Einpreisende Börsen und bürgerliche Freiheiten

handelsblatt

Das Handelsblatt, Teil der medialen Orchestrierung des Willens der herrschenden Klasse (gefühlt), räsonniert über Hongkong, Trump und die Ökonomie: Hongkong ist bekanntlich Teil der Volksrepublik China. Punkt.

By the way: Ich finde es immer recht lächerlich, wenn die Medien zwei Themen, die nichts miteinander zu tun haben, in eine Überschrift pappen, als wäre im Internet kein Platz, um das gesondert zu behandeln. Hier verschleiert es das Wichtige (it’s the economy) mit dem Unwichtigen (Gesundheit und son Kram).

Zur WHO lese ich:
Ein Problem sehen Kritiker in der Finanzierung. 2014 berichtete Frontal21, dass vom Jahresbudget der WHO von etwa 4 Mrd. US-Dollar allein etwa 3 Mrd. US-Dollar freiwillige Beiträge sind, darunter auch größere Spenden von Unternehmen, insbesondere aus der Pharmabranche. Laut dem Bericht kritisiert Transparency International die viel zu geringen Pflichtbeiträge der Staaten an die WHO. Dadurch sei ab 2001 die WHO in die Arme der Industrie getrieben worden. Ähnliche Kritik kommt laut dem Bericht von Medico international, welche meint, dass die WHO unterfinanziert sei, um auf eine Krise wie Ebola angemessen reagieren zu können. Die WHO sei mehr und mehr auf Gelder aus der Wirtschaft angewiesen, wodurch die Neutralität der WHO gefährdet sei. Medico international fordert, die privaten Interessen in der WHO zurückzudrängen, die WHO anständig zu finanzieren und zu demokratisieren…

Japan und Australien unterstützen Trumps Kritik an der WHO. Davon lese ich aktuell nichts mehr in den Medien. Die Argumente des US-amerikanischen Präsidenten kann man nicht so einfach reflexartig, wie es üblich ist, abtun.

Jetzt aber das Interessante: Warum behandelten die USA Hongkong “besonders”? Hongkong gilt in Neusprech als “liberale Marktwirtschaft”, in der Realität bedeutet das: schrankenloser Kapitalismus ohne soziales Brimborium wie hierzulande.
Unterschlagen wird bei derartigen Berichterstattungen, dass der Anteil an Millionären und Milliardären in Hongkong so hoch wie nirgendwo sonst, das Einkommen aber eklatant ungleich verteilt ist. Nirgendwo in China ist die Armutsquote so hoch wie in Hongkong. Rund 20 Prozent der Hongkonger Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Im gesamten China lag die Armutsquote 2016 nur bei 3,14 Prozent.

Jeder vernünftige Mensch sähe unter dem Strich nur Vorteile für die Bevölkerung Hongkongs, wenn die VR China auch dort das Heft komplett in die Hand nähme – Staatskapitalismus ist besser als das, was sie gerade dort haben. (Mit dieser Meinung katapultiere ich mich automatisch aus dem medialen deutschen Mainstream, der auch bei China immer im Schießscharten-Modus “argumentiert”.)

“…die USA und zahlreiche andere westliche Staaten befürchten, dass damit die in Hongkong geltenden bürgerlichen Freiheiten eingeschränkt werden solle.” Schon klar, Handelsblatt. Den Armen nützen die “bürgerlichen Freiheiten nur theoretisch etwas, aber das Kapital gibt sich (noch) demokratisch, weil es den Börsen und dem Profit dient. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Noch schöneres Neusprech: “…Die Finanzmärkte hatten die Verschärfung des Hongkong-Konflikts offenbar bereits eingepreist.” Sogar die Sprache schleimt sich ein.

Trump handelt also konsequent im Sinne des Kapitals. Wenn er einen Krieg der Zölle gegen China führt, dann muss das auch Hongkong betreffen, das aber von Firmen der VR China bisher benutzt wurde, um die Wirkung der “Strafzölle” zu umgehen. “Die Märkte” sehen das gelassen. Alles Peanuts und viel Lärm um nichts.

