Plausible Abstreitbarkeit

Ein Artikel von mir im Journalistenblatt 2/2026.

plausible Abstreitbarkeit

Reisen wir nach Hongkong, China, Neuseeland oder Russland? Es macht keinen Unterschied, was die Neugier der jeweiligen Sicherheitskräfte angeht. Man muss alle elektronischen Geräte bei der Einreise entsperren und alle Passwörter herausrücken. (vgl. Übersicht unten, Stand April 2026). Das gilt nicht nur für Leute, die Ilhan Omar heißen oder einen Islamistenbart tragen.

Das Konsulat der USA in Hongkong warnt zum Beispiel: Am 23. März 2026 änderte die Regierung von Hongkong die Durchführungsbestimmungen zum National Security Law. Es ist nun strafbar, sich zu weigern, der Hongkonger Polizei Passwörter mitzuteilen oder Entschlüsselungshilfe zu leisten, um Zugriff auf sämtliche persönlichen elektronischen Geräte zu ermöglichen, einschließlich Mobiltelefonen und Laptops. Die Geräte können auch beschlagnahmt werden, sind die Grenzbeamten misstrauisch geworden.

Geschäftsleute und Journalisten, die Daten und Dokumente ungern in falsche Hände sehen wollen, können das Risiko minimieren, indem sie auf einer Auslandsreise ein „leeres“ Laptop mitnehmen und ein Zweithandy benutzen, auf dem nichts Privates zu finden ist, und dann vor Ort alles neu installieren und von der eigenen Cloud herunterladen. Das ist aber unpraktisch und umständlich.

Kategorie Staat Rechtslage Konsequenz bei Verweigerung Besonderheiten
Strafbarer Passwort-Zwang Hongkong Passwortherausgabe gesetzlich erzwingbar Geldstrafe oder Haft möglich Gilt auch bei Transit
Strafbarer Passwort-Zwang China Weitreichende Sicherheitsgesetze Strafverfolgung möglich Besonders streng bei politischen Inhalten
Strafbarer Passwort-Zwang Vereinigtes Königreich Anti-Terror-Gesetze erlauben Passwortforderung Strafbar bei Verweigerung Auch ohne konkreten Verdacht möglich
Strafbarer Passwort-Zwang Neuseeland Zoll darf Entsperrung verlangen Geldstrafe bei Weigerung Gilt speziell bei Einreise
Faktischer Zwang Vereinigte Staaten Geräte dürfen durchsucht werden Einreise kann verweigert werden Besonders bei Nicht-Staatsbürgern
Faktischer Zwang Kanada Grenzbehörden dürfen Geräte prüfen Probleme/Verzögerung möglich Rechtslage im Wandel
Faktischer Zwang Australien Durchsuchung ohne richterlichen Beschluss Verweigerung führt zu Problemen Weitreichende Zollbefugnisse
Faktischer Zwang Russland Sicherheitsbehörden mit umfassenden Befugnissen Einreiseprobleme möglich Praxis teils streng umgesetzt

plausible Abstreitbarkeit

Mit dem Zwang, alle Passwörter herauszugeben, verhält es sich wie mit Zensur jedweder Art: Das trifft nur die Dummen und Faulen, nie die Richtigen. Man kann das alles umgehen, und muss noch nicht einmal IT- oder Kryptografie-Experte sein.

Die Aufgabe ist also nicht nur, Inhalte zu verbergen, sondern auch, das Verbergen zu verbergen.

Das Problem: Es dürfte bekannt sein, dass alles, was man schützen will, in verschlüsselte Verycrypt-Container gehört. Dafür gibt es zahllose und sogar leicht verständliche Tutorials. Aber: Weil es jeder weiß, wird ein Grenzbeamter, der sich auskennt, beim Entsperren eines Laptops diese Container entdecken und dann auffordern, ihm den Inhalt zu zeigen. Die Aufgabe ist also nicht nur, Inhalte zu verbergen, sondern auch, das Verbergen zu verbergen.

Das ist gar nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Das Prinzip nennt man „Plausible Deniability“ (plausible Abstreitbarkeit). Wenn man mit Veracrypt einen „hidden container“ anlegt, hat man einen sichtbaren Container (der wie eine Dateiordner aussieht), indem sich ein weiterer Ordner (Container) verbirgt, der aber unsichtbar ist und auch ein anderes Passwort hat. Wenn man gezwungen wird, das Passwort herauszugeben, gibt man das des äußeren Containers an, der legitime, unkritische Daten enthält – der versteckte Dateiordner bleibt unsichtbar. Das funktioniert mit allem Betriebssystemen und auch externen Speichern wie USB-Sticks.

