Unter Fremden

fremd

Katja Kipping: „Dass Pegida von Anbeginn nie irgendetwas anderes war, als rassistische, fremdenfeindliche Stimmungsmache, sollte jetzt auch dem letzten Pegida-Versteher klar werden. Im sächsischen Freital vollzieht sich nun der Übergang von verbaler zu permanenter physischer Bedrohung in erschreckendem Tempo.“

Das kann man noch verbessern. „Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert.“ (Jorge Luis Borges)

Das Wichtigste steht vorn, hier aber nicht. Was also will die Politikern uns sagen?

Pegida war von Anbeginn rassistische Stimmungsmache.
Gibt es auch Rassismus ohne „Fremdenfeindlichkeit“, was auch immer das sein mag? Ist also doppelt gemoppelt. „Nie irgendetwas anderes“ sind überflüssige Füllworter – der Satz ergibt auch ohne sie genau den gewollten Sinn.

Das sollte jetzt auch dem letzten Pegida-Versteher klar werden.
Den letzten – oder auch den ersten? Verstehe ich nicht. Besser also:
Das sollten jetzt auch die Pegida-Versteher begreifen.
Ein Verb wie „begreifen“ ist immer besser als das vage „klar werden“.

Im sächsischen Freital vollzieht sich nun der Übergang…
O nein, das ist wieder Bürokraten-Kauderwelsch. Der Übergang des Kraftfahrzeugs über eine Autobahnbrücke vollzog sich wegen überhöhter Geschwindigkeit schneller als gedacht? Wer schwurbelt, möchte gern kaschieren, nicht nachgedacht zu haben. Wer tut was? Wo ist, verdammt noch mal, das handelnde Subjekt? Und was ist das Gegenteil von „erschreckendem Tempo“? Ein nicht erschreckendes Tempo? Gefasel!

Der braune Mob im sächsischen Freital bedroht nicht nur mit Worten. Die Flüchtlinge werden jetzt auch körperlich bedroht und angegriffen.

Hier noch einmal zum Vergleich:
Dass Pegida von Anbeginn nie irgendetwas anderes war, als rassistische, fremdenfeindliche Stimmungsmache, sollte jetzt auch dem letzten Pegida-Versteher klar werden. Im sächsischen Freital vollzieht sich nun der Übergang von verbaler zu permanenter physischer Bedrohung in erschreckendem Tempo. (38 Wörter. Ungs: 2)

Pegida war von Anbeginn rassistische Stimmungsmache. Das sollten sogar Pegida-Versteher begreifen. Der braune Mob im sächsischen Freital bedroht nicht nur mit Worten. Die Flüchtlinge werden jetzt auch körperlich bedroht und angegriffen. (33 Wörter. Ungs: 0)

Noch ein mehrere Wörter zur ominösen „Fremdenfeindlichkeit“. Ich schrob (SCNR) vor zwölf Jahren:
Der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ – auch „Xenophobie“ – wird meistens in suggestivem Sinn gebraucht: man vermutet, es gäbe ein dem Homo sapiens angeborenes Gefühl, jemandem, der unbekannt ist, „automatisch“ zu fürchten oder ihm aggressiv zu begegnen. Die These vom angeborenen „Fremdenhass“ entstammt einer falschen Analogie aus dem Tierreich und wird von einigen rechtskonservativen Forschern wie Irenäus Eibl-Eibesfeld vertreten. Der „Hass“ gegen das oder den Fremden sei ein evolutionsgeschichtliches Überbleibsel, eine Art Instinkt, der die eigenen Vorräte zum Überleben vor dem Zugriff Fremder schütze. Der Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeld behauptet, „Fremdenfeindlichkeit“ sei „stammesgeschichtlich“ angeboren. Jedes Volk wehre sich gegen „Überfremdungen“.

Den „Fremden“ an sich gibt es nicht – genausowenig wie „Fremdenfeindlichkeit“. Soziale und physische Aggression eines Kollektivs gegen bestimmte Gruppen von Menschen setzt voraus, dass man sich vorher darüber verständigt hat, welche Eigenschaften diejenigen haben sollen, gegen die man negative Gefühle wie Hass zeigt. Die „Fremden“ werden immer konstruiert, durch Gesetze oder durch den gesellschaftlichen Diskurs, der sich bestimmter Vorurteile bedient. Die Theorien, die die Begriffe „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Xenophobie“ vertreten, reduzieren den Menschen auf Natur und interpretieren soziale Tatsachen biologistisch.

