Keine unnötigen Konflikte am Bierabend

Die rote Fahne

Arbeiter! Proletarier! Parteigenossen!

Im Jahr 1890 hat das Proletariat der Welt zum erstenmal den Weltfeiertag gefeiert,

Was war er? Was sollte er sein?

Er sollte sein ein Freudentag für das Proletariat, er sollte sein ein Tag des Kampfes gegen die Bourgeoisie, ein Tag der Musterung aller Kräfte, ein Tag, der Jahr für Jahr immer deutlicher der Bourgeoisie zum Trutz, dem Proletaria zum Nutz der Welt verkünden sollte:

Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

In allen Ländern sollten sie feiern; die Proletarier aller Welt, ob sie unter dem Henkerbeil des Zaren, und dem Zuchthausregiment der Hohenzollern, und der schweren Kette englischer, französischer, amerikanischer Kapitalisten schmachteten. Sie alle sollten wissen, daß an diesem Tage ihre Brüder in der Welt frei sind, frei auf einen Tag, weil sie es wollen.

Arbeiter! Parteigenossen!

Erinnert Ihr Euch, was aus der Maifeier geworden ist? Erinnert Euch doch, wie sie von Jahr zu Jahr von Partei-und Gewerkschaftsbonzen immer mehr eingeschränkt worden ist, wie man sie mählich und mählich erwürgt hat, weil man „die Kassen schonen müsse“ und „keine unnötigen Konflikte“ hervorrufen dürfe. So hat man den Weltfeiertag herabgewürdigt zu einem Bierabend, an dem man eine langweilige Rede anhörte und eine langweilige Resolution verabschiedete.

Und wir, die damals die würdige Feier verlangten, wir wurden als Hetzer und „revolutionäre Phraseure“ und wer weiß was sonst verhöhnt.

Dann aber kam der Krieg. Dann kam die Zeit, wo tausende von Proletarier geopfert wurden für den Kapitalismus.

Da sagten wir: noch nie habe das Proletariat, noch nie habe die Menschheit so gelitten, noch nie sei es so Pflicht gewesen, den Herrscheden ein Halt zu gebieten, indem die Völker über die Schützengräben hinweg einander anriefen: heute ist Weltfeiertag.

Was sagten damals Scheidemann, die [sic] Legien, der [unleserlich] Ebert, was sagten damals die Mehrheitler? Sie sagten, wir, die dieses wollten, wir seien „Vaterlandsverräter„, man warf mit ihrer Billigung die Genossen ins Zuchthaus, die wollten, daß man den 1. Mai so feiere, wie sich’s gebührt.

Aus: „Die rote Fahne„, 01.Mai.1919

Haymarket Riot

Bild: Haymarket Riot: Am 1. Mai 1886 begann in Chicago (Illinois, USA) ein mehrtägiger, von den Gewerkschaften organisierter Streik, um eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden durchzusetzen. Die mit diesem und den darauf folgenden Tagen verbundenen Ereignisse werden als Haymarket Riot, Haymarket Affair und Haymarket Massacre bezeichnet und begründeten die Tradition der internationalen Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiterklasse zu erklären.

Kommentare

One Kommentar zu “Keine unnötigen Konflikte am Bierabend”

  1. .... der Trittbrettschreiber am April 30th, 2014 12:38 pm

    Gedanken zum Vor-Mittag des 1. Mai:

    Ja Mai, dieser Monat, in dem die Geschöpfe der Erde allerorts den Frühling begrüßen, freudig den angenehmen lebensspendenden Strahlen der Sonne entgegen stoben, schwirren oder sich ihnen entblöst hingeben, um rechtzeitig zur Balz die sozial erwünschte Mainstream-Bräune zu erhalten, ja Mai, dieser Monat wäre eines Gedenkens wert.
    Wenn da nicht dieser Feiertag wäre, dessen Sinn und Herkunft kaum ein moderner Mensch im Berufsleben versteht.
    Ist es nicht eine lästige und unnötige Unterbrechung jener Leidenschaft, die, einer besonderen Woll-Lust gleich, viele Menschen in ihrem Bann hat und von der sich niemand so recht lösen kann, der Arbeit?
    Wird dieser Tag nicht als wohl oder übel hingenommene verlängerte Mittagspause zelebriert, in der man sich ausnahmsweise einmal nicht den BSV anschaut, sondern sich der Live-Schaltung zum Käthe-Kollwitz-Platz mit einem Bier in der Hand annimmt?
    Steine sind nicht aus Leder, mögen jene sagen, die der Philosophie noch nicht den Rücken gekehrt haben, aber auch nicht aus mit verständlich formulierten Abmahnungen bedrucktem Papier. Wozu also werden sie durch die Luft geschleudert, um doch nur auf Plexiglas-Schilden und DIN genormtnen Helmen zu landen?
    Nun, verstehe einer die Geschichte, die sich entwickelnden Formen der Kommunikation, die in der Gegenwart zwar laut praktiziert werden, sich der Gegenwartseinsicht aber hinsichtlich des Nutzens gänzlich entziehen.
    Mutig darum , wer aufsteht und es gegen alle Widerstände und Reglements alljährlich wagt, das Glas zu erheben um traditionsgemäß zu brüllen: Schaaaaalke.

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