Das Ministerium für Wahrheit informiert oder: Eine Botschaft an die Märkte

Das Ministerium für Wahrheit, auch bekannt als Wen Ku, Direktor für Telekommunikation im Ministerium für Industrie und Information (MIIT) der „Volksrepublik“ China, gibt bekannt: „Zensur“ heißt jetzt „neue Wege benutzen, um die Sicherheit im Internet zu wahren“. Das hätte der britische Premierminister Cameron nicht besser formulieren können.

And now for something completely different. Man könnte auch auf die Idee kommen, die freiwillige ideologische Selbstkontrolle deutscher Medien als „Selbstzensur“ zu bezeichnen. Ich vermute aber, dass diese oft gar nicht bewusst abläuft.

Beispiel: Fast alle deutschen Medien benutzen ausschließlich die affirmativen Begriffe „Reformprogramm“ und „Sparen“, wenn es in Wahrheit darum geht, die europäischen Banken auf Kosten des Steuerzahlers zu sanieren.“ (Das behaupte nicht ich, sondern die „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“.)

Reform“ suggeriert, es werde etwas zum Besseren verändert. Das ist aber strittig, und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalisten, wenn sie schon meinen, sie müssten als verlängerter Arm der herrschenden Klasse und/oder als Lautsprecher des Kapitals arbeiten, darauf hinzuweisen, dass es auch andere Meinungen gibt.

Wie schrieb die FAZ vor fast fünf Jahren?
Griechenland hat mit der Entscheidung des EU-Gipfeltreffens für ein Sicherheitsnetz bekommen, was es erhofft hatte. Finanzminister Georgios Papaconstantinou sagte, seiner Regierung sei es nur um die Zusage für Hilfe im Ernstfall gegangen. Athen werde diesen Mechanismus aber nicht nutzen. Man hoffe, dass die Entscheidung eine Botschaft an die Märkte sende und die Zinsen senke.

Die FAZ setzt beim Propaganda-Neusprech noch einen drauf: Bei ihr heisst es „Austeritätspaket„, hört sich vornehmer an als „sparen.“ Die FAZ wird bekanntlich eher weniger von der Arbeiterklasse gelesen und setzt sich daher auch in der Sprache vom gemeinen Pöbel ab.

Die Botschaft an „die Märkte“ scheint in Griechenland aber nicht so recht angekommen zu sein.

Kommentare

4 Kommentare zu “Das Ministerium für Wahrheit informiert oder: Eine Botschaft an die Märkte”

  1. ... der Trittbrettschreiber am Januar 27th, 2015 12:37 pm

    „verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalisten“

    …worauf gründet diese Pflicht? Gibt es so etwas wie den Hypokratischen Eid, der einmal für Ärzte wichtig war?

  2. tom am Januar 27th, 2015 4:51 pm

    TS:Die Journalisten lernen wahrscheinlich, wie „es“ gemacht wird, man könnte eventuell sagen, wissenschaftlich arbeiten im Beruf, wenn das auch übertrieben wäre.
    Zum Wörtchen „sparen“: Das kann ja auch bedeuten: Vom Überschuss etwas auf die hohe Kante legen; deutlicher wird, was gemeint ist, durch „den Gürtel mehrere Löcher enger schnallen“ und zwar bei denen, die damit ohnehin schon keinen fetten Ranzen unterstützen müssen.

  3. Heiliger Stuhlgang am Januar 27th, 2015 5:10 pm

    Hi Burki,

    ‚Austeritätspakt‘ + ‚gemeiner Pöbel‘, so blöde sind wir nun auch nicht, wir wissen sehr wohl was Austern sind.

  4. Wolf-Dieter am Januar 27th, 2015 8:33 pm

    Das läuft bei mir unter Euphemismus. Daraus ließe sich trefflich ein Schüleraufsatz machen (Deutsch Leistungskurs).

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