Auch die oft vertretene These, die so genannte „Fremdenfeindlichkeit“ läge in der menschlichen Pyche begründet, ist schlicht grober Unfug. Wer „Fremdenfeindichkeit“ psychologisch definiert, muss auch Rassismus und Antisemitismus aus der Seele ableiten, womöglich aus der deutschen, brasilianischen oder chinesischen Seele ganz speziell. Als „fremd“ gelten manchen Leuten auch Behinderte, Obdachlose, emanzipierte Frauen oder Angehörige bestimmter Subkulturen wie Punks oder Grufties. Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzt man „Fremdenfeindlichkeit“ jedoch meistens für Immigranten mit oder ohne deutschen Pass. Psychologische Spekulationen, die „Fremdenfeindlichkeit“ als abweichendes Verhalten klassifizieren zu wollen, bleiben oberflächlich. Sie lassen ausser acht, dass auch „normale“ und unauffällige Menschen Vorurteile haben, also Gruppen von Menschen zu „Fremden“ machen können.

Wer „Fremdenfeindlichkeit“ bestimmen will, muss genau sagen, welche Gruppe als „fremd“ angesehen wird, wie sich diese „Feindschaft“ äussert,. und wie sie sich von anderen „Feindlichkeiten“ wie rassistischen und antisemitischen Vorurteilen oder sexueller Diskriminierung unterscheidet. Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz aus dem Jahr 1913 bestimmt zum Beispiel, dass eine deutsche Frau, die einen Ausländer heiratet, automatisch zu einer Fremden, das heisst Ausländerin wird..Die deutschen Juden wurden durch 1933 durch das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, die so genannten „Nürnberger Rassegesetze“, juristisch zu Fremden gemacht. Das aktuelle Staatsbürgerschaftsrecht aus dem Jahr 2000 bestimmt, dass Immigranten im juristischen Sinn Fremde bleiben, also nicht eingebürgert und Deutsche werden können, wenn sie nicht in der Lage sind, „sich selbst zu unterhalten.“ Für einen eingefleischten Rassististen wird der deutsche Fussballnationalspieler Gerald Asamoah „fremd“ bleiben, weil der afrikanischer Abstammung ist.

„Fremdenfeindlichkeit“ ist eine politisch bewusst gewollte soziale Ausgrenzung und kann „künstlich“ erzeugt werden. Wird eine Gruppe von Menschen per Gesetz oder durch soziale und wirtschaftliche Diskriminierung ausgegrenzt, zieht sie automatisch Vorurteile nach sich. Wer von der Gesellschaft ferngehalten wird, entwickelt automatisch alternative Existenz- und Verhaltensweisen, die wiederdem der Mehrheit fremd sind. Soziale Diskriminierung erzeugt „Fremdheit“ auf beiden Seiten – der Mehrheit und der Minderheit. Dafür gibt es den Begriff der „Selbstethnisierung„: Im Kampf um Anteile an der gesellschaftlichen Macht muss sich jeder eine Gruppe zugehörig fühlen, um eine Chance zu bekommen, gemeinsam mit anderen etwas zu erreichen. Im angelsächsischen Sprachraum gibt es schon lange eine Diskussion darüber, wie und ob die urspründlich „Fremden“, zumeist die Einwanderer und deren Nachfahren, die Nachteile ihrer Herkunft in das Gegenteil zu verkehren. In Deutschland hat vor allem die Gruppe kanak attack diese Diskussion angestossen.

Kommentare

10 Kommentare zu “Unter Fremden”

  1. wolfdieter am Juni 25th, 2015 1:45 pm

    tl;dr

    aber: Xenophobie bedeutet Angst vorm Fremden und nicht etwa Feindlichkeit dagegen.

  2. altautonomer am Juni 25th, 2015 4:24 pm

    Fremdenfeindlichkeit ist ein Euphemismus und wird vorwiegend von Politikern benutzt, die das Wort Rassismus vermeiden wollen. Dabei gibt es viele Formen von Rassismus,die sich nicht unter dem Begriff fFremdenfeindlichkeit subsumieren lassen:
    Utilitarismus, Paternalismus, positiver Rassismus, schwarzer Rassismus, Altersrassismus usw.

