Moralisierende Selbstgerechtigkeit und die Religiotisierung

identitaetspolitik

Klaus von Dohnanyi verteidigt in der Süddeutschen Thilo Sarrazin. Der Artikel ist lehrreich, nicht, weil ich mit den Thesen übereinstimmte, sondern weil man die Argumente des politischen Gegners widerlegen sollte, falls es sich nicht um bloße Vorurteile handelt, was in diesem Fall strittig ist, die bekanntlich jeder Vernunft trotzen, ganz gleich, welches Argument man vorbrächte.

Richtig ist, dass der öffentliche Diskurs aka die Mainstream- und die so genannten “sozialen Medien” nur selten, wenn überhaupt, das Für und Wider abwägen, sondern meistens danach trachten, das nicht Erwünschte in eine Schublade zu packen, womit das Thema zwar nicht vom Tisch, aber erledigt zu sein scheint. Die Berliner Morgenpost zitierte den ehemaligen ARD-Journalisten Joachim Wagner: “Beim Thema Zuwanderung hat unsere Gesellschaft ihre Dialog- und Streitfähigkeit in weiten Teilen verloren. Die Bereitschaft, andere Meinungen überhaupt zu hören, erodiert. Nach einer Allensbach-Umfrage haben ja 71 Prozent der Menschen den Eindruck, man kann sich nur mit Vorsicht zur Flüchtlingsthematik äußern. Das hat zwei Ursachen: Es gibt eine moralisierende Selbstgerechtigkeit auf der links-grünen Seite, aber auch im kirchlichen Milieu – diese dominiert die Debatte in der medialen Öffentlichkeit. Und es gibt die Hetze auf dem rechten Rand. In der Mitte regiert die Sprachlosigkeit, aus Angst in die rechte Ecke gestellt zu werden.”

Was auch immer von solchen Umfragen zu halten sei: “Moralisierende Selbstgerechtigkeit” beschreibt das, was ich meine korrekt: Politik wird von den Mittelschichten durch Moral ersetzt, bei welchem Thema auch immer – das enthebt einen der unbequemen Frage, ob der Kapitalismus an sich zu kritisieren sei, was zwangweise die Machtfrage auf die Bühne bringt, oder nur seine Auswüchse Risiken und Nebenwirkungen, etwa das Klima, Genderfragen oder das Finanzkapital.

Wagner sagt: “Von allen Migrantengruppen schneiden die Schüler mit türkischem und arabischem Hintergrund nach allen Bildungsvergleichen am schlechtesten ab. Das hängt mit dem sozioökonomischen Status der Bevölkerungsgruppen zusammen, aber auch mit dem teilweise mangelnden Bildungsehrgeiz.”

Ist diese These nun Sarrazinismus? Klaus von Dohnanyi: “Sarrazins Behauptung, dass es besondere, kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen gibt, kann heute niemand mehr mit Sachkenntnis bestreiten. Die amerikanische Enzyklopädie der Sozialwissenschaften nennt das social race: “soziale Rasse”. Sarrazin sieht nun bei Teilen islamischer Gruppen eine Ablehnung der Integration und darin Gefahren für unsere Bildungs- und Leistungsgesellschaft.”

Hier geraten wir in die Nähe des reaktionären “Multikulti”-Begriffs des “grünen” Milieus: “Kultur” ist nie (in Worten: überhaupt nicht) eine Eigenschaft von Menschen, und schon gar nicht von “Volksgruppen”. Kultur ist immer ein Projekt und kann sich jederzeit ändern. Natürlich gibt es Traditionen und kollektive Gewohnheiten, die sind aber selbst wieder schon das Resultat, warum und wie man sich der Gesellschaft angepasst hat oder nicht.

Race is a “social concept, not a scientific one” claimed geneticist J. Craig Venter following the discovery that humans share 99.9% of the same genetic code irrespective of our skin color.

