Terror-Schule Internet und Bombenbauanleitungen reloaded

Vor acht Jahren publizierte ich auf meinem Blog eine Einführung in die Sprengchemie. Ich hatte den Artikel jedoch nicht selbst verfasst, er war ein Zitat aus dem Usenet – aus der Newsgroup de.sci.misc vom 27 März 1995 (!). Der Appendix „Rezepturen diverser Explosivstoffe“ stammte ebenfalls nicht von mir, sondern war aus öffentlich zugänglichen seriösen Quellen wie etwa Wikipedia, Prof. Blumes Bildungsserver für Chemie, dem ICBP (Informationszentrum Chemie Biologie Pharmazie ETH Zürich) und der Website der University of Mississippi zusammengestellt worden.

Wegen der allgegenwärtigen medialen Hysterie, wenn nur das Reizwort „Bombenbauanleitung im Internet“ fällt: Es ging und geht hier nicht darum zu demonstrieren, wie man „Bomben“ baut, sondern um Sprengstoffe.

Die Berichte zahlreicher deutscher Medien zum Thema Bombenbauanleitungen“ sind schlicht Lügenmärchen, deren dubiose Quellen aber schnell enttarnt werden können. Peter Mühlbauer schrieb zum Beispiel am 28.02.2007 in Telepolis: „In zahlreichen Pressemeldungen und Rundfunkberichten zu angeblichen Internet-Gefahren tauchen mittlerweile Bezüge zu der Hamburger Firma [PanAmp] auf. Weingarten spricht in den Panorama-Beiträgen von ‚4000 neuen Bombenbau-Anleitungen‘ jeden Monat im Internet und einer Gesamtzahl von rund 200.000 derartigen Instruktionen im deutschsprachigen, von 600.000 im internationalen Netz. Die Antwort auf die Frage, wie Bombenanleitungen in einer Größenordnung der Einwohnerzahl von Dortmund von einer Szene überwiegend jugendlicher ‚Knall-Köpfe‘ produziert werden können, bleibt Pan-Amp-Chef Weingarten schuldig.“

Kein Wunder – es ist ja auch gelogen. Das hinderte Wolfgang Kohrt in der Berliner Zeitung nicht daran, diesen groben Unfug unkritisch am 13.02.2007 nachzubeten. Wie viele unabhängige Quellen hatte Kohrt befragt? Antwort: Keine – es geht ja um Moraltheologie und nicht um die Realität.

Es würde mich nicht wundern, wenn sich irgendwann ein „Komittee für undeutsche Umtriebe um Internet“ bilden würde – analog zum House Un-American Activities Committee der 30-er Jahre in den USA. Vorformen dazu gibt es ja schon. Wikipedia schreibt zur damaligen öffentlichen Hysterie in den USA: „Von dem Standpunkt vieler konservativer amerikanischer Bürger aus war damals die Unterdrückung von Radikalismus und radikalen Organisationen in den USA ein Kampf gegen ein gefährliches subversives Element, eine von einer fremden Macht kontrollierte fünfte Kolonne. Diese Gefahr für das Land rechtfertigte in deren Augen auch extreme, sogar illegale Methoden. Die Menschen- und Grundrechte der Personen, die während des Konfliktes belangt wurden, weil sie der Spionage verdächtigt wurden, wurden dabei häufig grob verletzt.“

Man muss nur wenige Worte auswechseln, um das zu aktualisieren: Von dem Standpunkt vieler konservativer deutscher Bürger ist die Unterdrückung von Terrorismus und terroristischer Organisationen vor allem in Internet ein Kampf gegen eine von Al Kaida kontrollierte fünfte Kolonne. Diese Gefahr für das Land rechtfertigt in deren Augen auch extreme, sogar illegale Methoden. Die Menschen- und Grundrechte der Personen, die belangt werden, weil sie verdächtigt wurden, „Bombenbauanleitungen“ ins Internet gestellt zu haben, wurden dabei grob verletzt.

Die Medien spielen dabei natürlich mit. Das Hamburger Abendblatt (14.06.2010): „Splitterbombe vermutlich (!) mit Internet-Anleitung gebaut – Sicherheitsexperten warnen vor gefährlichen Websites“. (Quelle: Weingarten, wer sonst). Das Magazin der Süddeutschen Zeitung (17/2010): „Es ist also erschreckend leicht, im Netz ein Bombenrezept zu finden.“ (Quelle: Weingarten, wer sonst). Der stern (18.02.2009): „Eine ganz neue Form von Terroranschlägen mit verheerenden Folgen lässt sich einfach per Internet-Anleitung planen.“ (Quelle: Weingarten, wer sonst).

Der deutsche Journalismus spielt – mit sehr wenigen Ausnahmen – beim Thema „Bombenbauanleitungen im Internet“ eine jämmerliche Rolle; er gibt ein geradezu erbärmliches Bild ab. Ich erkläre dieses Phänomen mit der im Ausland „berühmten“ German Internet Angst. Die Link- und Recherche-Phobie bei allen Themen, die im weiteren Sinn mit dem Internet zusammenhängen, ist eine Art Exorzismus, eine magische Handlung, die das Böse, Unbekannte, nicht Verstandene vertreiben oder besänftigen soll.

By the way: www.burks.de/kawumm.html ist jetzt wieder online.

Kommentare

4 Kommentare zu “Terror-Schule Internet und Bombenbauanleitungen reloaded”

  1. Sven am Oktober 31st, 2010 9:45 pm

    Hallo Burks,
    das ist ein schönes Beispiel vom deutschen Wesen. Es kommt auch darauf an wer etwas schreibt oder sagt. 99% der Menschen haben vergessen was sie in Chemieunterricht gelernt haben deshalb ist das Wort Sprengstoff eine Bombenbauanleitung. Von Herrn Nobel haben sie noch nie etwas gehört auch von dem was er erfunden hat vielleicht.
    10.000 bis 40.000 Menschen sterben jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern an Infektionskrankheiten die sie in der Regel vorher nicht hatten. Warum stört das niemanden?
    Liegt das daran das die Krankenhäuser zu gute Anwälte haben?

    Wenn deine Webseite wieder online ist kommt wohl bald die nächst Anklage.

    Jürgen

  2. admin am November 1st, 2010 12:05 am

    Für dasselbe Thema kann man nicht zwei Mal angeklagt werden.

  3. Sven am November 1st, 2010 12:51 am

    Hallo Burks,
    ich hoffe es ist auch so. Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Zur Zeit benutze ich den Anschluss eines Türkischen Bürgers den man einen islamistischen Glauben andichten könnte. Es wird aber schwer sein weil er schon in Verdacht steht ein Sympathisant der PKK zu sein und dazu auch noch Kurde ist. In der Türkei sind die Buchstaben q, x und w verboten.

    In 10 Minuten gilt der neue Personalausweis. Nichts schlimmes er darf nur nicht kopiert oder als Pfand hinterlegt werden. Beides verboten.

    Mach diese Webseite ab 18. Wie weiß ich auch nicht.

    Jürgen

  4. admin am November 1st, 2010 10:24 am

    Rechts oben unter meinem Bild: „Ihr Jugendschutzblockwart rät: Diese Website ist laut JMStV nur geeignet für Internet-Nutzer ab 25 Jahre“

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