aus rein egozentrischen Gründen in der Regel davon Abstand zu halten pflege, unbekannterweise in die Bresche für Herrn Huber springen. Fachkräfte des Journalismus stehen, so möchte mein externes Online-Überich mich Glauben machen, unter permanentem Zeitdruck. Fibrig faserig humpeln die stressbedingt müden Fingerkuppen über die mit Milben, Bakterien, modernden Bigmac-Resten und abgekaute Nagelfragmente übersähte Tastatur des Redaktionslaptops. Selbst ein im Zehnfingersystem geübter Mensch kann nicht immer sicher sein, die richtige Taste zum grauenvollen Text zu treffen. Wer sich aber einmal die Zeit nimmt und sich dem gleißenden Licht des Dudens für den Moment eines Schattenwurfs entzieht und stattdessen den Blick senkt, um festzustellen, dass der Buchstabe E in direkter Nachbarschaft zum R sein plattes Dasein fristet, der könnte unter Umständen gewahr werden, dass nur ein unverzeihlicher Flüchtigkeitsfehler das sehnsüchtig wartende Ziel, das hier gefragte E, dem Verfehlen anheim stellen konnte, was auf das Versagen des linken Ringfingers hindeutet, der trotz aller Kraftanstrengungen, kläglich auf dem sicher sehr verdutzen R landete. So wurde aus dem angestrebten Schnueren das nun als zweckentfremdet stigmatisiert und hier so unbarmherzig zu sprachmanipulativen Mitteln missbrauchte Schnurren. Dan kann man einfach nur ganz kurz kommentieren: Mi au.

  3. ... der Trittbrettschreiber am April 9th, 2018 6:46 pm

    Falls du für dein Buch „Gutes Deutshc“ Hilfe brauchtst, las es mich wiesn, ich würde mich dann mal umhören. Vielleicht gips ja jemanden, wovon die Rederei isst.

  4. Messdiener am April 9th, 2018 8:43 pm

    Hi Burki und BurkisBlog-Leser,
    damit die Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten.

    https://correctiv.org/blog/ruhr/artikel/2018/04/04/colonia-dignidad-aufklarung-der-folterverbrechen-in-der-kolonie-der-wurde/

  5. Crazy Eddie am April 10th, 2018 4:58 pm

    2 Kommata fehlen und eins ist zuviel?

  6. Eike am April 11th, 2018 11:02 pm

    Wie würde der Artikel wohl japanisch lauten?

  7. Klausi am April 14th, 2018 7:27 pm

    Oder wird das Hannemann unterschoben,

    Deutsch des Grauens.

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