Das Problem sind natürlich die E-Mail-Programme auf Smartphones und Rechnern. Man könnte sogar gezwungen werden, verschlüsselte E-Mails zu öffnen. Noch schlimmer ist, dass alle Kontakte offen gelegt wären.

Auch dafür gibt es eine Lösung – hier eine Übersicht:

System Anleitung
Windows 1. VeraCrypt installieren.
2. Einen verschlüsselten Container erstellen.
3. Den Container als Laufwerk einbinden, zum Beispiel V:.
4. Das Mailprofil oder die portable Version des Mailprogramms in den Container verschieben.
5. Das Mailprogramm nur starten, wenn der Container eingebunden ist.
6. Nach der Nutzung das Mailprogramm schließen und den Container aushängen.
Ubuntu / Linux 1. VeraCrypt installieren.
2. Einen Container anlegen und mounten, zum Beispiel nach /media/veracrypt1.
3. Das Thunderbird-Profil in diesen Container verschieben.
4. Thunderbird mit dem Profil im Container starten, z. B. mit:
thunderbird -profile /media/veracrypt1/thunderbird-profile
5. Nach dem Arbeiten Thunderbird beenden und den Container wieder aushängen.
macOS 1. VeraCrypt installieren oder alternativ ein verschlüsseltes DMG-Image mit dem Festplattendienstprogramm anlegen.
2. Den Container oder das verschlüsselte Image öffnen.
3. Das Mailprofil in den verschlüsselten Bereich verschieben.
4. Das Mailprogramm nur von dort bzw. mit diesem Profil starten.
5. Nach der Nutzung das Mailprogramm beenden und das Image bzw. den Container schließen.
Hinweis Der Schutz wirkt nur, solange der Container geschlossen ist. Wenn der Container geöffnet und das Mailprogramm aktiv ist, können die Inhalte natürlich gelesen werden. Für mehr Sicherheit sollten außerdem temporäre Dateien, Suchindizes, Ruhezustand und unverschlüsselte Backups beachtet werden.

Bereich Anleitung
Ziel Die lokal gespeicherten E-Mails sollen nicht offen auf dem Smartphone liegen, sondern möglichst in einem verschlüsselten Bereich gespeichert werden.
Benötigte Apps 1. FairEmail als E-Mail-Programm installieren.
2. Zusätzlich eine App für verschlüsselte Container oder Tresore verwenden, zum Beispiel Cryptomator oder EDS.
3. Optional kann ein bereits am Computer erstellter VeraCrypt-Container auf das Smartphone kopiert werden, wenn die verwendete Container-App ihn unterstützt.
Variante mit Cryptomator 1. Cryptomator installieren und einen neuen verschlüsselten Tresor anlegen.
2. Den Tresor mit einem sicheren Passwort öffnen.
3. In FairEmail den lokalen Speicherpfad möglichst auf den geöffneten Tresor legen.
4. FairEmail neu starten und prüfen, ob die lokal gespeicherten Daten im verschlüsselten Bereich landen.
5. Nach der Nutzung den Tresor wieder schließen.
Variante mit VeraCrypt-Container 1. Einen VeraCrypt-Container am PC erstellen.
2. Die Container-Datei auf das Android-Smartphone kopieren.
3. Eine Android-App nutzen, die solche Container öffnen kann, zum Beispiel EDS.
4. Den Container auf dem Smartphone mit Passwort öffnen.
5. In FairEmail den Speicherort der lokalen Daten auf den geöffneten Container setzen, sofern die App und Android-Version das zulassen.
6. Nach der Nutzung FairEmail schließen und den Container wieder sperren.
Wichtige FairEmail-Einstellungen 1. Benachrichtigungsvorschau deaktivieren.
2. Automatisches Laden externer Inhalte deaktivieren.
3. Automatisches Speichern von Anhängen vermeiden.
4. App-Sperre oder Geräte-PIN aktivieren.
5. Wenn möglich, den lokalen Cache klein halten oder regelmäßig leeren.
Wichtige Einschränkungen Android kann trotzdem temporäre Dateien, Caches oder Anhänge außerhalb des Containers anlegen. Außerdem sind E-Mails sichtbar, solange FairEmail geöffnet ist oder der verschlüsselte Bereich eingebunden bleibt. Der Schutz ist also am stärksten, wenn die App geschlossen und der Container oder Tresor wieder gesperrt ist.
Fazit Mit Android und FairEmail ist ein zusätzlicher Schutz durch verschlüsselte Speicherbereiche möglich. Am praktikabelsten ist meist die Kombination aus FairEmail + Cryptomator oder FairEmail + EDS. Ganz ohne Spuren außerhalb des Containers ist Android jedoch schwer vollständig abzuschirmen.