Das widerlegt IMHO Dohnanyi und Sarrazin sowieso, weil letzterer dumm und biologisch, also rassistisch daherfaselt. Und noch mehr gilt das matürlich für das Konzept der “Rasse” beim Homo sapiens. (Daraus folgt: “Racism is a Social Product of Race”. Und es wundert überhaut nicht, dass es für den Eintrag Race and society kein deutsches Wikipedia-Pendant gibt.)

Richtig ist, dass große Teile des Einwanderer-Milieus, dazu gehören auch Deutschtürken, sich nicht mit der Gesellschaft, in der sie leben, identifizieren. Warum wählen Deutsche türkischer Herkunft den Diktator Erdogan?

Die Araber” stimmt vielleicht, wenn man nur die Sprache meint, im Detail wird das aber kompliziert.
Eine Studie hat gezeigt, dass die durchweg höchsten Leistungen im Leseverständnis als auch in naturwissenschaftlichen Kompetenzen die Kinder erreichen, deren beide Eltern in Deutschland geboren wurden. Signifikant niedriger fallen die Leistungen aus, wenn ein Elternteil im Ausland geboren wurde und die niedrigsten Werte haben Kinder, deren beide Eltern nicht in Deutschland geboren wurden (IGLU-Studie). (…) Viele hier lebende “Araber” sind beispielsweise Kurden, sie kommen zwar möglicherweise aus einem Land, in dem die Amtssprache arabisch ist, ihre eigentliche Muttersprache ist jedoch kurdisch. Auch sind nicht alle Araber Muslime.

In der Neue Zürcher Zeitung argumentiert Kacem El Ghazzali – wohltuend ohne Hyperventilation – unter der Überschrift: “Ich kritisierte den politischen Islam und die Identitätspolitik. Und plötzlich galt ich als «rechts». Warum eigentlich?”

Auch hier schimmert “Multikulti” durch: Die Verehrung höherer Wesen gilt im grünen Milieu als “Kultur” und muss deshalb verteidigt werden. Ich erinnere daran, dass Ströbele einen islamischen Feiertag forderte.

Zum Thema muss man nur eine Presseerklärung der Aleviten lesen (nicht mehr online, von 2009): “Die Dominanz und das Selbstbewusstsein, mit dem der politische Islam in Deutschland eine Form der Religiösität in den Mittelpunkt der Gesellschaft rückt, der in seiner Ausprägung mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung nicht vereinbar ist, verängstigt nicht nur alevitische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Deutschland zunehmend. (…) Dieses Urteil (das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 29.09.2009 (AZ.: VG 3 A 984.07), wonach einem muslimischen Schüler das Recht eingeräumt wurde, einmal täglich sein Gebet in der Schule verrichten zu dürfen) ist die Fortführung einer befremdlichen Tradition der deutschen Justiz. Das betäubungslose Schächten von Tieren, die Teilnahme am Schwimmunterricht im Burkini, Kinder die Jihad heißen sowie Frauen, die mit Verweis auf die Scharia keine Härtefallscheidung von prügelnden muslimischen Ehemännern bekommen. All das hat den Segen der freiheitlich demokratischen Justiz in Deutschland. Dieses Maß an Liberalität bei Entscheidungen deutscher Gerichte in Bezug auf den Islam vermissen wir in Entscheidungen der Verwaltungsgerichtsbarkeit z.B. in ausländer- und asylrechtlichen Entscheidungen”.

Wahrscheinlich würden die gefühlten “Linken”, die die Hijabisierung glauben verteidigen zu müssen, auch die Aleviten als “Rechte” beschimpfen (wenn sie wissen, was Aleviten sind).

Einen hab ich noch. Der Deutschlandfunk zitiert französische Islamwissenschafter (!), darunter den hier oft lobend erwähnten Gilles Kepel.
Gilles Kepel, der schon in den 90er Jahren die Entstehung eines originären Islam in Frankreich diagnostizierte, spricht von einem Kulturkampf, der sich heute in Frankreich abspielt:

“Es ist ein Kulturkampf zwischen denen, die unsere muslimischen Mitbürger mit ihrer salafistischen Vision in Geiselhaft nehmen, eine Vision, die direkt zum Dschihad gegen die Ungläubigen führt – und auf der anderen Seite jenen, die daran glauben, dass es in der französischen Gesellschaft für alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben, den gleichen Platz gibt, nach dem Prinzip der Laizität.”

