Faszinierend böse

gomorrha

Gomorrah

Warum und zu welchem Ende schauen wir Gangsterfilme? Ich hätte schwören können, dass ich hier schon etwas über Gomorrah geschrieben habe, aber offenbar nicht. (Es existieren mehrere Schreibweisen – ich bevorzuge natürlich die biblische Version.)

Ich schaue mittlerweile die fünfte und letzte Staffel auf Netflix. So einen Serienmarathon halte ich nur durch, wenn derselbe wirklich unterhaltsam ist, wie etwa bei Bosch (für mich die beste Krimi-Serie aller Zeiten), dem Kostüm- und Frauenfilm Outlander, House of Cards (Machiavelli lässt grüßen!) oder Fauda (leider keine Staffel mehr und ein Cliffhänger zum Schluss).

Zur Serie Gomorra ist das Übliche schon gesagt und geschrieben worden, zum Beispiel kulturpessimistisch von der Süddeutschen oder von der Welt. Aber was genau will uns der Künstler eigentlich sagen?

Bei den Gangstern (Camorra, Neapel) haben wir drei Sorten: Die Protagonisten Salvatore Esposito als Gennaro „Genny“ Savastano und Marco D’Amore als Ciro Di Marzio (nein, ich schaue die natürlich OMU!); bei den Frauen hält Ivana Lotito als Azzurra Avitabile die meisten Staffeln durch. Alle anderen – etwa die Frau di Marzios und die bezaubernde Cristiana Dell’Anna (leider kein Single) als „Patrizia Santore“ – überleben nicht lange.

Die zweite Garnitur besteht aus Personen, die irgendwie Handlanger der Helden sind, fast immer Männer, die nur eine Staffel überleben. Man denkt immer an Foucault. Und die dritte Garnitur – alles pöhse Drogendealer – wird massenweise niedergemäht; irgendwann hört man auch auf, die Toten zu zählen und nimmt die Kerle als bloße Deko. Sie haben alle ähnliche Frisuren und ähnliches dümmliches Macho-Gehabe, sehen aber besser aus als das einheimische arabische Pack. Italiener halt.

Das zentrale Thema ist „Loyalität“, hier zum jeweiligen Warlord. Das wird im Kapitalismus natürlich schwierig: Wenn es keine ökonomischen Zwänge gibt, dann macht jeder, was er will, wechselt die Fronten jederzeit und folgt dem Meistbietenden. Niemand traut niemandem. (Im Feudalismus ist das genauso kompliziert, aber anders.) Was wäre ein Gegenentwurf? [Science-Fiction-Modus ein] Eine Gesellschaft, wie groß auch immer und mit flachen Hierarchien, die solidarisch ist, weil alle eingesehen haben, dass man kooperieren sollte – also das Erfolgskonzept der Evolution (die nicht sozialdarwinistisch ist).

Man guckt natürlich Gangsterfilme, weil die dort alle Regeln – meist ungestraft – übertreten dürfen, die der Normalsterbliche einhalten muss. (Ich weiß nicht, ob Gangster Gangsterfilme gucken? Warum sollte ich mir selbst zuschauen?) Ein Gangsterfilm ist einen reaktionäre Allegorie auf den Kapitalismus, weil dort je ein Kapitalist viele totschlägt, aber nicht im wörtlichen Sinn; nur dass hier die „kleinen Männer Leute“, die hoffen, irgendwann groß rauszukommen, sich gegenseitig massakrieren. Der Abschaum schließt sich nicht zusammen, um denen da oben auf die Pelle zu rücken, sondern kämpft gegen Seinesgleichen. Jedes Fußballspiel ist progressiver.

Faszinierend finde ich eher Figuren wie Ivana Lotito, die es als Ehefrau des Gangsterbosses sogar wagt, sich dem entgegenzustellen, obwohl jeder Mann erschossen werden würde, der widerspräche. Das ist gar nicht das italienische Klischee der dominierenden „Mamma“. Die (für meinen Geschmack) umwerfend gut aussehende Lotito spielt sehr zurückhaltend, mit sparsamer Mimik, aber starker Präsenz, die vermittelt, dass sie sich eher umbringen lassen würde als nachzugeben.