  3. ... der Trittbrettschreiber am Juni 25th, 2015 4:56 pm

    Am Anfang war Pegida rassistische, fremdenfeindliche Stimmungsmache. Und Pegida ward Übergang von verbaler zu permanenter psychischer Bedrohung. Jetzt erkennen das auch die ersten und die letzten Pegida-Versteher. Die dazwischen erschrecken sich und greifen im sächsischen Freital nach ihrem Tempo. (40 Wörter Nonsens incl. 2x ‚ung‘) Autor gescheitert, Fachverband „Fremd und Wort“ erheitert.

  4. Messdiener am Juni 25th, 2015 7:31 pm

    Ja Burki, gibs der Kipping!
    Wer kein Teutsch kann, soll auch nichts sagen dürfen!

  5. andreas am Juni 25th, 2015 9:00 pm

    Lecker! Sahnemohren, mh, mh, mhhhh.

  6. Ahmed am Juni 25th, 2015 10:28 pm

    Auch das, was Frau Kipping meint, ist katastrophal falsch. Aber warum nicht wenigstens über Umwege ein Tabu angehen. In der direkten Ansprache wird das nichts mehr bei euch Deutschen.

  7. Ralf am Juni 26th, 2015 8:14 am

    @ messdiener

    Warum baust du hier einen Strohmann ??? Was soll die Polemik ?

  8. Siewurdengelesen am Juni 26th, 2015 4:43 pm

    Das Wichtigste zuerst:

    Jetzt zeigt sich wieder, daß die Pegidasten/Frigidasten von Anfang an nichts anderes waren und sind als Neonazis unter dem Deckmantel der bürgerlichen Mitte (was auch immer das sein mag)! Es ist auch kein Wunder, daß ein Herr Bachmann wieder „als Führer“ dabei ist. Wurde ihm mit dem Vorstand bei Pegida das Spielzeug geklaut, hat er hier seine neue Buddelschippe gefunden.
    Wenn die Sache nicht so ernst und traurig wäre, könnte man diese komplett verbretterten Dumpfschädel nur bedauern.

    Was Fr. Kipping betrifft und wenn das Sein das Bewußtsein bestimmt – irgendwann fällt einem das vermutlich gar nicht mehr auf, wenn man ständig von Typen umgeben ist, die nur solche Phrasen absondern. Da müßte sich wahrscheinlich jeder von Zeit zu Zeit von außen sehen und auf den Boden zurückholen, daher nehme ich ihr das nicht soooo übel;-)

  9. road am Juni 26th, 2015 7:43 pm

    OMG Deutsch des Grauens! ich zitiere nur den admin
    „Fremdenfeindlichkeit“ ist eine politisch bewusst gewollte soziale Ausgrenzung und kann „künstlich“ erzeugt werden. Wird eine Gruppe von Menschen per Gesetz oder durch soziale und wirtschaftliche Diskriminierung ausgegrenzt, zieht sie automatisch Vorurteile nach sich. Wer von der Gesellschaft ferngehalten wird, entwickelt automatisch alternative Existenz- und Verhaltensweisen, die wiederdem der Mehrheit fremd sind. Soziale Diskriminierung erzeugt „Fremdheit“ auf beiden Seiten – der Mehrheit und der Minderheit. Dafür gibt es den Begriff der „Selbstethnisierung„: Im Kampf um Anteile an der gesellschaftlichen Macht muss sich jeder eine Gruppe zugehörig fühlen, um eine Chance zu bekommen, gemeinsam mit anderen etwas zu erreichen. Im angelsächsischen Sprachraum gibt es schon lange eine Diskussion darüber, wie und ob die urspründlich „Fremden“, zumeist die Einwanderer und deren Nachfahren, die Nachteile ihrer Herkunft in das Gegenteil zu verkehren

    und das auf einer seite die vorgibt, irgendwas verständlich zu erklären…. ung ….ung ich kapiere es nicht!

  10. Juza am Juni 28th, 2015 12:44 pm

    Katja Kipping ist nicht frei bei ihren Formulierungen. Sie gehört einer Partei an, deren Ziel es ist, Regierungspartei zu werden. Das bestimmt das Denken und das Formulieren.

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