Christian Worch ist ausgestiegen

Der Neonazi Christian Worch ist ausgestiegen. Worch gilt als einer der Drahtzieher des militanten braunen Milieus. Der gelernte Notargehilfe ist seit einem Vierteljahrhundert aktiv. Worch organisierte nicht nur unzählige neonazistische Aufmärsche und andere Aktionen, sondern schrieb in seiner Freizeit Fantasy-Romane. Er definierte sich „bis zu einem gewissen erträglichen Maße liberal“ und „nicht im eigentlichen Sinne als Rassisten.“ In den letzten Jahren litt er unter Ischias und massiven psychosomatisch bedingten Schlafstörungen.

Über Christian Friedrich Worch sind unzählige Artikel geschrieben worden. Seine Online-Kaderakte listet detailliert auf, wo er sich in den letzten Jahren aus welchem Grund herumgetrieben und wem er vermutlich die Hand geschüttelt hat. Worch hat mit Gerhard Schröder etwas gemeinsam: Er ist ist ohne den leiblichen Vater aufgewachsen. Typisch für eine derartige Biografie ist die Hybris, die eigenen Grenzen und Fähigkeiten nicht realistisch einschätzen zu können. Sein Adoptivvater war Truppenarzt bei der Waffen-SS, er wurde verurteilt, weil er dem Kriegsverbrecher Klaus Barbie zur Flucht verholfen hatte. Später brannte dieser Herr, der nach dem Krieg in Hamburg weiter als Arzt praktizierte, mit einer Bildhauerin nach Italien durch. Der kleine Christian war damals sechs Jahre alt. Er wohnte bei seiner Mutter bis zu deren Tod 1990 – in Hamburgs Nobelviertel Pöseldorf. Der spätere Neonazi-Anführer mochte es immer besonders gern, wenn er unbelehrbaren Altnazis und „Vaterfiguren“ der rechten Szene zuhören konnte, wenn die von ihren Kriegsverbrechen schwärmten.

Worch, dem ein Gericht bescheinigte, er sei der Typ des „völlig uneinsichtigen und unbelehrbaren Überzeugungstäters“, ganz bescheiden über sich: „höchstens ein Prozent der Menschheit befindet sich auf meinem intellektuellen Niveau.“ Seine wenigen Stories – wie „Quadratur des Kreises“ und „Weltenwanderer“ – unter den Pseudonymen „Friedrich Könning“ und „Martin Neumann“ sind eher triviale Fantasy. Der Neonazi-Aktivist hat sich als Fan des deutschen Autors Hans Joachim Alpers geoutet, der das Genre „Shadowrun“ auch in Deutschland vertritt.

Worch erklärt sich seine weltanschauliche Verblendung zum Teil durch die Faszination, die die militärischen Erfolge Israels im Yom Kippur-Krieg auslösten. „Denn wie hat der Judenstaat es geschafft, sich mit drei Millionen Menschen gegen hundert Millionen Araber siegreich durchzusetzen?“ Und durch ein paar Mitschüler, die erfolglos versuchten, ihm marxistische Ideen schmackhaft zu machen. Damals habe er über die Macht von Ideen gelernt nachzudenken. Worchs politische Vorstellungen waren seitdem immer relativ vage. Passend zu seiner unrealistischen Selbsteinschätzung redete er meistens von „echter Handlungsfreiheit“ für Deutschland und davon, dass es keine „negativ besetzte Sonderrolle“ mehr spielen solle. Vermutlich meint er mehr sich selbst als sein Land.

Das alles erklärt natürlich gar nichts. Warum jemand wie politisch denkt und welche Probleme der Kindheit er vielleicht damit bewältigt, würde sich nur einem Psychotherapeuten erschliessen. Worch ist wirtschaftlich unabhängig und könnte sich auf eine Insel in der Karibik zurückziehen, wo man ihn nicht kennt und wo er vielleicht seine unglückliche Ehe aufarbeiten könnte. Warum er das nicht schon längst gemacht hat, sondern sich den Stress antat, als prominenter Neonazis ständig festgenommen und sonstwie traktiert zu werden, weiss niemand. Man kann vermuten, dass er sich als typischer Einzelgänger, zu dem er sich auch literarisch stilisierte, dort sein gesellschaftliches Prestige holte, wo das am leichtesten war: bei den braunen „Kameraden“, für die schon ein ordentlicher Hauptsatz eine intellektuelle Leistung ist. Insofern glich sein Verhalten – im psychologischen Sinne – dem Horst Mahlers.

Worch wurde in der letzten Woche kurz vor Mitternacht beobachtet, wie er aus einem Auto ausstieg. Experten vom Verfassungsschutz, die davon in der Zeitung lasen, meinen erkennen zu können, wo sein Motiv für diese Handlung zu suchen ist: Worch sei ausgestiegen – so ein hochrangiger Geheimdienstler -, um in seine Wohnung zu gehen, da er wegen seiner Ischias-Beschwerden ungern im Auto übernachtet.

Zuerst veröffentlicht am 1.4.2003 auf burks.de.

Kommentare

5 Kommentare zu “Christian Worch ist ausgestiegen”

  1. Temnitzbiber am Juli 27th, 2012 8:31 pm

    Worch ist nicht ausgestiegen. Beim Bundeswahlleiter soll sein Antrag zur Zulassung einer neuen Partei „Die Rechte“ gerade in Prüfung sein. Möge diese Partei auch nie unterschätzt werden, falls es sie mal geben sollte. Vielleicht wird die NPD ja doch mal verboten…

  2. admin am Juli 27th, 2012 8:33 pm

    Du solltest den ganzen Beitrag lesen, bis zum Schluss, vor allem das Datum der Erstveröffentlichung nicht vergessen. aber ich habe von der Jugend nichts anderes erwartet: Texte, die länger als ein Tweet oder eine SMS sind, sind einfach zu anspruchsvoll.

  3. dasuxullebt am Juli 29th, 2012 1:49 am

    Das Problem ist nicht „die Jugend“, sondern das Problem sind die Texte. Man bekommt von den Medien ellenlange Texte vorgetischt, deren Informationsgehalt sich meistens in wenigen Sätzen zusammenfassen ließe. Niemand hat Lust, sowas zu lesen. Tweets haben häufiger eine größere Informationsdichte als Zeitungsartikel.

  4. admin am Juli 29th, 2012 11:06 am

    Das stimmt.

  5. Temnitzbiber am Juli 29th, 2012 1:42 pm

    Sorry, habe nur übersehen, dass das von 2003 ist. Und als Jahrgang 58 und Ossi bin ich lange Texte gewöhnt – nur gab es in der DDR kein „Kleingedrucktes“ am Textende, sondern nur Infos zwischen den Zeilen, was sich manchmal nur bei sorgfältigem Lesen anfand. Letzteres zu suchen habe ich hier nur vergessen.

Schreibe einen Kommentar