Letztlich schimmert aber eine tiefere und zweite Ebene durch, die aber weniger dem Film geschuldet ist als der literarischen Vorlage: Es geht hier nicht um den albernen Textbaustein „toxische Männlichkeit“, sondern darum, zu zeigen, dass die Frauen, wie auch in Bollywood, die „Moral“ aka Regeln verkörpern und die Männer, wenn die schwächeln, wieder aufhetzen. In der letzten Staffel geschieht das gleich doppelt: Azzurra, die die Rolle der Ehefrau im Bett nicht mehr spielt und die aus dem Milieu flüchten will, lässt Gennaro schwören, den umzubringen – in ihrem Beisein -, der sich an ihrem Sohn vergriffen hat. Und die Witwe eines anderen Gangsterbosses, die Geld und Leute für „den Unsterblichen“ bereitstellt, will Rache so bald wie möglich, auch wenn das „militärisch“ gar nicht sinnvoll wäre.

Das Grundmotiv existiert auch schon ein paar tausend Jahre – ich denke da an meine mündliche Prüfung in Altgermanistik. Wer bringt wen warum um – und muss das sein?

shanty town

ShantyTown

Eine uneingeschränkte Empfehlung, nicht weil der Gangsterfilm, der in der Unterwelt von Lagos, Nigeria, spielt, so ausnehmend gut wäre, sondern weil die Schauspieler ganz anders sind, als man es kennt, weil das Ambiente total exotisch und für uns unbekannt ist, und weil zwischendurch immer wieder Dinge und Taten auftauchen, die man eher in die Kategorie Mystery eintüten würde – aber man ahnt, dass das afrikanische Publikum das ganz anders sieht, weil es genau weiß, worum es geht und worauf das anspielt.

Was ich noch nie so gesehen habe, sind diese starken Frauenfiguren – obwohl deren Rolle im Film fast immer die des Opfers ist. „Prostituierte möchten dem Klammergriff eines berüchtigten Zuhälters entkommen. Doch politische Korruption und Blutsbande machen die Freiheit zu einem“ bla bla. Nein, das wäre nicht neu. Dazu brauchte man nicht Afrika bzw. Nigeria. Aber Afrikanerinnen aus Lagos sind eben anders als Afrodeutsch%_*Innen im „Tatort“.

Die Namen sollte man sich merken und Filme anschauen, in denen sie mitspielen: Nse Ikpe-Etim und vor allem Ini Edo, die in Shanty Town hässlich und kurzhaarig aussieht, aber absolut großartig aufspielt. Ich musste mich erst an sie gewöhnen, aber irgendwann ging der Daumen hoch. (Es gibt da einen unschönen finanziellen Streit hinter den Kulissen.)

To effectively portray my role, I visited some brothels to ask questions, interact with the commercial sex workers and get a feel of what goes down there. When you see the way that they’re being brutalised, the way that they’re being treated, you will begin to wonder like, so why are you here if you receive such treatments from this man? And you best understand that most of them don’t have a choice, most can’t leave because their lives have been threatened or their families have been threatened.

Und die Sprache! (Wehe, den schaut jemand synchronisiert! Es geht ganz gut mit englischen Untertiteln.) Das ist eine Art Englisch oder Pidgin oder Slang, das man aber kaum versteht, und manchmal Yoruba und vielleicht noch etwas anderes – die haben in Nigeria reichliche Auswahl, was Sprachen angeht. Der Klang ist im Sinne des Wortes unerhört, es sei denn, man geht jeden Tag im Görli spazieren. [By the way: Es gibt gute Bücher aus Nigeria und gutes nigerianisches Essen in Deutschland.]

Die Serie hat auch schwache Stellen: Die Schlägereien, vor allem im Finale, werden viel zu lange gedehnt und ausgewalzt, als wollte der Regisseur Hollywood zeigen, dass Afrika es auch kann. Die wenigen „Mystery“-Szenen werden nicht erklärt, etwa dass jemand kugelfest zu sein scheint oder dass „Verhexung“ manchmal wirkt – aber vermutlich darf man das nicht europäisch sehen, und es spielt auch keine Rolle.