Darum geht es: Soll der Staat weltlich (laizistisch) sein – oder nicht? Deutschland ist nicht säkular, solange Staat und Kirchen nicht getrennt werden, solange der Staat die Kirchensteuer einzieht, solange Religionsunterrricht in den Schulen stattfindet, solange die Kirchen in Rundfunkräten sitzen und vieles andere mehr.

Sorry, der Text ist viel zu lang, aber mir kam so manches in den Sinn…

Kommentare

7 Kommentare zu “Moralisierende Selbstgerechtigkeit und die Religiotisierung”

  1. Horst Horstmann am Januar 27th, 2020 7:19 am

    Politik Ethik wird von den Mittelschichten durch Moral ersetzt”

    FIFY

  2. Roland B. am Januar 27th, 2020 1:10 pm

    Ist nicht schlimm, wenn ein Text lang ist, Hauptsache er ist gut lesbar und informativ. Noch ist die Aufnahmefähigkeit der meisten Menschen nicht auf 160 Zeichen beschränkt, eventuell ergänzt durch ein paar Icons.

  3. ... der Trittbrettschreiber am Januar 27th, 2020 2:38 pm

    Ein Text zum hingebungsvollen Lesen – aber, Burks, wieso küsst Dich die Muse auf dem Weg zum Klo?

  4. Some1bln am Januar 28th, 2020 2:52 am

    “””Die gegenwärtige SPD-Führung ist offenbar teilweise in den Händen fundamental orientierter Muslime, die eine kritische Diskussion des Islam in Deutschland grundsätzlich verhindern wollen.”””

    Quelle: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/knauss-kontert/thilo-sarrazin-ich-habe-mich-nicht-geaendert-die-spd-hat-sich-geaendert/

    Schon klar, Burks, Sarrazin ist voll der religionskritische Aufklärer.

    Am Rande: Man ersetze Muslime durch eine andere Religionsgemeinschaft und erhalte einen Klassiker.

  5. Martin Däniken am Januar 28th, 2020 6:30 am

    Ich weiss,es nervt,wenn ich es immer wieder aufs Tapet bringen…
    “Dran glauben ist (wunderbarbarisch) entlarvend doppeldeutig.”

  6. R2D3 am Januar 30th, 2020 5:03 pm

    Finde ich super mit den langen Texten, bei solchen Inhalten.
    Das mit den Rassen verstehe ich aber nicht. Gibt es keine schwarzen, keine mongolischen und kaukasischen Stämme mehr? Wirkt auf mich ideologisch. genauso wie das mit Kapitalismus. Wird ja nie definiert und das was beklagt wird fällt für mich unter Feudalismus. Letztlich ein Streit um Worte.
    Sarrazin ist mehr egal, ein Technokrat der Zahlen daher betet. Die sind nicht falsch, was (für ihn) daraus folgt ist Meinungsgelaber. Ein typischer Agent des Kapitals der die SPD kaputt machen soll. Im Unterschied zu dem fetten Sack war er aber schon vorher bei der Bank.
    Presse modelt alles in clickbait um, wozu soll man sich das reinziehen.

  7. Serdar am Februar 2nd, 2020 3:53 pm

    Olivier Roy, ein Kollege von Kepel, der auch sehr zu empfehlen ist:

    Interview mit dem französischen Extremismusforscher Olivier Roy

    Sie lieben den Tod, wie wir das Leben lieben

    Der französische Extremismusforscher Olivier Roy spricht mit Eren Güvercin über den Dschihadismus und die Wurzeln des Terrors sowie über falsche Prämissen aktueller Entradikalisierungsprogramme in Europa.

    https://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-dem-franzoesischen-extremismusforscher-olivier-roy-sie-lieben-den-tod-wie-wir?nopaging=1

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