Gott sei Dank
Irgendjemand schrieb in irgendwelchen sozialen Medien: „Welche Bücher (maximal 10) haben euch in eurem Leben maßgeblich beeinflusst?“
Interessante Frage. Es geht also nicht darum, ob ein Buch gut ist, sondern wie und warum es einen maßgeblich beeinflusst hat. Das ist zugleich eine Reise zurück in der eigenen Biografie.
Bei mir ist das erste Buch klar: Die Bibel, nicht ganz freiwillig fast auswendig gelernt und mindestens ein Dutzend Jahre meines Lebens täglich ausführlich studiert. Ich habe ein paar Ausgaben, darunter ein Faksimile der Originalausgabe Luthers von 1525 – weil die Verehrer höherer Wesen sich selbstredend nicht einig sind, was genau dazugehört. Bei den Evangelen sind die vier Makkabäer-Bücher apokryph, das heißt nicht „würdig“ genug, um bei Ritualen zitiert zu werden; in der jüdischen Tora, von der alle abgeschrieben haben, fehlen sie ganz. Flavius Josephus kannte sie aber.
Auch hier: Die Wirkungsgeschichte kann nicht überschätzt werden (ist es so richtig?). „Wie das Schlusswort von Theodor Herzls Programmschrift Der Judenstaat verdeutlicht, war die zionistische Bewegung seit ihren Anfängen mit der Erinnerung an den Unabhängigkeitskampf der Makkabäerbrüder verbunden.“
Ich war noch Schüler, 15 oder 16 Jahre alt, und wollte mehr über die Welt wissen, mehr als in der Bibel zu finden war. Meine Eltern wussten nichts, alle redeten unentwegt nur über Religion. Also blieb mir nur die Flucht in das Lesen. Aber was? In Unna gab es nur eine Buchhandlung, und ich hatte nur mein kärgliches Taschengeld.
Zufällig fiel mir dort Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933) in die Finger, ein Werk, das heute niemand mehr suchen oder ausstellen würde. Reich ist am Ende seines Lebens in seine ganz eigene Welt abgedriftet, aber das wusste ich noch nicht. Das Buch war der erste Sargnagel, wenn nicht gar der Auslöser dafür, dass ich dem Glauben an Götter und heilige Bücher entkommen konnte. Ich erkannte so viele „faschistische“ Strukturen, die Reich beschreibt, in meiner eigenen Sekte wieder – es gab nach der Lektüre irgendwie kein Zurück mehr. Aber ich konnte natürlich mit niemandem darüber diskutieren.
Danach verschlang ich alles, was so ähnlich zu sein schien, Freud, Jung, Psychologie eben. Ich wollte sogar Psychologie studieren, aber der Numerus Clausus ließ es damals nicht zu. Mein Glück, denn sonst wäre ich statt nach Münster und Berlin nach Heidelberg gegangen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre….
Irgendwann – noch vor dem Abitur – schenkte mir meine Mutter, ohne es selbst gelesen zu haben, von Leon Uris Exodus. Auch das Pflichtlektüre für alle, die über Israel meinen das Maul öffnen zu müssen. Seitdem hat sich meine Meinung über Israel und die Juden nicht geändert-
Im ersten Semester in Münster Anfang der 70-er Jahre wurde eine Arbeitsgruppe über Ludwig Feuerbach und Marx angeboten, organisiert von einer der maoistischen Sekten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass man erst um 20 Uhr begann, wenn die regulären Veranstaltungen vorbei waren, und dass wir manchmal noch kurz vor Mitternacht herumdebattierten, eine Motivation, die sich heutige Studenten vermutlich gar nicht vorstellen können.
Ludwig Feuerbach (1841): Das Wesen des Christentums machte der Verehrung höherer Wesen vollends den Garaus. Wer nicht gleich mit Marxens Thesen über Feuerbach anfangen will, kann Feuerbach heute immer noch lesen: Was er sagt, obzwar ein wenig schwurbelig formuliert, gilt für alle Religionen gleichermaßen und gehört zum auf burks.de vom Publikum eingeforderten Bildungskanon.
Apropos: maßgeblich. Vergleichbar ist – für die 70-er Jahre nur Altvaters Marxens: Das Kapital (1867ff.), alle drei Bände.
Danach kam eine Weile nichts mit maßgeblich, Bücher, die meine Meinung in eine andere Richtung lenkten. Rian Malan: Mein Verräterherz sollte ich erwähnen. Das ist nicht nur ein unglaublich spannend und manchmal haarsträubend, sondern haut einem manchmal um. Die Geschichte über den „Hammermörder“ prägt bis heute meine Ansichten, wenn es um Kriminalität von Einwanderern überall auf der Welt geht. Es könnte es immer noch ein Mal im Jahr lesen, und es wäre nicht langweilig.