Dennoch: Ich kenne keinen anderen afrikanischen Gangsterfilm, der es in den Netflix-Mainstream geschafft hat.

marcella

Marcella

Die britische Krimi-Serie Marcella wollte ich gar nicht empfehlen, aber merkwürdigerweise schaue ich sie immer noch, vielleicht, weil alle anderen Vorschläge, die mir die Streaming-Algorithmen in die Timeline spülen, unannehmbar sind. Britische Krimis haben einen Ruf zu verlieren und zeigen weniger Verfolgungsjagden mit Autos sind meistens besser und tiefgründiger als die aus den USA. Ich bin auch befangen, weil ich die Hauptdarstellerin Anna Friel als „Marcella Backland“ im Film (nur dort) unattraktiv finde, sogar nicht ausstehen kann.

Von einem Krimi erwarte ich, dass es um Mord geht und wie der aufgeklärt wird, und dass das schwierig ist. So einfach. Ich erwarte kein Psychodrama um das Sorgerecht für das Kind der Hauptdarstellerin oder dass diese offenbar eine Vollmeise hat schwer psychisch daneben ist und vollgestopft mit Traumata, die sich offenbar mit Hypnose behandeln lassen. Ich will auch nicht psychotherapeutischen Gesprächen zuhören, damit die Hauptdarstellerin wieder Mordfälle lösen kann. Es wirkt total unglaubwürdig, wenn eine Frau heult und herumstammelt und ausrastet und danach wieder ganz normal im Polizeidienst ist.

Dazu kommt die gewohnte Computer-Zauberei: Jemand „hackt“ sich den Laptop der Kommissarin und sieht und hört alles mit. Wir sind hier nicht bei der taz, sondern bei der Kripo. Fehlt nur noch eine „Online-Durchsuchung.“

Die Serie ist total überfrachtet mit Psycho-Krempel und „Beziehungs“-Dramen, als befürchtete der Drehbuch-Autor, Mord allein – ganz old school – würde die Rezipienten langweilen. Es nervt. Man muss sich schon entscheiden zwischen Kriminalfilm und Psychodrama – nicht umsonst sind das auch bei den Streaming-Diensten zwei unterschiedliche Kategorien.

Das hat mich schon bei Homeland („Psychothriller“) aufgeregt, obwohl ich dessen „Islamfeindlichkeit“ mag: Ist es wirklich realistisch, dass die Agentin eine Geheimdienstes eine bipolare Störung hat? So etwas würde ich doch nicht einstellen. (Die Israelis kriegen so etwas aber hin.)

Zur Zeit gucke ich zum Einschlafen American Primeval, so solide und gut wie der Highland Park, den ich dazu trinke. Das ehemalige Nachrichtenmagazin ist gar nicht begeistert: Es „schreibt, dass American Primeval den Wilden Westen aussehen lässt „wie die Hölle auf Erden“, der „jede Menschlichkeit abhandengekommen ist“. Also ein realistischer Western, den man eigentlich aus Jugendschutzgründen in Deutschland gar nicht zeigen dürfte. Ich finde ihn großartig. Und ich habe Neues erfahren, zum Beispiel etwas über das Mountain-Meadows-Massaker. Pöhse Mormomen? Da denkt man doch gleich an Harry Melton.

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Kommentare

6 Kommentare zu “Faszinierend böse”

  1. Juri Nello am Januar 17th, 2025 12:05 p.m.

    Dann schaue Dir mal die bulgarische Serie Undercover an. Die ist zwar schon älter, aber steckt den ganzen Amikram locker in die Tasche.

  2. nOby am Januar 17th, 2025 1:12 p.m.

    Hallo Burks,

    stammt das dort genannte Marxisten freundliche Schreiben an den Blogger Danisch von Dir? Wenn ja, dann hast Du ihn schwer getroffen. Achtung sehr langer Text.

    Ein Zitat des Bloggers fefe

    »
    Scheiße, wenn man mit „KI“ besser Blockwart spielen oder denunzieren kann, dann ist der Durchbruch in Deutschland fürchte ich nicht mehr aufzuhalten. Quelle
    «

    Damit komme ich zu Gangstern und zu jenen die glauben sie wären keine.

    Sind das fake news? Wenn ja, dann wäre das die Referenz. So was habe ich noch nie gesehen, selbst zu Zeiten eines Helmut Kohl gab es das nicht. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern.

