Stützen der Gesellschaft

stützen der gesellschaft

Bild: George Grosz: „Die Stützen der Gesellschaft“, 1926

Der Wanderpokal „Lautsprecher des Kapitals“ geht heute an David Böcking („studierte Politik und Psychologie“), der auf Spiegel online folgende „volkswirtschafts“- und -tümliche Weisheiten von sich gibt:

Schließlich sind steigende Preise für Verbraucher ein Ärgernis, fallende Preise dagegen zunächst einmal positiv. So profitieren Käufer von Computern seit langem davon, dass sie aufgrund des rasanten technischen Fortschritts regelmäßig mehr für ihr Geld bekommen. Doch dauerhaft fallende Preise können für ein Land zum ernsthaften Problem werden: Unternehmen geraten aufgrund geringerer Einnahmen in die Krise…

Fallende Preise sind also zunächst einmal positiv? Ach?! Für wen? Für Victor Pinchuk? Oder Dmytro Firtash? Das deutsche Proletariat? Für die, die hinter einem Schalter sitzen? Das ist doch – mit Verlaub – Bullshit-Bingo auf Horoskop-Niveau.

Und nun kommen wir zum „rasanten technischen Fortschritt“. Dazu fällt mir folgendes Zitat ganz spontan ein:
Die progressive Tendenz der allgemeinen Profitrate zum Sinken ist also nur ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlicher Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit. Es ist damit nicht gesagt, daß die Profitrate nicht auch aus andren Gründen vorübergehend fallen kann, aber es ist damit aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise als eine selbstverständliche Notwendigkeit bewiesen, daß in ihrem Fortschritt die allgemeine Durchschnittsrate des Mehrwerts sich in einer fallenden allgemeinen Profitrate ausdrücken muß. Da die Masse der angewandten lebendigen Arbeit stets abnimmt im Verhältnis zu der Masse der von ihr in Bewegung gesetzten vergegenständlichten Arbeit, der produktiv konsumierten Produktionsmittel, so muß auch der Teil dieser lebendigen Arbeit, der unbezahlt ist und sich in Mehrwert vergegenständlicht, in einem stets abnehmenden Verhältnis stehn zum Wertumfang des angewandten Gesamtkapitals. Dies Verhältnis der Mehrwertsmasse zum Wert des angewandten Gesamtkapitals bildet aber die Profitrate, die daher beständig fallen muß.

Lieber Kollege, „die Unternehmen“ sind zwar Stützen der Gesellschaft im Groszschen Sinne, aber kein Synonym für „ein Land“, sondern eben eine Lobby mit Partikularinteressen wie jede andere Lobby auch. Es sei denn, man hat volkswirtschaftliche Esoterik studiert und meint, was gut für die Profite des Kapitals ist, sei auch gut für alle. Das ist mitnichten so. Nur Wirtschaftsweise die Stützen der Gesellschaft und einige ihnen nachplappernde Journalisten sehen das so.

Außerdem geraten Unternehmen auch nicht wegen fallender Preise automatisch „in die Krise“. Warum sollten sie?

Remember: Der Wanderpokal “Lautsprecher des Kapitals” geht an Journalisten, die nichts davon beherzigen, die sich die Propaganda der Kapitalisten unkritisch zu eigen machen, die deren Neusprech und und Propaganda-Worthülsen übernehmen, die in Populär-Okonomie dilettieren, ohne jemals ein Buch über den tenzenziellen Fall der Profitrate oder die Theorie des Wert gelesen zu haben. Kurzum: die ihren Beruf nicht nur verfehlt haben, sondern auch noch dummschwätzen und sich als Lobbyist missbrauchen lassen, freiwillig oder aus Dummheit und/oder Ignoranz.

Kommentare

One Kommentar zu “Stützen der Gesellschaft”

  1. ...der Trittbrettschreiber am Februar 26th, 2014 5:31 am

    Dieses Bild, dieser Spiegel. Wo ist es heute zu sehen? Es war lange in der neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen. Als ich das letzte Mal dort war, konnte ich es nicht mehr finden. Das Gebäude, selbst die unveränderte Cafeteria, ranzt in altem verbleichendem Glanz vor sich hin. Von beißender Kunst keine Spur mehr. Vielleicht sind die Stützen schon zerbröselt? Was aber hält dann all das Hier?
    Neue Maler* braucht das Land.

    *im übertragenen Sinne

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