Meine Lieblingsbücher habe ich schon 2010 erwähnt: Neben Malan Elias Canetti: Masse und Macht, Robert Ranke-Graves: Die weiße Göttin, Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Umberto Eco: Der Name der Rose. Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter, Hertha von Dechend: Die Mühle des Hamlet. Richard Powers: Der Klang der Zeit, Cruz Smith: Eine Nacht in Havanna, Jack London: Wolfsblut, Jurek Becker: Amanda Herzlos, Stefan Heym: Nachruf, Salman Rushdie: Die Satanischen Verse.
Lieblingszitat:
„Und ich dank‘ es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen. (Lichtenberg)“
Kommentare
15 Kommentare zu “Gott sei Dank”
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Wie, nichts von John Norman?
Burks, hättest Du Ansprüche an mich zu stellen, dann bin ich spätesten heute die absolute Enttäuschung für Dich. Ich habe keines der von Dir genannten Bücher gelesen. Von einigen höre ich heute zum ersten Mal. Es wird noch schlimmer. Von dem Blatt mit den schriftlichen Aufzeichnungen kann ich fast kein Wort entziffern. Manches sieht aus wie Steno, aber das kannst Du nicht. Ich schon. Meine Handschrift wurde übrigens oft prämiert. Das ist schon lange her und die mich prämierten sind vermutlich alle gestorben.
Bleib mir trotzdem gewogen. Solange Du nicht versuchst im begnadeten Stil des Selbstverliebten selbstverliebt zu schreiben, ich denke das kannst Du, so lange bleibe ich Dir gewogen.
In diesem Sinne, gute Nacht, wherever you are.
Mein Lieblingszitat stammt von Neo aus dem Film The Matrix Reloaded, der sagt “Choice. The problem is choice.” Das muß jetzt keiner verstehen. Es reicht wenn es Frau nOby versteht.
wenn man Bücher braucht, um sich „maßgeblich beeinflussen“ zu lassen, läuft schon irgendwas grundsätzlich verkehrt…
Ich sagte nicht, dass die Bücher für andere auch wichtig sind.
Wo Du Oskar Maria Graf erwähnst – sein Buch „unruhe um einen friedfertigen“ zählt für mich zum Kanon.
Guter Punkt. Inspiration und Blickwinkel. Das Leben, wichtigstes Buch von allen, eigene Erfahrung, jede Seite die man Umblättert, kommt nicht wieder zurück. Man weiß nicht wann das Ende kommt. Hesse (Steppenwolf, Glasperlenspie), Leon Uris (War interessant, gut um drüber Nachzudenken), Trainspotting (ohne Heroin, Ich mag den Anfang. Ok, kein Buch aber alleine die Aussage kann man zum Lebensmotto machen.) Marx (Verschwendung von Zeit und nicht Praktikabel, mein Standpunkt), rodnay zaks war wichtiger. :-) Disc World (inspiration), C. J. Cherryh (S.F. und Gesellschaft). Plus Leben, testen ob die Aussagen zutreffen, ohne sich Umzubringen.
Ach ja diese ganzen deutschen, griechischen Philosphen, harter Kram aber die hatten noch Grütze im Hirn. Es muss nicht stimmen, regt aber die Birne an.
<8*) Bibel? Habe Ich in der ersten Klasse schon zerlegt. Eine Frage reichte.
„Wer weiß, was aus mir geworden wäre….“
… wahrscheinlich heute — emeritierter Professor.
Sorry, Jens
Lauter Drei-Groschen-Romane von seichtem Gemüt.das paßt zu dir.
So sehe ich das auch.
Trainspotting ist wirklich gut, aber das Thema ist weit weg von mir.
Ja, ich finde „Das Leben meiner Mutter“ sogar noch besser, aber Graf hat meine Meinung nicht geändert.
Trainspotting ist wie Idiocratie, muss man nicht an einem Stück schauen. Aus unterschiedlichen Gründen. Es scheint die Grenzen ausloten zu wollen. Ist halt Kunst.
das olle Burks quasi Gott durch Marx ersetzt hat,
bleibt die Frage wo Marx sich irrte:
KI:
Marx ging davon aus, dass die kapitalistische Entwicklung alle Lebensbereiche durchdringt, die Arbeit verelendet, das Proletariat zur Klasse formt und dieses durch den Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung und Eigentumsverhältnissen zur Revolution gezwungen wird. Das historische Scheitern dieser Vorhersage ist nicht nur ein empirisches, sondern ein theoretisches Problem.
Das klassische Industrieproletariat wird marginalisiert und durch Technologie ersetzt. Was daraus für die Möglichkeit einer sozialistischen Transformation folgt, lässt sich in vier Thesen fassen:
1. Industrialisierung aller Lebensbereiche – erfüllte Prophezeiung, aber mit umgekehrten Vorzeichen
Marx hat die Tendenz zur Generalisierung der kapitalistischen Form richtig gesehen: Bildung, Gesundheit, soziale Beziehungen, sogar die Psyche werden heute als Ware produziert und verwertet. Doch statt dass diese Durchdringung die Widersprüche verschärft und die Klasse formt, führt sie zu Fragmentierung, Prekarisierung und einer Spaltung der Arbeiterschaft in ein hochqualifiziertes, sicheres Segment und eine Masse prekärer, austauschbarer Arbeitskräfte. Die „Vergesellschaftung der Produktion“ (Marx) findet statt, aber nicht in Form großer Fabriken, sondern in digitalen Plattformen und globalen Wertschöpfungsketten. Die Arbeiter sind nicht mehr kollektiv versammelt, sondern isoliert, algorithmisch gesteuert, konkurrierend.