    „Sie [Weidel im x-space bei Musk] war ja hinreichend servil und unbeholfen. Musk weiß nichts von der AfD, aber er hat mitbekommen: Die Partei, die das System hier in Deutschland attackiert, das ist die AfD. Und die Partei unterstützt er, und sie müssen auch nach seiner Pfeife tanzen. […] Das sind also seine Instrumente, die nützlichen Idioten zur Verwirklichung seiner Menschheitsidee, die nicht demokratisch ist und die Regeln hasst.“ (CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen (CDU), 16.01.2025, bei Illner)

    Norbert war mal der Mann des Dialogs, ja, bis die Russen über die Ukrainer kamen. Seitdem will er Blut sehen.

    Wahnsinn Burks. Voller Wahnsinn. Du machst 12 Stunden Schichten und gehst danach zum Rote Kreuz Kursus und 2 Stunden später in die nächste 12 Stunden Schicht. Zwischendurch tippst Du gigantisch lange Texte für Dein Blog, die mutmasslich, maximal, womöglich höchsten 2 Leserinnen oder Leser lesen. Das ist völliger Wahnsinn. Du wärst auf einem Planeten mit 48 Stunden am Tag besser aufgehoben. Überhaupt Dein Antrieb das zu machen, woher kommt das? Ich könnte das nicht. Niemals. :)

  3. nOby am Januar 17th, 2025 1:20 p.m.

    … und zwischendurch schaust Du Filme. Wären das Clips von 2 oder 3 Minuten Spielzeit, dann würde ich sagen OK. Aber die dauern Stunden. Wann machst Du das alles? Wie gesagt ich könnte das nicht selbst wenn ich die Motivation hätte. Ich habe einfach nicht die Zeit. Du hast die aber – offensichtlich. Das ist Wahnsinn! :)

  4. admin am Januar 17th, 2025 3:48 p.m.

    Nein, ich lese dort nicht.

  5. ... der trittbrettschreiber am Januar 17th, 2025 4:21 p.m.

    :)… und Du, lieber resilienzerprobter Burks, schaltest zwischendurch auch noch all die weisen Kommentare Deiner ehemals geneigten, heute eher gebueckten Leserschaft frei – und gibst auch noch Antworten, selbst wenn so manch ein oder mehrere Kommentare(ausser jenen, die aus der Tiefe kommen, aehaem, schnaeuz) irgendwie hollerdifittitralla zu sein scheinen.

    PS:… und Du wehrst Dich nicht unbedingt vehement gegen den neuen Trend des Schleimens, nicht des Jammerns, auf hohem Niveau hier in diesem (unserem)Blog…hx!

    PS: Aber verdammt verdient hast Du ihn allemal, den Kotau der Herzen.

  6. Godwin am Januar 17th, 2025 5:02 p.m.

    persönlich würde mich ein deutsch synchronisierte Fassung von „Capo dei Capi“ freuen

    Die Sopranos galten ja damals als wegweisen für eine neue Art serien zu machen.
    Habe ich bisher aber immer noch nicht gesehen…

    in den 200er Jahren waren Hooligans-Filme „in“, obwohl, oder gerade weil das Real-Life-Phänomen inzwischen „out“ war.

    Zombie-Filme erlebten ebenfalls ein Comeback. Ähnlich den originalen zunächst als Form von Kritik an der Konsumgesellschaft – dann aber nur noch als Gegenteil davon – als massen-konsumierbarer Popkultur.

    Bei Gangster-Serien erscheint mir das ähnlich.

    Die „alte“ Mafia ist verschwunden, aber filme wie
    „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (2008)“ wohl so erfolgsversprechend, dass man halt eine Serie draus macht.

    Das lenkte von mafiös geführter Politik ab:
    ein verurteilter Straftäter bekommt keine Strafe, weil er zum Präsident gewählt wurde
    ein noch nicht im Amt befindlicher Präsident in spe lenkt schon politische Geschicke
    ein chinesische App soll mittels Gesetz verboten werden, scheint nun aber so wichtig, dass die Verbieter das eigene Verbot verhindern wollen
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    Die Realität ist doch inzwischen so abgefuckt, dass hätten sich die zugekokstesten aller Drehbuchschreiber gar nicht ausdenken können…

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