Kommentare

7 Kommentare zu “Einpreisende Börsen und bürgerliche Freiheiten”

  1. bentux am Mai 30th, 2020 9:41 pm

    China ist anders und mal so ein kurzer Blick kann nix schaden: https://youtu.be/7qgOwaVOb9Y Die Reisen und Dokus sind cool. Der Kommentator darf sich aber nun in China nicht mehr Blicken lassen. Hat wohl zu viel über die Partei erzählt. Die Regierung ist in der Hinsicht etwas Humorlos. https://youtu.be/e1oLJdJfZI8 Also der Ton zwischen den Filmen hat sich etwas gewandelt. Scheint auch kein Wunder: https://thediplomat.com/2020/04/racism-is-alive-and-well-in-china/
    https://www.wired.co.uk/article/china-social-credit-system-explained
    Wie gesagt “China ist anders”, es ist eine andere Art des Kapitalismus/Sozialismus. https://youtu.be/hhMAt3BluAU?t=944 Was da nun in Hongkong abgeht, das eigentlich bis 2047 einen Sonderstatus hat. Das wiederum der Regierung, oder dem starken Mann, in China ein Dorn im Auge ist. Der das dann doch ganz gerne, ohne irgendwelches Aufsehen, einkassieren würde. https://www.bbc.com/news/world-asia-china-49317695
    Ich denke das wird noch Spannend. Wenn das zu Einfach geht, Hongkong zu kassieren oder gleich zu schalten. Wird das dann nicht ein Ansporn, das selbe mit Taiwan zu probieren?
    Nur warum die Eile. Die Chinesen haben doch sonst so viel Zeit.

  2. Martin Däniken am Mai 30th, 2020 9:42 pm

    Wenn die Zentralregierung die Macht/Kontrolle in HK hat, kann wieder gut und sicher Geld verdient werden – zu welchen Preis auch immer…
    So läuft das nun mal!
    Und das sich Studenten unter (Leistungs)-Drruck suizidieren…

  3. tom am Mai 30th, 2020 9:42 pm

    “…Die Finanzmärkte hatten die Verschärfung des Hongkong-Konflikts offenbar bereits eingepreist.”
    Da ist kein Einschleimen, immerhin zitierst Du das Handelsblatt, und das druckt nun mal für Marktteilnehmer und/oder solche, die meinen, es gerne sein zu wollen.
    Es sollte aber richtig heißen: Aus den finanziellen Interaktionen der Marktteilnehmer, die die Börsenkurse hervorbringen, kann gefolgert werden, dass…eingepreist..blabla. Oben steht mithin schlicht eine verkürzte Version von Tatsachen und Interpretationen. Schleimfrei, wenn auch nicht korrekt formuliert.

  4. ... der Trittbrettschreiber am Mai 31st, 2020 2:19 pm

    “Und das sich Studenten unter (Leistungs)-Drruck suizidieren…”

    Diese Ich-Orientierung ist ein klares Zeichen für die Fehlerziehung durch die 68er. Sie haben nicht gelernt, dass es besser ist, die anderen zu suizidieren. Solipsismus ist einfach kontraproduktiv. Wer soll denn dann den systemunterwandernden Konsumabbau und diese ganze Entsorgung des Produktionskrams durchziehen – neue Viren braucht das Land?. Die (freien)Unis sind einfach Schleimer vor dem Herrn Kapatalismus und nicht wert, dass man für sie den großen Arsch bestellt.

  5. Fritz am Juni 1st, 2020 10:36 am

    Angeblich ist Hongkong für reiche Chinesen sowas wie Luxemburg oder Liechtenstein, wo sie ihr Geld in Sicherheit bringen können.

  6. Crazy Eddie am Juni 1st, 2020 11:55 am

    “Rund 20 Prozent der Hongkonger Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Im gesamten China lag die Armutsquote 2016 nur bei 3,14 Prozent.”

    Ist das Propaganda der KPCh?
    96,86% der Chinesen geht es mindestens so gut, wie den oberen 80% in Hongkong? Ist es in China überhaupt legal, sich über Armut zu beklagen?

  7. Unerreichbare Jungfern, ein atheistischer Dschihad et al : Burks' Blog – in dubio pro contra am Juli 15th, 2020 3:32 pm

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