2. Das Verschwinden des revolutionären Subjekts
Das Proletariat als revolutionäre Klasse setzte bei Marx eine objektive Position im Produktionsprozess voraus: Ausbeutung, Verelendung, kollektive Arbeitserfahrung, Organisationsfähigkeit. Diese Position existiert heute nur noch in Resten. Die Mehrheit der Erwerbstätigen arbeitet im Dienstleistungssektor, in prekären Verhältnissen, im Homeoffice, in befristeten Projekten. KI ersetzt nicht nur manuelle, sondern zunehmend auch kognitive Arbeit. Die Arbeiterklasse im Marxschen Sinn – eine große, homogene, konzentrierte Gruppe, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess zur Klassenbildung gezwungen wird – gibt es in den Kernländern nicht mehr. Sie existiert als Fragment, als Prekariat, als „Multitude“ (Negri), ohne die von Marx vorausgesetzte kollektive Handlungsfähigkeit.
3. Revolte ohne Revolution
Die Unterscheidung zwischen Revolte und Revolution ist entscheidend. Revolten gibt es viele: Gelbwesten, Gilets jaunes, Black Lives Matter, die Proteste gegen Sparpolitik, die Klimabewegung. Sie sind Ausdruck von Verzweiflung, Wut, existenzieller Bedrohung. Sie können Regierungen stürzen, aber sie schaffen keine neue Gesellschaftsordnung. Ihnen fehlt die organisatorische Kontinuität, die strategische Perspektive, die Fähigkeit, die Produktionsverhältnisse zu transformieren. Marx setzte auf eine Klasse, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess sowohl die Macht hat, die Produktion lahmzulegen, als auch ein Interesse an ihrer Überwindung. Diese Klasse gibt es in der alten Form nicht mehr. Die neuen Subjekte der Revolte – Prekäre, Migranten, Studierende, Umweltaktivisten – haben diese strukturelle Macht nicht.
4. Konsequenzen für eine Theorie der Transformation
Wenn das revolutionäre Subjekt verschwindet, bleiben zwei Wege:
Katastrophismus: Die Krise des Kapitalismus führt nicht zur Revolution, sondern zum Zerfall, zu autoritären Lösungen, zu ökologischem Kollaps. Die „große Verelendung“ findet statt, aber sie produziert nicht das klassenbewusste Proletariat, sondern verzweifelte, rechte, nationalistische Bewegungen. Das ist die gegenwärtige Tendenz.
Transformation ohne Subjekt: Einige Denker (wie Jürgen Habermas, Nancy Fraser, aber auch Teile der Postoperaismus) setzen nicht mehr auf eine Klasse, sondern auf allianzpolitische Bündnisse zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen, auf eine Transformation „von unten“ durch zivilgesellschaftliche Kräfte, auf eine Politik der Demokratisierung jenseits der Produktionssphäre. Das Problem: Solche Bündnisse haben bisher nicht die Kraft gezeigt, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden.
Was bleibt von Marx?
Marx‘ Revolutionstheorie war an ein spezifisches historisches Subjekt gebunden, das es heute nicht mehr gibt. Aber seine Kritik der politischen Ökonomie bleibt aktuell. Sie erklärt, warum soziale Ungleichheit wächst, warum die Demokratie ausgehöhlt wird, warum der Kapitalismus auch in der Krise nicht zusammenbricht. Was sich geändert hat, ist der Mechanismus der Stabilisierung: Nicht mehr das Versprechen des Wohlstands für alle (Fordismus), sondern die Spaltung der Arbeiterschaft, die Integration von Teilen der Arbeiterklasse in die kapitalistische Verwertung (durch Aktienbesitz, Immobilien, Bildungsprivilegien) und die Produktion von Unsicherheit als Disziplinierungsmittel.
Die marxsche Vorhersage einer sozialistischen Revolution hat sich nicht erfüllt. Aber die Frage, wie eine Transformation jenseits des Kapitalismus möglich sein könnte, ist damit nicht obsolet. Sie stellt sich nur unter anderen Bedingungen: ohne einheitliches Subjekt, ohne Automatismus, ohne geschichtsphilosophische Gewissheit.
HAUSAUFGABE für Burks:
Finde eine Lösung!
„zur Revolution gezwungen wird“ – das ist doch Bullshit. Also die KI hat keine Ahnung von Marx.
Weiche nicht ständig aus.