Wer nichts zu verbergen und eine Webcam im Schlafzimmer installiert hat, muss nichts tun.

Gute Reise!

plausible Abstreitbarkeit

Links:

Veracrypt
– Tutorials, wie man hidden container einrichtet, gibt es genug, auch bei Youtube. Wenn man weiß, wie man einen „normalen“ Container einrichtet, dauert das maximal zehn Minuten. Beispiel: Vollständiges Veracrypt Tutorial: Volumes – Hidden Volumes – Systemverschlüsselung.
FairEMail – als Beispiel, eines der sichersten E-Mail-Programme)
Cryptomator
EDS für Android
Disk Deciper für iPhones

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Kommentare

3 Kommentare zu “Plausible Abstreitbarkeit”

  1. bentux am Mai 24th, 2026 2:13 p.m.

    Vera Cript kannste knicken, wenn se dich aufm Kieker haben.
    Forensische Spuren: Moderne Betriebssysteme hinterlassen überall Spuren. Selbst wenn die VeraCrypt-Datei selbst „sauber“ ist, können die forensischen Tools eines Grenzbeamten das Hauptbetriebssystem Ihres Computers nach Verknüpfungen, Listen „zuletzt verwendeter Dateien“, Registry-Einträgen oder temporären Caches durchsuchen, die belegen, dass Sie auf Dateien innerhalb des versteckten Volumes zugegriffen haben. Das „Rubber-Hose“-Problem: Grenzbeamte wissen, wie VeraCrypt funktioniert (S. 3). Wenn sie einen 100 GB großen verschlüsselten Container sehen, der lediglich 2 GB an belanglosen, als Köder dienenden Reisedaten enthält, werden sie die Existenz eines versteckten Volumes vermuten. Unter strengen Gesetzen kann bereits der bloße Verdacht, Daten vorzuenthalten, zur Inhaftierung oder zur Beschlagnahmung von Geräten führen.
    Also nur leere Geräte transportieren außer die Schlüssel die Du brauchst. Downloade alles was Du brauchst am Ziel. Wenn Sie wild auf Urlaubsfotos sind…. Ansonsten, wieder I-Net ist dein Freund. Hochladen in deinen Storage und ab in den Müll mit den Daten.

    <8*) Der Aluhut meint, es scheint der Terrorismus hat gewonnen, wenn Wir uns nun Alle als Terroristen fühlen dürfen, nur weil man mal fliegen will.

  2. Die Anmerkung am Mai 25th, 2026 12:37 p.m.

    Fürderhin wird private spaces in AOSP integriert und alsbald in Android Telefonen auftauchen.

    Da sind dann hidden container im Betriebssystem integriert.

    Soviel Zeit haben Grenzbeamte dann auch nicht, sich mit jeder Nase einzeln zu beschäftigen.

    Für Paranoide ist ein leeres Handy immer noch die beste Option. Einen hidden Container vorbereiten und im Internet irgendwo hinterlegen. Evtl. an zwei verschidenen Host-Destinationen.

    Am Urlaubsort dann Container und Veracrypt downloaden. Das Paßwort hat man ja im Kopf oder aber auf einem Zettel notiert in der Geldbörse.

    Ich habe das voriges Jahr für einen guten Freund erledigt, der unbedingt 14 Tage nach Moskau wollte. Hat am Schluß nicht funktioniert, bzw. nur insofern, daß er whatsup zum Laufen bekam. Da hat er all die Daten gepostet und ich ahbe dann die entzsprechenden Reiseberichte geschrieben und publiziert.

    Man sollte sich innerlich also auch darauf vorbereiten, zwei Wochen mal nur Urlaub zu machen. So, wie es früher einmal war. Funktioniert auch heute noch und ist richtig gut.

  3. nOby am Mai 26th, 2026 4:27 p.m.

    Burks, betrifft Schrift auf gelbem Hintergrund.

    Dafür gibt es den html tag mark. Der macht genau das.

    mark mark mark …

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